Neunte Scene.


[294] Thomas, Doktor Hammer, alte Hammer.


THOMAS nachrufend. I küss' d'Hand! Sinkt gegen die Thüre, für sich. Und dieses Weib nennt sich eine »g'schame« Dienerin!

ALTE HAMMER erregt. Ob ich überhaupt von derer Person das Gugelhupfbäk annehmen kann, das muß ich mir erst überlegen, da muß ich erst dir noch was sagen.

THOMAS. Noch was?!

ALTE HAMMER. Sie red't von ein' Geheimnis zwischen dir und ihr.

THOMAS erschreckt. G'red't hat s' davon?

ALTE HAMMER. Nein, sonst wär's ja kein's mehr, aber g'sagt hat s', daß eins bestund' und da laß dir nur sagen, Bub', wann du etwa dich mit dem Gedanken tragest, derer ihrer Witwenschaft a End' z' machen – –[294]

THOMAS. Wer? Ich? Schlägt die Hände zusammen. Nein, nein! Wann der Mensch zum Verkanntsein geboren is, so traut man ihm jede Verirrung zu!

ALTE HAMMER. Na, es soll mir lieb sein, wann's nix is. Sie wischt den Tisch mit dem Tuche rein. Du verzeihst schon, Arthur, daß d' a Menge hast mit ansehn und anhör'n müssen, was mir selber nit ung'legener hätt' kommen können, und es is mir so leid, daß d' grad in ein' solchenen Trubel und Wirrwar h'nein g'raten bist, wo ich dich nit so empfangen konnt', wie mir ums Herz war und mich nit so mit dir abgeben kann, wie ich gern möcht'. Aber schön bleibt's immer, daß d' amal da bist. Streift nochmals mit dem Tuche über die Tischplatte. So, jetzt kannst dich auch da hersetzen. Auf ihn zutretend. Aber vorerst erlaubst schon, daß ich dir mein Buckerl mach' und mich recht schön bedank'.

HAMMER. Wofür?

ALTE HAMMER. No, dafür, daß sich's Christkindl alle Jahr' her so brav eing'stellt hat Sie deutet zurück nach der Muffschachtel. und heuer nit anders, wie sonst, wenn nit gar noch braver; du dürfet richtig allmal mit ihm selber g'red't haben, so ausg'sucht und g'rechtelt waren immer d'Sachen, die du g'schickt hast.

HAMMER. Die ich schickte? Aber –

THOMAS stürzt hinzu und faßt ihn rückwärts beim Kragen. Na ja, freilich, die du schicktest –

ALTE HAMMER. Aber, Thomas, was thust ihm denn?[295]

THOMAS. Aus 'm Pelz hilf ich ihm! Indem er ihm aus den Aermeln hilft. Du schicktest – versteht sich, daß er schickte – und dazu noch alle Jahr' mit Empfehlung. – zu was denn alser nachher die Verstellung? – Durch die Dings da – das liebenswürdige Weib von vorhin.

HAMMER er bekommt den noch um ihn beschäftigten Bruder an der Hand zu fassen, halblaut. Ich begreife jetzt – das war dein Veranstalte – und ich dank dir's, tief beschämt.

THOMAS losplatzend, lauter, als er es beabsichtigt. Schon gut, aber mach kein so dumm's G'sicht.

ALTE HAMMER die, näher zutretend, es hört. Was sagt er? Kein dumm's G'sicht sollst machen? No ich denk', er könnt' froh sein, wenn er ein solch's hätt' wie du.

THOMAS. O, in diesem Moment würden uns auch Unbekannte als Brüder gelten lassen.

ALTE HAMMER. Na, da hörst's, daß er der nämliche Flegel geblieben is, der er war. Du wirst dich ohnehin g'wundert haben über den Empfang, den ich ihm hab' z' teil werd'n lasse und ich muß dir wie a recht bissige Alte vor'kommen sein, aber mit dem Menschen war' ja wär' ja nix z' richten, wenn mer fein mit ihm redet?

THOMAS. Aber heunt hätt' doch d'Frau Mutter alle Ursach' g'habt, sehr fein mit mir z' reden. Auf den Bruder weisend. Den hab' ich herg'bracht.

ALTE HAMMER. Ich weiß zwar nit, wie d' das ang'stellt hast, aber is auch 's erste g'scheite Stückl, das ich von dir erleb'![296]

THOMAS beiseite. Ich möcht' auch kein zweit's Mal so g'scheit sein müssen. Laut. Aber jetzt komm du wirklich anal daher, Bruder, Er hat ihn angefaßt und nach den Sofa geführt. und rast dich aus und d'Frau Mutter hat's a nit notwendig, daß S' da h'rumsteht.

ALTE HAMMER unter der folgenden Rede immer im Begriffe, zu gehen, was man volkstümlich »auf'm Sprung sein« nennt, so oft sich aber ihre Rede auf Doktor Hammer bezieht, wieder diesem zugewendet. Jesses, na, is ja auch wahr! Ich muß mer 'm Nachbar sei Tini ausleihen und dann in der Kuchel all's herrichten für'n zweiten Gugelhupf – aber weil ich 'n so lang' nit g'sehn hab' und, wer weiß, wann amal wieder siech, so kann ich mir 'n halt nit g'nug anschau'n! Sie täschelt dabei Doktor Hammer auf die Achsel. Und wann d' uns schon mit Weib und Kind d'Ehr' schenkst, möcht' ich mit meiner Kochkunst doch auch kein' Schand aufheb'n, und dazu muß mer all's G'hörige zur Hand hab'n – Germ wird z' wenig sein – wie neugierig ich auf d'Frau Schwiegertochter und mei' Enkelkind bin, das kann ich dir gar nit sag'n – und auf Weinberln und Zibeb'n darf ich nit vergessen – von denen mußt du mir recht viel erzählen, daß man doch a bissel im voraus weiß, wie man mit ihnen umz'gehn hat so oft ich vom Herd weg kann, komm' ich auf a Sprüngerl herein, und dann plauschen wir. Du lieber Himmel, wann ich mich nur zerteil'n könnt'! Aber 's is von unsern Herrgott nit z' verlangen und er hätt' a kein' Dank dafür, wann er ans ein alten Weib zwei machet. Jetzt bleibt eh' der Thomas noch a Weil' bei dir, und wann der auch fort muß, so laß dir halt die Zeit alleinig nit lang' werd'n, spiel dich mit was – es liegt ja g'nug herum da – wirst schon sehn, wie ich mich tummel'!


Ab durch die Küchenthüre im Hintergrund links.


Quelle:
Ludwig Anzengruber: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 10, Stuttgart 31898, S. 294-297.
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