Hymnus 3

[408] Tenderenda seinerseits gibt die Huldigung seinem verschwiegenen Weihe-Oberhaupt weiter. Der Urvater der Hymnologen wird in diesem Hymnus unter anderem »Chaldäischer Erzengel«, »Koralle des Jenseits« und »Flüssiger Meister« genannt. Der Narrentanz dieses Büchleins wird ihm aufgeopfert: »Wir Fratzenschneider, im Feuermantel tanzend ums Wasserfaß.« Die letzten Verse insonderheit verraten eine vollkommene Hingabe. Tenderendan hat das große Heimweh gepackt. Er sagt sich die Verse in tristen Stunden zu seiner Erbauung vor.
[408]

Chaldäischer Erzengel, Asternkönig, purpurner

Mann mit den Händen, die Schlaf bedeuten,

Du lässest die Tiere in uns erscheinen,

Du heftest uns an den klingenden Magierorden,

Du schließest uns an die Gestirne an,

Die uns zerschneiden und teilen.

Aller Heiligen, aller Toten Meister,

Violenglas, darin wir entblühten,

Kreuzweise und in die Länge sterben wir,

Den letzten Husten bekommen wir,

Hinsinken wir in den ewigen Raum, Laurentius –

Tränen, leuchtend und schwärmend.


Du Zonenchef, schwarzer Chef,

Fallsüchtig sind wir wie sehr, sterbsüchtig wie sehr!

Der heilige Arzt Kosmas kann uns nicht helfen.

Wir sterben dir ab und zu, wir sterben dir gänzlich.

In dir ist alles gemeinsam.

Den großen Bären tragen wir als Geschwür am Arm,

Eine Sonne aus Terra siena am Herzen.

Besitzend von dir besessen, lösen wir uns.


Wir Zackentrompete, flatternd im Kristallwind,

Wir tragischer Pfau, zerbrechend auf allen Stufen,

Wir Fratzenschneider, im Feuermantel tanzend ums Wasserfaß.

Du Gürtel der Sterne, du Kugelwand, rollende Finsternis.

Du morgenländisches Volk, abendländisches Volk,

Kriegsmärsche in Moll murmelnd, Schaum um den Turm Deiner Gnade.


Du Zymbalum mundi, Koralle des Jenseits,

flüssiger Meister,

Laut weinet die Skala der Menschen und Tiere.

Laut jammert das Volk der Städte aus Feuer und Rauch.

Da deine Wunderhörner auftauchten, da du dein

Tönernes Spielzeug ansahest, da du dein Reich

Inspiziertest und uns, die Beamten deines Katasters.

Denn die Schminke brach. Denn die Würfel zersetzten sich.

Denn nirgends war solche Sünde wie hier.
[409]

Du Angesicht aus Metaphern gestückt,

Faschingsgedichtpuppe

Unserer Angst. Du Duft weißen Papiers!

Blatt, Tinte, Schreibzeug und Zigarette,

Alles lassen wir liegen. Kleinlaut folgen wir dir.

Aus den Zahlen, die uns gebannt hielten, lösen sich unsere Füße.

Aus den Massen, die in uns gebrannt waren, strömt Süße.

Rares eintauschen wir gegen Bares, Wahres gegen Unklares,

Eins gegen zwei, und die Nachthauptstadt gegen Benares.


Quelle:
Hugo Ball: Der Künstler und die Zeitkrankheit. Frankfurt a.M. 1984, S. 408-410.
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