Der grobe Bruder

[270] Kuchlebu, Schifflebu fahren wohl über den Rhein,

Bey einem Markgrafen, da kehren sie ein.


»Guten Morgen, junger Markgraf, guten Morgen,

Wo hast du dein adelich Schwesterlein verborgen?«[270]


Was fragst du nach meinem adelichen Schwesterlein klein,

Es möchte dir viel zu hübsch und zu adelich seyn.


»Warum möcht es mir viel zu hübsch und zu adelich seyn,

Es geht mit einem Kindelein klein.«


Geht es mit einem Kindelein klein,

So soll es auch nicht mehr mein Schwesterlein seyn.


Er schickte sogleich Roß und Wagen,

Und ließ sein adelichs Schwesterlein hertragen.


Sie versprach der Kindsmagd ein Paar neue Schuh,

Soll ihrem Kindlein die Sach recht thun.


Versprach dem Kutscher ein Paar silberne Sporen,

Er soll auch tapfer in Hof nein fahren.


Und da sie in den Hof nein kamen,

Da sagt der Bruder ihr gleich willkommen:


»Liebes adeliches Schwesterlein mein,

Wo hast du dein Kindelein klein?«


Ich hab fürwahr kein Kindelein klein,

Die Leute gehn mit Lügen auf mich ein.


Er nahm sie bey ihrer schneeweisesten Hand,

Und führt sie auf Ulm zu dem Tanz.


»Ihr Musikanten macht mir auf einen langen Tanz,

Mein Schwester ist hier im Nägelkranz.«[271]


Der Tanz der währte dritthalbe Stund,

Bis ihr die Milch aus den Brüsten raussprung.


Der Bruder nahm sie bey der schneeweisesten Hand

Und führt sie in sein Schlafzimmer alsbald.


Und sprang mit Stiefel und Sporen auf sie,

Daß sie vor grossem Schmerze laut schrie.


Hör auf, hör auf, grober Bruder mein,

Es ist ja genug, das Kind ist nicht dein.


Es gehört ja dem König in Engeland zu!

»Ach hättst du es bälder gesaget nur!


Hätt ich fürwahr einen Schwager gehabt,

Ist dir noch zu helfen, mein Schwesterlein sags?«


Warum wird es mir zu helfen seyn,

Man sieht auf Lung und Leber hinein!


Es stand nicht länger an als dritthalbe Tag,

Da war der König von England selber da.


»Willkommen, willkommen junger Markgraf mein,

Wo hast du dein adelich Schwesterlein klein?«


Es liegt im kühlen Grab und da liegts,

Daß du es nimmermehr hier wiedersiehst.


Was zog der König? Sein glitzeriges Schwerdt,

Und stach es dem jungen Markgrafen durchs Herz.[272]


Er stach es ins Herz, so tief als er kann;

»Sieh an das hast du deiner Schwester gethan.«


Er nahm sein Kind froh in den Arm:

»Jezt hast keine Mutter mehr, daß Gott erbarm!«


Quelle:
Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn. Band 2, Stuttgart u.a. 1979, S. 270-273.
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