Ringlein und Fähnlein

[210] Aus einer ungedruckten Sammlung Minnelieder in meinem Besitz. – C.B.


Vor Tags ich hört, in Liebes Port, wohl diese Wort

Von Wächters Mund erklingen:

»Ist Jemand je, verborgen hie, der achte wie

Er mög' hindannen sprengen,

Der Tag gar hell, will kommen schnell,

Wer liebend ruht, in Frauen Hut,

Laß bald das Bett erkalten.«


»Das Firmament, schnell und behend, von Orient,

Im weissen Schein herpranget,

Fürwahr ich sag', aus grünem Hag, der Lerchen Schlag,

Den jungen Tag empfanget.

Drum eil' vom Ort, wer noch im Hort

Der Liebe sey, eh Jammers-Schrei

Den Muth ihm mög zerspalten.«


Des Wächters Kund in Herzensgrund mich tief verwundt,

Und all mein Freud zerstöret,

Des Lichtes Neid, will daß ich scheid, hör süße Maid,

Sie will vor Leid nicht hören!

Sich zu mir schmückt, gar schämlich blickt,

Und nicht mehr schlief, gar schnell ich rief:

»Ach Gott, wir han verschlafen!«


Zur Hand sich ragt, die werthe Magd, hierauf sie sagt:

»Gut Wächter laß dein Schimpfen!

Um alle Welt, den Tag nicht meld, eh daß das Feld

In kühlem Thau thut glimmen.[210]

Die Zeit ist klein, daß ich und mein

Geselle gut, hie han geruht

In ehrenreicher Wonne.«


Der Wächter sprach: »Frau thu zur Sach, denn Feld und Dach

Hat kühler Thau umgeben,

Seit du nun hast ein fremden Gast, so hab nicht Rast,

Heiß' ihn von dannen streben.

Ich seh manch Thier in dem Revier

Von Hohl zu Hohl ja schlüpfen wohl,

Das zeiget mir die Sonne.«


Erst ward zur Stund, uns Jammer kund im Freudenbund,

Da wir den Tag ansahen,

Wohl Mund an Mund, gar süß verwundt im Kuß gesund,

Und liebliches Umfahen,

Ward Liebes-Scherz in Scheidens-Schmerz,

Gar treu getheilt und schnell ereilt.


Ach edle Frucht du weiblich Zucht, hin auf die Flucht

Muß ich mich leider kehren,

Gott durch sein Güt, dir wohl behüt dein rein Gemüth,

Dein Heil mög er dir mehren,

Fürwahr ich will, bis an mein Ziel,

Dein Diener seyn, Gnad! Fraue mein,

Mit Wissen will ich scheiden.


Allda zur Hand, ihr Händ sie wand, mehr Leids ich fand,

Ihr Aeuglein wurden fließen,

Traut Buhle hör, was ich begehr, bald wiederkehr,

Der Treu laß mich genießen;

Das gelobt ich ihr, sie sprach zu mir:

»Ich hab dich hold, vor allem Gold,

Mir kann dich niemand leiden.« (d.h. verleiden.)[211]


Ein Fingerlein, von Edelstein, aus ihrem Schrein,

Gab mir die süße Fraue,

Des Schloßs ein End, sie mit mir rennt, bis ich mich trennt

An einer grünen Aue,

Sie ließ wohl hoch, so lang sie noch

Mich konnt ersehn, ihr Tüchlein wehn,

Dann schrie sie laut: »O Waffen!«


Seit macht mit Fleiß, jed Fähnlein weiß, im Kampfe heiß,

Mich ihrer Lieb gedenken,

Auf Todes-Au, in rothem Thau, seh ich mein Frau,

Ihr Tüchlein traurig schwenken;

Den Ring ich schau, ich stech und hau,

Hindurch ich dring und zu ihr sing:

»Mein Leib ist dir behalten.«


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 1, Stuttgart u.a. 1979, S. 210-212.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Des Knaben Wunderhorn
Ludwig Achim's von Arnim sämtliche Werke: Band XVII. Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, gesammelt von L. A. v. Arnim und Clemens Brentano. Band 3
Sämmtliche Werke, Neue Ausgabe. Herausgegeben von Bettina von Arnim und Wilhelm Grimm. Band 06: Des Knaben Wunderhorn I und II. - Reprint der Ausgabe von 1857
Des Knaben Wunderhorn Band 2
Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder, gesammelt von L.A.v. Arnim und Cl. Brentano. Neu bearbeitet von Anton Birlinger und Wilhelm Crecelius; ... in Holz geschnitten von C.G. Specht: Band. 1
Ludwig Achim's Von Arnim Sämmtliche Werke: Des Knaben Wunderhorn. T. 3 (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon