Sylvester-Lied

[187] Vorsänger.


Herzchen im Thurme:

Schlagende Uhr,

Klinge im Sturme

Durch die Natur;

Bring' uns die ferne

Sonne zurück,

Feurige Sterne

Ahnen dies Glück:

Himmlisch getragen

Bringst du das Jahr:

Zwölf hat's geschlagen

Deutlich und klar!


[187] Chor.


Oeffnet die Fenster

Allem Geschrei,

Wolkengespenster

Zieht nun vorbei!

Was heut die sinkende

Sonne bedacht,

Zeigen schon blinkende

Sterne der Nacht,

Sind schon von wärmender

Sonne durchblickt,

Sind schon von schwärmender

Liebe entzückt.


Vorsänger.


Dreht sich das alte

Jahr nun zurück:

Daß sich erhalte

Aelteres Glück, –

Kommt nun das neue

Jahr in die Welt:

Daß sich zerstreue,

Was uns mißfällt, –

So ist gestaltet

Göttergeschick,

Treulich verwaltet

Alle dies Glück!


Chor.


Hände verschlinget,

Herzen vereint:

Was uns durchdringet

Festlich erscheint;

Wir, als die Wissenden,

Thun uns hier kund:

Schließen mit küssenden

Lippen den Mund,[188]

Daß uns magnetische

Weihung durchglüht

Und das poetische

Neujahr erblüht.


Vorsänger.


Geistig beginnet,

Was sich erneu't,

Geistig gewinnet

Jeder die Zeit;

Tief im Gemüthe

Waltet die Kraft,

Daß sich die Blüthe

Hoffend erschafft;

Wünschet heut offen:

Was euch erfreut,

Sehet im Hoffen

Alles erneut.


Chor.


Immer im Dunkel

Kommt uns das Jahr,

Weines-Gefunkel

Machet es klar;

Bringt uns die klingenden

Gläser herbei!

Schließet die singenden

Kehlen aufs neu:

Sammelt die feurigen

Wünsche beim Glas,

Keiner der Eurigen

Beiße in's Gras!


Vorsänger.


Fröhliche Schwestern!

Trinkt auf die Zeit:

Eben war gestern,

Eben ist heut;[189]

Herrliche Brüder!

Schenket euch ein:

Zeitengefieder

Rauschet beim Wein;

Hebt uns zum Tanze,

Dreht uns im Kreis,

Schwinget im Kranze,

Jüngling und Greis.


Chor.


Lasset uns schweben

Ueber die Welt,

Allem ergeben,

Was uns gefällt;

Wenn der geflügelte

Gott aus uns spricht,

Flieht das geklügelte

Faltengesicht,

Und im erheiternden

Hauche der Zeit

Ziehen die scheiternden

Schiffe noch weit!


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 23: Gedichte, Teil 2, Tübingen und Berlin 1976, S. 187-190.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon