Fünfte Scene.

[7] Die Bühne bleibt einen kurzen Augenblick leer, dann kommt Winter wieder zurück. Gleich hinter ihm Fledermaus.


FLEDERMAUS. Nur ein einziges Wort, junger Herr. Ich glaub' gar, Sie wollen mir auf meinen eigenen Stiefeln davon gehen? Wie ist's, bekomm' ich mein Geld oder nicht; wie lang soll ich noch warten?[7]

WINTER. Meister Treuhold, seyd kein Unmensch – ich kann nicht zahlen. Schenkt mir Geduld, sobald mein Glücksstern wieder leuchtet, seyd Ihr der erste, der sein Geld bekommt.

FLEDERMAUS. Ich kann nicht mehr warten, ich darf nicht länger warten, ich will nicht länger warten – ich bin selbst auf dem Hund, und soll heut noch Hochzeit machen. Durch zu viel Borgen bin ich so weit gekommen, daß meine Braut gleich nach dem Hochzeitstage verhungern kann.

WINTER. Warum nicht gar!

FLEDERMAUS. Ja, da braucht's gar kein Warum- nicht-gar! Ich habe nichts mehr; gestern hab' ich meine hirschlederne Hosen vertauscht gegen zwölf abgeschmalzene Nockerln, jetzt hab' ich nichts mehr, als den Frack, da will ich dafür vom Wirth nur sechs Knödeln haben – und der hartherzige Mensch thut's nicht – no, er thut's halt nicht!

WINTER. Lieber Meister, ihr seyd doch noch glücklich; ihr habt doch noch was zu vertauschen und zu versetzen; aber ich, ich kann nicht einmahl über die Straße gehen; sogar mein Rock ist fort.

FLEDERMAUS. Die Mode werd' ich auch bald mitmachen.

WINTER. O, das verfluchte Spiel![8]

FLEDERMAUS. Und ich sag' das verfluchte Schatzgraben.

WINTER. Würfel und Karten, wer euch erfunden hat, soll noch jenseits braten!

FLEDERMAUS. Ich hab' wollen Gold machen, die Wünschelruthen hohlen, den Stein der Weisen finden; hab' mein Gewerb an Nagel g'hängt – hab' wollen fliegen in einem Ballon, und bin herunterg'fallen, und ausg'lacht worden.

WINTER. Wenn ich nur vor die Thüre hinaus könnte; ich habe Manchem in guter Zeit Geld geliehen; wenn ich nur den neunten Theil meiner ausstehenden Schulden bekomme, kann ich mir helfen.

FLEDERMAUS. Machen Sie ein Kreuz darüber! – Wer in Noth Schulden fordert, ist schlechter daran, als der Schuldner selbst. Gestern kam ich zu einem jungen Herrn, und bitt' ihn um meine ausständigen 25 Gulden – statt sie mir zu zahlen, will er noch 50 dazu haben! Wie gefällt Ihnen das?

WINTER. Fledermaus, ehrlicher Fledermaus, ich folge dem Beysyiele dieses Herrn. – Hundert Gulden bin ich dir schuldig, weißt du was, leih' mir noch diesen Rock, geh' dann an meiner Seite zu meinen Freunden, und was wir erhalten, theilen wir!

FLEDERMAUS. Da haben wir's! Nun, wenn[9] ich Schläg' haben wollt', von meiner Geliebten; der Rock ist ihre schwache Seite, darin hab' ich den ersten Minuett mit ihr getanzt, Gott bewahre, da wird nichts draus! –

WINTER. Treuhold, ehrlicher Deutscher, hilf!

FLEDERMAUS. Ja, die ehrlichen Deutschen haben gar oft schon g'holfen, was hilft das, auf sich müssen's doch auch ein Mahl denken!

WINTER. Aus dem Hause muß ich, und so kann ich nicht –

FLEDERMAUS. Wissen Sie was, bis zu mir hinüber ist nur ein Katzensprung; so weit müssen Sie in Hemdärmeln gehen, und zu Hause helf ich Ihnen, aber nicht heiglich seyn. Geheimnißvoll. Ich hab' in meinem Keller was g'funden; bis dato hab' ich mir's noch nicht recht anzurühren getraut, daß es aber ein schwarzer Fetzen, wie ein Mantel ist, das weiß ich – binden Sie den um, schauen's doch wenigstens einem Conduct-Ansager gleich.

WINTER. Wer weiß, was das für ein unreiner Lappen ist.

FLEDERMAUS. Unrein just nicht, aber ähnderisch. Ich hab' ihn in einer eisernen Kiste bey'm Schatzgraben g'funden – ich hab' geglaubt, es ist Gold – derweil war's ein Lumpen.

WINTER sieht ihn forschend an. Was hör' ich? In einer eisernen Kiste, einen schwarzen Mantel?[10]

FLEDERMAUS. So ist's – ey die Geschicht' ist romantisch; schade, daß sie sich nicht auszahlt hat.

WINTER. Erzähle.

FLEDERMAUS. Thu's nicht gern, wird mir allemahl eiskalt am ganzen Leib, aber es sey: Vor einem Jahr, im Winter, komm' ich mit einem Rausch nach Hause; verwickl' mich in meine eigenen Füsse, rutsch' aus, und fall in meinen Keller. Weh hab' ich mir nicht gethan, zum Glück! aber der Rausch, der mich dreyzehn Gulden kost hat, war beym Teufel – und ich lieg in der Finster, und schau, ob ich noch ganz bin. Da seh ich mitten an der schwarzen Mauer eine kleine Flamme tanzen, die springt immer auf und ab, und hupft und neckt mich, und ist bald da, bald dort. Da ist ein Schatz, denk ich mir – Wart, Flammerl, sag ich, wart, ich will dich erlösen! Auf ein Mahl steht auf der Wand mit Flammenschrift: »Treuhold, gib deinen Vorsatz nicht auf, du wirst glücklich seyn!« Ein Wort, ein Mann, sag' ich, und such' die Kellerstiege, und kriech in der Dunkelheit hinauf. – Macht eine kleine Pause.

WINTER vor Ungeduld. Weiter! Weiter!

FLEDERMAUS. Oben steht schon meine künftige Gattinn, die gar nicht gewußt hat, wo ich hingekommen war; der erzähl' ich gleich alles haarklein. Rosel hilf mir, und wir werden glücklich[11] seyn; Eine Laterne her, Schaufeln, Krampen – ich heb einen Schatz, ich werd' glücklich seyn!

WINTER neuerdings ungeduldig. Weiter! Weiter! Nur nicht so umständlich.

FLEDERMAUS. Wir kommen im Keller an, da löscht plötzlich das Licht in der Laterne aus; ein Windstoß pfeift durch die Luftlöcher herunter; wir hören donnern, krachen, einschlagen, mein' Rosel fangt an zu bethen und ich hab mit beyden Füssen das schönste Duett gezittert. – Das kleine Flammerl setzt sich indeß auf einen Fleck fest, macht einen Pfluscher wie ein feuchtes Rakettel, und ist ausgelöscht. Pause. Bis daher wär's gut gegangen. Ich fass ein Herz, und hau' in die Erde, wie ein Narr. Auf den zwölften Hieb springt ein schwarzer Hund zu mir, und leucht mir mit seinen Augen, daß der Keller so licht war, wie ein Tanzsaal! Ich schau das Vieh an, mein Herz hat mir g'schlagen wie ein Knoppernmühl, ich faß' mich jedoch – nimm die Schaufel, schaff die Erde weg, und siehst du's, da blinzelt schon ein eiserner Deckel heraus, – Murr'l sag ich, geh her mit deinen feurigen Augen, und leucht' mir zum Schloß. Der Murr'l wedelt mit dem Schweif und leucht mir, ich führ' einen neuen Schlag aufs Schloß – der Hund fahrt mir zwischen die Füß, ich fall nieder – im ganzen Keller lauter Schwefel und Rauch, die Kiste[12] steht sperrangelweit vor uns – ich tapp hinein, was sind ich? – einen alten Mantel! mein' Rosel macht mir Vorwürf, und wir keuchen ärgerlich über den schlechten Fund zum Keller hinaus. –

WINTER höchst gespannt. Und der Mantel?

FLEDERMAUS. Der liegt noch auf dem alten Fleck. Den sollen Sie jetzt anziehen, wenn Sie wollen – Der Deckel von der Kiste ist aber wieder zugefallen.

WINTER außer sich vor Freude. Mensch! Freund, Genius meines Lebens! Was sagst du da! Wenn das Docter Fausts Mantel wäre, der auf seinen Reisen in Verlust gerathen und bis jetzt noch nicht wieder gefunden worden – Treuhold! wir wären beyde unaussprechlich glücklich. Und er ist es, es ist gar kein Zweifel. Die schwarze Farbe, das Flämmchen, das Ungewitter, die Inschrift, der schwarze Hund mit den feurigen Augen – es kann nicht fehlen. Nur geschwind, führe mich hin, und laß uns den Schatz heben. –

FLEDERMAUS. In's Himmelsnahmen! aber meine Rosel darf uns nicht sehen. Auf den Mantel und ihre Todesängsten darf sie Niemand erinnern.

WINTER. Laß uns keine Zeit verlieren; Treuhold! Treuhold! du weißt nicht, was du in deinem Hause hast. Fort, schnell in den Keller.

FLEDERMAUS. Wenn Sie sich nur nicht irren.[13]

WINTER. Ich irre mich gewiß nicht; nur fort! Faust's Mantel nimm uns auf! – Geht voran.

FLEDERMAUS. In Gottes Nahmen, nimm uns auf! Ab.


Quelle:
Bäuerle, Adolf: Doctor Faust's Mantel. Ein Zauberspiel mit Gesang in zwey Acten. Wien 1819, S. 7-14.
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