Das Nonnenkloster in Jerusalem.

[355] Olympie, die Äbstissin und viele Nonnen auf einem Altan, der von Weinreben beschattet ist und weit über die Gegend hinaus schaut.


DIE ÄBTISSIN. Gelobt sei Gott und Sidney daß du uns und deiner Freiheit bist zurückgegeben danke das dem Herrn.

OLYMPIE. Du weißt, verehrte Mutter, meines Mannes Leiden; ich kann nicht fröhlich sein.

ÄBTISSIN. Sieh liebe Tochter, deine Schwermuth zu erheitern, hab ich dich hier auf den Altan geführt, die Fröhlichkeit des Glücklichen kann ich von dir nicht fordern, doch das begehre ich, daß du dich nicht dem Trost verschließen möchtest. Sieh auf aus den verweinten Augen, wie dort der Palmenwald vom warmen Wind bewegt in seiner Farbe ewig wechselt, er scheint ein fernbewegtes Meer.

OLYMPIE. Ach wär ich noch auf weitem Meer und wär es Nacht und Sturm, Lysander ständ mir doch zur Seite, in hoher Thaten Ahnung froh, gesund, jetzt seh ich überall Zerstörung, wie Grabessteine schimmern jenes Tempels Trümmer.

ÄBTISSIN. Sieh dort den rothen Mohn, der hell durch alle Trümmer der Zerstörung flammet, sieh dort die gelbe Ginster unterm dunkeln Zederndache.

OLYMPIE. Ach darum möcht ich mich im eng beschränkten Raum verschließen, ich fühle meinen[355] Schmerz in allem, ich fühle mich in jener Zedern Dunkelheit, ob unter ihrem Schatten Glückliche, ob Unglückliche drunter weilen, ob Blumen blühen oder Gräber aufgerissen werden, sie müssen immer trauern. Bei jenen Knochen, die so feurig glänzen, da denk ich an Lysanders Blut, ich denke des verlornen Bruders Cardenio, den ich zuerst gesehen in der Kirschenzeit.

ÄBTISSIN. Sieh an dein lächelnd Kind, es weiß von der Erinnrung nicht, es lebt der Hoffnung und der Gegenwart. Was spielt ihr mit dem Kleinen?

NONNE. Wir spielen jetzt das kleine Jesulein mit ihm.

ANDRE NONNE. Sieh nur, wie hübsch es ist, wie froh, nun ihm der Kleider Last genommen, wir haben ihn ins Krippelein gelegt, hätt ich doch nie gedacht, da so ein Kind gerade so aussieht, wie es gemalt ist in der Kirche, es ist doch gar ein heilig Wesen um ein Kind.

NONNE. Was sollten denn die Maler es viel anders malen als es ist, das wär ja thöricht.

ANDRE NONNE. Du hast wohl recht. Wenn es nur mir ein Wörtchen wollte sagen, wie Christus that den andern Kindern. Hör Bübchen, thu ein kleines Wunder, ach Wunder möcht ich gar zu gerne sehen, so eins wie Christus einem armen Kinde in seinem Röckchen Wasser holte, nachdem das arme Kind den Topf zerbrochen und seiner Mutter Schmähung[356] fürchtete, oder wie er einst die Schlang zwang das Gift selbst auszusaugen, das sie dem Knaben eingebissen.

EINE DRITTE NONNE. Der Kleine braucht kein Wunder mehr zu thun, er ist recht schön so wie er ist, auch ohne Wunder.

ANDRE NONNE. Wenn er nun Wunder thun will, sprich, wer solls ihm wehren, wir müssen ihm gehorchen, es ist der Bräutigam.

ÄBTISSIN. Verliert euch nicht in eurem Spiel, ihr Mädchen, man sieht, daß es was Neues für euch ist ein Kind zu pflegen, müßtet ihr vom Morgen bis zum Abend für so ein Dutzend Schreier sorgen, ihr würdet sie nicht mehr für euren Herrn und für den Seelenbräutigam erkennen.

NONNE. Mir wär die Mühe schon ganz recht.

ANDRE NONNE. Weißt du was er mir eben in das Ohr geflüstert hat, ich sag es aber nicht.

DRITTE NONNE. Mir darfst du es schon sagen.

ANDRE NONNE. Er sagte mir, ich sei die Frömmste.

DRITTE NONNE. Das hat er mir viel früher schon gesagt, der kleine Schelm.

OLYMPIE. Ihr guten Mädchen, ich wünscht euch allen Kinder zur Erziehung, ihr würdet ihnen frohe Jugend geben; ehrwürdge Mutter, ich wüßte gar nichts Schöneres für eure heilige Bestimmung,[357] als der verlassnen schlechterzognen Kinder euch hier anzunehmen.

ÄBTISSIN. Oft habe ich daran gedacht, doch ist die Zahl der Christen hier nicht groß, die meisten nähren sich von frommen Pilgern, der Lebensunterhalt ist leicht erworben, zu einer Schule wäre wohl Gelegenheit, doch fehlt es uns an Frauen, die gleich dir ein männliches Erkenntnis in der Sprache, in der Schrift mit eingezognem stillen Sinn verbinden; ach könntest du uns werden eine Lehrerin?

OLYMPIE. Du überschätzest mich, verehrte Frau, doch wahrlich, wenn mich nicht ein lieber Mann der Welt verbände, wie gerne blieb ich hier an diesen heilgen Stätten, den Kindern heilge Schrift zu lehren, woraus sie unsers Herrn Größe erkennend fühlen könnten. Welche Angst ergreift mich plötzlich – wunderbar, du ewger Gott gieb mir Stärke.

NONNE. Seht da den großen schwarzen Zug der Christen, der sich mit festlichem Gesang durch jene Rosenbüsche zieht zu jenen Lilienhügeln, wo schon so viele Pilger schlafen.

OLYMPIE. Es ist in Begräbnis, es ist Lysander, der begraben wird, gewiß, es sagts mein Herz, er weilt nicht mehr auf dieser Erde, denn ich erkenne sie nicht mehr, sie scheint nur fremd, kein Werk aus Gottes Vaterhand.[358]

ÄBTISSIN. O meine Tochter, du Bedauernswerthe, laß jetzt die Andacht zu dem Herrn deine ganze Seele füllen; wie ein Meer das in ein Bergwerk bricht, so muß die Andacht deiner Seele Schätze der fremden Welt verschließen, dich erfüllen mit lebendger Kraft.

OLYMPIE. Ach er ist todt, ach warum riß mich Sidney grausam von des Kranken Seite, ich hätte seine Schmerzen lindern können, ich wär in gleicher Pest mit ihm gestorben.

ÄBTISSIN übergiebt ihr das Kind. Du solltest deinem Kinde leben.

OLYMPIE. Weh mir, ich seh des Vielgeliebten Züge, den ich nun nimmer wiederseh.

NONNE. Ach wie vergänglich ist die Welt da draußen, zieh ein bei uns!

ÄBTISSIN. Sei ruhig liebe Tochter, schone dich, es war sein letztes Flehen, dir sanft von seinem Tode zu berichten, er segnete sein Schicksal daß er mit seinem Leben so hohes Weltgeschick gelenkt, er starb in Gottes Licht, er rief, daß du am heilgen Grabe würdest Trost des Herrn finden.

OLYMPIE. Im Grabe bald!

PFÖRTNERIN kommt. Ehrwürdige Mutter, ein Fremder will euch sprechen.

ÄBTISSIN. Ich komme.


[359] Sprachzimmer im Nonnenkloster. Sidney und die Äbtissin.


SIDNEY. Seid mir gegrüßt, ich sage euch in wenig Worten mein Verlangen. Lysander hat auf seinem Sterbebette Olympien mir empfohlen; ich liebe sie, wenn erst des Schmerzes Krampf vorüber, da sagt ihr das, nach meinem Schicksal sei sie mir das Liebste auf der Welt, kann sie mir Lebensglück gewähren so könnte mich ein Wort von ihr beglücken, doch was sie auch bestimmte, wohin sie auch verlangt, ob sie mich meiden will, ich unterwerfe mich und will vollbringen was sie befiehlt.

ÄBTISSIN. O welche freie Frau möcht eure Hand ablehnen!

SIDNEY. Der Himmel will manch Sonderbares an mir zeigen, – ich habe zum Ertragen Muth. Gott sei euch gnädig, und der lieben Hausgenossin. Ab.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämmtliche Werke. Band 16, Berlin 1846, S. 355-360.
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