Zehnter Auftritt.

[221] Der Felsen bei Gibichenstein. Ahasverus sitzt in dem bekannten Fenster Ludwig des Springers und sieht nach dem Sonnenaufgang.


AHASVERUS.

Es weicht die dunkle Nacht.

Die Welt wird frisch geschaffen,

Doch wer die Nacht durchwacht,

Der leidet fort die Strafen

Der alten Sündenwelt,

Dem lösch der Sonne Huld,[221]

Die Gottes Schooß entquelle

Noch nicht die alte Schuld.


Cardenio und Celinde kommen außer Athem gelaufen.


CARDENIO. Nicht weiter Celinde, ich muß dich mit Gewalt jetzt halten, da meine Worte all vergebens warnen – sieh deine Raserei reißt dich zum jähen Abgrund. Blick auf, die Sonne steigt empor, sie wird dir bessere Gedanken in die Seele strahlen.

CELINDE. Ach könnte ich vor ihr erblinden, um alle Schreckensbilder in der Seele auszutilgen.

CARDENIO. Sieh rings umher, mir wird schon wohl daß ich von Schrecken frei der fröhlichen Natur nun wieder lebe.

CELINDE. Leichtsinnig wandelst du durch Nacht und Tag, ich sehne mich nur nach der Nacht.

CARDENIO. Du liebtest mich einmal, bewahre dich aus Freundschaft für den alten Freund, auch meine Freundschaft will ich dir bewahren.

CELINDE. All die Lieb ist mir vergangen, die Geisterhand hat alles ausgerissen, dich seh ich neben mir so wesenlos wie einen Schatten der Sonne hier; – dem Angesicht des Himmels gelob ich ewge Keuschheit, werd ich frei vom Schrecken der mir das Blut zum Herzen schmerzlich drängt. Ha sieh Cardenio, da sitzt schon wiederum ein Geist. Alle gute Geister!

CARDENIO. So schließ doch nicht die Augen,[222] er ist ein Mensch wie wir, dem Thränen in den Augen glänzen, er ist kein Geist.

CELINDE. Ach Gott, was sind denn wir?

AHASVERUS. Ein schweres tiefbedeutend Wort.

CARDENIO. Mein alter Freund, so früh schon in der Einsamkeit, so früh schon in den trüben Nachgedanken.

AHASVERUS. Ich trauerte, daß du dem guten Rathe nicht willst folgen und deiner Sicherheit so wenig bist bedacht.

CARDENIO. Blick auf Celinde, du siehst den guten Alten, er kennt mich lange schon, gieb ihm die Hand, er meint es gut mit dir, wird manchen guten Rath dir sagen.

CELINDE. Könnt ich ihn nur ausführen.

AHASVERUS. Du bist ja so verschüchtert, schönes Kind, wie eine Hirschin, wenn die Jagd zum erstenmal ist aufgegangen, ich lebe auf der Welt wie in dem Paradiese, ich fürchte keinen seit ich den Einen fürchten lernte. Der Eine sagt, erhalte dich o Mensch daß du nach meinem Willen wandeln kannst und thun. Sieh da mein liebes Kind, erkälte dich hier nicht im frischen Morgenwind der aus dem Orient uns Kunde bringt, denn du verstehest sie noch nicht.

CELINDE. Nun ich euch angesehen, die tiefe Stimm vernommen habe, ergreifet mich ein Zutraun wunderbar. Gebt einen Rath was soll ich thun, es[223] lastet Schuld auf meinem Nacken so schwer', die ich euch nicht erzählen kann, zwar könnt ich mich wie tausend andre auch entschuldgen mit Verführung, was hülf es mir, ich fühle daß ich schuldig bin.

AHASVERUS. Und magst du sein die Schuldigste von allen, noch giebt es einen Ort, der dich entsühnen kann.

CELINDE. O nenn ihn mir und wär der Weg mit Dornen dicht belegt und ohne Schuh darauf zu wandeln, ich zöge hin.

AHASVERUS. Der Ort ist fern.

CELINDE. Und wär's am Ende aller Welt, mich fasset eine Ungeduld, als könnt ich keinen Augenblick in dieser überdrüßgen Gegend mehr verweilen.

AHASVERUS. Zieh zum heiligen Grabe unsers Herrn, zum Mittelpunkt der ganzen Welt, er löset manches Pilgers Schuld, der gläubig zu ihm hinwallet, du bist nur eine Sünderin wie viele. Entsagung kann dir Keuschheit wiederbringen.

CELINDE. Mit heilgem Glanze ist dein Haupt umstrahlt; ich glaube dir, doch sage mir wie soll ich den Weg zu dem entfernten Segensbrunnen, zum Grabe des Erlösers finden, wie soll ich, so weichlich auferzogen, die schwere Mühe einsam überwinden?

AHASVERUS. Wie unter dir der Strom so ernstlich rauscht, sich Wege bahnt durch die hohen Felsen den lieblichsten Gefilden leicht vorüber streift, als säh[224] er nicht die stolze Pracht, die sich in ihm bespiegelt und erquickt; so treibt ein fester ernster Wille, so kommt der Strom durch tausendfache Krümmen mit hundert andern ähnlicher Gesinnung zum Meere, das sie dann all von dieser Erde Staub entsühnen kann.

CELINDE. Du giebst mir Muth und Kraft.

AHASVERUS. So will ich auch dein Führer sein.

CARDENIO. Bedenke alter Freund, ob du nicht allzukühn nach einem Orte uns führen willst, wohin du selber nicht gelangen kannst? Warst du schon in Jerusalem daß du Celinden wähnst dahin zu ziehen und in den irren Sinn so wunderlich Beginnen säest.

AHASVERUS. Ob ich bin da gewesen, wo meines weit zerstreuten Volkes alter Sitz, von dem ihr Frevel an dem Sohn des Herrn sie hat vertrieben, ob ich bin da gewesen? O frag mich nicht es macht mir Schmerzen wie ich vergebens stets dahin geirret bin.

CARDENIO. Was dir vergebens ist geblieben das räthst du dieser armen Seele an. Was räthst du mir?

AHASVERUS. Dir rath ich nicht; was du beginnen willst das komme aus dir selbst, lasse andre glauben wie ihnen in das Herz geschrieben, doch sag ich dir, du Cardenio hast noch mehr als dieses Mädchen große Buße nöthig, du von vier Seelen Angeklagter, den schon die weltliche Gerechtigkeit verfolgt.[225]

CARDENIO. Ich mache keinen Vorwurf mir aus allem was ich nicht meiden konnte, dem Vater aller Wesen steh ich zum Gericht, vier Ungeheuer hab ich ausgerottet, den Spieler und den Juden weil sie den edlen Leichtsinn froher Jugend mit tückischem Verrath belauern mit Trug und List so manche hohe Seele, aus kühnem Aufflug der zum Himmel streifte, in niederes Verbrechen hingestürzt; den falschen Philosophen weil er die Schiefheit seines Geistes aller Welt zur Regel geben wollte; den falschen Prediger, weil er der eignen Seele böse Lust als Gotteswort zu offenbaren meinte, ich war hier Gottes Richtschwert nur.

AHASVERUS. Ich bin kein Richter über dich, du läufst aus meinem Kreise der Gedanken, doch wisse lieber Sohn, wer hier auf Erden Gottes Richtschwert ist, der weiß es wahrlich nicht.

CARDENIO. Der weiß es nicht – und ich, ich wußte mir so viel damit! – Es schmettert mich dein Wort aus meiner Höhe nieder, bedenkst du auch was du gethan, den innern festen Trost mir noch zu rauben, da alles mich verläßt.

AHASVERUS. Gott giebt uns alles zehnfach wenn er uns alles hier zu nehmen scheint.

CARDENIO. Ich folge dir, nicht gläubig, nicht entschlossen, nur weil des Bleibens hier nicht mehr; nichts stärkt mich was ich hier gethan geliebt; – ich möchte in ein fernes Land um alles zu vergessen,[226] Olympiens Liebe selbst, die all mein Leben hier umfaßte. Jenseits des Grabes muß sich viel erhellen, darum zieh ich mit dir zum heilgen Grabe hin.

AHASVERUS. Kaum ahne ich lieber Sohn was dir begegnet sei, so scheinst du mir verwandelt, sieh rings umher, wie liegt die Welt so offen, es thut ihr wohl daß sie sich froh erschließt, o zeig uns auch dein Herz so offen.

CARDENIO. Wir werden hier belauscht, ich höre Stimmen – geheimnißvoll war diese Nacht.

CELINDE. O sprich nicht von der Nacht, mir schwindelt.

AHASVERUS. Es kommen Menschen durch den Thurm, vielleicht schon gegen dich gesandt. Cardenio in diese Höhle flüchte dich, die ich seit mancher Nacht bewohnte.


Alle drei ab in die Felsenhöhle.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämmtliche Werke. Band 16, Berlin 1846, S. 221-227.
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