CCXXI.

[297] 1. Ein müller ist gesessen

zu Basel an dem Rhein,

Was hett er sich vermessen,

er und die haußfraw sein,

Sie hatten beyde sinn und mut,

sie wolten einander beichten,

als man in der fasten thut.[297]


2. Er sprach mein liebes weibe,

gib uns den besten raht,

Das wir die zeit vertreiben

bey einander früh und spat,

Er sprach zu jr aus sanfften mut,

wiltu mir beichten eben,

sie sprach es dünckt mich gut.


3. Sie sprach mein sünd mich rewen,

bekenn ich all gemein,

Ich wünsch dir offt mit trewen,

hetst dus an einem bein,

Du hinckest wol ein gantzes jar,

wer dir der wunsch geblieben,

du werst gestorben gar.


4. Noch mehr hab ich zu sagen,

es ist mir warlich leid,

Ich hab dir abgetragen

viel pfenning und groschen breit,

Das hab ich leider offt gethan,

und hab sie zugestossen

wol unserm capelan.


5. Der ist gewest mein bule

lang zeit und wider recht,

Der meister in der schule,

und auch drey müller knecht,

Noch mehr die ich nicht nennen kan,

die fraw begert busse,

sie sprach, mein lieber man.


6. Die red thet jn verdriessen,

er kraut sich hinder den ohrn,

Er sprach fraw du solt büssen,

ich hett für dich geschworn,

Du hettest solches nicht gethan,

sie sprach: es ist geschehen,

reds best mein lieber man.[298]


7. Nu wil ich dir vergeben

die schuld und auch die pein,

Du solt mir auch vergeben,

in der beicht gnedig sein,

Er vergab jhr all missethat,

die fraw ward absolviert,

der man kniet an die statt.


8. Und thet aus sorgen sprechen,

du liebe haußfraw mein,

Du solts an mir nicht rechen,

wiewol ich schuldig sein,

Ich beicht dir hie zu dieser stundt,

sie sprach verschweig mir nichts,

sag mir den rechten grundt.


9. Er sprach: ich hab gepflegen

bulschafft so manigfalt,

Ich bin auch offt gelegen

bei weiben jung und alt,

Ich lag auch offt bey unser magd,

dieweil du warest zu kirchen,

das ist mir warlich leid.


10. Mit unsers nachbaurn dirne

hab ichs getrieben viel,

Wenn sie kam zu mir jnnen,

und bracht korn in die mühl,

So halff ich jhr gar schnelle ab,

thet sie freundlich umbfangen,

und legt sie auff den sack.


11. Das thet ich offt und dicke,

so gar mit grosser geferdt,

Sie gab jm ein augenblicke,

und schlug jn zu der erd,

Sie sties jn hart mit einem fuß,

hör auff mein liebes weibe,

gibst mir ein harte buß.[299]


12. Sie rupfft jm aus seinem kopffe

zwo grosser händ voll haar.

Gang hin du rechter tropffe,

nu nimb der bulschafft war.

Er sprach, du hast es auch gethan,

drumb soltu mirs verzeihen,

dein zoren fahren lan.


13. Sie sprach, ich habs thun müssen,

mich zwang die grosse not,

Du kunst mirs nit alles büssen,

was mir darumb abgaht,

Als offt du es hettest begert,

hett ich dirs nit versaget,

und dich allzeit gewehrt.


14. Sie sprach, du rechter tropffe,

dein buß wil ich dir sagen,

Du must auff deinem kopffe

ein narrenkappen tragen.

Er sprach, wer sie mir nit zu schwer.

er satzts wol auff sein haupte,

trug sie offt hin und her.

Quelle:
[Anonym]: Das Ambraser Liederbuch vom Jahre 1582. Stuttgart 1845, S. 297-300.
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