Actus primus.

[2140] Kommen balt wider Jahn Panser, der SchiffPatron, Servus vnd noch ein stumme Person, klopffen beim Wirtshauß an; der SchiffPatron sagt.


Hoscha, hoscha, Herr Wirt! kombt rein!

HOSPES, DER WIRT laufft ein vnd sagt.

Ach, wie lieb Gäst mir diese sein!

Seit Gott wilkom, mein SchiffPatron!


Er weist auff Jahnnen vnd sagt.


Was bringt jhr da für einen Mann?

Ich weiß nicht, ob ich es dörff jehen.

Doch dunckt mich, ich hab jhn mehr gsehen.

Nicht weiß ich, ob ich jhm thu recht.

PATRONUS sagt.[2140]

Er ist eins frembten Junckern Knecht

Vnd gar ein Visirlicher gsell.

HOSPES, DER WIRT gibt jhm die hand vnd sagt.

Ey, sey der gut Mann, wer er wöll,

Soll er ein lieber Grast mir sein.


Zu Servo sagt er.


Der ist offt bey mir zagen ein.

Was jhr begert, will ich euch bringen.

JAHN PANSER sagt.

Bringt vns Wein her vor allen dingen!

Darnach bringt vns zu essen auch!

Dann weils in dem Land ist der brauch,

Wenn man thut auß den Schiffen stahn,

Das das Schiffgsind vnd der Patron

Mit guter Malzeit werd versehen,

Sanct Martin lob mit zu verjehen,

So lassen wirs auch nit gehn ab.

HOSPES sagt.

Ein guten Reinischen Wein ich hab.

Kellner, geh du, balt bring vns rein

Ein viertll vnsers guten Wein!


Sie setzen sich zusammen.


CELLARIUS, DER KELLNER tregt zu essen vnd zu trincken auff, sie fressen weidlich; vber ein weil fengt Jahn an vnd sagt.

Welcher am besten singen kan,

Der selb thu solches fangen an,

Vnd welcher dann am besten singt,

Das schönste lied zu marck her bringt,

Der selb sol von vns sein zechfrey

Vnd zaln für jhn die andern drey,

Vnd ich selbst will auch singen mit.

PATRONUS sagt.

Ja, des bedings bin ich zu frid.


Jahn fengt an zu singen nachfolgents Liedt, Im RosenThon.
[2141]

HANS SACHS.

1.

Ein armer Schuster Peter hase

Vor Jarn zu Bamberg sase.

Derselbig vergaß sich ein mal

Vnd ein Kühhaut eim Gerber stahl,

Der jhn offt vbernummen hette.

Das der Gerber erfahrn thete

Vnd thet jhn vor dem Raht verklagen.

Den legt man ein vnd thet jhn fragen,

Das er den diebstal da bekendt.

Groß bitt ward für jhn angewend,

Aber doch so must der gefangen

Von wegen dieses diebstals hangen.

Des andern tags feyrt man Sanct Veit.

Da ward die Kirchwey zu Hirschheit.

Darauff theten vil Schuster lauffen,

Vor tags jhr Schu zu verkauffen.

Das Wasser war geloffen an,

Da mustens für den Galgen gahn.

Da saget man, wie es dabey

Biß weilen so vnheimlich sey.


2.

Des abents zuvor ein Weinhecker,

Ein vnbsunnener voller lecker,

Zu nechst beim Galgen ligen blieb,

Der dein Schuster groß forcht eintrieb.

Dann als sie nah zum Galgen kamen,

Da ruffet ein Schuster mit namen

Dem Peter Hasen vnd thet schreien,

Mit jhn zu gehn auff die Kirchweyen.

Das erhört der voll Hecker balt,

Richtet sich auff vnd schrie: halt, halt!

Ich will mit dir; glaub mir fürwahr!

Gen berg stund den Schustern jhr har

Vnd meinten nit anderst, dann der

Der Peter Haß am Galgen wer.

Derhalben sie mit echtzen vnd schnauffen

Fingen gar hefftig an zu lauffen.[2142]

Der Hecker schrie: wenn ich soll mit,

So dörfft jhr also lauffen nit.

Des erschracken sie noch vil mehr,

Eylten auff den Hautz mohr gar sehr.


3.

Neben dem Sendl brückla am wege

Hats einen langen schmaln stege,

Darauff die Schuster hinderten sich.

Der Hecker tapffer nach hin strich,

Sprach: ich will gar balt bey euch bein.

Ihr forcht vnd schreck bracht jhn groß sein.

Zu lauffen sie erst recht anfingen.

Der steg vnder jhn thet sich schwingen,

Schwengt jhr etlich hinein in Bach.

Sie forchten, der Haß kenn hernach.

Vil Schu fielln jhn von den stangen,

Darnach mochten sie nit mehr langen,

Dann zu fliehen ward jhn sehr jach.

Der voll Hecker der kam hernach,

Klaubt die Schu in dem Bach zusammen.

Also die Schuster von jhm kamen.

Der Hecker kehrt zu rück in die Statt,

Die geschieht darin anzeiget hat

Zu dem groß kopff in dem Wirtshauß.

Da lacht man dise Schuster auß.

PATRONUS lacht vnd sagt.

Fürwahr, Jahn, du hasts gut gemacht.

Hab mich schir kranck der Schuster glacht

Vnd was jhn hat der Hecker than.

JAHN sagt.

Ey ja, jetzt solt jhr fangen an.


Der Patron singt ein Lied im nachfolgenden Thon, Wie man den dilla dey singt.


1.

Ich weiß ein Statt, die ist nicht ferr,

Da hats der Weiber vil,

Die sein in jhrn Heusern herr.

Wenn der Mann etwas will, ja wol will,[2143]

Zeigts jhm ein Pesenstil.


2.

Darumb ich einen segen kan,

Der hilfft für die Schwachheit.

Wenn ein Weib kem die Kranckheit an,

So sprech man jhn bey zeit, ja bey zeit,

Der treibt sie auß der heut


3.

Vnd heist: Mulier, Röslein rot,

Laß mich Herr sein, dein Mann!

Weils also hat verordnet Gott,

Thust jhm ein gfallen dran, ja wol dran.

Sein Ordnung muß bestahn.


4.

Vnd wolt sie sich des wehren,

So nimb ein stecken du!

Thu jhr die Haut zerberen

Vnd schlag nur dapffer zu, ja wol zu!

Biß sie sich gibt zu ruh.


5.

Vnd wenn jhr wer der steck zu ring,

Nimb ein pengel bey zeit!

Hilffts nit, als dann ein scheid her bring!

Wer sie damit abbleut, ja wol bleut,

Ist seelig wie Sanct Veit.


6.

Vnd wiltu der Sund kommen ab,

So nimb sie bey dem haar

Vnd wirff sie all die Stiegen nab!

Die kunst die hilfft fürwar, ja fürwar,

Thut mans zwölff mal im Jar.

PATRONUS sagt.

Mein Gsang thut nicht so gar lang wern.

Das macht, die Weiber hörns nicht gern,

Wenn man jhn die Männer verführt.

JAHN sagt zu Servo.

Nun dir auch zu singen gebürt.


[2144] Servus singt nachfolgendes Liedt Im Thon: Leucht vns der Morgenstern.


Man thut von Weibern singen,

Als wenn sie gar nichts guts.

Dasselb thut mich bezwingen,

Ihnen zu halten schutz,

Dieweil doch manche hat ein Mann,

Der bleibt nicht in dem Hauß,

Laufft all Wirtshäuser auß,


2.

Thut drinn Essen vnd Trincken,

Denckt nicht einmal zu Hauß,

Lest sein beruff versinken,

Gibt das Gelt vnnütz auß,

Lest Weib vnd Kind im hunger gahn;

Vnd wehr das Weib wie er,

Die Katz sein beste Vieh wer.


3.

Mancher legt sich auffs spilen

Vnd will mit werden reich.

Ich habs gehört von vilen,

Kan man das Handwerck gleich,

So füllt es doch kein Taschen,

Kehrt weder Weib noch Kindt,

Verschmutzt wie schnee am Windt.


4.

Soll das denn nicht der Frauen

Bringen zorn vnd auch grauß,

Die dem Mann muß zuschauen,

Das er das Gelt tregt auß.

Bringt heim ein lehre Taschen

Vnd nicht behalten kan,

Was er hat gwunnen schon.


5.

Mancher geht auß zu Bulen,

Verthut vil Gelts damit,

Vnd laufft jhm lehr ein spulen,

Gibt er kein ruh noch fridt,

Biß er sein willen hat verbracht.[2145]

Kompt er denn heim zu Hauß,

Das Gelt ist geben auß.


6.

Nun solt er wol ermessen

Sein Ehlich treu vnd pflicht,

Weib, Kind vnd Gsind muß essen

Vnd sich gebüre nicht,

Das er mit andern Weibern Bul,

Weil jhm das Gott verbeut

Vnd es wird geben streit.


7.

Gott hat Adam geschafft das Weib

Zu einer Ghülffin gut,

Hat sie gnummen auß seinem Leib.

Darumb der vnrecht thut,

Der sein Weib thut verachten,

Sie schlegt vnd übel helt;

Denn das als Gott nicht gfellt.

SERVUS sagt.

Das wird den Weibern am besten gfalln.

Vor dem ist gsungen von euch alln,

Ist es aber nicht war, Herr Wirth?

Ietzund zu singen euch gebürt.

Was werd jhr denn noch gutes machen?

HOSPES sagt.

Meins Lieds werd jhr am meisten lachen.


Er fengt an zu singen Im Thon: O weh der jämmerlichen pein.


1.

O wie lieblich geht ein der Wein

Vnd macht vil gut Gesellen, ja Gesellen!

Er tröst das hertz in angst vnd pein,

Das man sich thut frölich stellen, ja stellen,

Er macht den Menschen frisch vnd keck,

Vermessen zu allen dingen, ja dingen,

Er treibt die lange zeit hin wegk,

Erregt Tantzen vnd springen vnd singen.


2.[2146]

Die Gäst die Ehrn jhren Wirth,

Dieweil er thut aufftragen, ja tragen,

Geben jhm mehr ehr, als jhm gebart,

Vnd thun jhn vil zusagen, ja sagen,

Wie das sie reuh kein pfenning nit,

Er soll nur Weins gnug bringen, ja bringen.

Der Gast den Wirth offt selber bitt,

Er sol sein guter dingen, ja dingen.


3.

Wenn aber die Zech schir ist auß

Vnd das man sich sol scheiden, ja scheiden

Vnd die Gäst wollen heim zu hauß,

Der Wirth greifft nach der kreiden, ja kreiden,

Da find sich beider seids das feit,

Der Wirth der hat zu sorgen, ja sorgen,

Es hab etwann der Gast kein gelt

Vnd er müß jhn dann borgen, ja borgen.


4.

Die ander sorg die hat der Gast,

Thut dem Wirth erst zusprechen, ja sprechen

Vnd bitten jhn mit worten fast,

Er soll zu vil nit rechen, ja rechen

Vnd soll bedencken seiner Seel,

Das ers nicht thu beschwern, ja beschwern.

Da hebt sich dann mangl vnd fehl

Bey den, die zehrn gar gern, ja gern.


5.

Der Wirth sich aber kehrt nicht dran,

Will der Gast zehrn vnd zechen, ja zechen.

So muß er gelt im Seckel han,

Zahlen, was man thut rechen, ja rechen.

Drumb, lieben Gäst, seid wol gemuth!

Last euch mein weiß gefallen, ja gefallen!

Vnd was man euch jetzt rechnen thut,

Das thut fein danckbar zalen, ja zalen.

HOSPES, DER WIRTH sagt.

Ir Herrn, wie gfelt euch mein gesang?[2147]

Wiewol das tut hat gweret lang,

Ist doch die lauter warheit drinn.

PATRONUS sagt.

Zu zalen ich vrbittig bin,

Dann Jahn hat gsungen das best Lied.

Der darff geben kein pfenning nit.

Doch wenn wir Instrumenta betten,

So wolt wir zu der druckenen Metten

Auch haben ein gut Musica.

HOSPES sagt.

Die Instrumenta sind als balt da.


Cellarius geht ab, Er kompt balt wider, bringet Instrumenta, ein Rost, ein Hafen mit kochlöffeln, Riebeisen, Geigen, vnd was man haben kan, machen eins zusammen, Juchtzen, Sauffen. Über ein weil geht der Wirth ab.


PATRONUS sagt.

Die Sonn geht schir zu gnaden nider

Vnd kompt doch der Juncker nicht wider.

Ich werd nauß müssen zum Schiff gehn.

Wir werden tieff in der schuld stehn.

Der Wirth der wird vns gar vil rechen.

JAHN sagt.

Herr, ich will als für euch gut sprechen,

Biß mein Juncker her kompt zu nacht.

PATRONUS sagt zum Kelner.

Schaff, das die rechnung werd gemacht!

Wer schuldig ist, der zal den Wirth.

CELLARIUS sagt.

Drey gulden für die zech gebürt,

Die legt an, wie jhr selber wölt!


Sie verwundern sich.


JAHN sagt.

Ir Herrn, wann es euch alln gefellt,

So darffs des rechnen nit so vil,

Das man jetzt der blinden Kuh spil.

Der Kellner sey die blinde Kuh![2148]

Dem wöll wir binden die augen zu.

Der soll vnter vns ein fangen:

Wen er am ehstn thut erlangen,

Der sol vnser aller Wirth sein.

PATRONUS sagt.

Ja, wir willigen all darein.


Sie gehn hin, binden dem Cellarius die augen zu, drehen jhn drey mal herumb.


JAHN sagt.

Nun fang ein, wer die zech zahln soll!


Sie drehen sich alle ab.


CELLARIUS sagt.

Ihr saget mir von fangen wol:

Wo seyd jhr? wie seyd jhr so still?


Er dapt lang vmb, in dessen geht der Wirth ein vnd sagt.


In das Feit ich spatziren will.

DER KELLNER laufft auff jhn vnd sagt.

Nun jhr seyd, der die zech bezal.

HOSPES, DER WIRTH sagt.

Was machstu allein auff dem Saal

Mit verbunden augen? was sol ich dir?

CELLARIUS reist das Tuch von augen vnd sagt.

Die zech solt jhr bezalen mir,

Dieweil ich euch jetzt fangen thet,

Dann es ist also abgeredt,

Wen ich finsterling fangen künd,

Vmb die zech für die andern stünd.

So seid jhr mir recht kommen rein.

HOSPES, DER WIRTH sagt.

Seind dann hinwegk die Gäste dein

Vnd du spilst mit jhn vmb mein zech?

Das dir sanct Velta den halß abbrech!

Ich will dich besser rechnen lehrn

Vnd dir dein grobe haut erbern

Vnd als abziehen an deim lohn.


Der Wirth schlegt jhn wol ab.


DER KELLNER sagt.[2149]

O Herr, ich will es nimmer thon.

Ich bitt durch Gott: hört auff des schlagen!

HOSPES sagt.

Da hörstu; jetzt will ich dir sagen:

Wirstu nicht besser sehen zu,

Vmb mein zech spilen der blinden kuh,

Ich dich zum hauß nauß schlagen thu.


Abgang jhr beder.


Quelle:
Jakob Ayrer: Dramen. Band 3, Stuttgart 1865, S. 2140-2150.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon