Zweites Gespräch

[88] Wollen wir im gestrigen Text fortfahren? frägt die Frau Rat, nachdem sie ihr Vergnügen bezeigt hat, daß der Pfarrer Glockenschlag fünf eingetreten war.

»Die Frau Rat haben gestern die Bemerkung gemacht, die ich sehr gern von Ihnen erläutert haben möchte, Sie sagten vom Geist Gottes, im Drang der Schöpfung vergesse er der Lebensbedürfnisse, und überwinde sie aus feuriger Begeistrung. Sie glauben also, der göttliche Geist habe noch sinnliche Bedürfnisse?«

Fr. Rat. Die Wünschelrut schlägt bei Ihnen auf dem rechten Fleck an; also die Gab, Goldadern aufzuspüren, ist Ihrem Geist nicht versagt, da hab ich Hoffnung, wir werden uns verständigen. Wir wollen uns aber nach den hergebrachten Sitten der Bescheidenheit nicht richten, wo man lieber einem Esel nachgibt, um ihm nicht vor den Kopf zu stoßen. Das gehört zum Kapitel der Heuchelei und ist Superklugheit, die mit dem Qualm ihrer Tranlampe Gegenwart und Zukunft verdunkelt und den freien Geist als ausländische Ware mit der Grenzsperre belegt und gar nicht bedenkt, daß er Flügel hat wie die Morgenluft; wo er nicht eingelassen wird, ist nur dumpfer Aufenthalt für Eulen und Fledermäus, wie ich mir das hab erzählen lassen von Reisenden, die in Ägypten in die unerhört groß Pyramid bis in die oberst Spitz mühselig gekrochen waren. Was hatten sie davon? – daß sie in der verdorbnen Stickluft, umströmt von fliegendem und kriechendem Geschmeiß und Ungeziefer, ganz gebückt einer halsbrechenden Trepp haben hinaufklettern müssen. Sie streckten den Kopf zum Gaubloch hinaus, was sahen sie? Himmelsraum! – unendliche Wolkenscharen zogen dahin, ungeheure Speere von Sonnenstrahlen durchstechen da die Wüste, und in der Nacht die unendliche Sternbilder, die wieder andre sind auf jener Erdseite, als wir von diesseits erblicken, die hängen da in der klaren Luft, der Geist kann sie mit Händen greifen, so deutlich nah schimmern sie herab. Was ist das aber so einem eingesperrten Pyramidengläubigen? – Antworten Sie doch, Herr Pfarrer! Was sagen Sie dazu?

»Ich weiß gar nicht, wo Sie hinauswollen.«

Fr. Rat. Auf die echte Besonnenheit wollt ich hinaus, die das Walten ist in der Natur, ihr Geist ist das Selbstgefühl vom Allseitigen, ist dem seine Lebensquelle. – Von wessen sie nicht besonnen ist, was sie in sich nicht empfindet, das lebt nicht, das ist nicht. Was sie nur mangelhaft empfindet, das kann nicht sich vollenden, was sie sinken läßt in ihrem Bewußtsein,[89] das stirbt ab, was sie durchstrebt, das bildet sich fort, sie ist der Schöpfungsatem, sie spielt das Sinnliche ins Geistige, in den Begriff, das ist das höchste! – All die unendlichen Himmelslichter, – wär die Natur nicht das Bewußtsein von ihnen, sie könnten unserm sinnlichen Aug sich nicht begreiflich machen, und alles, was im Naturbewußtsein seinen Ursprung und fortwährend Leben schöpft, das führt zur Wissenschaft, zu ihrem Begriff. Das ist alles, und die Natur ist überhaupt das Bewußtsein vom All, und sonst nichts.

»Dies sind Axiome! sehr kühne Axiome, zum wenigsten müssen sie als solche angenommen werden, denn beweisen lassen sie sich nicht.«

Fr. Rat. Was läßt sich denn beweisen? ich frag, Herr Pfarrer? – Ich will nur eins hier bemerken nämlich ein Beweis ist allemal eine Lüge.

»Aber Ihre Gründe sind doch wohl Beweisführungen?«

Fr. Rat. Machen Sie mich nicht toll! wo hab ich je Ihnen zugemutet, etwas sich beweisen zu lassen? – wenn ich eine Nuß Ihnen in die Hand drücke, so brauch ich nicht zu beweisen, daß sie einen Kern hat, es versteht sich von selbst. Alle Wahrheit versteht sich auch von selbst, und dazu braucht es keine Gläubigen. Wahrheit wirkt auch ohne den Glauben und braucht auch nur sich selber zu verstehen, um sich zu entwicklen und alle Geschöpfe in sich.

»Es ist bös mit der Frau Rat streiten, Sie nehmen keine Räson an!« –

Fr. Rat. Ja, was soll man sich damit aufhalten, Sie bringen aber Worte an wie Wetzsteine, der Zorn schärft sich dran, aber verdauen kann man sie nicht. Was ist nun das wieder: Axiome?

»Das sind Ursätze! Wahrheiten, die keines Beweises bedürfen.«

Fr. Rat. Herr Pfarrer, hüten Sie sich doch vor denen Ursätzen und vor den Beweisen, die davon ausgehen. – Was ich von der Natur begreife, das ist ein lebendiger Strom der Wahrheit, was sie ist, das bildet unser Leben; sie durchströmt uns und nimmt unsere Seelen auf in sich und trägt sie wie Wellen. In ihrer Strömung besteht das Leben der Seele, eine Welle trägt die andre, je mehr Fülle der Strömung, je voller das Leben des einzelnen, so wie auch ein einfacher Ton von der Harmonie auf den höchsten Gipfel gehoben wird, wo er alle bestimmt und die einzelnen Tonarten anknüpft. Eine Welle kann nicht bestehen, aber eine Strömung aus vielen Wellen, die trägt jede einzelne Welle in sich. Daraus schließ ich, daß ein einzelnes Leben nicht bestehen kann, es geht erst hervor aus dem Alleben. Das Allebendige strömt den Lebensgeist jedes Einzellebens in sich. Leben in sich ist! – Ist überhaupt die Ausströmung des Alls. Was haben Sie zu entgegnen? – Sie stieren mich an, wo ich das her hab? – Ei, ich stier Sie auch an, wie's möglich ist, daß Sie das nicht in sich spüren sollten? – Der Herr Wirt vom Weidenbusch hat mehr Lebensmitgefühl im jungen Wein, wenn der in seinem Keller braust, als Sie selber von sich haben, der Sie ein moussierender Wein sind des Naturgeistes. Verstehn Sie, Herr Pfarrer? – verstehn Sie, der Menschengeist ist der moussierende Wein, der in der Sonnenglut[90] des Naturgeistes gereift ist, und all seine große Kraft des Begriffs, sein Geistesfeuer, aufzusteigen in übersinnliche Regionen, das ist derselbige Lebensgeist, der vom Bacchus seinem göttlichen Feuer in den Perkel der Traube ist gezaubert worden, der dann und wann im Kopf eines Denkers wie Sie die schlafende Lebenskräfte moussieren macht; da steigen Geister auf und geben Zeugnis vom Gott im Wein. Nicht Scherz, Herr Pfarrer, großer heiliger Ernst! Wie ist's möglich, daß Ihnen selbst nicht die Lebensgewalt von Naturerzeugnissen vorab im Rebstock zu einem Einsehen sollte geleitet haben unserer geistigen Verwandtschaften mit ihnen. Im Opium, hab ich mir sagen lassen, findet die Phantasie die Wollust paradiesischer Gärten eingewindelt, in halbbewußten Schlummerträumen uns wieder mitgeteilt, als ob der Geist des versunknen Paradieslebens da ins Opium gebannt wär! – Woher haben wir eine Empfindung früherer vergangner Zeiten? – Woher badet sich unsere Einbildung oft im Wohlergehn, das uns überirdisch scheint? Was heißt Paradies? woher verstehn wir den Ausdruck? ist es vielleicht eine Rückerinnerung unserer Opiumszeiten? hat er in der Mohnblume geherbergt so gut wie in der Rebe, und hat die Natur im Geheimnis dieser Blume die Möglichkeit der Phantasie auf unsere Denkfähigkeit übertragen? Ja, Herr Pfarrer! ist vielleicht unser Menschengeist die auf alles sinnliche Geistesleben der Natur abgezogne Quintessenz? und ist jetzt durch unsere fünf Sinne in die Freiheit des Denkens geboren, in einen selbständigen Lebenslauf des Werdens? ist das Denken nicht auch ein sinnlich Werden des Geistes? und sind also unsere Gedanken nicht wieder ein sinnlicher Spiegel der Natur? – Wenn auf den Bergeshöhen unser Aug umherschweift, unter dem Wolkengetümmel, unter den gebrochnen Lichtern, die dazwischen spielen, oder wenn die Sonn im Purpur untertaucht, wie sind da unsere Seelensinne aufgeregt? wie glüht dem Jüngling die Brust? Da kommen Gelübde aus der Brust gestiegen ewiger Dauer, da kommen Ahnungsgefühle des Werdens, da brütet die Natur über dem Menschengeist, und wenn der blaue Äther uns umfließt, weit hin, ungetrübt, da schlägt der elektrische Freiheitsfunke uns durch alle Glieder und durchfährt auch diesen unermeßlichen Raum und schlägt wahrscheinlich mit aller Sterne elektrischer Kraft zusammen, denn erlöschen kann er ja doch nicht! Also wo bleibt er, wenn er nicht die Himmel durchdröhnt und endlich im Busen die Urkraft sich einwühlt? – Und in der Nacht, im Sternenschimmer? Herr Pfarrer, werfen Sie nur einmal die Nachtmütz ab, um Mitternacht, strecken Sie den Kopf zum Fenster hinaus, Sie werden's gleich gewahren, wie alle Sterne bedenkliche Strahlen auf Ihr Denkkapitol herabsenken! – O, Sie werden's gar deutlich spüren, es wird zu stark kommen, Sie werden den Kopf geschwind mit Ängsten wieder zurückziehen, weil die Äonenlehre zu mächtig vom Himmel strömt ihrem schlummernden Denkvermögen, es kann sich nicht aufrappeln aus dem bisherigen Unwesen, wo der Geist wie ein gefangner Kanarienvogel von eim Stängelchen zum andern hüpfte und hat dabei sein Liedchen gepfiffen,[91] aus Leibeskräften, jetzt strömt auf einmal die Freiheitsluft in sein vermacht Winterquartierchen. Sie halten's für Zugwind, für Ketzerei, oder für was weiß ich, Sie glauben, es könnt der Teufel sein, es paßt ja nicht zum Text von Ihrer Predigt, die Sie eben memorieren wollten, die Predigt ist zum Teufel, das schadet zwar nichts, aber Sie setzen die Nachtmütz wieder auf und ziehen Ihr Denkkapitol wieder in ihren alten Nachtschweiß zurück. Was fürchten Sie, Herr Pfarrer, auf zwei Stängelcher können Sie sich nicht weit verirren, derlei Predigten können Sie ja unzählige aufs neue erfinden, nur daß sie eigentlich all zum Teufel ins Nichts übergehn. Sie sind verwirrt, weil die Sterne selbst auf so viel verwirrtes Zeug stoßen in Ihrem Kopf, das vor denen nicht bestehn kann. Wenn Sie aber Mut hätten auszuharren in der freien Nachtluft, dann würde erst der Keim des Vertrauens in dies Leuchten der Sterne in Ihnen ansetzen, und allmählich mit der Glorie einer höheren Morgenröte Geistesblüten zum Licht tragen, die in inniger Übereinkunft mit Natur und Gottheit auch ihre Vermittlung in denen fänden. –

Das Keimen vom Samen ist Vertrauen in die Erde! Sie sehen, was die Erde dem Keim tut, das tut der Naturgeist auch dem Vertrauen in ihn, er wärmt, er brütet, er weiht alle Kräfte nur dem Lebensgeist, damit das Menschwerden in dieser Naturbesonnenheit sich gründe. Der Mensch ist das Gefäß ihres ganzen Gehaltes, alle Seele, die durch ihr Wirken sich entwickelt, strömt in der Menschenseele zusammen, aller Geist, der durch die Erscheinungen der sinnlichen Naturwelt aufsteigt, drängt sich als sinnliche Geisteswärme im Menschen zusammen, sie ist der Glutherd, von dem der echte Menschengeist, der das Göttliche sucht und es über sich spürt, als Flamme in den unsichtbaren Gottheitsäther aufsteigt.

Der Merkzeichen, die mich auf diese Denkspur führen, sind unendliche, wem der Blick darauf gerichtet ist, dem schimmert's durch alles, was ihm begegnet, und dadurch strömt ihm die Befähigung der Weiterbildung. Was ich wahrnehme, das hängt mit mir zusammen, bildet Leib, Seel und Geist, und bloß durch den Einfluß der ganzen Natur kann ihr höchst Geschöpf, der Mensch, gedeihen, und so muß denn alles in ihr die Vermögenheit von seinem Sein zusammenweben.

Da – trinken Sie erst, Herr Pfarrer, und dann sprechen Sie, damit Sie mir keine zu nüchternen Reden vorbringen, ich will indessen auch mein zweit Glas von dem prächtigen Ungarausbruch leeren, den mir der Herr Bürgermeister Holzhausen zum Neujahrstag verehrt haben.

»Ich sporne mich an, Ihnen zu folgen, Frau Rat, doch muß ich alle Augenblick stocken. Wenn Sie's erlaubten, ich möchte einen Einwurf machen.«

Fr. Rat. Machen Sie doch mit Ihren Redensarten kein lang Gesperr, fahren Sie heraus mit Ihren Einwürfen, was schadet das mir, mein Geist strömt über, ich werd Ihnen auch gleich seinen Ungarausbruch zu kosten geben.

»Die Tauben, die Blinden, kurz, jene menschlichen Geschöpfe, die einen Wahrnehmungssinn weniger haben, in welche die Natur (nach Ihrer Denkweise)[92] den Geist ihrer Erzeugnisse aus dem gebundnen Zustand in jenen höheren des Denkgefühls überträgt, diese Wesen müßten daher auch die geistigen Fähigkeiten, welche auf den mangelnden Sinn angewiesen sind, entbehren. Kurz, die Menschen, in bezug auf Geist und Seele einer Sinnenbefähigung beraubt, würden dann auch als unvollkommne Geisteswesen, denen ein geistig Organ fehlt, nicht mehr vermögend sein der Ihnen so heiligen Geistesfreiheit, die Sie als einzige Willenskraft der Natur bezeichnen, da eben diese durch den Mangel eines Sinnes nie ganz von der Natur durchgebildet werden könnte und also abhängig vom Mangel und gebunden sein würde.«

Fr. Rat. Ob ich Sie versteh, weiß ich nicht, ich muß mich auch anstrengen, dahinterzukommen, was Sie mir da in den Weg werfen, es wär doch recht lächerlich, wenn wir alle beide mit unserm Ingenium immer einer über den andern hinausstolperten.

Es gehn der Welt durchs Disputieren mehr Begriffe unter, als erstritten werden. Von der politischen Gewalt ist uns ohnedem der Spielraum sehr knapp zugemessen, in dem wir den Reichtum unserer Geisteskräfte üben können, deren gleich den Naturprodukten mehr zugrunde gehen, als wir verzehren. Doch werde ich Ihnen jetzt antworten, so gut ich's vermag.

Gewiß! es gibt Kreaturen, die mit allen Begriffswerkzeugen der Natur ausgestattet sind, und doch ganz unfähig, mit denen zu fassen. – Christus hat schon über die sich gewundert, die Ohren und Augen haben und hören und sehen nicht. – So würden die also, denen ein Sinn mangelt, nur mit der Gesamtmenschheit, die keinen Freiheitsreiz hat im Geist und in den Sinnen, gleichstehn. Aber die Freiheit im Geist ist viel zu tief begründet in der Natur, als daß sie irgendwie von einem Sinne abhängig wär. Hier treten höhere moralische Kräfte ein. Die Natur schafft ihre Geister – es sind die höchsten Vermögenheiten, die aus ihren Erzeugnissen zuvörderst sich bilden.

Entstehen, sich bilden, ist nichts anders, als frei werden. Jed sinnlich Wesen ist zugleich ein Geist, der aufsteigt aus sich in die Freiheit. Gesehen, gefühlt werden vom höheren Wahrnehmungsvermögen ist die Freiheitswelt des aus der Sinnenwelt aufsteigenden Geistes. Der starre Stein, der mächtige Fels, auf dem hie und da nur so viel Nahrung sich findet, daß ein begrünend Pflänzchen sich ihm anschmiegt, der in seinen Spalten so viel Tau und Regen sammelt, um seinen abrollenden Staub zu befruchten, worauf das glatte Stämmchen der Silberbirke himmelanstrebt mit seinem reinen kindlichen Laub, nun, der macht dem Gemüt einen tiefen Eindruck, es wird durch ihn gestimmt zu Wehmutsgedanken, ja die Seele des Menschen ist wie eine tönende Leier, und fühlt die Geistesfinger in die Saiten sich greifen und sie stimmen, und schöne Harmonien aus ihnen wie herrliche Geister losbinden; die steigen auf, sie treffen zusammen mit ihresgleichen auf Bergen und Auen; sie treffen zusammen mit tausendfachem Echo aus dem Busen der Menschheit, in dem der Gott Mensch geworden ist. Was soll aus[93] diesem allen werden? soll es zerplatzen wie leere Seifenblasen, die einen Augenblick lang der Seherkraft die umgebende Welt spiegeln, und dann nicht mehr sind? – Ja, Herr Pfarrer! wie schön ist eine Seifenblase, welch köstliche Lehre schwebt sie dahin im Sonnenschein. Ja, mich befällt Wehmut über ihr anmutig Dasein! ich schäme mich nicht der Träne, die mir da über die Backe rollt. O Sonne, du anmutige Göttin, du umkreiselst sie mit deinem tausendfarbigen Spiegel! Was hast du ihr gegeben? ein geistig Dasein! wer kann das leugnen? – Des Menschen Aug hat sie ja geistig gefaßt, die Seifenblase! – sie hat seine zerstreuten Gedanken durch das verliehene Farbenspiel der Sonne auf sich gezogen, sie ist nun zum Dasein gelangt im Geist des Menschen; sie hat ihn bewegt, geweckt, gehoben; er hat auf ihren Flügeln sich aufwärts getragen gefühlt, zum Schöpfer aller Dinge, und hat in ihm geschwelgt; vom Gottheitsnektar getrunken, einen gar süßen Tropfen! Was ist aber aus der Seifenblase indessen geworden? – sie ist ja zerplatzt ins Nichts, – wo ist nun noch eine Spur der Majestät, mit der sie umkleidet war? – geht es so mit ihr, die erst so schön gefärbt war mit dem Strahl des schönsten Frühlingsscheins, daß sie ins Nichts verschwindet? – ja, sie verschwindet ins Nichts, aber ihre Erlösung ist da! sie geht über als magischer Geist in die Sonnennatur des Menschen, das ist ihr Fortbestehen in sich; und dann geht sie über in den Sonnenschoß, der sie begeistigt hatte, und das ist ihre Einverleibung ins Göttliche. So ist es mit dem Menschen auch; ein verliehener Funke der Gotteskraft, der in ihn sich einsenkt in dem Werde, der bildet ihn zur selbstgeistigen Natur, die in den Ewigkeiten sich zerfließt und nur da selbständig sich wieder hervorbildet, wo die Willkür des Geistes mit durstigem Munde sie zu trinken begehrt. Und, Herr Pfarrer, schenken Sie sich noch einmal ein und mir auch – – vortrefflich! das labt! –

Aber ich hatte Ihre Fragen fallen lassen über der Seifenblase, wir wollen sie wieder aufnehmen. Erstlich bemerk ich nur, wenn die Seifenblase einer doppelten Erlösung gewärtig sein kann in ihrem einfachen kurzen Dasein, so wollen wir nicht verzweifeln, daß auch der gebundene Sinn im Menschen eine innere Erlösung fände und – vielleicht – eine doppelte Entschädigung! Die Natur schafft ihre Geister, ich hab's Ihnen bei der Seifenblase bewiesen, Geister dringen überall durch, sogar der Geist des starren Steines fährt an die Menschenbrust an, schlägt Feuer aus der, macht einen Helden aus dem Jüngling, der ihn zu fassen mit Liebe befähigt ist. Nun! bedenken Sie sich das Spiel der Geister, der millionenfaltigen Geister, die all den Charakter tragen ihres eigenheitlichen Ursprungs, die zusammenströmen, aus dem Reich der Verschiedenheit in harmonische Einheit übergehen, die dann wieder in unzählige Funken auseinanderfliegen, und wo jeder auf eigne Weise entzündet. Diese Geister, als magische Kräfte der Natur, leisten ihr da wieder Dienste, wo sie mit sinnlicher Anstrengung nicht weiter dringt. Die Natur hat Geist, zu was hat sie den, wenn sie mit ihm auf die Fragen der Notdurft nicht antworten könnte? – Die Natur hat Geist und schafft[94] Geister, und die dienen ihr und durchdringen das taube Ohr und das scheinlose Aug! Wo aber der Freiheitsreiz mangelt, selbst den feingebildetsten Sinnen, was helfen da Augen und Ohren? sie hören und sehen nicht. Christus klagt darüber als der Scheidewand, an der seine Begeisterung abgeprallt war, diese Blind- und Taubheit sehender Augen und hörender Ohren. Aus innerster selbster Bewegung muß der Lebenstrieb hervorgehn, der sich reift in seinen Wahrnehmungen, der sich selber begegnet und erhöht in der Seele der Luft, im Gemüt der Erde sich nährt, im Feuergeist sich entzündet, und im Strömen der Wasser der Allgemeinheit sich verbündet.

Der ewig am Gastmahl schwelgt aller geistproduzierenden Naturstoffe, dem die Gewalt dient der ganzen Natur, bloß um sein Sein zu gründen und zu nähren, und sich selbst ganz in ihm der eigenheitlichen Kraft einzuverleiben, die hier im Menschen selbständig Leben wird. Ja, was ist der anderes als der sich selbst genügende, aus sich selbst entspringende Funke der Geistesfreiheit? – Was stutzen Sie? – haben Sie was dagegen? – Nur heraus mit der Farb! – Sie meinen vielleicht, weil ich da schon das dritte Glas Ungarausbruch auf mich wirken lasse, so wanke der Wandelstern meines Bewußtseins aus seiner Mitte heraus! – Was kann Ihnen aber das beweisen? – Kommen Sie, stoßen Sie an. – Klirr! – noch einmal! – Kling klirr! – Vorab beweist's Ihnen den verborgnen Natur-Gottesgeist, der, im Rebensaft entbunden, zusammenströmt mit dem umnebelten, gebannten menschlichen Freiheitempfinden, und die ersten Gelübde des Sonnendienstes in ihm aufregt: – Herr Pfarrer! der Bouteille muß der Hals gebrochen werden, trinken Sie. – Setzen Sie nicht ab, sag ich Ihnen, wenn Sie mich nicht erzürnen wollen! – Halt jetzt! – reden Sie kein Wort! – trinken Sie! Ein Mann, ein Kanzelredner, kann ein gut Teil kleiner Weingeister in denen sonntäglichen Reden durchschlüpfen lassen, sie schweben da so sanft, so geheuer von der Kanzel hinüber auf die gottseligen Zuhörer, sie breiten die Schlummergardinen vors Konzept und entfalten eine sympathetische Übereinstimmung zwischen der Gemeine und ihrem Hirten! – um durch träumerischen Nebel des Unsinns die sich kraus machende Lüge, die drin herumschwiemelt, so viel möglich unschädlich zu machen! denn auch die Geister des Weins sind der Lüge Feind.

Jetzt lassen Sie uns einmal ermessen, wer besser fährt mit seiner Weintaktik? – ich, die von den Wallungen des Gottes in meinem Blute wie vom schnelleren Wellenschlag getrieben, besonnener und echt poetisch mich fühl, oder Sie, die dem Wein, als dem Vater der Lüge, dergestalt zu imponieren wissen, daß er duckt vor Ihrer geistlichen Würde und als Gespenst sich in den Hintergrund Ihrer Seele schleicht, wo es auf den Zehen sich bald ganz lang macht wie ein dünner Hausgeist, der in der Langenweile, die ihm da aufgespart ist, sich mit miserablen monotonen religiösen Untersuchungen herumbalgt, dann Gottesbetrachtungen anstellt, die aber zur unrechten Tür herausgehn und auf ein Feld geraten echt reiner philosophischer[95] Systeme, wo es im Charakter der Trockenheit als Schauspieler erster Größe auftritt, so daß das Gespenst in Ihnen ganz unwiderstehlich unausstehlich sich zeigt, und dann sich wieder rund macht wie die Weltkugel, als Trunkenheitssymbol des Universums, und Sie wagen höchst mutig das runde Ding bei seine beide Hauptflittig zu erwischen wie einen Schmetterling mit dem Daumen und Zeigefinger Ihrer theologischen Weinverklärung, und versinken in Betrachtung, reden das runde Gespenst in Dithyramben an und – und ich kann Ihnen sogar sagen, was da Ihre Hauptanschauung ist, die Ihnen der Offenbarungsstoff des Weins lieferte.

Sie denken an die Lieb Gottes, wie die dem großen Sünder in Ihnen zu Leib geht – »das ist die Rührung Ihres Weinrauschs;« »je sündiger der Mensch sich fühlt, desto christlicher!« – das ist das Behagen im Wein, der hier in Ihrem Rausche als Trost Sie überkommt! – »Ja, die Sünd reizt die Liebe der Gottheit!« ruft Ihnen der aufgeregte Feuergeist des Weins ins Herz. – »Und es liegt ein Zweck in der Sünde verborgen, der immer lebendiger wird und endlich aus ihr hervorbricht wie die Ananas aus dem Mistbeet!« Das ist das letzte, was Sie im Schwung Ihrer Weinbegeisterung vom hohen Himmel als segensreiche Offenbarung auf sich herabregnen fühlen, und haben Stoff zu einer mächtigen balkenbiegenden Rede.

Derlei Gedanken lese ich in Ihrem rührungschwimmenden Aug, Herr Pfarrer, – die Weinträne rollt Ihnen längs den Backen herunter! nicht mit Unrecht, denn Ihrem Ingenium spiegelt der Geist des Weins da eine tiefe Anschauung. Aber durch das Prisma der Vorurteile und poetischen Eitelkeiten nimmt alles eine schiefe Gestalt an, Ihre Begeistrung geht auch schief. Sie schlagen ans Herz! Mea culpa! Sie gedenken der Maiblümlein und Vergißmeinnicht, deren Sie in Ihrem vom Rheinweinräuschchen unterstützten Rührungssermone so viele Wiesen voll am Rhein einst verpredigt haben. Sie gedenken der Abendröte, der fernen Glockentöne, der Särge, der Bahrdecke, der Sense, mit welcher der Tod die reife Ernte mäht, Mutter und Kinder, Bräutigam und Braut müssen Ihrem Rührungssystem als Opfer dahinfallen wie die Wiesenblumen. Dies alles hilft Ihnen der Weingeist aus der Rührungsgarderobe hervorsuchen, sie putzen es auf zu einem schönen Katafalk der schnell dahinschwindenden Zeitlichkeit – die ganze Gemeine zieht die Schnupftüchel heraus, es wird ein Geräusper, ein Geschnaube, es klingt unter Ihren Schalldeckel hinauf, wie das Blöken der Herde. Sie fühlen sich als echter Hirte in höchst poetischer Aufwallung, und – ja die Träne! – der Gott im Wein lacht da heraus, wo Sie aus seinem Lachen heraus weinen. Nun sehen Sie, das ist Ihre Trunkenheit.

»Die Frau Rat werden doch nicht glauben, daß mich der Wein übermannt.«

Fr. Rat. Wollen Sie nun gleich Ihr Glas leeren, daß wir an die zweite Flasch kommen. – Was wollen Sie da lang untersuchen, was ich glaub oder nicht glaub? – Bedenken Sie, im Rausch ist keine Verantwortung. Drum hab ich immer die Flasche bei der Hand, wenn einem was verdrießt, was ich vorbring, Hochverräterisches oder sonst Despektierliches, worüber einer mir[96] könnt eine Verantwortung zuschieben, dann hat's die Flasche getan, denn daß es die Wahrheit ist, was ich vorbring, das gibt ihm keinen Freipaß, aber die Wahrheit, die im Wein gesagt wird, die wird nicht beachtet, das ist schon wieder eine göttliche Eigenschaft des Weins, daß er die Polizeispürnasen überlistet, und kurz, wehren Sie sich nicht, trinken Sie! – Klirr – auf einen gesunden Rausch, in dem wir die Wahrheit dahin rauschen lassen mit ihren mächtigen Fittichen, ohne Bedenken, ob wir uns das sagen, was die Menschheit Grobheiten nennt, wenn wir ihn ausgeschlafen haben, so wissen wir beide nichts mehr davon. Wissen wir doch jetzt kaum, was wir eben einander entgegneten.

»Dagegen muß ich durchaus appellieren, Frau Rat, denn ich weiß noch sehr wohl alle die Dinge der Unmöglichkeiten, die Sie in Ihrer muntern Laune zu behaupten beliebten und denen ich durchaus nicht beistimmen kann.«

Fr. Rat. Desto schlimmer für Sie, denn ich werd Sie aus dem Sattel heben, meinen Sie nur nicht, daß ich meine Behauptungen gegen Sie nicht durchführen könnt.

»Zum wenigsten werden Sie die Widersprüche müssen aufgeben, mit denen Sie meine Gegenreden allemal aus dem Geleis bringen wie vorher, wo Sie grad in die Luft hinein behauptet haben: ›Der Beweis sei allemal eine Lüge,‹ da hatten Sie das zweite Glas Tokaier noch nicht getrunken!«

Fr. Rat. Jetzt aber, wo ich das vierte Glas in der Hand hab, da werd ich Sie darüber aufklären. Ich weiß recht gut, Sie sprachen von Axiomen, von Ursätzen, die sich nicht beweisen lassen, und da sagt ich, der Beweis sei allemal eine Lüge! – Nun, es lassen sich tausend Gründe dafür anführen, ich hätt aber gedacht, es müßt Ihnen einleuchten, daß, wenn das All sich im Menschen vergeistigt, so ist ihm nichts mehr zu beweisen! Ich mein ferner, daß, wenn jedem einzelnen die Wahrheit anders sich spiegeln muß in seiner Eigenheitlichkeit – denn ich bin ein andrer wie Sie –, so muß jedes Übertragen auf mich, jedes Beweisführen eine Bürde sein dem freien Geist. Ich mein auch, daß jedes Beweisführen ein egoistisches Rechthaben ist, tyrannisches Eingreifen in die Magie der Wahrheit, und das ist eine Lüge, eine grausame Lüge, daß man sie feststellt. Tausendfarbiger Wechsel der Empfindungsreihe, der Gedankenstimmung leiten den Begriff, heute ist der ein Held, ein dem Glücksrad in die Speichen greifender Unüberwindlicher, der morgen nur leidend wie ein flüsternd Rohr vom Abendwind sich hin und her beugt. Ja, das ist wahr, nicht dem gefangenen und gebundenen Sklaven irdischer Lebensapplikatur, aber dem freien unbedingten Geist ist alles dies ewige Naturspiel des Geistes angewiesen, wo nichts bewiesen kann werden, wo jeder eigenheitliche Begriff sich verluftigt, das heißt zu allgemeinen Äther sich umwandelt und Naturatem wird. Ja! denken Sie doch, Herr Pfarrer, ich, die nur in der Geistesfreiheit den Gott ahnt und in nichts anderm ihn anerkennt, in keiner Satzung. Wie ist's möglich, daß ich den Beweis zugeben sollt, daß der Beweis mit seinem ungeschlachten Meßstab dem Geist die edle schwanke Zaubergerte aus der Hand schlage, nein, der Beweis[97] ist eine schmachvolle sklavische Lüge gegen den Geist, der Zaubersprüche tut und wahr macht, kraft seines Gottheitsgenies, was der Beweis nie gründen kann. Ja, was kann der Beweis denn ausrichten, dem der freie Geist huldigen müßte? Der Beweis ist ja nichts für den Geist, nur was augenblicklich wahr wird dadurch, daß er's in sich spiegelt, was dem Zauber seiner Stimmung sich fügt und augenblicklich wahr wird, weil er, der Geist, es will. – Sie lachen? – Sie lachen ernstlich, ich seh's in der Gebärdensprach von Ihrem Gesicht, platzen Sie heraus, studieren Sie nicht so lang, wie Sie's verbergen wollen, Sie guter Pyramidengläubiger. Ihre vollkommne Lachphysiognomie ist mir ordentlich rührend. – Nun reden Sie, wenn ich nicht glauben soll, daß der Wein Ihnen einen Haarbeutel angebunden hat, den Sie mit Ihrem Schweigen mir verheimlichen wollen.

»Den Haarbeutel hab ich, Frau Rat, aber nicht Ihr Ungerwein steigt mir zu Kopf, als vielmehr der Wein Ihrer berauschenden Reden. Wie kann ich mir den Eindruck gleich zurechtlegen, den diese mir machen, wie kann ich sie so schnell verarbeiten als sie aus der Quelle Ihres Geistes sprudeln, es liegt ja in jeder Äußerung von Ihnen ein Material zu einer philosophischen Abhandlung. Das Gefühl, vermittelst dessen ein Denker die Materialien, die ihn berühren und einen frischtätigen Reiz in ihm wecken, das ist ein in sich gezognes, langsam ordnendes, kritisch scheidendes und sonderndes Prinzip. Während der Wein aus Ihnen spricht und Bilder und Gedanken in Ihnen weckt, die im Chor mitsprechen und eine Masse der eigentümlichsten Ideen vor mir auftürmen, Natur und Mystizismus, dabei ein kunstreicher Atheismus und die Schwärmerei der Begeistrung, gehört eine ungestörte, eine erhöhte geistige Einheit dazu, diese teilweise in sich aufzunehmen, teilweise auch zurückzuweisen.«

Fr. Rat. Potztausend, jetzt zeigt sich das lange Gespenst! wissen Sie, das unendlich lange in Ihrer Weinlaune, es guckt über den Rand von Ihrem Glas, schad wär's, wenn wir's nicht auch in seiner runden Gestalt zu sehen kriegten. – Es ist ein herrlicher sommerglühender Vorabend, sehn Sie den rötlichen Himmel dort im Westen, es ist hübsch frisch unter diesem Birnbaum. Ja! der Himmel lächelt über unsere weissagende Seligkeit im Wein, und über das echt poetische Spiel unserer Sinne. Herr Pfarrer, jetzt rekommandieren Sie sich Ihrem Schutzheiligen, denn ich schenk Ihnen noch einmal ein.

»Was die Frau Rat aber für eine Oberaufsicht über den Ihrigen Rausch führen können, das flößt mir Respekt ein, Sie haben eine Taktik wie ein Kriegsgott, man muß flüchten oder zu Ihrer Fahne schwören.«

Fr. Rat. Ich bewundre Ihr Vorrücken aus der Festung, wenn das nicht eine Kriegslist ist von Ihnen; eben hat Ihr Forscherblick noch hinter Ihrer Verschanzung hervorgepiept und einen langen Hals gemacht mit seinem »langsam ordnenden Denkvermögen«, mit seinem »kritisch in sich gezognen scheidenden Prinzip« und mit seine »durch Gefühl vermittelte philosophische Materialien« und was dergleichen unerschöpflich lange Nudlen mehr sind, die man dreimal um den Löffel wicklen muß, eh man sie aus der Supp[98] herausfischt, in der sie eingekocht sind, und nun marschieren Sie in aller Unbedenklichkeit mit klingendem Spiel aus Ihrer Pyramidenfestung heraus, um zu meiner Fahn zu schwören. Ei, ich bedank mich vor die Ehr und kann's Ihnen nicht versagen, aus Ihrer dumpfigen Pyramid in mein mit frischer Luft des Weltalls durchzognes freies Feld überzugehn, wo keine scharfsinnige Beobachter die Staubwolken einer Hammelherde mit langem Fernrohr in Augenschein nimmt, ob's nicht vielleicht der Feind wär, und wo nicht hölzerne Palisaden den unendlichen Gliederbau mechanischer Reden umsteckt, damit ja kein unökonomischer Geist zudringen kann, der alle Palisade abfrißt und in einer daherstürmenden Flut die Trümmer fortschwemmt, die dann für Zaunstecken dienen, und wo ein fürchterlicher Zugwind von Stadt- und Landreden als Sündflut dahergebraust kommt aus der Pyramid, und wo dann ein groß Jammer- und Klaggetön von Eulen- und Katzenbewohnern der Pyramid angestellt wird wegen dem Überläufer und wird wegen seiner gewesenen verpesteten Gegenwart alles durchgeräuchert. – Nun, was gucken Sie so träumerisch ins Glas? –

»Ich bin im Kampf mit mir selbst!«

Fr. Rat. Im Kampf? – Herr Pfarrer! übereilen Sie sich nicht mit Strafgerichten, Sie haben im Weinrausch versucht, den Fuß auf die Schwell zu setzen. Das ist ja kein eigner durchgeführter Wille, zu desertieren aus Ihrer Pyramidenfestung, Sie haben ja nur nach dem bißchen frischen Wiesengeruch geschnuppert, nach dem duftigen frischgemähten Heu meiner in den freien Geist verliebten Redensarten. Jed Tier, das an Stallfütterung gewohnt ist, schnuppert doch nach denen frischgemähte Wiesenblumen, das ist ja ganz naturgemäß! –

»Ich bin im Kampf mit mir selbst, was ich mir unter der Pyramid soll denken, die Sie da mir die Ehr erzeigen, als Festung über mich zu bauen.«

Fr. Rat. Ei, was zerbrechen Sie sich den Kopf, das konnten Sie mich ja gleich fragen! – Was soll's sein? – hab ich's Ihnen nicht gesagt? gleich im Anfang? – Eine große Wiese in Ägypten ist's; – eine Wüste, sagen die Leut, wär's, mit lauter heißen Sandwellen, die der heiß Samumwind aus Mitternacht, also wahrscheinlich aus dem Höllenrachen, ganz glühend angestürzt bringt und mit denen jed grün Sträuchelchen begräbt und manch Palme umstürzt, die den verirrten Landläufern als erquickenden Schatten gab, und manch frisch labend Wasserquellchen verschüttet, das nur allmählich wieder in ursprünglicher Klarheit zwischen dem öden Gestein sich durchbohrt, wo dann die gehetzte Füchsercher gesprungen kommen – und die durstige Kamele, die auch in der Wüste die Bürde des Unsinns durch die lange Steppe ihrer langweiligen Jugendzeit schleppen mußten, sich als endlich ein bißchen erlaben können, und wo sie sich dann ansaufen und platzen die Stricke ab ihrer unerträglichen Last. Ach, und dann toben und schreien Füchs und Kamele, daß es weit in die Wüste hinaus und an den harthörigen Felsen widerhallt, daß die ordentlich rührend zurückstöhnen, was die junge Fuchs- und Kamelschaften ihrem steinernen Busen vertrauen. Und da sind Grenzhüter,[99] Lauscher an der Wand, die vernehmen ein wahr Wort, das ärgert sie, und spinnen gleich eine dramatische Geschichte draus, die von den Füchs und Kamelen ihrer Seite oft parodisch, von den Grenzhütern des Kontrastes wegen meist tragisch behandelt wird. Was machen sich die Füchs draus, sie tragen verbündet mit brennendem Schweif das Feuer ins Lager der Philister, und die Kamele, wenn sie der Mut kitzelt, machen sich dick und platzen wieder ab, was ihnen lastet. Sie gucken ironisch Treiber und Grenzwächter und Inquisitor an, ob der nicht bald die Wassersucht kriegt, der die Gelbsucht und der die Auszehrung. Manchmal, wenn sie Morgenluft wittern, stellen sie sich im Kreis und jubsen über den neuen Tag. Ach! Wüste bleibt Wüste! es kommen neue Kameltreiber und Fuchsjäger. Aber die Pyramiden stehn in jener Wüste auch.

»Ach, nun merk ich, wo Sie hinaus wollen!«

Fr. Rat. Nur nicht so voreilig! Nun, ich setze den Fall, ein Pyramidengläubiger, Sie, Herr Pfarrer, wären einer von denen, die bis zum Oeil de bœuf (wodurch man aus der ägyptischen Pyramid der Finsternis hinausspuken kann) vorgedrungen seien. Sie sehen hinaus bei Tag- und Nachtzeit, alles ist große Stille auf derseitiger Erdkugel, hier und da ein Palmenbusch deutet dem durstenden Menschengeist auf eine Quelle, daß er nicht verschmachten soll. Die heilige Natur im stillen Wirken auch hier in der Wüste der Einsamkeit, – wollen Sie der ihre Göttlichkeit ableugnen? – und der vertrackt Pyramid einverleibt bleiben mit jenem Getierts, was nur in der Feuchtigkeit, im Mulder, im Nebel, in dem verdickten verdorbnen Qualm lebt? – Wollen Sie nicht mehr aus dem Allbrunnen der Natur trinken? wollen Sie nicht mehr zum dumpfigen Pförtchen hinaus zu ihr? – Darf da ein gesunder Menschengeist nicht zu Ihnen sagen: Kerl, du bist ein Narr! – was haust du da? – Laß die Frösch und Eulen, die Fledermäus und Kröten, die Schlangen und sonstige Amphibien, die dort ihr unterirdisch Sumpfquell haben, aber komm du heraus und bekenn dich zum Geschlecht des Heiligen Geistes! –

»Aber, Frau Rat, Sie überrumpeln mich, wer kann Ihrer Überredungskunst in die Zügel fallen? Sie führen auf Wege, wo man sein eignes Ich aus den Augen verliert. Kann man den Standpunkt nicht mehr beachten, von dem man ausging, so ist man in der Irre, verliert man aber den Zweck, auf den man lossteuert, dann ist man einem Wahnsinnigen zu vergleichen, und was man auch in solcher Lage zugeben wollte, dessen wär der Geist nicht zurechnungsfähig.«

Fr. Rat. Schlecht geantwortet, Herr Pfarrer, Sie ziehen den Kopf zurück aus dem Oeil de bœuf, in die ägyptische Finsternis der zu allem gemißbrauchten deutschen Philosophie. Ich weiß, was Sie denken. – Daß ich ja von der nichts versteh! – Und Ihre verzeihenden Blicke kündigen mir an, daß Sie mich aufgeben. – Ja, Sie denken an die tausend Jahr, die nötig waren zu diesem Ihnen schmeichelnden Ideal, das über Myriaden zu Staub gewordener Denker thront, die geschaffen waren, ihm zu dienen, ohne zu wissen, was sie taten, und sind ganz begeistert, daß Sie so viel später geboren sind, um[100] diesem aus den Bruchstücken vergangner Geschlechter vereinigten edlen schönen zweckmäßigen Ganzen anzugehören.

»Alles, was wir erfahren, ist Mitteilung, Geistesoffenbarung; unser jetziziger mangelhafter Zustand sucht nach Heilung, die christliche Philosophie ist ihre moralische Reinigung, sie führt uns in die Geisterwelt, die unser Schutz und Hort ist gegen das stürmende Meer unserer Leidenschaften, auf dem wir sonst Schiffbruch leiden würden mit unserer verwirrten Einbildungskraft; jetzt aber wissen wir die Klippenfahrt zu vermeiden, wir sehen dies Meer geebnet unter den Füßen des Gottsohns, der dem Petrus zurief: ›Was glaubst du nicht!‹ und die Hand dem zagenden Jünger festhielt, und ihn lehrte, auf brausendem Meere ruhig dahinwandlen!« –

Fr. Rat. Still einmal, Herr Pfarrer! – ließ ich Sie so fortschwätzen, Sie würden scharmant die Predigt vom nächsten Sonntag mir vormemorieren, die vermutlich für die ganze Gemeine vergeblich sein wird.

»Warum glauben Sie das? – Sind Sie, werteste Frau, nicht einverstanden, daß der wirkliche Lebenslauf Christi auch zugleich die hohe Allegorie ist unserer geistigen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung? und daß dies der eigentliche Wert ist und Begriff der Religionsgeschichte?« –

Fr. Rat. Nein, damit bin ich nicht einverstanden! Stellen Sie rund um mich her Fallen auf, ich werd mich in keine verlaufen. – Sie selbst auch will ich in keine Falle locken, aber stehen sollen Sie mir, und antworten. – Was Sie da erst sagten, von dem geebneten Meer, von den Leidenschaften, und dem Spazierengehen drauf, Hand in Hand mit Christus, sagen Sie das noch einmal! –

»Was soll Ihnen die Wiederholung von etwas, das Sie behaupten, nicht zu verstehen? – Wo die Bedeutung der Hieroglyphe fehlt, da geht auch der Sinn verloren!«

Fr. Rat. Herr Pfarrer! sehr närrisch ist, was Sie sagen! Haben Sie Physik studiert? – Antwort: ja! – Nun, so werden Sie zugestehn, daß man einen Sonnenstrahl nicht kann gefrieren machen? – – Aber ich setz den Fall, man könnt ihn gefrieren machen, so würde er doch ohne alle belebende Wärmekraft sein, sobald er gefroren wär, denn eine Hitze, die vor Kält erstarrt, und wie ein großer hölzerner Bock vom Sonnengerüst herab sich auf dem Rasen widerstemmt, zu was wär die? – Sagen Sie doch, Herr Pfarrer, zu was wär diese Hitze?

»Ach Frau Rat, auf solche Fragen zu antworten ist man nicht leicht vorbereitet.«

Fr. Rat. Nun? – Meinen Sie dann, Ihre Gemeine wär besser vorbereitet auf Ihre gefrorne und hölzerne Sonnenstrahlen, die Sie ihr als von Gott ausgehend auf die Brust stemmen, aber nicht durchdringen? – Sie fühlt das Gewicht Ihrer Lehre, aber nicht als wachsende Lebenskraft in sich. – Bis zum Gefrierpunkt kalt sind Ihre Weisheitsstrahlen, mit denen Sie da die Leidenschaften des Menschengeschlechts ebnen wollen. – Was soll das? – Wohin führt's? – Wer je hat die Göttlichkeit der Leidenschaften empfunden,[101] der ist auch göttlich durch sie geworden. Ein Genius der Menschheit. Einer, der in allen sich selbst empfindet! – »Was ihr jenen tut, das tut ihr mir!« – Leidenschaft ist das eigenste Selbstempfinden vom Genius der Menschheit. Dann ist der Mensch Zauberer, Poet, dessen willkürliches Verfahren immer Wunder tut, Wunder der Empfindung, der Phantasie und des Gedankens. – Ach, Herr Pfarrer! wissen Sie was? – In meiner Brust ist eine tiefe Bewegung, wenn ich so ins Demonstrieren komm! – Sie schlafen doch nicht ein? –

»O nein, Frau Rat, ich höre mit wahrer Hingebung Sie an.«

Fr. Rat. À la bonheur! Sehen Sie! Alles, was Menschenhänd gemacht haben, ist immer ein klarer Beweis für die Heiligkeit der Geistesmonarchie, die doch alles regieren muß, oder es geht augenblicklich in den Zustand der Vernichtung über. Alle Rebellion dagegen ist Selbstvernichtung. Ach, wären wir erst einmal in diesen Begriff festgewachsen, dann hätt auch der Keim der Unsterblichkeit Wurzel gefaßt in uns. Und ist es nicht ein großer Jammer für die Menschheit, daß die ganz albern in ihrem unausstehlichen Hoffart Gesetze errichtet gegen den Geist, der das göttliche Regiment führt, und schickt die Schergen aus nach allen Seiten, ihn zu fangen, selbst gefangen im eignen Unsinn. Endlich muß sie doch ihm parieren, sie muß, da wollen wir nicht verzagen. Gottes Werkstätte wird über der Dummheit nicht einstürzen. Und wenn auch die Pyramide auf unendliche Dauer gebaut ist. Der Geist kann im Erstickungsdampf nicht aushalten.

Ach, Herr Pfarrer, was sind Sie so schweigsam? – Sie verstehn mich doch wohl? – Hier den letzten Tropfen – grad noch die zwei letzten Gläser bis zum Rand voll! – Ohne Sorgen, Herr Pfarrer? – Die Abendluft zerteilt den Nebel wieder! – Lassen Sie uns fortfahren. – Nur das letzte noch will ich hervorheben, dann soll Ihr armer Geist Ruh haben, es war das erste, was Sie fragten: Ob ich das glaub, daß der göttliche Schöpfungsgeist Bedürfnisse haben könne wie der Mensch, und daß er aber nur aus lauter Eifer seiner schöpferischen Begeisterung darüber hinaus wär. Ja, das hatte ich behauptet gegen die Bettelkinder und denen geraten, sich nicht von irdischen Bedürfnissen übermannen zu lassen! – Da sehen Sie, wie der lebendig Geist sich überall durchklemmt! – Diese große unendliche Wahrheit, an die keiner von uns beiden gedacht hatte, stellt sich uns von selbst vor Augen! – Was die Seele gewichtiger macht und den Geist, das gibt Gewalt – gegen was? – gegen jene Gewalt, die den Geist übermannen will.

Sie fragen, ob dem Gottesgeist Bedürfnisse in den Weg treten? – Wenn Sie es nicht verhindern können in sich selber, daß die dem Gottheitstrieb ein fortwährend Gesperr machen, so wird er sich's müssen gefallen lassen daß, wo Sie an Gottesstatt auf der Kanzel sein Licht zu verkünden vor der ganzen Gemeine dastehn, diese am End nichts anders erfährt als das Rumoren dieser Bedürfnisse; die treten auf in allen Verhältnissen und tragen Masken der Weltweisheit. Aber dem Gott allein weichen sie. – Wir hoffen, wir denken, und fühlen die Zukunft in uns, wir reißen uns los, zum wenigsten[102] auf Augenblicke, von den irdischen Banden, Unsterbliches zu befördern. Der Schlaf flieht vor dem Geist, wenn der zum Unsterblichen sich regt. Essen und Trinken versäumen wir, von Müdigkeit spüren wir nichts – wie das durch manche große Tatsachen der Helden, der Denker und kühner strebender Geister bewiesen ist. Wo soll das Göttliche sich bewähren als im Irdischen? – Ist das nicht eine Lehre, klar und deutlich, über die Ewigkeit, daß die Unsterblichkeit das Irdische überwinden wird und muß? –

Suchen wir den Gott überall, doch finden wir ihn nur da, wo wir nicht uns vor ihm demütigen, sondern kraft des Göttlichen in menschlicher Natur uns als Helden fühlen. – Haben wir nichts vor, was den göttlichen Geist in uns spornt, so müssen wir alle Augenblick unser Leben fristen mit Essen und Trinken. – Herr Pfarrer was zählen Sie die Stern? – Ja, es kommen allmählich immer mehr Bedürfnisse, die von der Hinfälligkeit des Irdischen uns überzeugen, an das wir uns so sehr anklemmen und jede Lüge uns erlauben, um dran festzuhalten, als ob dies nicht selbst schon ein Beweis für seine Vergänglichkeit und Leerheit wär? – Wie ist es doch möglich, daß, wo der Geist auch nur einen Moment in Funktion tritt, das Irdische sollte eine Geltung haben als bloß nur, um ihn zu offenbaren? Nur ein Überwinder ist! Nur der göttliche Schöpfungsgeist – passen Sie auf, Herr Pfarrer – ist die Macht, das Vergängliche zu überwinden und in sich unsterblich zu machen. Das ist sein Leben, sein Sein, er ist das Lebendige. Das ist die Überwältigung des Unlebendigen, daß alles Geist werde, nämlich:

Was ist den Tod überwinden, wenn ich ihn nicht lebendig mache? Der unsterbliche Geist ist ein fortwährend Überwältigen des kurzatmigen Daseins, und so ist mir ganz prophetisch zum Mund herausgefahren, daß der göttliche Schöpfungsgeist vor lauter Lebensdrang keine Bedürfnisse hat. – Und von heut an glaub ich dran und an noch vieles, was darin sich ausspricht. – Würde aber der die Flügel hängen und einen Ruhetag benötigt sein, dann würde er auch Hunger kriegen, und schlaftrunken werden, dann würde die Begeistrung der Gottheit dem Magen unterliegen, eine fliegende Hitze würde ihn überkommen, bis er verdaut hätte. –

Begeisterung ist ein Element, ich vergleich's der Luft, die Unsterblichkeit ist ein guter Segler auf diesem Meer der Freiheit, sie beherrscht's mit eignen Gewaltsgaben und erschafft das Ewige, Große in ihm. – Was sehen Sie da üben nach dem Horizont? – Sehn Sie mir doch lieber ins Gesicht. – – Die Unsterblichkeit ist der Beherrscher der Freiheit, ihm beugt sie ihren stolzen Nacken, und läßt ihm jede Last aufbürden, und wahrlich, die Völker, sie sollen die Blüte der Unsterblichkeit in ihrem Herrscher zum Licht tragen, dann allein nur sind sie beglückt! nicht das Polster der Trägheit, nein die Armatur gespannter Tatkraft ist die Ruhe ohne Wanken des lebendigen Geistes im Staat, er überhebt sich keiner Mühe, er vermehrt sie ins Unendliche und in ihr seine Kraft. Das religiöse, das sittliche Vermögen, die Intelligenz aller Glieder und einzelner Kräfte des Staats, alle von der Basis der Unsterblichkeit ausgehend, und vom unsterblichen Willen, der König[103] ist, zusammengehalten, das ist's, was in der Flamme des Patriotismus als Unsterblichkeitsflamme aufsteigt. So wie die Natur aller Elemente Geist in des Menschen natürlicher Fassungskraft vereinbart, so muß aller Nationen Geist ein Element sein, in dem sich die Unsterblichkeit der Herrscher offenbart. – Nun, Herr Pfarrer, was sagen Sie? Dämmern Sie auf, scharmieren Sie nicht alleweil mit dem Abendstern, ich muß mich einmal auspausieren. »Mit der geziemenden Bescheidenheit und der gehörigen Achtung für das große philosophische Genie, was in jeder Ihrer Bemerkungen sich deutlich ergibt – so muß ich dennoch Ihnen bekennen, wie so manches Zweideutige, Unstete Ihrer Reden, das noch einer näheren Erläuterung bedürfte, mich hier ganz unfähig macht, mein Urteil auszusprechen. Glauben Sie ganz gewiß, daß ich Sie sehr verehre und daß dieser schöne Juliabend von 1807 mir ewig unvergeßlich sein wird.« –

Fr. Rat. Sind Sie schläfrig, Herr Pfarrer? –

»Ich bin nicht schläfrig, Frau Rat, ich bin in einem Erstaunen und Bewunddrung Ihrer humoristischen Wendungen, und ich erfreue mich hier im stillen der Reihe schöner edler erhabner Ansichten, die Sie in Ihr Gespräch verweben, ich examiniere mit heller Vernunft und ohne alles Vorurteil dagegen, daß Sie eine gefährliche Feindin sind so manches Bestehenden, vor dem wir Ehrfurcht hegen.

Alles, was Sie als Mißbrauch selbst und geradezu antasten! – ich bin nicht dagegen, daß Sie gegen jene Mißbräuche der Religion zu Felde ziehen, es kann ihr nicht so sehr schaden, als jene Indifferenten, – die kalten Gleichgültigen, die den Menschen so sehr verachten, daß sie ihn nicht wert halten, ihn aus dem Schlamm der Vorurteile herauszuziehen. Diese Leute sind zu fürchten, und ihre Zwecke, ihre Denkweise verdienen Aufmerksamkeit. Denn warum? – ihre Indifferenz geht oft im Augenblick zur wärmsten Parteilichkeit über, grad wenn das Maß unreifer Ansichten und verkehrter Einbildungen, was sie in kalter anscheinender Stille mit heimlichem Genuß sich füllen sehen, sich eben ergießt. Dann kommen sie mit dem Blick des Raubtiers und mustern Freund und Feind der guten Sache, als eine Beute für den gierigen Rachen ihrer Zwecke; sie vergessen aller Menschheitspflichten, der Freundschaft, der schuldigen Dankbarkeit, ja das Andenken des Guten, was ihnen selbst durch jene Einrichtungen des Menschenwohls geworden, um es über den Haufen zu stoßen und ihre eigne Überzeugung geltend zu machen.«

Fr. Rat. Herr Pfarrer, der Wein hat Ihnen mit dem Fuchsschwanz über die Augen gestrichen. In Ihrer Rede ist zwar eine gewisse Folge zu spüren von dem, was Ihr Besuch und Ihr »tieferes Examinieren meiner Reihe schöner edler erhabner Ansichten«, wie Sie's zu nennen belieben, bezweckt. Allein das war keine Antwort auf das, was ich zuletzt in meiner Trunkenheit Ihnen vorgetragen hab. – Weiß Gott, wohin ich mich verstiegen hab, ich weiß kein Wort mehr, aber die Stimmung hab ich noch, ich könnt gleich im Text fortfahren. Sie aber haben mit sanftem Huldlächlen nach dem Taunus[104] geblinzelt, wo die Sonn unterging. – Ich sollt meinen, Sie wären in die schönen Halbtinten des Abendhimmels verliebt – ich merk aber wohl, daß Sie nur Ihre Augen wollten aufhalten, die der Weinduft zudrückte; die Abenddämmerung breitet so mild den Schleier über die geschloßnen Augenlider. – Sie dachten, mag als die Frau Rat schwätzen! und so haben Sie in scheinbar tiefer Betrachtung der Schlaftrunkenheit ein Viertelstündchen nachgegeben. – Widersprechen Sie nicht, ich hab's ja gesehen, wie Sie in die Höh geschnappt sind, wo ich Ihnen plötzlich zurief.

»Aber die Frau Rat sind wirklich in einem sehr mich affizierenden Irrtum; es kann wohl sein, daß ich in etwas zurück war in meinem Folgen Ihres genievollen Vortrags, ich kann einen Augenblick zerstreut gewesen sein. Aber daß ich sollte Ihre Hauptansichten verschlafen haben, dagegen muß ich protestieren.«

Fr. Rat. Nun! In vinum veritas. Gewiß ist's, daß Sie aufgewacht sind aus Ihrem Betrachtungsschlummer und haben mir mit höflichen Worten zu verstehn geben, was ich nicht zu wissen brauch, nämlich, daß ich Ihnen eine gefährliche Person zu sein scheine für das Bestehende, für die heilsamen Sophismen. Daß meine freie humoristische Wendungen Ihnen sans façon und ganz lustig auf die Dokumente speien, worin Sie das Dasein des Teufels dekretieren, daß diese humoristischen Wendungen zugleich den Zug der Heuchelei hervorheben, der in eurem geistlichen religiösen Despotismus das Dasein des höchsten Wesens dekretiert und daraus einen Gerichtshof der Gottesmajestät macht, wo ihr jedem ein Bein stellt, der seinen Verstand an euren Sophismen messen will. Ihr predigt das Evangelium als die allein seligmachende Gewalt, eurer Gemeinde habt ihr diesen Despotismus als Grundstein der Religion angewiesen, unter den ein jeder so tief als möglich sein Pfund vergraben soll, trotzdem daß der Christus so tiefschneidendes Wehtum daraus prophezeit, denn er sagt: Wer sein Pfund vergräbt, soll auch das noch verlieren! Ja! was heißt das? reden Sie! Sie sind jetzt wach! Sie sind ein bibelbegründeter Pharisäer! reden Sie nur! – Ich will's hören? –

»Ich kann mir nicht anmaßen, die Vieldeutigkeit von Christi Lehren mit einemmal auszusprechen, genug ist, daß alles, was die Bibel enthält und namentlich die Evangelien, immer anwendbar ist auf die verschiedensten Richtungen der Menschheit, jede böse oder falsche Richtung wird dadurch zurechtgewiesen, ihre gute Neigung geweckt, und hohe Zwecke werden der Menschheit vor Augen gestellt und sie selber dazu gereizt, in Aussicht auf eine höhere Vergeltung manches zu tragen, was sonst ihre Ungeduld, ja ihren heftigsten Widerspruch reizen würde. Sie müssen das zugeben, Frau Rat, Sie können nicht anders, daß nämlich ein heilender Balsam für alle irdische Bürde liegt im Evangelium, in den Lehren und im Beispiel Christi! so auch in dieser letzten Parabel vom vergrabnen Pfund. Wie Sie es nun auszulegen verstehen, weiß ich nicht, aber wie ich es auslege, wie ich in meinem Verhältnis zur Kirche, zu meinem Amt mich verpflichtet fühle,[105] es auszulegen, das kann Ihnen kein Rätsel sein. – Gewiß soll man das Pfund, das einem der Herr vertraut, nicht wuchern machen, um den Satzungen großer, vor der Menschheit als unfehlbar dastehender Geister den Garaus zu machen, gewiß sind mit dem Pfund nicht Hacke und Spaten zu erhandlen, um die Monumente des Gewissen und Wahrhaftigen zu untergraben und die Quellen in den Sand einzudämmen, die so vielen irrtümlichen Schafen fortan ein Sammelplatz geworden der Erquickung und des Trostes. Nein, dazu soll das Pfund, was Sie als die Intelligenz des Menschen betrachten, was aber auch als Gemütsfähigkeit könnte angesehen werden, nicht verwendet werden.«

Fr. Rat. Ja, Sie sind ein Pharisäer! Sie verstehen's, die Fragen zu Ihrem Vorteil zu umgehen, und daraus soll ich mich klug sehen. Ich gebe Ihnen darauf lieber eine plane Antwort mit der Christuslehre, mit der ich jeden Pharisäer möcht wie mit einem Spieß unterlaufen: – Das vergrabne Pfund des freien Menschengeistes, der ihm genommen wird, weil er ihn nicht nützt, – mit diesem Pfund haben wir die Himmel zu erringen; alles, was über dem Erdenleben uns winkt, – dies Pfund allein ist der Schlüssel dazu. Oder sollen wir die Seligkeit auch lieber dran setzen, bloß weil wir den Geist nicht ermächtigen wollen, sie zu erwerben? – Was doch! Sollen wir aus diesem Erdenleben herausfahren ein jeder, als wenn er sein Hemd fallen läßt, um in ein neues zu kriechen? und dann wär alles gut, von Flecken gereinigt da drüben im Sonntagsrock zu stehn vor dem Gott des Alls! – Nein! das gibt nicht Fähigkeit, die Macht, höhere Elemente beherrschen zu lernen! –

Wir fallen im Sterben wahrscheinlich auf dieselb Nas, über die wir nie hinaussehen lernen, und der wir auf Erden ohne Umsehen nachgegangen sind, beiläufig gesagt einer wächsernen Nase, die wir uns haben andrehen lassen. Nun gegen diese wächserne Nase warnt Christus, indem er uns das traurige Beispiel gänzlicher Selbstvernichtung darstellt im vergrabnen Pfund. Denn eine lebendige Naturnase, die hat doch den Geruchsinn, der weiter spürt als die erlaubte Wirklichkeit, zum wenigsten könnte wir die Wahrheit erschnüffeln wie ein guter Trüffelhund. Aber seiner fünf Geistessinne sich nicht mächtig fühlen, wie kann das der Unsterblichkeit zubilden? – Sehen Sie, so glaub ich, – und bei mir ist Glaube Überzeugungsinstinkt! – daß der freie Geist die Unsterblichkeitsstraße ist, und daß, wer sich zu diesem nicht durcharbeitet, Verzicht leistet aufs Fortleben. –

Nun kann freilich unmöglich dieser freie Geist in sich untergehen; das wär der Weltuntergang, das wär, Gottes Werkstätte zusammenstürzen, das wär, seiner Unsterblichkeit den Atem verhalten. – Wie fürchterlich aber ist's nicht, zur Wahrheitsstraße je den Fuß geregt zu haben und doch Gesetze vorschreiben wollen des selbst gebauten Narrenhauses, dem Licht Trotz bieten, das innerlich leuchtet; widersachen der Unsterblichkeit des freien Geistes, jede elektrische Berührung mit dem Gottesgeist verpönen, verlangen: Nach meinem Willen soll die Menschheit sich richten, oder ich werde sie zwingen, es zu bereuen.[106]

Solche Zwangssprache führt der Staatsmittler, der zwischen Herrscher- und Völkerrecht wütet, als sei es sein Eigenrecht, auf den unterdrückten Geist der Menschheit den Fuß zu setzen. Dort steht er und macht mit dem nägelbeschlagenen Absatz den gehörigen Eindruck, und meint damit der Zeit ihr Gepräg zu geben. – – Ich frage Sie eins nur, Herr Pfarrer! – Diese Staatsmittler zwischen Fürst und Untertan aus- oder inwärtiger Angelegenheiten! – Inwiefern treten diese denn in die Fußtapfen jenes Mittlers zwischen Gottheit und Menschheit? – hat der auch die Bitten abgewiesen zu dem Herrscher Himmels und der Erden, als Tücke und Beleidigung göttlicher Majestät? – oder öffnete der alle Schleusen der Freiheitsberührung dem Menschengeist mit Gott? War das vielleicht sein Erlösungswerk, die Freiheit vom Buchstaben durch den Geist? – Ich frage Sie, Herr Pfarrer! Im Namen der Pharisäer antworten Sie. Mit welchem Recht wollt ihr den Christus bekennen? – Den ihr verleugnet in euren Philisterstaaten? – Ist dies das Recht der Menschheit gewürdigt und der göttlichen Milde entsprechend, daß die Klage, der durchdringende Schrei des Bedürfnisses, das kühne Vertreten des Naturrechts, die Forderungen des Seelenadels alle abgewiesen seien vor des Herrschers Gerechtigkeit und Gnade, weil die Form verletzt sei. Ihr Mittler! – Was bedarf's der Form, wo der Kern gilt? – Aber eure heillose Fallbrücken aller einfachen Verhältnisse der unschuldigen Menschheit zu ihrem Herrscher, eure Fußangeln und Wolfsgruben, und tausend Mordschlingen der Wahrheit, die ihr erwürgt und entstellt über Seite zu bringen wähnt, was können die der himmlischen Klarheit des Genius anhaben? – Er aufersteht, Ihr gelehrten Textdreher, die Ihr auf jeder Station harret, um die Idee auszulaugen des Volkes, und den Feuergeist auszulöschen seiner Liebe zu seinem Herrscher! Daß er wie eine halbtote Kohle zu seinen Füßen einen widerlichen branslichen Geruch ausdünstet, statt in hellen Flammen der Begeistrung und des Vertrauens zu ihm aufzuschlagen? – Ach, ich will schweigen, schweigen, schweigen! – Reden Sie, wenn Sie was dagegen einzuwenden haben! – reden Sie! Ach, Sie wollen sich den Mund nicht verbrennen! –

»Je reifer man wird in seinen Lebensansichten, Frau Rat, je mehr fühlt man, daß ein Schema, was für Himmel und Erde eine entschiedne Geistesrepräsentation ist, nach dem der innere Mensch sein Gewissen zu richten hat, wenn es nicht aufrührerisch schlagen soll, daß ein solches nicht für den Tummelplatz gemacht kann sein des äußeren Lebens, wo alle verborgne Interessen zusammenströmen in ein aufbrausend Sturmmeer der Leidenschaften. Wo Forderungen und Rechte und Anmaßungen in blindem Kampf übereinander herstürzen mit lang vorbereiteten Intrigen, mit Stoß und Gegenstoß. Wo immer Revolutionskräfte auf dem Tapet sind auch bei anscheinender völliger Ruhe, was kann da so ein Staatsmittler, wie Sie ihn nennen, ausrichten? – Hat er nicht genug zu tun, dem Staate am Netz zu flicken, das ihm von diesem unruhigen Trieb der Regeneration, der Erweiterung und Vereinfachung stets zerrissen wird? Wie können Sie von dem erwarten,[107] er werde den ganzen Zeitenstrom des Bewußtseins ohne Kontrolle über sich hinaus lassen gehn? und dabei seine spiegelfechtende Macht lassen in tausend Lumpen zerfetzen? – Und gewiß, ich verehre sehr Ihre Überzeugung, daß die göttliche Wahrheit überall vergegenwärtigt soll sein, auch im Staat, auch im Fürsten und Volk; allein eine unauflösliche Kette von Verirrungen, eine Quelle alles Bösen und Üblen würde daraus entspringen, wollten wir den gereizten freien Geist wie einen blinden Ajax herumtoben lassen. Denn das irdische Interesse des Menschen ist ein anderes als das himmlische, drum ist auch die Staatskunst des Himmels eine andre als die der Welt.«

Fr. Rat. O Herr Pfarrer! solch dummes Zeug! – es kränkt mich! Sie geistlicher Herr, müssen das als Ansicht Ihrer langgemachten Erfahrungen und Reflexionen behaupten! Daß dem freien Geist, dem mißhandelten Genietrieb der Menschheit nicht zugegeben werde, was doch einem wütigen Ajax gewährt war, daß er seinen Zorn im Schlachten der Schafe und Rinder kühlte. Das soll dem freien Geist versagt sein? Das halten Sie für ein Unglück, was zu vermeiden sei? – O lassen sie immer ihn sich eine Bahn brechen zwischen dem unverschämten Geblök und Gebrüll dieser Schöpse und Rindvieh. Haben wir doch die Generationen hindurch nicht unser eigen Wort vor ihm verstehen können! – sind die doch gleich im Chorus aufgefahren gegen das Ideal, gegen die Wahrheit, gegen die Intelligenz selbst, und haben jeden Wissenstrieb überblökt. – Bedenken Sie! – Sehn Sie drei Schritte vor sich, da tritt die Zukunft auf. Vor der kann Theorie und Erfahrung nicht bestehen; sie veralten vor der Freiheit des Geistes. Und das ist die Macht der Zukunft! – Und das mag Ihnen beweisen, wie unwürdig Ihre Ansicht ist! – Was halten Sie an einer Religion, die Sie im Gelübde zwischen Volks- und Fürstenrecht nicht wagen geltend zu machen? Ihr verschüttet ihren Balsam, aber nicht um dem Gott im Menschen zu huldigen, wie das Weltkind Magdalena. – Unterdessen ist der Geist, der freie Geist, verbannt um der Sklaverei willen, ein reiner Gläubiger an den Impuls der Gottheit; durch ihn, mit ihm oder gar nicht! – auf die Religionsrechte zwischen sich und dem Herrscher geht er aus! – Wer kann's ihm verbieten? Wer kann ihn zwingen? – Er liegt ja mitten in den Gärungen der Verkehrtheit, seine Geburt zu reifen! Die Zukunft ist sein, sie trägt ihn selbst im trivialsten Gedanken ans Licht! Was habt Ihr ihm entgegenzusetzen? Diese Staatsgenossenschaft untereinander, – sie steht auf einem sehr gemeinen, dem feindlichen sehr nahe kommenden Fuß! Das ist der Egoismus; in jedem Amt verteidigt er nur die eigne Anmaßung, mag das übrige gehn, wie's will! er verteidigt das geschenkte Vertrauen gegen das Vertrauen selbst, wie der Wolf das Lamm verteidigt gegen seinen rechtmäßigen Hirten. – Was sag ich? – Wollte der Hirt hinein sich mischen, wollte das gesalbte Haupt leutselig und vertrauend herab sich neigen zu seinem Volk, sie litten's nicht, da würden sie alle für einen Mann stehen, obschon sie sonst gegeneinander Spinnenfeindschaft hegen, und Spinnen gleich mögen sie auch einstens zertreten[108] werden. Wenn sie es denn scheuen, daß sie naturgemäß vom freien Geist ein wenig zusammengetrampelt werden, sie, die jeden Staatsbürger, geistvoll und lebendig, aus dem der Genius des Staats hervorleuchtet, schon im voraus in die Acht erklären. Wo kommt ihnen die Überzeugung der Macht über den regen Geist her, der im unterdrückten Selbstgefühl sich immer wieder mit der lebendigen Urkraft des Selbstdenkens erzeugt? – Wie kommt's, daß so ein gesetzspaltender Bevollmächtigter nicht mit stiller Furcht vor dem lebendigen Gott im Menschen zurücktrete und den Selbstdünkel unterdrücke in seinem Selbstbesprechen ohne freie Antwort, in seinem Streben ohne Gegenstand, und in seinem Gefühlsreiz ohne Anziehungskraft? Hoffärtiger, wie Diogenes, mit der Laterne Menschen suchend, die Menschheit abwies, weist er ohne Beleuchtung den Geist der Zeit ab. »Ich suche Ideen!« ruft er, »das sind keine Ideen! Gebt mir Ideen!« Ja! was helfen Ideen deinem wüsten gesperrten geknechteten Nicht-Ich ohne Ich? – Käm dem auch nur die Frage auf die Zunge: »Bin ich der klügste von allen?« Ich wette, diese Frage, die der Anfang ist vom Insichgehen, würde dem Nicht-Ich mit einer Antwort belohnt, und ihm zum wenigsten der Zweifel über diese Geistesgröße einen leisen Anklang beibringen vom Ich: nämlich die Erkenntnis: Ich bin nichts! was schon mehr wär als bloßes Nicht-Ichsein. Diesen Apfel vom Baum der Erkenntnis dem Nicht-Ich zu pflücken, würde dem Ich wohl erlaubt scheinen. Es würde vielmehr diese Untersuchungsfrage noch weiter führen, zum Zweifel, in das Geistesvermögen der Gesamtheit einzugreifen. – Gott hat nicht umsonst seine Schöpfungskraft in jedem Menschengeist wirkend gemacht, ihre Tätigkeit kann nicht auf das Absurde führen. Die Wahrheiten liegen nicht allein im Begriff, sie liegen auch in der sichtbar erschaffnen Welt. Was fürchten wir, daß sie könne zugrunde gehen? – Nein! freilich das Sparrwerk der falschen Welt muß zugrunde gehen! – Aber nicht die Schöpfungskraft des Gottes im Geist, die das Nicht-Ich eines solchen Staatsmittlers mit hochmütiger Selbstvergötterung zügeln und absperren will. – Siehe da! – der Geist Gottes, der Ewige, Gewaltige! dem wird vom Menschenaberwitz geflucht! – Werden diese Selbstmörder in sich gehen? – Werden sie zu sich sagen: »Ich hab denken zu lernen nicht gewagt, wie kann ich wagen, diese mir unbekannte Denkfreiheit in ihrer Entwicklung zu hemmen, sie, die der Weisheit den Acker baut und, was dem Wahnsinn gelüstet, nicht kennt?« – Der aber kommt auf sie losgestürmt, sie zu bannen die bloß gekommen war, von seinen Banden zu befreien! –

Das alles steht deutlich an jeder Wand geschrieben, wo der Geist nur lesen will. Das steht auch für mich in dem Buch geschrieben von der Inquisition von Goa, von dem ich Ihnen gestern erzählt hab. Fragen Sie mich nicht, wie alles seinen Zusammenhang hat im menschlichen Geist? Wenn er ins Reich des Lichts will, so baut ihm jede Begebenheit, jede Anschauung eine Treppe. Diese Inquisitionsgeschichte machte mich erst erstaunen, wie die Menschen aus dem Evangelium, aus der alleinseligmachenden Religion ein unseligmachendes[109] Sklavengericht zusammengestellt haben, was den freien Geist im Menschen verfolgte. Und haben dem armen Vaterlandsbewohner den Boden unter den Füßen geheizt, daß er ihm zur Hölle ist geworden. Und dies war der Wahn der Sünde: Selig zu machen das Menschengeschlecht durch Anmaßung der Gewalt! –

O, Herr Pfarrer, Sie kennen das Buch nicht! – Sie haben mir den guten Rat gegeben, ich soll doch nur lesen, was meinen Geist erheitert, nicht, was ihn traurig macht und ängstigt. – Wer soll denn jenen edlen oder unverschuldeten Märtyrern eine Träne weihen? – Vergessen sind sie von aller Welt damals! – keine schmerzliche Krankheit ist so schreckhaft als die Wut, mit der die blinde Leidenschaft des gebundnen Geistes den freien Geist angreift. – Da kam er herein vor den dumpfen schwarzen Richter, der eben noch in Gotteshut irgendein blühend Geschöpf war. – Nun nichts mehr. – Alle Erdenzeit peinliche Verlassenheit, gebrandmarkt den Galeeren angeschmiedet, oder gar verbrennt. Alle Muttertränen, alle Vatertränen, aller Kindesjammer haben die teufelsbessenen Freiheitsschinder nicht aus ihrer Bosheit geweckt; sie haben das Gericht Gottes über die Unschuld gerufen und haben als göttlichen Beruf die ärgsten Teufelswerke begonnen; sie beweinen den Martertod des Erlösers und kreuzigen die unmündige Menschheit, sie beten zur schmerzensreichen Mutter des Herrn, und weihen zu unerträglichem Schmerz die Mutter der Menschheit. Und Religion? – Ein elender Deckmantel boshafter Krankheit.

Nun! mich jammert dies Menschenschicksal! Ihr habt Allerseelentag in eurer Kirche, da wird gebetet für die Seelen der Verstorbnen. Ich hab auch einen Allerseelentag über jene Unglücklichen gehalten. Ich schäm mich nicht, daß ich über diese längst Verstorbenen, deren Asche aufgelöst und verflogen ist, daß ich über die eine tiefe Trauer verspürt hab. – Daß ich zwischen meinen vier Wänden gebetet hab zum allmächtigen Schöpfer aus tiefem erschüttertem Herzen, er solle nicht nachlassen, in seiner Schöpfungsgewalt den Geist zu erlösen von der Sklavenfessel der Willkür, um in ihm dann seine Schöpfungswunder ohne End zu entwicklen! –

Nun, wenig hab ich noch zu sagen: Sie wissen besser wie ich, daß das wenige, was ich vorbringen konnte, nur eine geringe Mahnung aller der Greuel sind, die sich hinter den Deckmantel der Religion versteckten. Kein wildes Tier hatte je so viel Wut, als die durch die Unfehlbarkeit der Kirche aufgeschwungne Tyrannei! Die Bluthochzeit in Frankreich! – O Jesus mein Erlöser! was haben sie dir alles unter den Mantel gesteckt? – Voll welcher Frevel steckten alle Gefängnisse? Nicht heut und morgen! nicht von gestern! – Nein! lange, lange Jahre war das edle Geschöpf (von dem sie die Menschwerdung der Gottheit bekennen um seiner Erlösung willen) unter der grausamsten Sklaverei ein ewiger Gegenstand des Märtyrtums! Sie haben's gewagt, frevelhafte Hand anzulegen, an den zu legen, für dessen Erlösung der Gott-Sohn sich hingegeben hat, und zwar unter dem Vorwand, diesen Gott-Sohn an ihm zu rechtfertigen. Den armen menschlichen Leib haben sie[110] mit großer Grausamkeit geplagt, damit der Geist solle verzagen. Mitten in den kräftigsten Lebensjahren die Männer aus ihrem Familienschoß gerissen, die unschuldigen Kinder, die Mütter der Verzweiflung preisgegeben. Kein Stern hat denen je mehr geleuchtet. Eine Krankheit, ein Geschwür vom Kopf bis zur Sohle, ließen sie diese Gefangnen im Unflat dahinschmachten. – Dabei regierten sie die Welt nach Belieben, genossen alle sinnliche Freuden, und es regt sich nicht ein Funke des Gewissens in denen! – Sind diese eifrigen Glaubensbekenner selig zu sprechen? – Nein! denn es war ein fürchterlicher Greuel, der nur in der Stumpfheit der Selbstsucht seinen verbrecherischen Grund hatte. Also diese göttliche Religion, die von Gottes Sohn selbst eingesetzte Lehre ist zum Pfuhl geworden aller scheußlichen Grausamkeit. Keine Flamme der Erleuchtung hat der göttliche Geist in die Herzen gestrahlt! – Blut, Blut, Blut und Jammer, und keine Erleuchtung! – Und jetzt noch, auch nicht diese einzige Wahrheit hat sich euch als Überzeugung aufgedrungen, daß, wo man wagt die Geistesfreiheit anzutasten, man der schauderhaftesten Verbrechen ist schuldig geworden, erst sich dadurch selbst wahnwitzig gemacht, und dann hat dieser Wahnwitz selbst Hand an sich gelegt und seine sittliche Würde zerfleischt. – Aber ihr rastet nicht! – Ihr glaubt euch immer wieder berechtigt, den freien Geist mit der Wurzel auszureißen, wo er auch schon als Balsamblüte Heilung ausduftet. Ja, so viel tiefe Abgründe ihr vor euch seht, in die ihr hineinstürzen müßt, ihr legt Hand an das unschuldige Gotteskind! Ihr taumelt über ihn bergab, und habt keinen einzigen nüchternen Moment der Selbsterkenntnis, wo ihr euch fragt, was wag ich zu wollen und zu tun, das ich nicht versteh! – Herr Pfarrer! – wenn nun heut der Christus vor jenen christlichen Tyrannen stände und spräche: O, was habt ihr auf meinen reinen Namen für Schmach gebracht, ihr, die unter dem Vorwand meines Gottheitruhmes so viele Frevel begangen habt? – Glauben Sie, daß einer unwissend sein würde seiner Vergehen? – Nein! sie würden vor der Gottheit sich verkriechen, sie sind sich ihres scheußlichen Werkes der Dunkelheit wohl bewußt; und doch, und doch leeren sie immer aufs neu die Becher des Frevels, der Heuchelei! – Es ist nicht anders, Geist! Du mußt dich mit Füßen treten lassen! Menschheit, du mußt unterliegen dem eingebildeten feuerschnaubenden Ungeheuer des Aberglaubens! – so wollen's, die keines Geistes, aber alles Frevels sich bewußt sind.

»So arg ist es doch jetzt nicht, und daß diese Schreckenskatastrophen in der Religion waren, daran ist der heutige Geist nicht schuld, und was man jetzt will und behauptet, darin stimmt die Gesamtheit überein.«

Fr. Rat. Sie sind im Irrtum, Herr Pfarrer, gewaltig im Irrtum. Was wir heut dem Tyrannenfrevel abgewonnen haben, das ist durch den ursprünglichen Schöpfungsgeist, der nicht am siebenten Tag ruhte und fortwährend ohne Unterlaß im freien Geist wirkt, gewonnen. – Sie wissen, in der Gärung ist der stärkste Kampf! Die Dummheit, die Bosheit können den Gottesgeist nicht ins Bockshorn jagen, also der muß siegen! – Also immer mit stärkerem[111] Selbstbewußtsein tritt er auf in den Generationen, so wie eine die andre verdrängt, zerstört sie einen Teil des Aberglaubens, der Bosheit, der Alleinherrschsucht, der Sklavereiwut! Denn warum? – Dies Bewußtsein ist das feurige Schwert, vor dem jener heuchlerische Wahnwitz duckt. – Ei – frag ich! – wenn nun, durch die fortschreitende Schöpfungskraft im Menschengeist, die Wunden allmählich wieder vernarben, wenn der verbrecherische Hochmut die unverwüstliche Geistesflamme immer aufs neue in unbefleckter Unschuld emporlodern sieht, ist es da nicht eben immer noch dasselbe, wenn keine Einsicht, keine Selbsterkenntnis ihn bewegen kann zur Gerechtigkeit? wenn er doch und doch herrschen will, wo die Freiheit eingesetzt ist von Gott, sich selber zum eignen Behuf? – Gott braucht die Denkfreiheit, um in ihr zu wirken? – Keine Grenzen! Nein keine! – Keine Gesetze, nichts, nichts, was der Mensch nur wagt, gewaltsam oder listigerweise durchzusetzen, kann anders als zum Unheil ausschlagen! Und entschuldigen Sie das nicht, oder behaupten gar, es sei der Geist der Gesamtheit, wo die Gesamtheit noch von den ausgeteilten Geißelhieben in Ohnmacht liegt. – Nicht eher, als bis in einem Menschenbild die Kraft der Gerechtigkeit sich deutlich ausspricht! – so wie im Napoleon die Mission, die dem Gewaltigen vertraut ist, zwar deutlich vor aller Menschen Gewissen ihm auf die Stirn geschrieben ist. – Aber wir sehen schon: auch er wankt und verliert sich selbst. So groß auch schon die Belehrung war, die durch ihn der Menschheit geworden ist: er vollführt es nicht, was so gewaltig durch den Schöpfungsgeist in ihm vorbereitet war, der Geist der Freiheit wollte durch ihn sich wiedergebären, aber sein Geist war gebunden durch die Herrschsucht, und auch er bildet sich eine falsche Unsterblichkeit, sie wird in seinem Namen geschrieben stehen eine Weile, aber die gerettete frei gewordene Menschheit wird sie nicht zum Himmel tragen, das ist ein großer Jammer! seine prachtvollen Herrscherzüge! die erzgegoßne Armatur seiner Würde und Kraft! Wie schön spiegelt sich die in seinem Angesicht! – Gibt's einen höheren Reiz für die Unsterblichkeit als die Leidenschaft zum eignen Selbst? – O Napoleon, verlaß dich nicht. Komme wieder zu dir selbst, mach die Geheimnisse wahr, die dir an der Stirn geschrieben stehn, und du wirst unser aller Erlöser.

» Ihren Worten nach sollte man wähnen, Sie erwarten noch einen Propheten, einen Messias, der alles ins Geleis bringen werde?«

Fr. Rat. Und warum soll ich den nicht erwarten? Wir sind ja doch einverstanden, daß Unsinn und Ungerechtigkeit alle Geleise der reinen Gesinnung zerstört haben. Es werden noch heiße Tage kommen, wo der Sieg unser bleiben wird, und aller Kampf als Triumph des Geistes auferstehen und nicht mehr durch falsches Strafen und falsches Lohnen auf die Bildung der Welt wird falsch gewirkt werden. Gerechtigkeit muß die Urkraft wieder herstellen, die verschüttet worden war. Der Napoleon hat ein großes Beispiel gegeben der Festigkeit, ja auch der Selbstverleugnung, er hat alles seinen Zwecken geopfert, wären die rein gewesen, so wär das göttliche Symbol der[112] Unsterblichkeit in ihm Mensch geworden; und die Erlösung hätten wir auch ihm zu danken gehabt aus dem Gewaltszustand der Geistestyrannei. – Ja, das ist mein Glaube! – Im Geist kann der Gott Mensch werden, und die Menschheit abermals erlösen, und sie immer wieder für den Schöpfungsgeist reinigen und erhöhen. Das ist mein Glaube an die Ewigkeit und anders keiner. Wir beide, Sie und ich, sehen ein, welche Lücken im Geist sind, wie viel zu seiner Vollendung noch erregende Kräfte in ihm zusammentreffen müssen. Vollendung nenne ich nur, daß er der ewigen Schöpfungskraft nicht mehr widerstehe. – Und schön wär's, wunderbar groß und herrlich, unberechenbar in ihrer Wirksamkeit, träte sie abermals in Menschengestalt ans Licht, träte sie in einem Mächtigen auf, der in schöner Mäßigung, in vollkommner Geisteserleuchtung und Denkfreiheit den Baum der Gerechtigkeit einpflanzte. – Ja, das könnte der tiefen Wunden vergessen machen, und man könnte mit erneuter Lebensunschuld, als ob nie sie von der Bosheit wäre zerrissen worden, einer Bildung sich weihen, die ohne Unterlaß neue Schöpfungsoffenbarungen durch unsern Geist leitet.

Mich wundert nur, daß die Neugierde diese Herren der Erde, deren Geist doch im Gebraus des Alltäglichen verdunstet, nicht dazu führt, mit philosophischem Entschluß das alte Philistersystem zu exstirbieren. Schon das würde mir Spaß machen, wenn ich Landesherr wär, diesen einmaschinierten oder routinierten Staatsbeamten das Konzept zu verrücken, ihr Rabengekrächz von mißlichen Prophezeiungen lächelnd zu überhören, und in kühner Freitätigkeit das Ideal des Erdenlebens, das Paradies des freien Geistes sich entwicklen zu lassen.

»Erlauben Sie, Frau Rat! das Paradies war auch das Ideal des Erdbodens, und die Frage, wo es liegt, ist nie gelöst worden. Sein Klima, sein eigentümlicher Erdboden, sein Natursystem hat sich nirgend auch nur in der Spur wieder gefunden. Und ich fürchte, daß Ihr Geistesparadies ebensowenig sich im Geist der Menschheit popularisieren, als jenes sich begründen ließe.«

Fr. Rat. Beides ist falsch, Herr Pfarrer! Spuren von Klima, von Boden, kurz von Elementen eines idealischen Erdenparadieses sind über die ganze Erde zerstreut. Keiner von uns, der nicht gleich Adam im Schweiß seines Angesichts sich einer Zeit erinnert, wo die Wunderschönheit der Natur im ersten Kuß ihm die Kraft und Energie des Entzückens lehrte. Wo er in einem unendlich erhabnen Selbstbunde sich dem Ideal der Menschheit weihte! – Ja, seltsam ist es und gar belehrend für die, welche auf die Stimme hören der Natur, wie diese gleich auf Vollziehung dringt aller geheimnisvollen Weihungen in dem Menschen; bewegt sie sich in ihrer Anmut und Schönheit vor uns, so tun wir ihr ohne Zagen die feurigsten Liebeserklärungen, und die sind immer nur die gesteigerte Menschenliebe. Ich will ein guter Mensch werden, sagt der Knabe, dem die Abendlüfte den Duft der Wiesenblumen zuwehen, ja, ich will ein Held werden für die Menschheit, sagt der Jüngling und fühlt das eigne Recht nur in ihr angetastet. Er schreitet durch die Morgennebel, als wären seine Glieder von Stahl, hin zum Rhein, wo das[113] Sonnenlicht in tausend elektrischen Funken auf dem bewegten Wasser zerstiebt, und da blitzen denn auch in ihm tausendfältige Gedankensterne, und das Blut wallt elektrisch in ihm, und er hat Geist! und so weiter! Gedenken Sie jeder Naturbewegung, ob sie nicht einen erhabnen Vorsatz der Selbsterziehung im unschuldigen Menschen hervorruft! und selbst gewöhnliche Lebensgeschäfte erhalten ihren Reiz, ihre Energie durch sie. Der nächtliche Botenläufer durchschreitet unverzagt den Gespensternebel auf einsamem Waldpfad um die Wette mit der eilenden Luna und stählt sein Ingenium in ihrem Zauberlicht.

Ich hab nicht Zeit, die Bilder meiner Vergangenheit, die mich mit einem unvergänglichen Gedächtniszauber der Natur umschweben, Ihnen alle zu zitieren. Genug! daß dieser Birnbaum hier in meinem kleinen Hausgarten in seiner Blütezeit mir immer das Gemüt wieder kindlich reingewaschen hat von allen Lebenssorgen, und waren seine süße Birn dem Reifen nah, dann war's mir ein heilig Geschäft, seine beladne Äste zu stützen, nicht ohne daß ich dabei eine Ehrfurcht verspürte für seinen fruchtbringenden zusammengedrängten Lebensgeist. Und sehen Sie den kurzen Sammetrasen hier, der mir in früheren Zeiten zu manchem häuslichen Geschäft diente, ich hab die feine Wäsche da gebleicht, und auch als eine Zahl selbst gesponnen Garn zu Zwirn, weil der haltbarer ist zum Nähen. Wenn ich denn morgens noch, weil alles schlief, mit meinen gelben Pantoffeln, um sie nicht naß zu machen, am Rand von dem kleinen grünen Plätzchen auf- und abschritt und meine Siebensachen ausgebreitet hatte, und paßte auf den Sonnenstrahl, der gleich um sechs Uhr schon am Schornstein herunterkam, da gefiel ich mir so wohl in meinem Wirken. Da dacht ich als: Ach die Natur ist doch eine Hausmutter, sie eilt jedem Bedürfnis zuvor, und verherrlicht's in seiner Befriedigung. Und die Hausfrau soll sich in ihr spiegeln und ihr alles nachmachen im Nützlichen und im Schönen, mit Spinnen und Weben und Blumensticken und Kochen, ja der häusliche Herd, der ist auch ein Platz, wo jene idealische Natur des freien Geistes manche Anregung fühlt. – Sie lachen, Herr Pfarrer! jetzt, warum lachen Sie? –

»Weil ich Ihre Geschicklichkeit, Ihre große Leichtigkeit bewundre, mit der Sie sich aus dem tiefsten philosophischen Lebensprinzip erheben und wie ein flatternder Vogel von Ast zu Ast hüpfen, der da sein häusliches Nest umzwitschert, und einen so engen Kreis beschreiben Ihrer Glückseligkeitslehre mit so viel Besonnenheit des Schauens, Hörens und Fühlens, die so wunderbar das ganze geistige Universum spiegelt, daß man gleichsam zu träumen wähnt.«

Fr. Rat. Nein, das sollen Sie nicht zu träumen wähnen, meine Wahrheiten sind kein Träumen! Leider bin ich gar oft schon auf diese Narrheit gestoßen, daß man das Wahre für einen poetischen Traum erklärt, der aber in der Wirklichkeit nicht paßt! – Wär die Wahrheit nun auch ein Traum, so wär sie dennoch nicht abzuleugnen, so laßt uns diesem Traum unser Genie widmen, laßt uns ein Ideenparadies bilden, das geistige Natursystem fordert[114] uns auf dazu. Sie nennen Traum, was mir Wirklichkeit ist, sehn Sie, dort im Eck an der vorspringenden Wand vom Schornstein, da war eine kleine Behausung von zwei Zickelchen, sie hielten mich oft stundenlang auf mit ihren lustigen Sprüngen, sie hingen so an mir, daß sie mit dringenden Bitten mir nachriefen, und ich kehrte als einmal wieder aus Gutmütigkeit um, obschon mich Geschäfte abriefen. Nun! meinen Sie, wenn die Kriegstrompete hätte vor meiner Tür gerufen, daß ich ins Feld sollt, eine glorreiche Schlacht schlagen, daß mich dann diese Zickelchen durch ihr Gemecker hätten vielleicht abhalten können? – Nein, die großen Tendenzen der Menschheit greifen in diese poetische Nahrung der Seele, die Sie Traum nennen, sie verschmelzen mit ihr und wurzeln in ihrem Schoß. Das irdische Paradies liegt zerstreut über der ganzen Erde, in jener erhabnen Naturerscheinung genießt der Geist diese poetische Nahrung und entwickelt sich in ihr. Nun, die Lücken dieses Paradieses auszufüllen, das ist des Geistes Beruf. – Sie sagen, dies sei ein schöner poetischer Traum. – Nun wohl, wenn ich die Fürsten dazu berufe, diesem schönen Traum die schlaffe schlechte trostlose Wirklichkeit aufzuopfern, was kann denn dabei verloren gehen? Ist das ganze Staatsgebäu nicht ein schlecht eingerichtetes Hospital, wo eigennützige oder ehrsüchtige eingebildete Verlegenheiten ihre Schelmenstreich für wohltätige Gesamtwirkung wollen dem armen Menschengeschlecht anschlagen? – und dabei die genielose Verstandesökonomie, das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden, auf die sich diese Staatsphilister so viel zu gut tun und da mit ihrer Kleinlichkeit ein wahres Jammerbild des Unwissens, des Ungefühls und Unrechts uns als Muster aufstellen. – Wenn ich darauf komm, da spür ich die Zornader mir anschwellen; wenn ich auf die verlognen Naturen komm, oder wie soll ich diese Gespenster der Wirklichkeit nennen! Ja richtig! – Nein! mit denen ist nicht zu parlementieren; gepanzert gegen jede poetische Wahrheit, mit Aberwitzen verteidigt die große Larifariverschwörung jener Wirklichkeitsgespenster ihre tückische Staatsverwaltung, vor der die Offenbarung des Ideals sich freilich ins poetische Traumgebiet zurückzieht. Glücklich, wenn der Landesvater noch auf diesen poetischen Traumteppichen herumirrt und die Gelöbnisse der Opfer, der Gnade, seinem Volk dort zum wenigsten erneuert und die Wunden, die brennenden Wunden, die ihm durch jene Staatsverwüster geschlagen werden, mit dem Balsam eines reinen großen Willens vor Gott auskühlt! Und das tröstet auch das Volk, obschon es auch nur ein geträumter Trost ist. Denn soviel weiter dem Volk sein Geist reicht als der Witz derer, die es zu überlisten suchen, soviel weiter reicht auch seine moralische Strebekraft. Es will seinen Landesvater in seiner eignen Liebe verklärt wissen; dann ist es ruhig und geduldig, wenn es in dem idealischen Traumgebiet seiner Begeistrung kann ehrfurchtsvoll vor ihm das Knie beugen und kann sich sagen: Nein, die Schmach der Geistessklaverei geht nicht von ihm aus; er weiß vom Druck nichts und nichts vom Unrecht, was über uns gegebracht ist. – Und ja, das Volk wird wütend nur, wenn ihm die Sehnen[115] zerrissen werden, die es zu einem kräftigen Vaterlandsstamm bilden, wenn ihm das reine Blut verfälscht wird der Treue zu seinem Fürsten; und das ist ja die notwendige Folge, wenn die Tyrannei der Geistesgebundenheit sich geltend macht und aus dem lebendigen Volksgeist eine Maschine machen will und jeden, der sich nicht will zurechthobeln lassen, wie einen schlechten Prügel übers Knie bricht.

»Aber dies seltsame Wort ›Larifariverschwörung‹, dessen die Frau Rat sich da in Ihrem gereizten Temperament bedienen, hat die noch eine besondre Bedeutung?«

Fr. Rat. Mein gereizt Temperament wird Ihnen die gewünschte Erklärung geben! Herr Pfarrer! – Freilich hat ein besonder Wort bei mir auch eine besondere Bedeutung! Larifariverschwörung nenne ich die von jenen Thronstufenbeleckern kurzgefaßte Resolution, die ihnen so gemeinsam ist, daß, ohne sich beredet zu haben, sie alle in einem Komplott sich vereinen. Nun, ich nehm zum Beispiel Sie, Herr Pfarrer, der Sie streng halten am Gesetz, und das haben, was der gute Ruf Charakter nennt, Ihre Verdienste, die Sie um den Staat haben, sind dem Landesvater unter mancherlei Gestalt bekannt worden, Sie haben nie einen Augenblick Parteilichkeit gezeigt, Sie haben das Maß der Torheiten mit schüttelndem Haupte sich füllen sehn. Kurz, in dem Schlamm, worin der Landesvater den Staatskarrn stecken sieht, wenn er aus dem idealischen Zaubertraum – wo er die liebende Sprache des Hirten führte zur Herde, und meint, weil sie stumm ist, sie versteht ihn – plötzlich erwacht und das Hott und Har in seinem Namen schändlich mißbrauchen hört, nimmt er seine Zuflucht zu Ihnen, er ruft Sie an seinen Thron, ergießt seinen sorgenvollen Geist; – denn das will er nicht, nein! er will keinen, auch nicht den Geringsten der Seinen in seinem Rechte gekränkt wissen, er hat ja noch eben den schönsten Belohnungstraum der Liebe seines Volkes geschmeckt. Ist er nicht groß, nicht mächtig? Was könnte das Volk mehr verlangen, als er gewähren; er will die Volksstimme vernehmen, er fürchtet sich nicht vor der Öffentlichkeit ihrer Mahnungen und Klagen, ihn kann es nicht betreffen, zu tief durchdrungen von der einfachen väterlichen patriarchalischen Würde des deutschen Fürsten, fürchtet er nicht, daß die Wahrheit vor ihn gelange.

Nun, er reicht Ihnen beide Hände, indem er mit vollem Vertrauen Ihre Beteurungen untertänigster Treue empfängt, »die nie! – nie von dem Willen und dem Sinn seines fürstlichen Herrn abweichen wird.« (Potztausend, das ist schon eine Niedertracht von Ihnen, nur so was auszusprechen!) Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, ich muß mich ordentlich ärgern über Sie, daß Sie das tun würden, denn das seh ich Ihnen am Gesicht an! –

»Aber Frau Rat! Ich bitte sehr, Sie lassen mich da eine eingebildete Rolle spielen und ergießen da Ihren Zorn über mich, und ich seh doch auch nicht einmal ein, vor was. Denn alles, wovon Sie da den Fall setzen, das ist doch in gehöriger Ordnung! Denn wenn der Landesvater dies große Vertrauen in mich setzt, so verdient das meinen schuldigen Dank, und das wär doch[116] gar nicht am Fleck, hier nicht die wärmste Treueversicherung zu geben und mit Leib und Seel als Staatsmann, der die Regierung leitet, sich mit aller Geisteskraft der Kultur der Völker widmen!«

Fr. Rat. Hm! – Es ist wahr! Das verdient Dankgelübde, der Herrscher hat ein aufrichtig Vertrauen in Sie! – Sie aber auch haben ein scharmant Vertrauen, nicht in den König, aber in sich! – Was der zu demütig ist, das sind Sie zu hoffärtig! – Sie explanieren Ihre geistvollen Absichten vor ihm; Sie werden Propheten berufen außerhalb Landes, die dem Volksgeist eine Wendung geben. (Sobald die aber einmal eingebürgert sind, Freundchen, dann sind sie inländisch, was nichts gilt.) Aber Sie gedenken fertig zu werden mit dem Widerparthalten, Sie werden schon das Eckigte runden, den Einfällen, den Begierden und Leidenschaften einen Damm setzen, Sie werden die Sitten verfeinern, durch Vermahnen, durch Aufmuntern, durch Erlernung der Künste, durch Vorübungsschulen, durch Akademien und Preisausteilen, durch Begünstigen der Gehorsamen und Zurücksetzen der Widerspenstigen. Sie werden auf Kosten derer, die zu viel energischen Geist haben, um Ihrer Quartanerklassenbehandlung sich zu fügen, jene, die zu viel von der Fuchsnatur haben, um nicht sich zu fügen, befördern. Hören Sie, Herr Pfarrer, Sie pflanzen da ein Dornenbüschchen, in dem Sie selber werden stecken bleiben, zum wenigsten werden Sie die geistlichen Manschetten jämmerlich zerrissen drin hängen lassen. Ei, wer soll Sie daraus losmachen, die Füchse, die Sie befördert haben, schonen ihr Fell, sie werden auf Ihren Sinn eingehen, solang ihnen die Wohltaten aus Ihren höchst bornierten Ansichten fürs Menschenwohl fließen, aber weiter passiert nichts. – Das gilt Ihnen aber nichts, in dem großen Eifer Ihres außerordentlichen Berufs, im Darlegen Ihrer bedeutsamen Wirksamkeit vor dem Landesherrn. Ihr hoher Mut, Ihre gesammelten Geisteskräfte, Ihre Talente und Aufopferungen werden das Unmögliche überwinden, ja selbst das Schlechte, das Lächerliche wollen Sie nützlich machen, ja! der Staat soll liebenswürdig werden. Überglücklich sind Sie, ein solch Theater für Ihren Gemeinsinn gefunden zu haben, ja alle Schleusen Ihres Hochgenies öffnen sich, um Tugend und Kultur auszuströmen! – Was ist aber das alles gegen den tiefen Bückling, mit dem Sie dem Herrn Landesvater Ihren unaussprechlichen, tiefgerührten Dank für sein Vertrauen ausdrücken? – Sie stoßen mit der Nas auf die Erd, Sie verharren eine Weile in dieser Position untertänigster Unterwürfigkeit; nichts regt sich in Ihrer Seele, als bloß, wie Sie's lang genug aushalten wollen, ohne daß das Blut Ihnen zu sehr in den Kopf schießt; Sie berechnen, wann Sie mit Anstand und Würde sich können wieder erheben. Indessen wird dem Landesherrn die Zeit lang, er räuspert sich, was soll er anfangen mit der langweiligen Aufwartung Ihres untertänigsten Katzenbuckels? – Es hat einmal einer von denen souveränen Herrn seine Teetasse auf ein solch Präsentierbrett des Respekts gestellt und hat gesagt: liebe treue Exzellenz, lassen Sie vorab meine Tasse nicht fallen. Zu den übrigen Diensten, die Sie mir verheißen, mag Jupiter Ihnen den Herkules zu Hilfe senden,[117] nur, wenn die Augiasställe sollen ausgeräumt werden, daß mir der Gestank nicht das ganze Land verpestet, es gibt Mist, den muß man unberührt lassen, er düngt von selbst eine höhere Kultur, ohne daß man sich drein mischt, als bloß, daß man ihm schön Wetter macht.

»Aber, Frau Rat, Sie werden doch diese Nichtschätzung treuer Widmung aller Geisteskräfte, dieses Lächerlichmachen tiefgefühlten Dankes und Untertänigkeit dem souveränen Herrn nicht als ein Verdienst anrechnen. Beleidigung der Treue, der Aufopferung, der – – –«

Fr. Rat. Was welschen Sie, Herr Pfarrer? – Die Einbildung hat Sie wohl fester gepackt wie mich, Sie prangen schon in ausschließenden Zirkeln mit Ihren hohen Amtspflichten und genießen dort siegend Ihres Glückes, über der roheren Klasse zu stehen. Aber was ärger ich mich doch, so weit sind wir noch nicht. Denn sehen Sie, gäb's einen größeren Toren als Sie, so wär das natürlich der Landesvater selbst, der ein so reines Vertrauen in Ihren dummen Hoffartsplan setzt, daß er mit Tränen der Rührung Sie umarmt! Aber sehen Sie, es gibt eine kindliche Reinheit der Gefühle, die mitten im durchdringenden Geist Platz nimmt und keine Zweifel erlaubt. Meinen Sie dann, der Herrscher ahnt das nicht, daß nichts hinter Ihnen und hinter Ihrem hochtrabenden Vortrag steckt? – Ach ja! es wird ihm schon ganz bang, er möcht sich vergriffen haben, es ist ihm schon ein paarmal geschehen, daß er das Beste gewollt hat, und daß ihm die Unheilsstifter das Wort im Mund herumgedreht haben, es läuft ihm schon ganz heiß über den Rücken über Ihre staketenmäßigen Redensarten! – Aber! aber! größer ist sein argloses Vertrauen, er schämt sich, einen Augenblick gewankt zu haben, er will keinen Zweifel setzen in Ihre Beteuerungen, wenn sie auch noch so albern aus Ihrem verrückten Hoffart heraussprießen. – Er will's auf die Überraschung schieben, auf die überfließenden Dankgefühle, Ihr Geist war da nicht gleich bei der Hand, Sie welschten die als Komödie ihm vor, was schadet's! Die Renommeen Ihrer geleisteten Dienste sind ihm eine sichere Garantie! Nein! Nein! er würde sich schämen, Mißtrauen zu hegen – und so wirft er einen Mantel der Gnade nach dem andern um Sie. Während Sie aber noch ganz betäubt von dieser Gnadenwahl sich zurückziehen, so denken Sie auf der Treppe: Larifari! das heißt ins Deutsche übersetzt: Nein, lieber Landesvater, du irrst, wenn du meinst, wir wollten deinen Willen achten, wir wollten in die Fußtapfen treten deiner Allgüte, deiner Gerechtigkeit, wir wollten dein Regiment dem Volk lassen angedeihen, oder dir mitteilen unsere Absichten? Nein, das wär mir ein schön Regiment – wolltest du mir den geringsten Vidutz zu meinen Anstalten geben! – Da müssen wir bei Zeiten dich versorgen mit – Zeitvertreib –, da müssen wir verhüten, daß nichts in öffentliche Blätter kommt, was das alberne Volk uns zur Last legt, da müssen wir gleich jed Wahrheit mit Majestätsverbrechen belegen, und jeden Schritt des Vertrauens müssen wir durchaus verhindern, ja da muß auch kein Schelmenliedchen hinterm Strauch ungestraft gepfiffen werden! Ach, armer Fürst, hörst du das? ums Vertrauen deines Volkes will er dich bringen; das[118] ist schon auf der Trepp beschlossen, die er eben aus deiner Umarmung hinabsteigt. – Sehn Sie, Herr Pfarrer, das ist die Larifariverschwörung, zu der jeder augenblicklich übergeht, der im Staat eine Amtswürde überkommt, da springt er mit gleichen Füßen in diese Korporation der Katzenfreundschaft, in der sie zwar Zwickmühlchen spielen gegeneinander, aber nie die Larifariverschwörung verraten. – Nun! verzeihen Sie mir's, Herr Pfarrer, daß ich Sie mir da als selbstmitspielend gedacht hab, es hat mich so erbittert auf Sie, wir müssen uns versöhnen, da! die letzte Träne vom Ungerwein, wir wollen sie zusammen teilen – aufs Wohl der Zukunft! – Sie sind ein Priester der Versöhnungslehre, Christus wollte keine Priester, er wollte die Juden von den Zwangsgesetzen des Leibes und der Seele frei machen, nun, das Priestertum hat sich doch eingeschlichen und hat den menschenfreundlichen Charakter und die milde Lehre vom Erlöser mit harten gewaltsamen zwingenden Dogmen schändlich bezwungen. Die Kirchenväter, der Augustin, der Calvin, ja selbst der Luther, sie scheinen alle von der sappermentischen Idee besessen, daß, wer über den Geist des Menschen herrschen will, der muß ihn ängstigen und zerknirschen! – Ja, da sitzt der gordische Knoten! – Wer ihn zerhauen will, der muß auf diese Gemälde der Verwirrung nicht achten, die ihm prophezeit und mit Schreckensfarbe schaudervoll und zweckmäßig aufgefrischt werden von diesen Religionsmäklern, die um den milden Geist Christi uns betrügen mit ihren geheimen Zwecken, die das Schicksal des Regenten despotisch lenken, ihn täuschen, betrügen, hin und her zerren, ihm zu Zeiten glauben machen, alles gehe von ihm aus, und aus Klugheit und Politik nur als regierenden Fürsten ihn begrüßen. – Nun Herr Pfarrer! greifen Sie nie in den elenden Lostopf, wo, um ein besseres Dasein herauszuziehen, Sie sich dazu bekennen müssen, den Geist des Menschen zu beherrschen. Er muß frei sein, er darf nicht zerknirscht und geängstigt werden. Die Vernunft! wenn die ein Augenblick wetterleuchtet in der Finsternis, die erhellt da plötzlich, daß der Geist jener eben am meisten belastet ist, die Stoff und Form, Gestalt, Stimme, Laune und Kraft unter ihrem despotischen Zepter halten wollen. Verkrüppelte, bucklichte, schiefe, hektische, rachitische, träge, gallartige, nebligte Seele sind sie; was spüren die vom freien Geist in sich; man kömmt ins Gedräng, wie diesen miserablen Gegenständen des Mitleids zu helfen ist von ihrem tückischen Eigensinn; ins Reich der Freiheit, durch ein Salto mortale oder ein Caprizzio, wie wir, sind die nicht zu retten, sie sind zu steif, der räudige, ungesunde, widerstrebende Stoff muß dahinten bleiben, wo der Genius ansetzt zum Sprung!

»Aber Frau Rat, was für Abenteuer und Ereignisse verspricht sich dann Ihr unruhiger Geist von dem ungeheuren Satz, zu dem Sie das Genie des Menschen anreizen wollen? – Eine Empfindung unmittelbarer Gewißheit, eine Sichselbstfindung, eine Besonnenheit über Ihre Zukunft, wie sie in denen Glaubensartikeln uns gegeben ist, eine lebendige mächtige genügende Überzeugung, die jedes willkürliche Vorurteil überwindet, eine Armatur des Schauens, Hörens und Fühlens gegen alles Blendwerk der Einbildung, wie[119] sie jetzt nach unserm relativen Einsichts- und Kenntnisvermögen durch die Offenbarung uns mitgeteilt ist und ebenso im Staat sich instinktmäßig entwickelt hat. Eine spezielle kritische Organisierung von Gerichtshöfen, Kirche, Theater, Regierung, von öffentlichen Sitzungen, Akademien, Kollegien und so weiter, die all genau und tief mit dem System unserer Geistesentwicklung in Berührung sind, und wahrscheinlich in einer Waagschale liegen, über deren gerechtes Einstehen der Finger Gottes waltet, können Sie doch wahrlich nicht wie mit dem Feuerhuf aus den Wolken stampfen, auf denen Sie, um mich Ihrer Bildersprache zu bedienen, so übereilt dahergeritten kommen! – Krankheiten liegen in der Pflanze, Krankheiten liegen im Tier, im Stein, in allen erschaffnen Dingen. Krankheiten liegen auch in der moralischen Natur des Menschen! Wie der Mensch Gott wollte werden, so sündigte er. – Ja, Frau Rat! Ich verstehe entweder nicht das substantielle Prinzip Ihres Geistes, oder Sie sind mehr auf den magischen Gott erpicht, der Sie selbst vergöttert, als auf den moralischen, der Sie straft, der Ihnen das Gesetz darbietet, das Sie erfüllen sollen um der Liebe willen zu ihm. – O, Frau Rat! – der Tantalus, ein Sohn des Jupiter, ein Günstling der Götter, die oft bei ihm einkehrten, der aber in seinem Übermute ihre Gunst verscherzte, durch welches Verbrechen will ich hier unerörtert lassen.« –

Fr. Rat. Ach ich weiß es, Herr Pfarrer, er hat dem Jupiter seiner Frau in die Wange gebissen, und davon heißt sie auch Juno mit der gebissenen Wange. »Verzeihen Sie, das war ein Landgraf von Thüringen, einer der Stammväter des Hauses Sachsen; Tantalus hatte nicht grad dieser Göttin in die Wange gebissen, aber er hatte den Jupiter sonst durch Verrat beleidigt – dann hatte er den Göttern heimlich Nektar und Ambrosia entwendet, endlich hatte er sogar den eignen Sohn Pelops geschlachtet und den Göttern aufgetischt. – Sie gleichen diesem verbrecherischen Tantalus, obschon ich Sie gern von dieser letzten grausamen Allegorie möchte freisprechen! Ist es nicht, als ob Sie Ihrer besseren Überzeugung zu Leibe gingen, als ob Sie den primitiven Banden der geistigen Bedingungen Ihres Daseins wollten den Garaus machen mit Ihrem ewigen Geschrei nach freiem Geist. – Ist das nicht die Fortschritte der Bildung in sich gemordet? – Und Ihre freie Anwendung übermütiger Vergleiche, sind das nicht Nektartropfen, die nur den Göttern allein nicht auf der Zunge brennen, dem Menschen aber verrücken sie das Gehirn. Und Ihr keckes Verdammen vielleicht sehr ehrwürdiger verdienter Staatsmänner, die in ihren Planen keineswegs so giftige Motive verborgen hegen, als Sie ihnen vor aller Welt Ohren unterlegen, ist das nicht ein wahrer Verrat, meine liebe Frau Rat, an den Vätern des Vaterlandes, das Sie diesmal auch meinen zu warnen, aber einmal nur ist es durch das Geschrei der Gänse gerettet worden. Verzeihen Sie, Frau Rat, Sie haben mir selbst gesagt, daß man im Wein sich alle Wahrheiten oder Grobheiten an den Kopf werfen könne, weil man ja doch am andern Tag nichts mehr davon wisse und die besten Freunde bleibe?« –

Fr. Rat. Immer zu, Herr Pfarrer! –[120]

»Ja! – Und Sie erleiden auch die Strafe des Tantalus, der schwere Stein hängt über Ihrem Haupt und droht Sie zu zerschmettern, und Sie können ihn nicht entfernen, denn das ist Ihr Gewissen! – Dicht über Ihnen hängen die herrlichsten Früchte, und Sie stehen bis am Hals im Wasser, aber doch können Sie Ihren brennenden Durst nicht löschen und Ihren quälenden Hunger nicht stillen, beides weicht vor Ihnen zurück, weil Sie eben den Eigensinn, den Sie andern vorwerfen, selbst nicht in sich gewahr werden. Es ist freilich Krankheit, ein Phänomenon einer erhöhten Sensation in Ihnen, die in höhere Kräfte übergehen will. Diese seltsam krankhafte Begier nach Freiheit, wo Ihnen doch an Leib- und Seelennahrung in Ihrem jetzigen Verhältnis zum Bestehenden durchaus nichts abgeht. – Wo im Gegenteil Nahrung Ihnen aus jeder Betrachtung zufließt. Wo Schönheit, Güte, Wahrheit immer noch zu erlangende Ziele sind, um welche wir in olympischen Kampfspielen ringen können! O, Frau Rat, warum hat Ihre Seele, die so viel ihrem Schöpfer zu verdankende Anlagen hat, keine Ruh? – warum verlangt sie nach dem, was sie nicht erlangen kann und nach göttlichem Ratschluß nicht erlangen soll!«

Fr. Rat. Wäsch mir den Pelz und mach mir ihn nicht naß! – Herr Pfarrer, ich fühle mich gänzlich trocken unter Ihrem reichen Segen echt christlicher Geduldsvermahnung, – fahren Sie fort, wenn Sie noch was zu vermerken haben! –

»Ich hab nichts weiter zu vermerken, Frau Rat, und es sollte mich nur freuen, wenn ich dem Ihrigen krankhaften Trieb, den wilden Franken gleich Freiheit und Gleichheit auszurufen, in etwas steuern könnte, wahrlich, es ist Ihnen der größte Schaden, denn Sie werden dadurch dem Reich des Ewigbestehenden gefährlich.«

Fr. Rat. Ha! ha! – Werfen Sie mir so kein großen Spieß zu, um Sie über den Haufen zu stechen! – Sie kleiner Truthahn! – Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, meiner Weinlaune! Ich habe mich eben an die kapitolinische Gäns erinnert, das hat mich sofort in meinem Vergleich aufs Federvieh gebracht. »Aber über was belieben Sie zu lachen, Frau Rat, und wo hab ich Ihnen denn einen so großen Spieß zugeworfen?«

Fr. Rat. Weil Sie behaupten, ich werde dem Reich des Ewigbestehenden gefährlich, diesen Unsinn haben Sie gar nicht zufällig ausgesprochen, Sie wiederholen ihn in unzähligen Malen, in allen priesterlichen Warnungen, die sind die Stricke, womit ihr den Geist gleich gebunden dem Unsinn überantwortet. Denn wolltet ihr zugeben, daß dem Ewigbestehenden nichts schaden kann, weder an seiner innern noch äußern Lebensgewalt, dann müßtet ihr auch dahin kommen, daß allein der freie Geist vom Ewigbestehenden kann tangiert werden. Das Ewigbestehende ist der Gottesatem, wir können ihn nicht aufhalten, daß er Leben aus- und einströme. – Was habt ihr ungeheuren Esel all miteinander Furcht vor der Wahrheit? – Denn die ist Geistesfreiheit! – Vielleicht weil's aus wär mit allen kleinlichen Dingen des Egoismus? – Weil die Sünde mitsamt ihrer lächerlichen Straf- und[121] Besserungsanstalten rein ausgemerzt sein würde, gegen die wir bis jetzt vergeblich gekämpft haben, und haben dem Teufel widersacht, der unter unzähligem heuchlerischem Vorwand immer wieder bei uns einkehrte; und haben falsch an ihm geschworen, und haben mit dem Todesurteil die Sünde belegt, und haben's ohne Scheu am Menschen vollzogen, der unschuldig war an seiner Geistesgebundenheit, in der er nicht wußte aus noch ein mit seinen leidenschaftlichen Naturanlagen! Ihr aber, seine Richter, seid doppelt schuldig an der Sünde Dasein und am Vergehen, denn ihr haltet die Freiheit des Geistes gefangen, den einzigen Leitengel des Menschen zum Weg der Tugend. Ihr habt ihn auf den Weg der Gebundenheit und des Bedürfnisses gestoßen, und nun erfrecht ihr euch und straft's an ihm! – Ach, diese Gedanken kehren mir immer in erneuter Kraft wieder, sooft ich von einem Todesurteil hör. Ach, wißt ihr denn euch nicht anders zu helfen in der Verwirrung, die ihr angerichtet habt, als daß ihr mordet, was Zeugnis gibt von eurer Verkehrtheit? – Und ja, ich muß die Hände ringen über einen Verbrecher, den man zum Richtplatz führt, zum Platz vorsätzlichen Mords aus Dummheit, da greif ich ans Herz, weil's so gewaltig klopft, dann denk ich: Ach, wo bleibt der Fürst der Gerechtigkeit, der freie Geist! – Die Zeiten gehn herum, die Gewissensstimme reget sich; hier und da wird ein Herz erschüttert von geheimen Ahnungen, ob dies oder jenes auch ein erlaubtes Wagnis wär? – Ja! groß wär der Augenblick, der uns eine neue kühne Wendung gäbe, wo wir die Vorurteile in gerechter Rache zum Richtplatz führten, nicht die Menschen, wie die Franken, von denen Sie mich ungerecht beschuldigen, ich hätte von ihnen gelernt Freiheit und Gleichheit rufen! Nein, ich verabscheue das! – Kein Schlachtmesser an die Natur gelegt, sei es Fleisch oder Geist! – Ein Heros des Geistes muß der sein, der die alte Leier zerbricht und neue Saiten aufspannt! Neue Bahnen der Harmonie erschließt! Ach! lassen wir das meine letzte Wahrheit sein, die ich hier noch aussprechen will! – Ein einzig gering Ding in der Welt mit dem Wahrheitsgeist aufgefaßt, dann zieht die Wolke der Finsternis vor dem Licht hinweg, und er scheint in alle zerstörte Lebensverhältnisse, in alle falschen Pläne, ja er wandelt Staat und Religion um und gründet aufs neue die Bande des Volks mit dem Fürsten, kurz, er hebt durch erhöhte Flugkräfte uns dahin, wo der Menschengeist durch alle Zwangsmarter, durch allen heimtückischen Widerpart sich durcharbeiten wird. Noch ist er nicht im Alltagsleben, in der Geschichts- oder Begebenheitswelt als solcher anerkannt, aber den alten Aberglauben gebannt, die herrschsüchtige Leidenschaften zurückgewiesen, die Vorurteile zum Schweigen gebracht, die Furcht als das unedelste, was den Menschensinn betört, überwältigt, und wir werden bald gewahr werden, daß eben die Denkfreiheit unvertilgbar ist, daß sie Gottes Werkstätte ist, in der er nie aufhört zu arbeiten, mag auch noch so erschütternd Grausames von der tyrannischen Dummheit über ihn verhängt sein. Nein! Kein Blutstropfen der Revolution ist umsonst geflossen, alles ist zu Geist geworden, er blüht jetzt wieder in der Menschheit, laß uns hoffen auf den Helden,[122] der den freien Weg auch zur irdischen Freitätigkeit bahnt, und wir werden endlich fühlen, wie sanft, wie allgemein, wie ohne Falsch dieser Geist der Revolution sich verbreiten wird über Staat und Religion, über Fürst und Volk, aber er wird beiden keine Strafe, keine Gottesgeißel sein! – Nein! gleich den Jahreszeiten wird er mit überirdischen Gewalten eingreifen mit Keimen, Blühen, Reifen und Genießen.

»Ganz erbaut bin ich von der Frau Rat ihrem hohen Geistesschwung, die Zeit bleibt leider nicht verharrend in Betrachtungen großartiger Ansichten, sonst wär's jetzt gewiß noch nicht vier Stund, daß wir hier geplaudert haben, und würde die Nacht zurückhalten, die jetzt mit Macht aufsteigt.«

Fr. Rat. Ja! ja! wo schon ein so starker Nebel Ihnen im Kopf aufsteigt! Und nun kommt die Nacht dazu, wie werden Sie den Heimweg finden?

»In Betrachtung, Frau Rat, Ihrer großen Eigenschaften werde ich langsam an den Häusern hingehen, und wenn mir's vor den Augen schwankt, so wird das nicht der Geist des Weines sein, aber Ihre ganz eigentlichen Ansichten, wie die einen labyrinthischen Weg nehmen und dann plötzlich mitten im Hellen, wo man Sie eben fassen will, mitten im Licht der Begeistrung aufschweben. – Ja, Sie sind eine außerordentliche Frau! Sie sind gewiß die merkwürdigste Frau unseres Jahrhunderts, Sie haben einen männlichen Geist, den haben Sie, meine Bewundrung geht ins Erstaunen über! Wie humoristisch! – Hu – – wie fein! – das ist eine Fertigkeit, eine Berechnungskunst, man muß bei Ihnen in der Schule gewesen sein; ja, Sie haben einen männlichen Geist, dies Prädikat können Sie ohne Schmeichelei annehmen.«

Fr. Rat. Ich mag Ihr Prädikat nicht.

Staun an den Mut eines Weibes und ihre Heldenkraft, wie sie mit furchtlosem Blick den Kampf besteht! Hoch über Gefahr hinweg trägt ihr Herz die Streiterin; unermeßlicher Stärke geneußt sie, von keiner Furcht die Seele bestürmt. – Wer von den Unsterblichen erzeugte sie, die, losgerissen von furchtsamen Banden des Schweigens, das Geklüft durchschreiet mit Geschmetter des Freiheitsrufs! – Die schlaue Suada ist's, o Phöbus! Dein Kind auch, dem du der ungebundnen Rede heimlichen Schlüssel vertraust. Du! der aller Dinge bestimmtes Ende weiß und ihre Pfade alle. – Du Hellseher, was künftig ist, und wenn es würklich wird; gebeutst, Allsehender, daß sie umherstreue, wie Frühlingsblätter, deiner Verheißungen Trost! Aber wie die Wogen der Sturm des Windes dahin wälzt in Strömen, so zwischen ungastlichen Ufern stürmt von ihren Lippen dein heilig Wort. Und du trägst, Allkundiger, sie hin zu Jupiters Garten, wo auf flurumringten Hügeln die Ströme, die Wälder, die fruchtreichen Pflanzen, das Gewild und zahme Herden und das Menschengeschlecht sie umringt im gerechten Mitbesitz goldner Freiheit. – Denn, Herr Pfarrer, wo würde der weissagende Gott gegenüber denen Spionen und ausgestellten Wächtern der Sittlichkeit, die die edle geistige Farbe des Menschenleibes grün anstreichen zum Balletttanz, sein Plektrum ertönen lassen! Nun, Gott! Die großen Griechen bei[123] ihren olympischen Spielen, wenn die wie grüne Raben vor dem Pindar seiner Nas wären angeflogen nach dem Ziel, wo blieb da der himmlische Rhythmus seiner Leier! Ei, diese Grünspechte verdienten, daß sie am Tage der Auferstehung des Fleisches wie die Grünkohlraupe langsam müßten von einem Kohlstrunk zum andern kriechen, während die verklärten Leiber der Griechen im natürlichen Glanz ihrer Verklärung schweben.

»Was ist das nun wieder vor Neurat? –«

Fr. Rat. Ich hab's erst gestern gehört, was ganz Neues ist's, das Volk wird mit großem Gelächter die heuchlerischen dummen Anstalten der Sittenrichter obligat begleiten. – Das weissage ich, wenn dies Gebot der Sittlichkeit sollte in Erfüllung gehn. – Gehn Sie nicht vorne heraus, Herr Pfarrer, Sie könnten ins Floß fallen, das ist da so breit, gehn Sie durch die Küch, ich werd Ihnen den Weg zeigen!

Der Pfarrer empfiehlt sich ganz verdattert über der Frau Rat ihren pindarischen Schwung, den er gar nicht hinter ihr gesucht hatte. Ja, so geht's, die ledernen Philister meinen, man könnte zu hohen Lebensansichten kommen, ohne vom Geist der Poesie durchdrungen zu sein.

[124] Fr. Rat. Ei, wo bist du dann vorgestern geblieben, kaum war der Pfarrer fort und will mich nach dir umsehn, daß ich mir das Herz noch einen Augenblick erleichtern kann, da befand ich mich ganz allein, das war sehr dumm, daß du hinter meinem Rücken fortgelaufen bist. –

»Es war schon halber neun!«

Fr. Rat. Ist das eine so späte Zeit, daß man nicht einmal gute Nacht sagt? bist du nicht schon als um halber zehn und um halber elf auch noch hier auf der Schawell gesessen, und ich wollt meine Nachtruh haben, aber es konnt dich ja keiner vom Platz bringen, und gestern, wie ich in die Küch geh und denk, du hast dich wo versteckelt, bist du in aller Hast hinter dem Pfarrer drein die Trepp heruntergepurzelt, – mir war das sehr unangenehm. – Ich hätt gern noch ein Augenblickchen mit dir geschwätzt. – Man ist so verlassen nach so einem Gespräch, wo man sich ganz einem hinreißenden Feuer überlassen hat, wenn man niemand hat, der einem noch ein paar trostreiche Worte sagt. – Hast du dann den Pfarrer noch erwischt auf der Gaß?

»Ich hab ihn nicht erwischt, ich hab einen großen Bogen um ihn gemacht, weil er ein lederner Kerl ist.«

Fr. Rat. Was schimpfst du auf den Mann! – Er hat mir drei Stunden zugehört, und es war schon viel, daß er wiederkam! – Der Mann hat mich ausschwätzen lassen. Das ist immer schon viel Geduld; und hat mir ganz ordentlich Antwort geben, davor muß man immer dankbar sein! –

»Ja, er hat zweimal genießt und dreimal gegähnt.«

Fr. Rat. Was verleumdst du den Mann? – Genießt hat er, ich bin zweimal davor erschrocken, da kann er aber nichts davor, solche Kanzelredner haben einen ungeheuern Widerhall im Kopf, wenn sich ihr Gehirn einmal reinigen will; es dröhnt eim durch alle Glieder, ich glaub, das muß so ein alt aufgesammelt Wesen vom Widerschall sein. – Aber hat er denn wirklich auch gegähnt? Ich hab's nicht bemerkt! –

»Er hat nach inwendig gegähnt, grad bei den expressen Stellen, sein Gesicht ward auf einmal so lang und so dumm, und kam gleich darauf ein so stiller Frieden übers ganze Gesicht, grad wie an einem gewöhnlichen Tag, wo die Sonn als nicht der Müh wert hält zu scheinen!«

Fr. Rat. Statt daß du dem Pfarrer sein Gesichterschneide hast angestaunt, hättest du lieber aufgepaßt, was ich vorbrachte. Nicht daß ich so sehr was darauf geb. – Aber es kommen mir doch manchmal Dinge in den Kopf, die verwundern mich selbst, und erhöhn alle meine Lebensgeister, daß ich mehr sag, als ich gewußt hab. Ich behalt so was nicht auswendig, und wenn ich[125] mich dann noch ein bißchen erkühlen kann und auf und ab gehen mit einem, der dabei war, der mir vorhält, von was die Red war, – ob ich so einem Mann, mit meine feurige Redensarten, nicht hab vor den Kopf gestoßen, und ob ich ihm nicht Unmöglichkeiten hab vorgebracht. – – Von dir hätt ich nun das erwartet. – Da machst du nun deine Glossen über dem Prediger seine Grimassen, und verläßt mich gänzlich, hörst nicht zu, als ob jeder Spatz so gut räsonieren könnt wie ich. –

»Will Sie wissen, was Sie gestern und vorgestern geredet hat? – Da ist alles aufgeschrieben! –«

Fr. Rat. Was! – das ganze Schreibbuch voll wär von mir? – Ei, wann hast du dann das geschrieben? –

»Ich hab die ganze Nächte dran geschrieben, und vorgestern den ganzen Tag, und bin deswegen so eilig davon gelaufen, um nichts zu vergessen.«

Fr. Rat. Mädchen, du wirst deine Gesundheit ganz zugrund richten. – Zwei Nächte hintereinander zu schreiben, das sind meine närrische Gedanken nicht wert. – Was das vor viele Blätter sind! – Achtundzwanzig Seiten! – Nun, du wirst mir manchen Placken da hineingeflickt haben, der nicht von meinem Zeug ist. – Der Sokrates hat sich das auch müssen vom Plato gefallen lassen.

»Glaub Sie das nicht – denn ich wüßte nicht, was ich denken könnte, was nicht aus Ihrem Mund ist, oder vielmehr aus Ihrem Kopf! – Ehmals hab ich an nichts gedacht, was in der Welt vorgeht, jetzt greift mir alles ans Herz. – Wie der Napoleon hier durchkam, da war mir gar nicht eingefallen ihn zu sehen, aber Sie hielt eine so bewegliche Red über ihn, daß ich mit zitterndem Herzen und wie eine glühende Kohl gebrennt hab, wie er mich ansah! –«

Fr. Rat. Er hat dich angesehn? – Ei wo? –

»Ich stand in der Nische vom Treppenhaus, im Taxischen Haus, da kam er herunter, und guckte in die Höh, und das traf grad in meine Augen, und als ich nach Haus kam, mußt ich nachts dran denken, die Leute redeten, er sei so schauerlich anzusehn, seine dunklen Augen hätten einen Höllenblick, und da schwätzten sie noch so viel Unheimliches. – Es regte sich so eine Schicksalssehnsucht in mir, daß ich die Nacht immer auf dem Sprung war. Ich meinte, ich müßte ihm nachreisen.«

Fr. Rat. Warum hast du mir denn gar nichts gesagt von dem Plan, dem Napoleon nachzureisen? – Wir haben doch sonst immer unsere Reisepläne zusammen ausspekuliert! –

»Ach, weil mir's diesmal das Herz durchwühlt hat, weil ich mich vor mir selber geschämt hab, daß ich wollt und doch es unterließ! – daß lauter Kleinigkeiten mir unübersteigliche Berge schienen! –«

Fr. Rat. Also wäre dir's doch so ernst? – Was hattest du nur dabei im Sinn? – Denn verliebt hast du dich doch nicht in den einen Blick! – Was hattest du also im Sinn? Das sag aufrichtig; daß ich dich auch einmal auf einer Verkehrtheit ertappen kann! –

»Grad der eine Blick war's. – Ich dacht, wär ich bei ihm, ich wollt seine große[126] gewaltige Natur zwingen, aus sich selbst den großen unüberwindlichen Held zu machen. – –«

Fr. Rat. Vor dem Gott so viel Respekt haben müßt, als die Menschen vor ihm haben. – Nicht wahr? Geh her, laß dich küssen! – Ich bin nicht klüger als du! – Du meinst, du hättest alles von mir gelernt! ich bin davor durch dich auf vieles gekommen, und hab's recht lebendig bedacht, weil du mir oft merkwürdige Fragen getan hast. – Darauf halt ich was, daß mein Umgang mit den Menschen kein toter soll sein. Es ist meine Unsterblichkeit, daß ich in deinem Herzen fortwachs, wenn ich schon lange begraben bin unter der Frankfurter Erd und im Gedächtnis der Menschen, das so bei den meisten ein Kirchhof ist, wo die Erinnerungstafel auch nicht mehr besagt, als:

›Hier ruht in Gott die Frau Rat‹, und dann die Jahreszahl drunter, wie man's bald in natura wird lesen können! – –

Also solche große Projekte wühlen in dir herum! – Die Menschheit willst du salvieren, und aus dem Napoleon einen großen Mann machen. Ei hör, das glaubt dir kein Mensch, daß dir das gelingen wird! – und dir würde das eher gelingen, als daß die Leut auch nur eine Ahnung davon haben könnten, daß er nicht schon groß wär, und ganz für närrisch würden sie dich halten, wenn sie wüßten, du gingst mit so was um. Unterdessen haben alle deine fünf Sinne Generalmarsch geschlagen hinter dem Welteroberer drein, um ihn vorm Abgrund zu retten des Selbstverderbens. Was war das in deinem Herzen? Gottheitsfunken, so gewaltig wirkender! – lichterlohe Flammen! warst drauf und dran, die ungeheure Unmöglichkeiten zu wagen! –

Neues geschieht alle Tag – Dummes und Lächerliches! – Aber das große geschieht nur in dem Menschen seiner Sehnsucht, das Tageslicht darf's nicht beleuchten wollen. – Alles Erhabne ist dem gemeinen Sinn Schimäre, auch meine Reden werden dem Herrn Pfarrer wie Blendwerk vorkommen sein. – Die Welt ist voll prophetischem Feuer, es schlägt hier und dort in Flammen auf. Die Leut halten's für Strohfeuer, hätten sie sich aber davon entzünden lassen, so hätte die Flammen sie gereinigt, und das Große, was sie als Schimäre achten, wär in ihnen wahr geworden; aber doch hat's einmal gebrennt. Auch ohne sie wird's wahr werden. Auch du wirst vielleicht in der Zeit wie ein Zeichen dastehen, aber daß sie je den Glauben an die unbefangene Natur haben sollten des Prophetischen in dir, das lassen sie sich nicht gefallen. – Ich sag dir, dein Schmerzgefühl, deine heiße Begierde, den Napoleon zu warnen vor seinem Untergang – die Menschen ahnen so was nicht. – Aber mir bedeutet es seinen Untergang! –

Dann wird er sich alles selbst sagen, oft und bitter. Das Schicksal wird ihn nicht aus der Schule lassen, bis er begriffen hat, an was es bei ihm fehlt. Solche große ungeheure Charakterkräfte, an denen das Schicksal ganze Generationen draufgehn läßt, um sie auszubilden und zu erproben, die können nicht verwehen wie Flugsand – sie müssen in ihm sich ordnen[127] und reifen. Wenn auch sein Erdenleben an dem Rätsel zugrund geht, so wird sein eignes Denken ihn fragen: »Was hättest du sollen und hast's nicht erfüllt! – Und wie deutlich und wie bedeutend hat doch der große Schicksalsball mit dir parlementiert, wohin du ihm sollst den Schwung geben – und hast es vor der Menschheit zugestanden, und dann hast du ihm unversehens einen Stoß geben, daß er ganz schief geflogen ist.« – Dies wird ihm in der Seel kochen und es wird gären in ihm und wird sein unsterblich Teil in ihm reifen. – Zu spät! sagen die, welche mit ihrer ausgeklügelten Weisheit den Schicksalsideen wollen unter die Arme greifen. – Zu spät ist aber nichts, was immer neuen Lebenstrieb gewinnt, zu spät ist kein tragisch End, wenn es dem Menschen sich selber begreifen lehrt. Eine Aufgabe, einmal begriffen, von einem solchen, der den Beruf deutlich in der Gewalt dazu spürt, die kann nicht unausgeführt bleiben. Sollte der Geist auch zu Staub und Asche verfliegen wie der Leib, vor was lernte er sich selber begreifen noch im letzten Stadium? – Siehst du hier auch wieder in einer verfehlten Mission den großen prophetischen Erleuchtungsstrahl, der allen Menschen ihre Zukunft voraussagt und ihnen bedeutet, was ihnen not tut. –

Nämlich, was sie erwartet und ersehnt haben vom Napoleon, das sollen sie immer deutlicher und schärfer in sich ausbilden; – ihr Verlangen, ihr Bedürfnis muß ebenso großartig sein, so rein sein, als der Held groß sein muß, der es der Weltgeschichte für sie abtrotzt. – Also diesmal hat Napoleon die Weltschicksale als Schule durchlaufen. Wir wollen ihm den Stab nicht brechen, daß er die großen Gewalten nicht gleich zu brauchen versteht. Daß erst nach Verhängnissen, die den Fluch auf ihn laden werden der Nachwelt, die großen Schicksalseigenschaften in ihm reifen müssen. Auch die Menschheit ist ja nicht reif dazu, sie hat nicht den allgemeinen Adel in sich ausgesprochen fürs allgemeine. Diese verführt ihn mehr noch als seine Eitelkeit. Wenn seine Umgebung, wenn seine ganze Zeit das Große in sich spiegelte, ihm müßte es sich deutlich einprägen, er könnte keine andere Lieblingsidee erfassen. Nein, er könnte nicht nach dem Schlechten greifen, wenn das Große mächtig im Lebensspiegel sich ihm zeigte. – O, daß weiß ich wohl, daß die Gelehrten der Welt eine solche Idee, die da im Grund meines Ingeniums aufsteigt, für Wahnsinn werden erklären. Das käm mir von den Philosophen, die ganz kurzsichtig borniert sind, gegen den Scharfblick einer Seelenschaukenntnis gar nicht unerwartet! Nämlich, daß die Ereignisse von gegenseitiger Übereinstimmung abhängen des Gefühls, des Willens, der Begriffe und namentlich der höheren Moralität, daß, wenn der Heldenaar keinen Aufschwung nimmt und ohne Zagen über der Gemeinheit thront, so ist's, weil die Luft zu sehr von ihr durchdrungen ist, weil schwere Wolken mefitisch ausdünsten und ihm die Schwungkraft lähmen. Selbstgefühl und liberale Gesinnung müssen einander begegnen. Wo kannst du einer Sklavenseele die Freiheit in ihr beweisen? – Nein, du kannst das nicht. Wo kann die Menschheit die Achtung in dir so steigern, daß du gar nie wagen kannst wollen, sie zu übermannen mit deinem Ehrgeiz, deiner Eitelkeit und Tyrannei?[128] Wenn ihr das Herz nicht glüht für Freiheit, wenn der Geist sie nicht zu nützen weiß. Nein, der Napoleon könnte nicht nach dem Schlechten greifen, wenn das Große mächtig im Lebensspiegel sich ihm zeigte. – Merk dir, wenn einstens diese große Bahn durchlaufen wird sein vom Stern, der erlöschen wird – daß in deinem Herzen wenigstens kein Frohlocken mit dem rohen Menschenhaufen seinem Jubel zusammenstimme. Denn warum? – in deinem Herzen bist du gewarnt, durch deine unwillkürliche Begeistrung, die du aus einem Blick von ihm geschöpft hast. – Du wirst den Blick nicht verleugnen, der nur zufällig war, aber doch hatte er seine Wirkung, weil er harmonisch mit deinem Geist stimmte, ja! – ein Ton! – erklingt er, so wirkt er im All. – Wo aber das nicht zur Harmonie gestimmt ist, da bringt er nur noch mehr falschtönende Wirkung hervor! Aber das feine Ohr des Geistes ermißt die Verstimmung, auch selbst die schreienden Mißtöne sind Fortschritte zur Harmonie, auf die alles Schicksal berechnet ist.

Alle Menschen müssen durch das Schicksal zu sich selbst kommen, es hat den Napoleon durchgenommen, keine Harmonie ist daraus hervorgangen. – Das Schicksal ist der Stimmhammer der Völker und ihrer Helden, und gewiß wird der Usurpator und Volk von diesem Stimmhammer angespannt werden, der als wesentlich mitklingender Ton dereinstens noch im harmonischen All verlautbaren wird.

Wie heißen sie doch alle rund um ihn her, die Männer, die ihm einen falschen Glanz weben, die in der Schule der Revolution schon die ersten Hefen ausgegoren hatten und hatten schon Großes geduldet, daß die sich ihrer früheren Regungen gar nicht mehr bewußt sind? Für einen goldscharmarierten Rock und hohlen Titel, für die Armut des Reichtums, den Freiheitshimmel zu verkaufen und die Heiligung der Menschheit, um sich an einer Krönung zu ergötzen! – Das hohe Vergnügen für einen Franzosen! – Krönung samt dem Zeremoniell, nebst Kleidung vom Kopf bis zu Fuß, Kronämter, Lobreden, Adressen, reichliche Stoffe der Mitteilung, worin beide Teile, Volk und Behörden, über alle Maßen sich delektieren. – Und der Volksheld dem Kitzel der Schmeichelei sich ergibt? –

Usurpation der fürstlichen Gewalt entwickelt ihre Krankheitssymptome im ganzen Reich, religiöse und politische Gaukelei, Menschenverachtung, Haß, Verfolgung des Geistes, Betrug der Sinne, Mord des Verstandes, Wahn bis zur Tollheit kommen hier zum Vorschein. Ja, was ist es? – Der Stoff dazu lag in der Krankheitsnatur, es sind die Phänomene eines erhöhten Gefühlsreizes, der in höhere Kräfte übergehen will. – Und deswegen ist die Nation nicht verachtungswürdig, weil diese Unratsbeulen der Krankheit sich erzeugen! Nein, es ist vielmehr die Möglichkeit, die Kraft einer vollkommnen moralischen Gesundheit darin verbürgt, die das Genie des Heldentums, der Wahrheit, der Güte und Schönheit Schritt vor Schritt aus dieser Nation entwicklen wird. – Und wir Deutsche wollen uns nicht so sehr mit unserer heilen Haut brüsten, es ist unser best Verdienst nicht,[129] daß die so untätig ist, der Krankheitsstoff liegt doch auch in uns. Denn so, wie wir sind, sind wir miserabel! – Und wenn weiter nichts wird, als daß wir bleiben, was wir sind, so ist der große Name Deutsche Nation eine Mönchskutte der Heuchelei, unter der wir die niederträchtigste Schwäche und Liederlichkeit aller bösen Neigungen verbergen. – Wir sind ein talgiger Teig, der weder in Begeistrung für das Große, noch in Gärung gegen das Gemeine und Schmachvolle aufgeht. Was prahlen wir uns als sitzen gebliebner Teig, dem der Backofen nie recht geheizt war, um die Lebenskraft in ihm zu entwicklen. Wir wollen hoffen, daß auch wir den Krankheitsstoff noch auswerfen werden, daß der Menschheit Ideal auch in uns noch regsame Kräfte finde. Daß ein neuer Schöpfungstag der deutschen Nation anbreche. Nicht purpurrot, nicht in langhinströmendem Heldenmantel voller Wundmale soll uns die Sonne aufgehen. Nein, in der Divinität des sittlichen Gefühls, da sind auch noch Stufen zu ersteigen für den deutschen Fürsten und sein Volk, das Blau des Friedenshimmels soll ihn umwehen, das Panier der Selbstverleugnung zum Wohl der Gesamtheit soll vor ihm aufgepflanzt sein, und das Volk soll vor ihm anbeten und seine Entwicklung heiligen in ihm. – O Frankreich, du edler Bruder Deutschlands, der sein Blut für beide vergossen hat, der im Fieber der Raserei allein die Krisis der Gefahr bestanden für beide! und nun sollte das Deutschland spottend deiner sich überheben, weil du ein Augenblick dich ermattest fühlst, weil eine edle Blässe dein Antlitz überzieht. – O! wissen wir dann nicht, daß es der Geist ist, der dich beseelt, und dein Blut durchdrungen hat mit der Begeistrung, die es vergoß, und daß dieser Geist reiner hervorleuchten muß nach jedem Heldenopfer! und sollten wir brüderlich nicht auch zu dir empfinden? – Und wissen wir in unserer Selbsttäuschung nichts Besseres, als daß wir uns höher stellen als wie dich. – Und wären wir denn größer als du – würde das zur Herabwürdigung deiner uns berechtigen? – Was ist zu halten von dem, der in der Einbildung einer bessern Gesundheit seinen Fuß dem Bruder spottend in den Nacken setzt, der unter einer Krisis leidet, Krisis regenerierender Gewalten? – O wie elend sind wir in diesem Stolz, auf den wir so stolz sind. – Der feuerdurchglühte Purpur des Wolkenhimmels, das lichtdurchwehte Blau des Ozeans verschwistern sich so selig in der Natur. Aber Frankreich und Deutschland nicht! – Die blutigen Fittiche werden genesen dem kranken Helden, aber der Bruder wird seiner Genesung sich nicht freuen! – er wird zürnen heimlich, daß er wieder gesunde. –

Aber ich muß ausruhen von dieser Betrübnis über die lieblose Krankheit der übermütigen deutschen Nation. – Ich muß denken, auch sie wird so lang sich in ihren Geschicken erproben, bis auch in ihr die Gewalt der Tyrannei gebrochen ist und ein höher Bewußtsein ihre Kräfte sammelt. – Die Erhebung der Menschheit zum Genius, das ist das einzige Mittel, um rasch uns aller unwürdigen Kollisionen zu entledigen, das wird und muß in den Nationen wahr werden, wie in ihren Helden! – Er wird noch wiederkommen,[130] der Napoleon – er wird kommen und sich als Meister fertig bilden, dann wird er die Schlacken abwerfen und an der Menschheit seine große Aufgabe ausführen, und da wird die Begeistrungsflamme von heut in der Zukunft ihren Grund hell aufleuchten sehen. –

Ach, ich bin müde von allem Drang des Redens. – Die ganze Zeit hat mir's im Begriff gestockt, und heut über dein verliebt Abenteuer mit dem Napoleon hab ich's lernen herauspoltern.

Ob dies Labyrinth von Weltgedanken des Aufbewahrens, des Nachdenkens würdig ist, ich weiß es nicht. Der Geist muß manches belächeln, was ihm der gute Wille darbietet. Manches aber auch muß ihn tief erschüttern, und ich mein, was ich da ausgesprochen hab, das ist der Tränen wert, und ich selbst fühl die Träne des Genius in mir anschwellen, und noch näherliegende Erscheinungen und Träume kommen mir durch den Kopf geflogen, die ich alle mit Worten aussprechen möchte. – –

Es ist närrisch, daß dem Napoleon so groß als der Weltkreis, den er durchstreicht, auch sein Unrecht abgemessen wird. Daß Flüche und Schmähungen schon jetzt auf ihn lauern. Das alles ist auch der Unbegriff von ihm und seinem Geschick. Beinah auf jedem Steig ist ihm eine Fallbrücke gebaut. –

Und jeder Mensch hat eine Mission und jeder verfehlt sie, obschon er viel weniger zu verantworten hat, obschon ihm seine Bahn viel deutlicher vorgeschrieben ist, und sie ihm mit allen Glocken eingeläutet wird des Geschicks und der Begeistrung dafür, und obschon er sich und der Nachwelt in den feierlichsten Herzensergießungen alles zehnfach verheißen hat! – sag, wie kommt das? – –

Kann man sich satt verwundern, daß zwar alle große Wahrheiten in jeder Weise bejaht werden, nur nicht mit der Tat? – Als ob Gefühl, Begeistrung und Gottesgelübde nur Schimäre wär. Und wollt einer einem innern Beruf folgen, so wär er ein Narr, oder auf einem Unglücksweg, wenn er sich doch eine reine Bahn gezeichnet hat.

Ist doch keine Heldentat, kein Witz so groß als ein einfach Gewissen, – du wirst länger leben als ich, und noch manchen Zeitenwechsel mit ansehen. – Du wirst merken, daß, die in ihrer strotzenden Tugend über seine Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Menschenverachtung, List, Mord und alle sonstigen Verbrechen Schauder über Schauder rufen, dennoch nicht werden vermögend sein, die ihnen durch ihn erleichterten Obliegenheiten zu vollführen.

Sobald es groß handlen heißt, tut es der nicht, dem das Schicksal es zuruft! – Er will aus Eigendünkel handeln, nie will er den Weltton ganz studieren, er will ihn selbst erfinden, und dann fällt er auf ein abgeleiert Thema, und bringt das als sein eigen Werk in Gang. Denn ein Erfinder ist der nie, der eigensüchtig ist.

Wollt ein Fürst sich auf den Gipfel seiner Zeit stellen, wie ihm das selbst durch den Thronsitz, den ihm sein Volk baut, ganz deutlich unter die Füß[131] gegeben ist, daß er über allem Treiben und Gewühl den Blick hinaus soll nach der Zukunft richten, und soll die herbeilocken durch seine Hingebung an sie, was er doch einmal dem Vertrauen seines Volkes in ihm schuldig ist – denn wohin kann es geleitet sein wollen als der Zukunft entgegen? – Das geschieht nicht. – Sitzen wird er wohl auf dem Thron, aber nicht sein Geist, nicht sein Mut. – Den Blick wird er nicht ins Feld der Zukunft richten und sagen: So seh ich's kommen, ich muß ihm entgegeneilen, ich muß lernen von dem Gott der Zeiten, wie ich mich durch Mut und Tapferkeit zu seinem Generalissimus mach! –

Ach, ich mag kein laues Gespräch darüber führen. Feig sind solche Menschen, denn sie fürchten sich vor dem Unvermeidlichen, und frech sind sie, denn sie wagen es, ihm zuwider zu handlen, sie leugnen ihm seine Wahrhaftigkeit ab, sie stellen sich dumm, obschon die innere Stimme ihnen gewiß keine Wahrheit schuldig bleibt! – Nun frag ich: – Sind die mit dem Napoleon zu messen? – dürfen die es wagen ihn zu verdammen? – Ihn hat das Fieber hingerissen, er hat im Paroxysmus das Unsinnige getan. – Er wird aufwachen, vielleicht schon in dieser, vielleicht erst in jener Welt von seinem Rausch, dann wird er erkennen, was er nämlich hätte tun und was er hätte lassen sollen, – und vielleicht! – ja! ich meine, gewiß wird sich der Heldengeist in ihm zusammenraffen, auferstehen von den Toten, – wie denn alles aufersteht, um sein gereinigt Licht auszustrahlen. Denn alles Große muß erlöst werden. Das Sündhafte wird ja so zunichte; aber das Gewaltige erlösen im eignen Geist, das ist der Menschheit Aufgabe. – Hat sie's erfahren durch ihn, was sie von ihm erwarten durfte, was sie aus sich machen soll, so mag sie durch diese Wahrnehmung sich reifen, sie mag den Begriff in ihm erlösen; den Geist, der ihr durch ihn eingeleuchtet hat, samt aller Helden blutversprützten Begeisterung.

Und nun ist die Rede nicht mehr davon, daß wir den Napoleon verleumden! – Unsterblich wird er sein, weil wir unsere Entwickelung in ihm befördern, weil wir die Schicksalsaufgabe in ihm anerkennen und im eignen Gefühl wahren, und entwicklen – so haben wir ihn erlöst von seiner Schuld. – Nicht deren man ihn beschuldigt und noch beschuldigen wird; sondern der Schuld, die wir zur Hälfte im eignen Busen tragen.

Es gibt einen Richter, der ist nicht so streng über ihn als wir – das ist sein eignes Gewissen, das hat einen Balsam, den es auf jede Wunde gießt, die von der bitteren Satire ihm geschlagen ist, über fehlgeschlagene Träume und Hoffnungen auf den Mann, der die Ungeheuer der Revolution tilgte. – Aber doppelt scharf wird ihm auch einleuchten, wie wenig raffiniert das Interesse seiner Eigenliebe, seines Ehrgeizes war, denn die Klugheit hätte ein höheres Ideal als das Glück, an dem seine moralische Größe scheiterte und seine politische noch scheitern wird, haben müssen. Wie furchtbar hätte er durch strenge republikanische Tugend ganz Europa werden können, wie stark würde er in wahrer Geistesgröße dastehn, und welche wunderbare reiche Ernte hätten wir mit Beschämung in dem Nachbarvolk reifen[132] sehen, dem wir alle Laster zutrauen, aber am meisten es des Leichtsinns beschuldigen, wenn diese Tugenden von seiner Hand gesät in ihm emporgewachsen wären! –

Aber er hat uns diese ernste niederschlagende Größe nicht geboten, er hat die heilige Moral in sich zerschmettert aller schönen wunderbaren, gewaltigen Opfern der Revolution – und dafür den zerschlagnen Königsthron wieder zusammengeleimt mit Blut. – Er hat sich selbst zum Götzen gemacht der Franzosen, und betet samt ihnen sich selbst an! –[133]

Quelle:
Bettina von Arnim: Werke und Briefe. Bde. 1–5, Band 3, Frechen 1959, S. 88-135.
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