Trinklied im Vollmondschein

Was ist's, das wir in Ahnung fühlen

Und was erhöhet jede Stirn?

Im Herzen dunkle Wurzeln wühlen,

Die Knospen brechen auf im Hirn;

Was ist in dieser Nacht geschehen,

Das uns so freudig will umwehen?


Ob wir in süßer Liebe wachten

Vor manchem Jahr um diese Zeit?

War heut ein Jahres-Tag der Schlachten,

Die unser Vaterland befreit?

Doch der Kalender in dem Herzen

Weiß nichts von Sieg und süßen Scherzen.


Ihr Sterne, nennet mir dies Zeichen,

Das heute über uns regiert?

Ich sah: ihr Alle müsset weichen,

Nun es den Himmelsrand berührt;

Des Vollmonds blühend rothe Wangen

Sind uns zum Vorbild aufgegangen.


Weil heut der Vollmond uns bescheinet,

So schenken wir die Gläser voll,

Wir wissen, was der Himmel meinet,

Warum er heut uns scheinen soll:

Wir sollen sehn, wie er sich füllte,

Seit er den Durst im Thaue stillte.[137]


Aus vollen Flaschen werden Neigen

Und leere Menschen werden voll,

Es hängt der Himmel voller Geigen:

Weil heut ein Jeder tanzen soll;

Die Erde dreht sich schon im Kreise,

Die Pfropfen springen nach der Weise.


Auf Pfropfen steigen wir zum Monde

Der allen Wein der Erde reift,

Und machen gern mit ihm die Ronde,

Wenn queer er durch den Himmel schweift.

Heut ist im Mond die große Faßnacht,

Und alles Wein da, was hier naß macht.


Die große Noth in den Finanzen

Und der Verfassung Schwierigkeit,

Löst sich, nun wir die Welt im Ganzen

Beschaun, als eine Kleinigkeit;

Kommt Zeit, kommt Rath! im Wein ist Wahrheit

Und wer gespart, der zahlet baar heut.


Ein Glück, daß ich kein Gott geworden,

Denn ich vertränk' mein Bischen Welt,

Den diamantnen Sternen-Orden

Und auch das blaue Himmelszelt,

Dies Zelt, das mir so wohlgefallen,

Seit unsre Stimmen drin erschallen.


Ja, morgen würd' ich's recht bereuen:

Wenn über uns der Himmel leer;

Ich würd' ein neues Zelt mir leihen,

Und wenn es bei dem Teufel wär;

Ja Freunde, laßt uns das bedenken,

Eh wir vom Glauben was verschenken.


Am Himmel ist nichts überflüßig,

Und auf der Erde nichts zu viel,

Und wenn wir ihrer überdrüßig

Und wenn der Himmel uns zu kühl,[138]

Steigt süßer Schlaf aus edlem Weine

Und hüllet in Träumen die Gemeine.


Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 23: Gedichte, Teil 2, Tübingen und Berlin 1976, S. 134-135,137-139.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon