Vom Brüderlein und Schwesterlein

[258] »Wer heim das blaue Blümlein bringt,

Der ist der König im Lande!

Die Krone ihm vom Haupte blinkt,

Er wandelt im Purpurgewande!«
[258]

Sie zogen zusammen ins tiefe Thal,

Da blühten der Blumen so viele.

Dem Brüderlein ward das Suchen zur Qual,

Dem Schwesterlein ward es zum Spiele.


Die Blume brach das Mägdelein

Und jubelt und klatscht in die Hände.

Dem Bruder ward das Herz zu Stein,

Da hatte das Jauchzen ein Ende.


Aufs Haupt wohl stürzt ihr ein Schwertesschwung,

Da trug eine Krone die Gute,

Da lag eine Königin hold und jung

Im Purpurmantel von Blute.


Die Lippen der blutigen Blümelein

Den Purpur getrunken haben,

Die Sonne bleichte das weiße Gebein,

Doch Niemand hat es begraben.


Und Wind und Wetter und Sturmesbraus,

Die haben die Knöchlein verstreuet,

Im Köpfchen sogar, da haust eine Maus,

Ein Mäuschen, das Niemand scheuet.


»Wo ist dein Schwesterlein schön und hold?«

Mein Schwesterlein ist gestorben.

Mein ist die Krone von blut'gem Gold,

Den Purpur hab ich erworben!


»Wie starb dein Schwesterlein hold und traut?«

Ein Schlag hat sie gerühret!

Dem Teufel hat sie sich angetraut,

Der hat ihr die Blume erspüret.


Die Blume, die ward ihr Eigenthum –

Ich hab' eine andre gebrochen!

Mein ist des Thrones blut'ger Ruhm –

Was kamst du mit Zwei'n in die Wochen?!
[259]

»Hätt'st du die Schwester geboren mir nicht,

Wär' ich König allein geworden –

Ich wäre heute kein Schuft, kein Wicht,

Der's Schwesterlein mußt' ermorden!«


Die Königin, die ward weiß wie Schnee,

Ein Glöcklein hat geklungen –

Da schrie sie auf in wildem Weh,

Das Herz ist ihr zersprungen.


Und als der König vertrieben war,

Vertrieben im Völkermorden,

Und als verklungen manches Jahr,

Ist er ein Hirte geworden.


Da hat er sich eine Flöte gemacht, –

Ein Beinchen hatt' er gefunden –

Ein Schädel hat grinsend ihn angelacht,

Das Mäuschen ist huschend verschwunden.


Und als er blies den Flötenklang,

Da flötet's hold und linde,

Da klang's wie heller Mädchensang,

Wie Blümlein säuseln im Winde.


Da tönt's wie selig Lachen drein,

Wie Jubeln und Seufzen vor Leide,

Da schwirrt's wie schrilles Racheschrein,

Wie Schwertschwung saust aus der Scheide:


»Ich bin ein Beinchen vom Schwesterlein,

Ein Knöchelchen voller Kunde;

Ach, läg' ich lieber im Todtenschrein,

Dann säß ich dir nicht am Munde.


Ach, läg' ich lieber im Todtenschrein,

Dann müßt ich nicht singen und sagen,

Dann müßt ich nicht tödten mein Brüderlein

Und müßte nicht flöten und klagen.
[260]

Da müßt' ich nicht blasen den Rachesang

Und singen von alter Sünde,

Dann bebte dem Bruder das Herz nicht bang

Wie Gräser zittern im Winde –


Dann läge der Hirt nicht todt im Gras,

Der König, der Hirte geworden,

Dann starrte sein Antlitz nicht schädelblaß –

Und ich mußt' ihn nimmer ermorden!«

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 258-261.
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