Fünfte Scene.

[34] Vorige. Annerl ländlicher Sonntagsstaat, Bündel unterm Arm.


Entreé.


Dö Fischerln im Bach

Und d'Vögerln am Boam,[34]

Dö wissent wo s' hing'hör'n

Und hab'n ihr Dahoam.

Nur 'n Menschen treibt 's G'schick

Oft hinaus in die Fremd',

Wenn er glei vor Hoamweh

Und Herzload derkämmt!


Jodler.


Dahoam hat mi ang'lacht

Beim Bacherl der Steg,

Dö Häuserln im Dörfel,

Jed's Stoanderl am Weg,

Doch weit von dahoam

Schaut jetzt fremd alles her,

Als ob i schon selber

Vergangen lang wär'.


Jodler.


SEPP hebt den Kopf nach ihr. Du Derndl –

ANNERL wendet sich gegen ihn.

SEPP. Hat's dich 'leicht a bei der Falten 's Unglück, weil d' so traurig singst?

ANNERL. 's is ma wohl nie gut gangen, aber hitzt weiß i gar nimmer, was's werden wird.

SEPP bietet ihr den Krug. Trink eins.

ANNERL legt die Hände ans Mieder. I dank' schön, i kann net!

SEPP. Dir verschnürt 's Mieder ja völlig die Red', bist g'wiß g'loffen wie nit g'scheit?

ANNERL. Ah na![35]

SEPP. Wann d' scho nit trinkst, so setz dich a weng – oder versäumst's?

ANNERL. I soll nach Kirchfeld.

SEPP. So! I bin a Kirchfelder, kann i dich 'leicht weisen?

ANNERL. Dös wär' recht schön von dir, Landsmann, wann d' mit mir gangst. Ich kann dir's net sagen, wie mir is; ich hab' heut mein lieb's Heimatdörfel verlassen und bin 'gangen, 'leicht auf Nimmerwiedersehn. Seit fruh bin i wie träumet die Berg 'raufg'stieg'n und hab' mir nit 's Herz g'nommen, daß i ein' Menschen g'fragt hätt' um den Weg; auf a paar bin i zu'gangen, aber mir is 's Wasser in die Aug'n g'schossen, daß von mir wegg'schwommen sein, und sie war'n a schon weit weg, wann i nachher g'schaut hab'; sie müssen denkt hab'n, i bin a Bettlerin, oder nit recht g'scheit. Du bist der erste, der mich ang'red't hat, i hätt' kein' Red' von mir 'bracht.

SEPP. Ich hätt' dich a nit ang'red't, wann d' net so traurig g'sungen hätt'st; aber dös is halt mein Gusto, andere sein gern dabei, wo's lustig, und i, wo's traurig hergeht.

ANNERL. Es wär' mir recht lieb, wann d' mi weisen wollt'st, so brauch' i kein' Menschen mehr Red' z' stehn als am Ort, da muß's freilich sein und i fürcht' mi schon drauf.

SEPP. Wo willst denn hin?

ANNERL. Zu euern Pfarrer.

SEPP. So. Was willst ihm?[36]

ANNERL. Unser Pfarrer – i bin von St. Jakob in der Einöd' – legt a guts Wörtl bei ihm ein, daß er mich aufnehmet in Dienst.

SEPP. Schau.

ANNERL. I bin völlig verzagt, wenn i denk', daß i dienen soll.

SEPP. Hast recht, und schon gar a so a Dienst! Pfarrknecht wär' a 's letzte, an was i denket.

ANNERL. Du machst ein'm aber a 's Herz recht schwer, Landsmann.

SEPP. Na, du brauchst auch grad nit verzagt z' sein. Bei euch Weibsleut' is a anders, ös seids ja allweil die Frummern und Vertraglichern – vielleicht g'fallt dir der Dienst noch recht gut und is's dir recht, geht's eigentlich kan andern was an.

ANNERL. Na, könnt'st du nit leicht a frumm und vertraglich sein?

SEPP. I glaub' kaum, daß i's zuweg'n bringet.

ANNERL. Bist 'leicht euern Pfarrer feind? Schau, da thätst nit recht!

SEPP aufstehend. Mein' liebe Dirn, man stift aften a nix Rechts, wann man ein'm z' gut is!

WIRT zieht Sepp beiseite. Wer is denn das Derndl?

SEPP. Zu unsern Pfarrer woll'ns dö lebfrische Dirn schicken, grad als ob s' ihm's z' Fleiß thäten.[37]

WIRT. Du hast 's gottloseste Maul von der ganzen Gmoan!

ANNERL ist aufgestanden und hat das Bündel wieder genommen. Gehn wir 'leicht schon?

SEPP. Gleich, Derndl. Gibt dem Wirt Geld.

WIRT schiebt das Geld ein. Richtig! Aber nit richtig, was du dir Sündigs denkst, gleichwohl das Dirndl mordsauber is.

SEPP. Wirt, frag doch über fünf Wochen, ob die Kirchfelder ihr'n Pfarrer noch für ein' Heiligen halten?! Wendung zum Gehen.


Vorhang fällt. Musik fällt mit einem kurzen Allegro ein.

Verwandlung.

Freundliches Gemach, einfach, aber nett möbliert, Mittel- und Seitenthüre links, ein Fenster ganz vorne rechts, vor diesem ein Sekretär. Mitte der Bühne ein kleines gedecktes Tischchen mit Morgenimbiß für zwei Personen, zwei Gedecke, eine Bouteille, kleine Gläser. Ein Fauteuil mit hoher Lehne, ein Rohrsessel, nächst dem Sekretär eine Etagère mit Rauchrequisiten.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 6, Stuttgart 31898, S. 34-38.
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