Vierte Scene.

[88] Ueber den Steg, von wo sie früher abgegangen, Sepp, Bauern, der Schulmeister von Altötting, der eine Tasche an einem Riemen um den Hals trägt, in ihrer Mitte.


SCHULMEISTER noch hinter der Scene. Nur keine Gewalt, ich verwarne euch!

SEPP indem er ruckweise den Schulmeister auf die Scene stößt. Komm nur, fürcht dich net, 's g'schieht dir nix!

SCHULMEISTER. Ich mache die ganze Gemeinde dafür verantwortlich, wie mir mitgespielt wird.

EINIGE BAUERN. Aber Sepp, was hast denn mit'n Schulmeister?

SEPP. Seids nur stad, es kommt gleich! Schon seit gestern siech ich den Lump' da im Dorf bald ums Pfarrhaus und[88] d'Kirch' herumschleichen, bald bei alte Betschwester und Brüder aus- und einschliefen; da hab' ich mir gleich denkt, der führt sicher was gegen 'nen Pfarr' im Schild und – na, er soll euch's nur selber sag'n, was er bringt!

SCHULMEISTER. Gut – gut – das will ich – aber das bitt' ich dich, verirrte Gemeinde, unterbreche mich nicht und bedenke, ich bin hier in höherem Auftrage!

SEPP. Red nit so lange herum, ich weiß schon was d' bringst, du müßt' es nit Weibern auf'bunden hab'n.

SCHULMEISTER. Geliebte, das Reich Antichrists ist nahe ...

SEPP. Red nit vom jüngsten Tag – bleib bei der Stangen – red vom Pfarrer!

SCHULMEISTER. Geliebte! Hört nicht auf diesen Ketzer, hört auf mich! Das Reich des Antichrist ist nahe und die gläubigen Scharen müssen sich zum Kampfe gegen ihn rüsten; überall hat er sich eingeschlichen, er hat hohe Würden im Lande an sich gerissen und setzt sich selbst vor den Augen des verblendeten Volkes auf die Kanzel! Aber die wahrhafte Frömmigkeit erblickt ihn unter jeder Larve und so hat sie ihn denn auch unter euch erkannt.

BAUERN. Unter uns?!

SCHULMEISTER. Unter euch! Und führt ihn darum aus eurer Mitte hinweg, damit er fürder eure Seelen nicht verderbe. Hier in dieser Tasche bringe ich die Formel, die ihn hinwegbannt – ja, Geliebte, ich kann sagen: ich stecke den Antichrist eurer Gemeinde in die Tasche! Der Wolf wird von der Herde hinweggejagt und der Hirte kehrt wieder![89]

SEPP. Verstehts ös dem sein Vorbeterdeutsch? Einfach in unsrer Sprach' heißt's: unsern Pfarrer jagen s' fort und ein' andern setzen s' uns her, der euch wieder 's Raufen und Saufen um 'n Beichtgroschen derlaubt!

BAUERN. Was, der Pfarrer soll fort?

SCHULMEISTER. So ist es.

JUNGE BURSCHEN auf ihn eindringend. Dös gibt's net!

SEPP indem er den Schulmeister scheinbar gegen die Eindringenden deckt und ihm dabei heimlich Püffe erteilt. Halt, laßts 'n gehn, er steht unter mein' Schutz!

EIN ALTER BAUER. Wir hab'n's allweil denkt, dös kann so in derer Dicken not furtgehn – 's Konsisturi!

MEHRERE ALTE BAUERN gedehnt, unisono. Ja – 's Konsisturi!

SCHULMEISTER. Es wurde zuerkannt, dekretiert und ausgeführt, und mich beauftragte insbesondere ein Befehl des edlen Grafen von Finsterberg, dem Exkommunikanten zu intimieren, daß er vorab seiner Pfarre verlustig, jeglicher priesterlicher Funktion von Stunde ab unfähig und verbunden sei, sich sofort dem Konsistorialgerichte zu stellen, wo ihn für alle seine aufgehäuften Sünden die Sühne und Buße erwartet, welche – wie wir gläubig hoffen wollen – seiner Seele zum Heile gereichen möge!

JUNGE BURSCHE. Das lassen wir nit zu! Dringen wie oben auf den Schulmeister ein.

SEPP benimmt sich wie oben. Fürcht dich net, ich lass' dir nix g'schehn![90]

DER ALTE BAUER. Na ja, wir hab'n's ja eh'nder allweil g'sagt – 's Konsisturi!

MEHRERE ALTE BAUERN wie oben. Ja – 's Konsisturi!

SEPP. Und glaubst, das lassen wir so hingehn, uns soll's allesamt eins sein, wen s' uns da in die G'meind' setzen, wir soll'n den weglassen, der uns in d'Seel' g'wachsen is? Ich rat' dir's gut, gib dein' Taschen heraus, dein' Papierwisch verbrennen wir und die Aschen kannst wieder mitnehmen, und wann d' 'leicht nicht nachlassen und wieder kummen willst, is's uns a Ehr'! Klopft ihm auf die Achsel. So oft der Stockfisch kommt, soll bei uns Aschermittwoch sein!

SCHULMEISTER. Ketzer, wag das nicht!

JUNGE BURSCHE eindringend. Gib dös G'schrift heraus!

SEPP wie früher. Laßts ihn gehn, ich perschwattier'n schon, daß er's gutwillig hergibt!

SCHULMEISTER. Ich mache die ganze Gemeinde für den projektierten Frevel verantwortlich!!!

SEPP langt nach dem Riemen der Tasche. Gib her!

DER ALTE BAUER faßt den Riemen von der andern Seite. Halt aus, Sepp, bring kein Unglück über die ganze Gmoan, bedenk – 's Konsisturi!

MEHRERE ALTE BAUERN wie oben. Ja, 's Konsisturi!

SEPP zerrt den Schulmeister an sich. Ich gib net nach![91]

JUNGE BURSCHE fassen an der Seite, wo Sepp den Riemen hält, gleichfalls an. Gib die Taschen! Heraus damit!

DER ALTE BAUER. Aber Buama, seids doch g'scheit, denkts –

MEHRERE ALTE BAUERN wie früher, gleichfalls an der Seite, wo der alte Bauer den Riemen hält, anfassend. 's Konsisturi!

SCHULMEISTER verschwindend unter dem Knäuel, der an der Tasche zerrt. Zu Hilfe! Zu Hilfe!


A tempo.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 6, Stuttgart 31898, S. 88-92.
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