Cap. II.


Vom Nutzen und Würckung des Tobacks.

[21] Diejenigen / welche die Natur und Eigenschafft des Tobacks untersuchet / haben selbigen nicht unrecht mit dem Nahmen Sana Sancta beleget / sintemahl er /vermöge seiner vortrefflichen Krafft / so wohl denen innerlichen als äuserlichen Gliedern des menschlichen Leibes grossen Vortheil schaffet / und wider allerhand gefährliche Zufälle sehr heilsam und dienlich ist.

Zwar ist nicht unser Vorhaben / desselben Krafft und Tugenden allhie zu recensiren / denn solches läuffet nicht in unser forum; wir verweisen vielmehr diejenigen / welche genaue Nachricht von denen Eigenschafften des Tobacks verlangen / an die vielen Autores, welche ex instituto hievon gehandelt haben. Jedoch da wir einmahl die Materie vom Toback vorgenommen / wird es nicht undienlich seyn / nur etwas weniges von dessen sonderbaren Würckungen hier zu gedencken.

Was seinen innerlichen Gebrauch anlanget / hat der Toback eine zertheilende Krafft / dahero der Toback-Safft und Syrup in Keichen und schwerem Athem / in Seiten-Stechen / in Lungen-[22] und Schwind-Sucht innerlich zu gebrauchen recommendiret wird. Ingleichen das Decoctum von frischen Blättern in desperaten Brust-Geschwüren und in dem Husten / wenn er schon auch zur Lungen-Sucht incliniret. Mit diesem Decocto sich gewaschen oder gebadet vertreibet die Krätze und Haar-Würme / heilet die Frantzosen und Aussatz / und stillet das Reissen in allen Gliedern. Der Syrup soll auch die Würme tödten und abführen; Und ein Wasser süchtiger Bauer soll durch 8. biß 10. Loth Safft curiret worden seyn. Das davon destillirte Wasser soll in Brust- und Lungen-Beschwerungen gleichfalls dienlich seyn. Nächst dem hilfft auch der ordentlich-gebrauchte Toback dem aufgeschwollenen Zahn-Fleisch / und hebet den davon entstehenden Schmertz / dienet auch wider die flüßigen Augen /und soll ein vornehmer General, nach dem Bericht des Hn. Thebesii, in Berlin seyn / der fast völlig um sein Gesicht kommen / und dennoch auf den Gebrauch des Tobacks / Morgens / Mittags und Abends sein Gesicht völlig erhalten. Desgleichen durch noch mehr Exempel / sonderlich einer 60. jährigen Frauen /die sich eben so curiret / bekräfftiget wird. Nicht weniger hat er seinen Nutzen im Reissen und Flüssen an Ohren / in Brust-Beschwerungen / im[23] Husten / im schmertzhafften Reissen der Glieder / Podagra, Gonagra, Chiragra etc. Præservative dienet er auch bey Hartleidigkeit / Erhitzung des Leibes und harten ungesunden Speisen / und haben in dem 30. jährigen Kriege sonderlich die Soldaten bey Mangel der Victualien sich dessen an statt der Speise bedienet / faules Wasser und übles Geträncke dadurch corrigiret /und in ungesunder Lufft ihre Gesundheit erhalten. Wie er denn wider die ansteckende Seuche der Pest sehr gelobet wird / und allerdings wichtiger Ursachen halber wohl zu rathen / auch ausser dem zur Frühlings- und Herbst Zeit und sonst bey trüben und neblichten Wetter guten Nutzen schaffet. Er hat auch die Krafft / daß er wohl-schlaffend macht / und wenn ein- oder der andere Schmertzen verhanden / daß man denselben gar nicht fühlet. Er bringet auch diejenigen / so sich müde und krafftloß gearbeitet / wieder zu ihren vorigen Kräfften. Dannenhero die Americaner / wenn sie sich müde gefochten oder gerungen / daß sie weder Arm noch Bein regen können / und gleichsam halb todt sind / dürren Toback anzünden / und den Rauch davon durch ein Drichterlein in den Mund und Nasen zu ziehen pflegen; darauf sie dann / als wenn sie mit Gewalt danieder geschlagen würden / auf die Erde fallen / eine[24] Zeitlang liegen bleiben und schnarchen / denn / so bald der Rauch im Gehirn verzehret /wieder aufwachen / und so wohl als vorhin fechten und ringen können. vid. Thebesii Nachricht vom Toback cap. 5. p. 49. & Barnsteins Tobacks-Wunder-Kunst cap. 5.

Toback mit der Pfeiffen getruncken dienet denenjenigen / so viel Schleim im Haupte / um die Lunge /Hertz / Leber / Miltz / Nieren und am Magen haben /heilet die Geschwüre der Lungen / und stillet den alten Husten / benimmt den Leuten / so überaus fett sind / die schäd- und hinderliche Feuchtigkeit / wehret den Flüssen / verwahret vor den Schwindel und böse Kranckheit. Barnstein l.c. cap. 8. Es wird hiernächst der durch ein Rohr ins Ohr gelassene Rauch als ein Mittel des verlohrnen Gehöres gelobet. Ingleichen soll auch der in die Nase oder in den Mund gelassene Rauch diejenigen ermuntern / so die Schwere Noth haben. Zu geschweigen des sonst äuserlich applicirten Rauchs vor nächtliches Harnen und wider die Mutter Beschwerungen. Nachdem auch die Engelländer die Tobacks-Clystiere erfunden / kan man vermittelst zweyer Tobacks-Pfeiffen den Rauch in den Leib treiben / davon er alsobald geöffnet / und die Blähungen gehoben werden / welches auch bey Frauenzimmer als ein Mutter-Clystier und[25] vor kurtzen Athem D. Hülse gut befunden / nach dem Bericht Theb. in der offt allegirten Nachricht vom Toback cap. 5. p. 58.

Durch den Toback wollen die Indianer in Hunger und Durst und in denen schweresten Arbeiten beständig dauren. Zu dem Ende sie auch aus dem Pulver des Tobacks und der Muscheln Küchlein formiren / damit durch dessen Gebrauch ihnen viel Feuchtigkeit in den Mund komme. Etliche haben auch im Brauch / daß sie den Toback in subtile Scheiblein schneiden / den selben in den Mund nehmen und käuen / dadurch ihre Kräffte zu stärcken / daß sie sonderlich in der Arbeit nicht abnehmen. Wie denn die Historien von denen Soldaten melden / daß sie öffters mit einem Loth Toback vier und zwantzig Stunden alle Kriegs Dienste ausgestanden. Die Ursache aber dessen ist / weil die phlegmatische Feuchtigkeit die Feuchtigkeiten / welche aus subtilen durchdringenden und sauern Theilen bestehen / temperiret / und also die Geister erhält /deren stetige Ausdämpffung durch die Speise muß ersetzet werden. vid. Politisch. Tobacks Brud. p. 237.

Der äuserliche Nutzen in der Chirurgie ist gewiß auch sehr wichtig. Denn wegen seines scharffen Salis volatilis hat er eine detergirende und reinigende Krafft; Wegen seines narcotischen[26] Oels eine heilende und Schmertz-stillende; wegen seines phlegmatis acidi eine etwas zusammen ziehende Würckung. Es haben aber die Americanischen Völcker den Nutzen in diesem Stück zuerst erfahren; Denn als ihrer unzehlig viele in einer Landschafft / Savina genannt / einesmahls verwundet worden / sie aber sonst ihre Verwundeten pflegten mit Sublimato zu heilen / und dieses mahl desselben nicht genug haben konten / nahmen sie dieses Krautes Blätter / presseten den Safft daraus / und schmierten die Wunden damit / der nicht alleine den Schmertz stillete / sondern auch den Gifft Augenblicks herauszog / welchen die Indianer nach ihrer Gewonheit zu Vergifftung ihrer Geschoß und Pfeile brauchen. Weswegen sie auch hernachmahls /wann sie in den Krieg gezogen / stets dergleichen Safft von frischen ausgepreßten Blättern bey sich getragen. Woferne sie aber kein frisch oder grünes Kraut haben / so tragen sie es gedörret bey sich / legens auf die Wunden / und heilen sie also mit demselben zu / der Schade sey so groß als er wolle. Wittichii Ber. von etl. fremd. Kräut. p. 93.

In dem Schaden / welcher bißweilen im Gesicht entstehet / und noli me tangere genennet wird / auch in Mutter-Beschwerungen / Carfunckel / wider gifftige Bisse / zerstossene Glieder /[27] u.a.m. ist der aufgelegte Safft unvergleichlich gut. Ein Blat desselben vorher auf Kohlen wohl gewärmet / ist verwundeten Gliedern vor Brand-Schäden / Pest / Haupt- Wehe /Zahn-Wehe / Colic / Geschwullst / Beulen / Wartzen / Hüner Augen etc. wenn man es überschläget / nicht undienlich. Anon. Tobacks Ergötzl. p. 12. Frische zerhackte Tobacks-Blätter / um die podagrischen Glieder geschlagen / haben bey manchen Podagricis guten effect gethan. Toback gekocht / und warm um den Halß geschlagen / vertreibet die Kröpffe / welches ein Hauptmann in Fanckreich an seinem Sohn /so einen übergrossen Kropff gehabt / mit guten Nutzen versuchet / wie Barnstein in seiner Tobacks-Wunder-Kunst cap. 8. meldet.

Weber führet in seinen Curiositatibus p. 133. ein Exempel eines Mägdleins an / welches vermöge des Tobacks zu seinem Gesicht wiederum gelanget. Es wäre nehmlich der Apffel an einem Mägdlein dermassen verdunckelt gewesen / daß er fast gar nicht erschienen. Man habe aber des grössern Tobacks-Krauts etwas mit Marien-Schmaltz gekochet / zu einer Salben tüchtig gemacht / und äuserlich auf das verschlossene Auge geschmieret / und solches habe dem Mägdlein den völligen Brauch des Gesichts wiederum zuwege gebracht. Misand. Theatr. Tragic. p. 277.[28]

In Ost-Indien bedienet man sich des pulverisirten Tobacks mit sonderbarem Nutzen zu Tödtung einer gewissen Art Würmgen / Bicho genannt / welche so klein sind / daß sie auch die allerhellesten Augen nicht erkennen können. Diese Würmgen kriechen unvermerckt in die Schweiß Löcher hinein / setzen sich zwischen Fell und Fleisch / und verursachen gifftige und gefährliche Geschwüre. Dellons Reise nach Ost-Indien in append. cap. 11. p. 480.

Aus Tobacks-Wurtzeln / Tobacks-Blättern und andern Ingredientien wissen die Indianer in der Landschafft Gvatimala einen besondern Tranck zu bereiten / der den Wein an Stärcke übertrifft. Nehmlich / sie thun erstlich ein wenig Wasser in einen grossen irrdenen Krug / denn füllen sie ihn mit Safft von Zucker- Röhren oder ein wenig Honig / damit der Tranck süsse werde; Nach dem thun sie die Tobacks-Wurtzeln und Blätter / wie auch einige andere Wurtzeln /welche da zu Lande wachsen / hinein / um den Tranck starck zu machen / bißweilen werffen sie auch lebendige Kröten darzu hinein. Hierauf wird das Gefäß zugemacht / und lassen sie dieses alles funffzehen Tage oder einen Monat lang mit einander jähren / biß alles wohl durcharbeitet / die Kröte gantz verweset / und der Tranck die verlangte Stärcke bekommen[29] hat. Alsdenn machen sie das Gefässe wieder auf laden ihre Freunde zum Schmause / und hören nicht eher auf /biß sie sämtlich toll und voll sind. Sie heissen diesen Tranck Chicha, riechet über die massen übel / und verursachet öffters vielen den Tod / sonderlich an denen Orten / wo sie Kröten hinein thun. Gage Reise Beschr. nach Neu-Span. P. III. c. 10. p. 307.

Alle bißhero berührte und andere vortreffliche Tugenden des Tobacks hat Ægidius Everhardus in nachfolgende lateinische Verse gebracht:


Nomine quæ Sanctæ Crucis herba vocatur, ocellis

Subvenit, & sanat plagas, & vulner a jungit,

Discutit & strumas, cancrum cancrosaque, sanat

Ulcera, & ambustis prodest, scabiemque repellit.

Discutit & morbum, cui cessit ab impede nomen,

Calfacit & siccat, stringit, mundatque, resolvit,

Et dentum & ventris mulcet capitisque dolores.

Subvenit antiquæ tussi, stomachoque rigenti,

Renibus & spleni confert, uterque venena

Dir a sagittarum domat, ictibus omnibus atris

Hæc eadem prodest, gingivis proficit, atque

Conciliat somnum, nuda ossaque carne revestit.


vid. Polit. Tobacks-Bruder, p. 132.


Haben wir nun bißher den Nutzen kürtzlich betrachtet, welchen der Toback dem menschlichen Leibe schaffet; So müssen wir nun auch die[30] sonderbaren Würckungen nicht vergessen / welche er an dem Gemüthe der Menschen ausrichtet / und sind dieselben nicht weniger zu attendiren: Denn will man den Geist einsperren / den Verstand in tieffe Beschauung / in Untersuchung der Warheit / in Nachspührung der Tugend und Wissenschafften weyden / so ist der Toback das beste Mittel hierzu / weil er den Verstand schärfft / den Geist munter macht / die Werckzeuge der Sinnen anfrischt / ja den gantzen Leib in action erhält; Zu geschweigen / daß uns der aus der Tobacks-Pfeiffe geschwind in die Höhe steigende / aber bald wiederum verschwindende Dampff eine deutliche Abbildung der menschlichen Nichtigkeit vorstellet / und zu andern guten Gedancken Gelegenheit giebet. Dahero auch der Poet von dem Toback-Rauch Anlaß genommen zu erinnern / wie unser Leben / und mit demselben alle eingebildete Herrlichkeit und Ehre wie ein solcher Rauch verschwinde / wenn er saget:


Fumum tabificicum spargitis ore tabaci,

Dicatis, Fratres: Fumus & umbra sumus.


Sagt, wenn ihr schmaucht und raucht mit lustigen Geberden:

Wir sind ein leichter Dampff und Rauch auf dieser Erden;

Ehr, Pracht und Herrlichkeit ist nur ein leerer Rauch,

Ja selbst das Leben ist nur wie ein schneller Hauch.


Dieser nützlichen Vorstellung der menschlichen Nichtigkeit durch den vergänglichen Tobacks-Rauch[31] erwehnet auch der vortreffliche und gelehrte Herr von Kaniz, wenn er seine Gedancken vom Toback in einem schönen Gedichte also eröffnet:


Sonn und Licht hat sich verkrochen,

Und die Nacht ist angebrochen,

Soll ich nun des Tages Last,

Meine Sorgen und mein Grämen

Auf das Lager mit mir nehmen?

Nein, ich will nun, meine Rast

Zu befördern, erst die Pfeiffen

Mit Toback gestopfft, ergreiffen.

Unter allen seltnen Waaren,

Die man uns in vielen Jahren

Hat aus Indien gebracht,

Wird bey Jungen und bey Alten

Dieses Kraut den Preiß erhalten,

Weil es frohe Geister macht;

Ja, biß sich die Welt wird trennen,

Wird sein stetes Opffer brennen.

Andrer Tand der Specereyen

Kan dem Leibe nicht gedeyen,

Und was ist vor Angst und Noth,

Was vor Kriegen und vor Morden

Nach der Zeit verspühret worden,

Da des Goldes theurer Koth

Selbst in ihren eignen Hafen

Macht die Könige zu Sclaven?

Des Tobacks-Krauts göldne Blätter

Sind bey manchem Unglücks Wetter

Ein verliebter Segen-Gifft.

Wider Pest und Leibes-Wunden

Sind sie schon bewährt befunden,

Und wenn uns ein Kummer trifft,

Können wir durch sanfftes Hauchen

Sie zu unserm Labsal brauchen.[32]

Daß die Lust und Pracht der Erden

Und ich selbst zu nichts muß werden,

Hat mich der Toback gelehrt;

Wenn sein zarter Dampff sich zeiget,

Der hoch in die Lüffte steiget,

Und sich bald in Nichts verkehrt.

Daß nun solch ein Kraut entsprossen,

Hat den Satan sehr verdrossen.

Er kan ohnedem nicht leiden,

Wenn ein Mensch in stillen Freuden

In ihm selbst vergnüget ist.

Drum, des Vaters eitler Grillen

Seinen Wunsch nicht zu erfüllen,

Schmauch ich als ein frommer Christ.

Er, und alle Welt mag toben,

Ich will den Toback doch loben.


vid. Neben-Stunden unterschiedener Gedichte / p. 46.


Diesem vornehmen Manne scheinet ein anderer beyzupflichten / wenn er in einem gleichfalls wohlgerathenen Carmine die Tugenden des Tobacks herausstreichet / und sein Lob also besinget:


Wer will, der mag sich ergötzen

An Tuberosen und Jesmin,

Sich gar zu Bisams-Katzen setzen,

Ich komme nicht auf diesen Sinn.

Mir giebt den lieblichsten Geschmack

Ein frisches Pfeiffgen Loth-Toback.

Bey Pest und andern bösen Zeiten,

Auch wenn der Scharbock übel haust,

Bey Ungemach der Feuchtigkeiten,

Wenn es uns vor den Ohren saust,

So thut ein Pfeiffgen Loth-Toback

Mehr als zwey Büchsen Theriack.

Kommts, daß mir dann und wann was fehlet,

So schick ich nach dem Doctor nicht,[33]

Die Brieffgen sind schon abgezehlet,

Worinn mein Labsal eingericht.

Ich nehm ein Pfeiffgen in den Mund,

Und werd in einem Huy gesund.

Will uns die Zeit zu lange werden,

So wird sie durch Toback verkürtzt,

Er dient auch wider die Beschwerden,

In die uns manche Grille sturtzt.

Dem sonst nicht gehn die Augen zu,

Befördert er die sanffte Ruh.

Die Asche, die mein Pfeiffgen zeiget,

Lehrt mich die Eitelkeit der Welt.

Der Rauch, der in die Höhe steiget,

Führt meinen Geist ins Sternen Feld.

Durchs Feu'r, so iede Pfeiff erneu'rt,

Wird auch mein Geist mehr angefeu'rt.

Ein Pfeiffgen öffnet mir die Schrancken

Zu der Vergnügung schönsten Lentz,

Den allerwichtigsten Gedancken

Giebt man beym Pfeiffgen Audienz.

Glaubt, so mein Liedgen euch steht an,

Daß es mein Pfeiffgen hat gethan.

Ihr, die ihr als ein schändlich Laster

Aus Blödigkeit ein Pfeiffgen flieht,

Stöhrt mich nur nicht bey meinem Knaster,

Den ich verehr durch dieses Lied:

Ihr aber, die ihr braucht diß Kraut,

Singt ihm zum Ruhm diß Liedgen laut.


vid. Beschäfftigt. Secret, 16. Expedit p. 381.


Zwar finden sich einige / welche dem Toback diese sonderbare Eigenschafft / daß er nehmlich unsern Verstand schärffe / und uns allerhand schöne Gedancken und Inventiones einflösse / nicht zugestehen /wenigstens dieses Vorgeben mehr vor einen Schertz als Ernst annehmen[34] wollen / wovon unten Cap. VI. etwas mehrers zu vernehmen seyn wird; Wie denn absonderlich ein gewisser Autor, Hartmann Reinhold / in einem Scripto Satyrico: Reime dich / oder ich fresse dich / genannt / seinem poëtisirenden Hanß-Wursten diese Eigenschafft und Tugend gar artig unter die Nase reibt / wenn er selbigem den Gebrauch des Tobacks p. 37. also recommendiret: Will der Poeten Geist nicht das verborgene Feuer in dir aufblasen / so nimm die Tobacks Pfeiffe zur Hand / von Stund an wird der Bettel loßgehen / und der Wind aus der Pfeiffe wird dich in den Sattel des Pegasus wehen / auch die Lohe wird ausbrechen aus dir nicht anders als aus einer Feuermäuer / in welcher sich der vieljährige Ruß entzündet hat. In dem Tobacks-Kraut ist etwas Göttliches / und die Quint Essenz des Wassers aus dem Musen-Brunnen verborgen. Daher / wenn du den Rauch desselben wirst an dich ziehen / von Stund an wirst du die Würckung empfinden / wo nicht oben / doch unten. Da wird die Poësis-Ader fliessen / und die Verse sich hervor drängen / nicht anders als wie die Soldaten zu ihrem Fähnlein / wenn alarm geschlagen wird / oder aber, wie die Steine nach der Stadt Thebe, und wie Felsen und Wälder herzu gelauffen /wenn Amphion und Orpheus[35] auf der Lauten gespielet. Halte die Rauch-Pfeiffe zugleich im Munde und die Feder in der Hand. Die Priesterin des Wahrsager-Tempels zu Delphos fienge an zu rasen und zu weissagen / wenn ihr ein Wind aus dem Klufft-Loche /über welchem sie auf dem Drey-Fusse sasse / unter den Rock bliese: Hanß Wurst / also auch du / so bald dich der Toback als ein Apollo aus der Pfeiffen-Höhle angehauchet / da wird alles Verse seyn / was du schreiben wirst; (warum nicht auch / was du vor dich kotzest und rotzest?) da wird dir der Kopff rauchen von herrlichen Invetionen. Da wirst du nicht nur ein Poet / sondern gar ein Prophet werden / und deme Reden werden lauter Oracul seyn; Da wird alles göttlich seyn / die Feder / die Dinte / die Worte / und du selber. Siehe / also können aus schlechten Gesellen Poeten / gleich als dorten in Myrmidonien aus Ameisen Menschen werden / etc.

Wenn aber einige dem Toback seine Krafft und Tugend / so er in der Medicin erweiset / gäntzlich absprechen / halte ich davor / daß solches nicht so wohl aus einer Unwissenheit / als vielmehr aus der löblichen Absicht geschehe / die rohen wilden Leute von dem übermäßigen Gebrauch des Tobacks abzuhalten; Diese Intention mag wohl der gelehrte König / Jacobus VI.[36] in Engelland und Schottland gehabt haben /wenn er in einer Anno 1605. zu Oxfurt gehaltenen öffentlichen Rede von dem Gebrauch des Tobacks vorgegeben: Es wäre gnugsam bekannt / daß diese barbarische Gewohnheit seinen Ursprung nirgend anders als von Barbaren und Indianern genommen / welche in der Medicin eben so wenig erfahren wären / als in der Civilität. Wo ja einige angetroffen würden / wel che sich nach dem Gebrauch des Tobacks gesunder und besser befänden / würde doch solches nicht so wohl zum Lobe dieser medicin, als vielmehr zur Schande dererjenigen gereichen / deren Leiber in eine barbarische Natur degeneriret / dergestalt / daß sie sich nur an solchen Mitteln ergötzten / und durch selbige könten curiret werden / welche denen Indianern und Barbaren gefällig und heilsam sind. Derowegen solten von Rechts wegen alle diejenigen / welche an der Tobacks Medicin einen Gefallen hätten / in gedachte Indianische Barbarey (woher sie entsprossen) relegiret werden / allwo sie ohne unserm Verdruß und Schaden zugleich mit denen dasigen trunckenen Medicis sich ungescheut vollsauffen / und daselbst ihre Kunst frey exerciren könten.

Ein anderer / welcher sich in seinem Eyfer noch weniger zu fassen weiß / dürffte wohl gar also ausruffen:[37]


Was Teufeley ist das! o Sitten! o ihr Zeiten!

Wie, will die Boßheit nun auch mit der Höllen streiten?

Da man vor diesem hat genossen Bier und Wein,

Muß ietzo Feur und Dampff dafür gesoffen seyn.


Doch wir lassen uns weder von diesem noch andern irre machen; Gnug / daß der Toback sich vorlängst selbst legitimiret / daß er das Lob / so ihm von vielen beygeleget worden / mit allem Recht verdiene. Ob aber jener Augspurgische Priester Widerus das decorum in Acht genommen / welcher nach dem Bericht des Autoris der Tobacks Ergötzlichkeiten p. 52. im Evangelischen Kirchen-Jahre aus dem Evangelio Domin. Quasimodogeniti folgende proposition gemacht: Das heilige Wund und Tobacks-Kraut /mit welchem wir den HErrn Christum vergleichen wollen? mögen anderte beurtheilen.

Noch viel weniger sind diejenigen zu entschuldigen / welche von dem rechten Gebrauch des Tobacks auf einen abergläubischen Mißbrauch verfallen. Also ist es eine grosse Einfalt von denen Indianischen Völckern Tououpinambaultiis in Brasilien / wenn sie in denen Gedancken stehen / der Toback verursache Tapfferkeit. Hiervon schreibet Joh. Lerius Navigat Brasil p. 212. & 219. also: Es versammlen sich ihre Gotzen-Priester / Caraibes genannt / bringen das Volck in einen Reyhen /[38] haben ein langes Rohr / mit dem Kraut Peto (Toback) angefüllet / das zünden sie an / blasen den Leuten den Rauch ins Gesichte mit diesen Worten: Nehmet hin den Geist der Tapfferkeit und Kühnheit / eure Feinde zu überwinden. Darauf sie denn nicht anders / als wären sie von den Teufeln besessen / ihre Feinde mit grosser Furie anfallen / massacriren und sich todtschlagen lassen. vid. Abel. Leib-Med. der Studenten / cap. 12. p. 220

Eine verkehrte und ungegründete Einbildung ist es auch / wenn die Priester in Indien / so fern sie in wichtigen Sachen zu Rathe gezogen werden / sich vorhero des Tobacks zu gebrauchen pflegen / und dasjenige / was ihnen nach desselben Gebrauch vorkömmt und eingebildet wird / nicht anders / als wenn sie es von dem Delphico Oraculo, das ist dem Teufel / welchen sie zu fragen pflegen / zur Antwort bekämen / hinwiederum zur Antwort geben. Wie auch die Medici allda / wenn sie einer Kranckheit Ausgang /oder wie es mit derselben ablauffen werde / und was dawider zu gebrauchen / sagen sollen / solches daher /wenn sie den Toback brauchen / gewiß zu erfahren vermeynen / und darauf den Leuten Bericht geben /wie Barnstein in seiner Tobacks-Wunder-Kunst cap. V. meldet.[39]

Die Tapuyer und die Einwohner auf der Insul Hispaniola halten gantz gewiß davor / der Tobacks-Rauch sey das bewährteste Mittel wider alle Kranckheiten. Sie observiren aber bey ihrer Cur diese wunderliche Ceremonien: Erstlich schmauchen die Boitien oder Aertzte daselbst dem Patienten weidlich in die Augen / daß es kein ander Ansehen hat / als stäcke er schon im Rauch der Höllen; darauf läufft der Doctor, wenn er den Ort gnugsam mit Rauch erfüllet / mit ausgestreckten Armen auf die Thüre zu / und spricht: Nunmehr hätte er die Kranckheit hinaus gejagt. Und damit der Patient desto geschwinder genesen möchte /fastet der Artzt an statt seiner. Ex Francisci Sitten-Spiegel / p. 1230. Männling abergläub. Albertäten / p. 255. 344.

Daß der Toback auch wider das Donner-Wetter gut seyn soll / wird sich wohl niemand überreden lassen /gleichwohl bedienen sich dessen die Virginianer hierzu; Denn wenn ein Ungewitter bey ihnen entstehet /werffen sie Toback ins Wasser / und vermeynen dasselbe damit zu stillen. Happel. Relat. Cur. T. IV. p. 717.

Nicht weniger sind die natürlichen Einwohner des Capo de bona Esperanza, die Hottentots / Auslachens würdig / wenn sie sich einbilden / der Toback contribuire vieles zu ihrer[40] Hurtigkeit und Stärcke. Denn so bald die Mütter Kinder männliches Geschlechts zur Welt gebohren / beissen sie ihnen so gleich mit den Zähnen den rechten testiculum ab / und fressen selbigen / so dann geben sie ihnen See-Wasser zu trincken / und endlich stecken sie ihnen Toback in den Mund / glauben hernach / diese 3. Dinge zusammen machten sie so starck und hurtig / daß sie ein Reh in vollem Lauf einholen können. Leguats Reisen / p. 375.

Sonst soll der Toback auch seine Würckung bey dem unvernünfftigen Vieh haben / und versichert uns dessen der Spanische Medicus Nicolaus Monardus, daß solchen die Indianer bey ihren schadhafften Pferden / Ochsen / Hunden / Katzen / etc. brauchten, vid. Polit. Tobacks Bruder / p. 133. Doch mag der Toback denen Fischen nicht zuträglich seyn; Denn als vor einigen Jahren etliche Schiffe / welche mit Toback beladen gewesen / auf der Rhede der Insul St. Christophel zerscheitert und zu Grunde gangen / hat man in Acht genommen / daß der meiste Theil der Fische auf dieser Seite vergifftet gewesen / dergestalt / daß man das Meer mit diesen armen Thieren oben gantz bedecket gesehen / welche schwach und umgekehrt von dem Wasser hin und her getrieben worden / und an dem Ufer gestorben sind. Grundmanns[41] Geschicht-Schul / P. I p. 629. Von denen Fliegen hat Borellus histor. & observat. Med. Cent. 4. Observat. 31. angemercket / daß dieselben den Toback nicht vertragen können / sondern daß sie von dessen Rauch stürben. Auch findet man in der Americanischen Provintz Canada eine besondere Art Mücken / von denen Frantzosen Cousin oder Schmarotzer genannt / welche denen Einwohnern in grosser Menge nicht anders als eine Wolcke auf den Leib fallen / durch den Tobacks Rauch aber am allersichersten vertrieben und getödtet werden können. v. Feinds Relat. Curios. Tom. III. p. 54.

Dergleichen Gefahr aber hat der Mensch von dem Gebrauch des Tobacks / wenn er sich anders desselben in gebührender Maasse bedienet / nicht zu besorgen. Denn obwohl diejenigen / welche den Toback aus superstition verachten / erzehlen / daß / nach dem Zeugniß Hartsœckers und Baglivii (die des Tobacks Natur wohl untersuchet) eine gewisse Art scharffes Saltz und Schwefel / so sie Sal causticum und Sulphur narcoticum nennen / in dem Toback wäre /und dahero derselbe / wenn er zu offte gebrauchet würde / den Tod verursache. Ferner / daß / wenn man einen oder zwey Tropffen Tobacks-Oel einer Katzen oder Hunde auf die Zunge tröpffelte /[42] es alsobald gräßliche Convulsiones erweckete und tödtete; So wird doch ein jeder gar leicht erkennen /daß es etwas anders sey / den Extract des Tobacks rauchen / und den Toback selbsten rauchen; Zum andern hat auch dieses Oel keinen Gifft / denn wenn wir es vor die Zahn-Schmertzen in den Zahn thun / so stirbt man nicht davon / sondern man bekömmt Linderung davon. Was aber das erstere betrifft / so muß in allen Dingen Maasse gehalten werden; Denn da dienet ein Gran Opium zur Gesundheit; wenn man aber ein halb Pfund zu sich nehmen wolte / würde man gar bald sterben. vid. Leucorande Beweiß / daß ein Frauenzimmer bey dem Caffée-Schmäußgen und Tobacks-Collegio erscheinen dürffe etc. p. 43.

Wenn man ferner einwirfft / der Toback schwärtze das Gehirn und die Schaale / so antwortet der Polit. Tobacks-Bruder in Append. Qu. 10. p. 238. negative hierauf / und sagt / daß man durch die anatomie wahrgenommen / daß sich solches auch bey denen grössesten Schmauchern nicht einmahl ereignet habe; Uber dem auch der Toback dünne / aber durchaus nicht schleimig sey / und sich also nicht könne zu Ruß setzen / letzlich auch solcher Rauch durch die natürliche Hitze des Gehirns ausgedämpffet werde.

[43] Noch andere objiciren / daß der Toback ungemein trockne / laxire / und endlich die Leute liederlich mache; Welche Einwürffe vorgedachter Autor, welcher unter dem Nahmen Leucorande die Caffée- und Tobacks-Collationes vor das honette Frauenzimmer defendiret / p. 49. sqq. also beantwortet: Das erstere scheinet etwas zu seyn. Denn es ist nicht zu läugnen / daß der Toback Hitze verursache /indem er das Geblüthe in schärffere Bewegung setzet. Aber daraus folget noch nicht / daß er trockne / denn nicht alles / was Hitze macht / trocknet / und nicht alle Wärme dürret. Mit Feuer macht man die harten Metalle weich / mit Flammen macht man das Wachs fliessend / und mit Wärme macht man die Butter zu einem ölichten Wasser; So ist auch nicht jeder Magrer trocken / sondern daß einige mager sind / entstehet /wie die Medici selbst sagen / meistentheils daher /weil sie nicht Nahrung gnug haben / denn vermittelst der Transpiration, Schwefel / Urins und der ordentlichen Entledigung gehet täglich mehr ab / als zu wächst. Also ist die Hitze als Hitze nicht schädlich /und ist folgends alles / das wider den Toback dißfalls gesaget wird / ein pur lauterer Wind und Rauch / der /wenn die gesunde Vernunfft darüber wehet / verschwindet. Es purgiret auch[44] eben dieses edle Kraut an / und vor sich selbst nicht so sehr / wie man insgemein davor hält / hält aber doch den Leib offen / welches eine herrliche Tugend ist; Wenn aber eine einfältige Lorber-Suppe an statt des Tobacks den Rauch fressen will / und denselben geitzig verschlinget / da gehet es wohl an / daß er wieder weg will / und bekömmt hernach demjenigen / der sich an dieser ihm nicht zustehenden Speise delectiret / wie dem Hunde das Graß / wiewohl wenn der Narr im Rauchsauffen debauchen machen will / so wird er ihm niemahls bekommen / wenn er auch nur Stroh oder Papier geschmaucht hätte. Auch macht dieses unschuldige Kraut nicht / daß einer eine Stunde langsamer nach Hause kömmt / sondern die Compagnie, der zu Gefallen er sitzen blieben wäre / wenn sie auch keinen Toback gerauchet hätten / etc.

Und wenn wir unsere Gedancken von dem letztern Einwurff eröffnen dürffen / so kömmt uns derselbe eben so absurd vor / als wenn man sagen solte: Im Wein oder Bier säufft sich mancher zum Narren / ja wohl gar zu einer unvernünfftigen Bestie / Ergo ist der Wein oder das Bier Ursache hieran. Welches wohl kein Mensch / der eine gesunde Vernunfft hat / zugestehen wird / da im Gegentheil bekannt genug ist /daß beyde Geträncke / wenn sie in ordentlicher[45] Maasse gebraucht werden / vortreffliche Stärckung und Nahrung geben. Mit einem Worte: Medio tutissimus ibis. So lange man bey dem Gebrauch des Tobacks die Maasse in Acht nimmt / wird derselbe niemanden schädlich seyn; Er wird vielmehr seinen Nutzen und Ruhm unverändert behalten / wenn alle Verächter desselben werden in die Verwesung gesuncken seyn.

Quelle:
Das beliebte und gelobte Kräutlein Toback oder Allerhand auserlesene Historische Merckwürdigkeiten. Chemnitz 1719, [Nachdruck Leipzig 1971], S. 21-46.
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Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

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