Erster Teil

Da waren Leute – Köhler, die wohnten tief im Wald, wo keine Blütenbäume gedeihen, vielleicht nur Föhren und Tannen. – Dieser armen Leute Kind hatte noch nie eine Kirsche gesehen und keinen rotbackigen Apfel. Auch die Rose war da nicht aufgeblüht. Die Naturgeheimnisse, in denen ihr Zauber sich offenbart und ihr Genuß, waren nicht in die einsame Wildnis eingedrungen. Doch einmal brachte das meilenweit gereiste Familienhaupt vom Markt ein solch Naturgeheimnis mit von der Borsdorfer Art. Mit hochgeröteter Wange, mit schwarzem Butzen schalkhaft lächelnd und edlem Rund sanft geschmeidig nach beiden Polen sich dehnend, wie der große Euler, Neuton und Kopernikus das Weltenall beschreibt. – Warum soll nicht der Apfel nachahmen in seinem Rund, was jedem Geschöpf die Aufgabe ist des Werdens? – So zahlte das weltabgeschlossene Kindesherz mit der Sehnsucht verzehrendem Feuer in der Beschauung des Apfels den Tribut dem Geistesideal der Natur. – Dies brachte den kleinen Erdenwaller bald zu seiner Reise Ziel. Das innere Ideal steigerte seiner Begeisterung Flut; nirgend in der Wüste fand er, wo sie könne an sanftem Ufer sich ebnen: sie brauste hin in die Ewigkeit mit doppeltem Pulsschlag.

Der Unbefangene trat zum Himmelssaal ein, den Apfel in der Hand, er hatte im Tod ihn nicht losgelassen, was man liebt, nimmt man mit, – sein Blick fiel nicht auf des Paradieses Gold- und Rubinfrüchte im smaragdenen Blätterschmuck, in denen die Sonne durch die gewölbten Himmelsfenster sich malt! – Nein! – Wenn man liebt, – wahrhaft – so zieht nicht fremder Reiz ab von langgehegtem Liebesreiz. – Des Allvaters Wunderschöpfungen waren dem liebenden Aug nicht sichtbar, und der Lobgesänge ewiges Echo, das die Himmel durchdröhnt, widerhallte nicht an seinem Ohr. – Nur seines Apfels Schöpfer gewahrte er im Erzeuger aller Majestäten und auch der einsamen Kinder der Wüste. Der weiße Bart umfloß wie Morgenwolken der Menschheit göttlich Ebenbild und sonderte mild den Gott ab von der zerstreuungsvollen Allheit des Himmelsreichtums. Kein Reflex der tausendfarbigen Phantasie wagte in dieser einsamkeitstrahlenden Weißheit des Bartes sich zu spiegeln.

Hier fühlte der Fremdling sich zu Haus! – »Strömt's nicht dort, wie vom Kohlenmeiler der Rauch bei scharfer Morgenluft durchs Gebüsch sich drängt? Und wie an Tanne und Kiefer die aufsteigenden Nebel in Flocken sich hängen?« – Nein, es ist des Bartes Fülle, aus der ein göttlich Menschenantlitz vertraulich ihn anstrahlt. Da reicht er sein Liebstes dem Gott zum Geschenk, wie fromme Kinder tun.[7]

Gottvater nimmt die Gabe, ohne sie zu betrachten. Er kennt seiner Schöpfung Erzeugnisse auswendig. Obschon er vielleicht manchmal in ihrer Beschauung sich auf sich selber besinnt. Er stellte den Apfel hinter sich auf den Kaminsims, sein Blick aber hat den unbefangenen Geber erfaßt, der fortan nicht mehr dem Apfel, sondern dem Erzeuger aller Schönheit in liebender Betrachtung huldigt.

Hätte ein wohlgebildet Rund ebenso dieser Gabe Reiz verliehen, wie der begünstigte Apfel von der Natur ihn empfängt, so wär auch hier wie bei Gottvater auf Nachsicht zu hoffen; und würde auch kein Aufhebens von diesem Apfel gemacht, so wär doch nicht zu fürchten, daß er verachtet die Stufen wieder hinabrolle, die er in begeisterter Geberlust hinangetragen war; am Baum der Erkenntnis gewachsen, der nur lockende Früchte trägt, ist er dennoch schief und krumm geraten, Adam und Eva würden eine Ewigkeit sündenfrei im Schatten des Baumes stehen, ehe sie vor Langeweile in den schlechten Apfel bissen.

Ach, die Langeweile kann schwerlich sich durchschleichen zwischen den Horen, die mit Blumengewinden den ewig geschäftigen Tanz der Musen durchschlingen auf den Stufen des Thrones, eines Königs, der sie liebt. Eifersüchtige Musen! – Ihr machet nicht Platz, – Ihr senket das Haupt nicht und schlummert ein Weilchen, daß die Langeweile könnte kommen mit dem Apfel, der mit Komma und Frag- und Ausrufungszeichen wie mit mancherlei Sommersprossen übersät ist. Und der gütige Humboldt, der Große, der Weise, der auch Geringem sich neigt, möchte der ordnend, mit mildem Wohllaut und mit des Geistes Betonung, den Apfel genießbar machen. Vielleicht! – Ja, vielleicht dann lief er euch Musen den Rang ab.[8]

Quelle:
Bettina von Arnim: Werke und Briefe. Bde. 1–5, Band 3, Frechen 1959, S. 7-9.
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