Der junge Hahn.

[119] In einem kleinen Hühnerstaate

Lebt' einst ein Hahn, der sich durch manche Gascognade –

Denn wo sind die nicht angebracht? –

Durch seinen leeren Kopf, durch seine dünne Wade

Als Lieblingsheld berühmt gemacht.

Er war der Neid der andern Hähne,

Der Wunsch – das sagt er selbst – so mancher jungen Schöne:

Die allerkeuscheste, die tugendhaft'ste Henne

Konnt' auch für ihn zu keusch, zu tugendhaft nicht sein.

Die Männer sperrten ihre Weiber

Vor diesem schönen Herzensräuber,

Die Mütter ihre Töchter ein.

»Fort!« schrie'n sie, »fort!« sobald sie ihn von weitem sah'n,

»In's Hühnerhaus hinein! Dort kommt der junge Hahn!«

[120] Einst hob er an zu andern Hähnen:

»Noch keine war so keusch von allen euren Schönen,

Die ich unüberwindlich fand;

Ich sage nur ein Wort, und, meinen Wunsch zu krönen,

Thut keine Einz'ge Widerstand.

Vor mir versperren zwar die Mütter ihre Töchter,

Um meinetwillen setzt man jungen Weibern Wächter:

Ich lache ihrer Wachsamkeit!

Mich kann sie nicht an Siegen hindern,

Ein kluger Kopf wie ich find't doch Gelegenheit;

Und unter uns: von euren schönsten Kindern

Ist mehr als eins die Frucht von meiner Zärtlichkeit.«

Zwei ält're Hähne, die, Trotz seiner Dreustigkeit,

Doch klüglich ein Bedenken trugen,

Dem jungen Herrn so auf sein Wort zu trau'n,

Entschlossen sich, das Ding zu untersuchen;

Und – unser Held war – ein Kapaun.


J[ohann] F[riedrich] Jünger.

Quelle:
Nuditäten oder Fantasien auf der Venus-Geige. Padua [o. J.], S. 119-121.
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