Liebesverzweiflung.

[290] Zu der Zeit, da König Karl dem Achten beifiel das Schloß Amboise auszuschmücken, kamen mit ihm viele italienische Steinmetzen, Bildhauer und Maler dorthin, deren schöne Arbeiten an den Galerien später ob arger Vernachlässigung beschädigt worden sind. Damals also lebte der Hof an diesem vergnüglichen Orte und wie jeder weiß hatte der junge Herrscher seine Freude dran, den Leuten bei ihrer Arbeit zuzuschauen. Unter diesen war ein gar verdienstlicher florentiner Bildhauer Angelo Cappara, dessen Können ob seiner Jugend manchen Scherz zeitigte. Sprossen[290] doch an seinem Milchgesicht noch kaum die ersten Härlein, die dem Manne seine stolze Würde verleihen. Aber er war schön wie ein Traum, und darum waren die Damen in ihn wie vernarrt; und auch weil er so schwermütig ausschaute wie ein Täublein, das seines Täuberichs Tod einsam in seinem Neste betrauert: Das kam davon, daß der Bildhauer an der schweren Krankheit ›Armut‹ litt, die alles Leben hemmt; lebte gar kärglich, aber schämte sich seiner Mittellosigkeit und kleidete sich deshalb prächtig, wenn er zu Hofe kam. Obendrein war er zu schüchtern, beim Könige um seinen Lohn zu bitten; die Hofschranzen bewunderten wohl sein Können, dachten aber nicht ans liebe Geld, und ebensowenig die Damen, die ihn von der Natur gar trefflich ausgestattet fanden und sich über das Sonstige keine Gedanken machten.

Trotz seines jugendlichen Aussehens war Angelo immerhin schon seine zwanzig Jahre alt; verwunderte sich oft genug über mancher Blödköpfe Erfolg und glaubte darum, wohl selbst mißgestaltet an Leib und Seele zu sein. So beklagte er, ein derart heißes Herz zu haben, und meinte, daß die Damen sich davor wie vor glühendem Eisen hüteten; wälzte sich in schlummerlosen Nächten mit seinen Gedanken: wie er eine schöne Geliebte beglücken würde, welch holde Spiele das Gewölk seines wehmütigen Sinnes zerstreuen sollten, kurz schuf sich in Gedanken ein Bildnis, das er küßte, liebkoste, schleckte und herzte, gleich wie ein Gefangener in Gedanken durch Wald und Feld eilt; sprach gar rührend zu seiner eingebildeten Liebsten, preßte[291] sie zum Vergehen an sich, tat ihr trotz aller Achtung einige Gewalt an, biß vor Leidenschaft in sein Bett und war so für sich allein voller Mut, am Tage aber, wenn er eine traf, um so verlegener. Aber dann ließ er seine Liebesphantasien an den Marmorfiguren aus, schmückte sie mit Brüstlein, davon einem das Wasser im Munde zusammenlaufen konnte, die andern Dinge ungerechnet, die er mit seinem zärtlichen Meißel prall und prangend aus dem Stein herausschmeichelte, wölbte oder rundete, sodaß auch das ärgste Unschuldslamm ihren Wert erkennen und seine Unerfahrenheit einbüßen mußte.

Die Damen vermeinten sich in diesen Schönheiten wiederzuerkennen und hatten nur noch Meister Cappara im Kopfe. Eine von ihnen aber, von gar vornehmer Abkunft, fragte eines Tages den hübschen Florentiner über ihn selber aus, warum er sich so wild stelle und ob denn keine Dame ihn zähmen könne, und lud ihn huldvoll für den Abend zu sich. Angelo begoß sich natürlich mit Duftwässern, kaufte sich einen gefranzten, atlasgefütterten Sammetmantel, lieh sich einen Rock mit weiten Ärmeln, ein geschlitztes Wams, und eilte hoffnungsgeschwellt wie über glühende Kohlen die Stufen empor. Sein Herz hüpfte bereits vor heißer Liebe wie ein Zicklein und der Schweiß rann ihm den Rücken hinab. Kein Zweifel, die Dame war bildschön, das wußte er als Künstler besser denn jeder andere, und sie hatte obendrein eine Stimme, die einem das Herz umdrehen, Kopf, Seele, alles in Hitze bringen konnte. Kurz, sie zauberte einem die lockendsten Bilder[292] vor Augen, ohne sich etwas merken zu lassen, wie das die verflixten Weiblein so an sich haben.

Der Bildhauer fand sie am Kamin in einem hohen Lehnstuhl und flugs begann sie nach Herzenslust zu plaudern. Aber er konnte nun kaum ein ander Wort als ja und nein vorbringen, sein Kopf war wie vernagelt und er hätte den wohl am Kamin zerschmettern mögen, wenn er sich nicht an ihrem Anblick und Plaudern so innig ergötzt hätte, derweile sie sichs vor ihm wohl sein ließ wie eine Mücke in der Sonne. Aber trotz seiner stummen Bewunderung verblieben die zwei bis Mitternacht zusammen und tänzelten zierlich auf der Blumenwiese der Liebe. Dann ging er hochbeglückt heim und sagte sich: wenn eine Edelfrau ihn während vier Nachtstunden bei sich dulde, so bedürfe es keines großen Drängens, daß sie ihn auch bis zum Morgengrauen bei sich behielte. Und daran knüpfte er etliche wonnige Gedankenschlüsse und faßte den Plan, sie wie eine schlichte Frau um die bewußte Sache zu bitten. Beschloß weiter alles zu töten, wenn er nicht mit seiner Spindel ein Freudenstündlein erfädeln könnte, und war bis zum kommenden Abend so in seine Gedanken vertieft, daß er darob beim Meißeln manche Nase verdarb. So ließ er denn auch lieber am Ende seine Arbeit ruhen, staffierte sich aus und eilte zu der Dame in der schönen Hoffnung, ihre liebevollen Worte in Taten zu wandeln. Aber kaum stand er vor ihrer weiblichen Majestät, da wars mit seinem Blutdurst aus, und der Anblick seines Opfers verblödete ihn gänzlich.[293]

Immerhin hatte er in der Glut seiner Wünsche sich auf sie geworfen und sie fest umschlungen gehalten; hatte ihr einen Kuß geraubt und daran gut getan: denn wenn die Damen einen geben, behalten sie das Recht, ihn auch zu verweigern; lassen sie den Liebsten einen rauben, dann kann er auch tausend stehlen. Darum lassen sie das denn gern geschehen und der Florentiner hatte bereits einen guten Vorrat davon erwischt und alles fädelte sich aufs schönste ein, als plötzlich die Dame, die sich doch dafür hergegeben hatte, ausrief: »Mein Mann kommt!« Wirklich kam der Ehemann vom Ballspiel heim und der Bildhauer mußte, reichbedacht mit verheißungsvollen Blicken der Dame, von hinnen gehen. Aber das war das Einzige, was er während eines vollen Monats an Freuden kosten durfte; denn allemal, wenn er ans Ziel zu kommen glaubte, tauchte der Ehemann auf, und so pendelte er zwischen dem weisen Doppelspiel von Weigern und Verheißen, das die Damen zum Entfachen heißer Liebesglut so trefflich üben, dauernd hin und her. Und wollte er seinen Angriff gleich beim Kommen wider den Rock richten, um einmal vor dem Herrn Gemahl am Ziele anzulangen, dann setzte die Holde dem ungestümen Begehren, das sie in seinen Augen las, allerlei Zank und Streit entgegen: spielte die Eifersüchtige, um ihn in Liebesschwüre zu verwickeln; beschwichtigte ihn dann mit einem holden Kuß und begann ein endloses Gespräch darüber, daß er vernünftig sein müsse und fügsam; daß sie ja viel mehr darangäbe und also viel opferfreudiger sei und[294] mutiger; ließ auch wohl ein königliches »Laß das«! entschlüpfen oder rief entrüstet: »Wenn du nicht so willst, wie ich es will, dann werde ich dich nicht mehr lieben!«

Kurz, der arme Kerl sah mit der Zeit ein, daß er nicht einer edlen Liebe gegenüberstand, einer von der Art, die nicht ihre Freuden zählt wie ein Geizhals seine Batzen, sondern daß die Dame nur ihr Spiel mit ihm trieb und ihn an der Leine tanzen ließ. Und darüber ward er so rasend, daß er alles töten wollte. So beauftragte er seine Freunde und Gefährten, dem Ehemann auf seinem Heimgange den Weg zu verlegen und eilte dann wieder zu seiner Dame. Und als ihre zärtlichen Liebesspiele im schönsten Zuge waren, nämlich Küsse wohl ausgekostet, Haare verwirrt und geordnet, Hände und Ohren glühend gebissen wurden und was es sonst gibt, außer der einen Sache, die von tugendsamen Autoren mit Recht abscheulich genannt wird, da sagte der Florentiner zwischen zwei etwas langen Küssen: »Liebst du mich über alles Schatz?«

»Gewiß!« sagte sie, denn Worte kosten ja nichts.

»Also dann,« sprach er, »gehöre mir ganz an«.

»Aber mein Mann wird kommen!«

»Ist das deine einzige Sorge?« – »Freilich.«

»Ich habe Freunde, die ihm den Weg verlegen und nicht eher loslassen, bis ich ein Licht an dieses Fenster stelle. Wenn er sich beim König beklagt, werden sie sagen, daß sie geglaubt hätten, es sei einer ihrer Gefährten.«

»So laß mich sehen, ob alles im Haus schläft.« Und[295] damit stand sie auf und stellte das Licht ans Fenster. Da sprang Cappara herzu, blies das Licht aus, zog seinen Degen und stellte sich vor das Weib, dessen elende und treulose Seele er erkannt hatte:

»Ich will Euch nicht töten; aber ich will Euch das Gesicht zeichnen, damit es Euch vergeht, mit armen, liebenden Jünglingen zu spielen. Ihr habt mich schändlich genarrt: so wisset denn, daß ein Kuß niemals aus dem Leben eines Mannes gelöscht werden kann, der wahrhaft liebt; daß ein Kuß alles andere nach sich ziehen muß! Ihr habt mein Leben zerstört, daran möget Ihr ewig denken und dafür sollt Ihr Euch nimmer im Spiegel beschauen, ohne auch mein Bild vor Euch zu sehen.«

Dann schwang er den Degen, um ihr ein Stück jener frischen, schönen Wangen abzuhauen, die noch seiner Küsse Spur trugen. Darob rief sie, er sei ein ehrloser Kerl, aber er schrie sie an: »Schweigt! Ihr habt gesagt, Ihr liebtet mich über alles! Jeden Abend habt Ihr mich aus himmlischen Freuden in die Hölle hinabgestoßen und glaubet nun, Euer Weiberrock könne Euch vor eines Liebhabers Zorn retten?«

»Ach, ich bin dein!« rief sie, denn seine mannhafte Wut riß sie in Entzücken. Aber er wich drei Schritte zurück und donnerte: »Ha, du herzlose Puppe, dein Gesicht ist dir teurer als dein Herzliebster?! Zeig her!«

Und erbleichend bot sie in Demut ihr Angesicht dar, denn sie begriff, daß ihre bisherige Falschheit ihre jetzige Liebe Lügen strafte. So versetzte Angelo ihr einen Streich über[296] die Wange, eilte von hinnen und entfloh aus dem Lande. Der Ehemann war nicht belästigt worden, da die Florentiner das Licht gesehen hatten. Er fand sein Weib der linken Wange beraubt; aber sie verriet Cappara trotz ihrer Schmerzen nicht, da sie ihn nunmehr über alles liebte. Auf der Suche nach dem Täter bedachte der Gatte, daß nur jener Florentiner in sein Haus gekommen war. Darum erhob er beim Könige Klage und der befahl, den Bildhauer einzufangen und zu hängen. Richtig wurde er in Blois erwischt, aber am Tage der Hinrichtung überkam eine Edelfrau der Wunsch, diesen kühnen Mann zu retten, und sie bat ihn frei. Trotzdem erklärte Cappara, nur seiner Dame anzugehören, die ihm nicht aus dem Sinn wollte, und so ging er ins Kloster und ward Kardinal und ein gar weiser Mann. Und auf seine alten Tage pflegte er zu sagen, daß er an der Erinnerung an die kargen Freuden jener Tage gezehrt habe, wo er von seiner Dame bald gut, bald schlecht behandelt wurde. Manche allerdings sagen, daß er später weiter gedrungen sei als bis zu seiner Dame Rockzipfel, eben der, so ihre Wange drangeben mußte; aber ich mag das nicht recht glauben, denn er war gar hochherzig und hatte von den heiligen Wonnen der Liebe eine sehr erhabene Vorstellung.

Quelle:
Honoré de Balzac: Die drolligen Geschichten welchselbige der wohledle Herr von Balzac als Festtagsschmaus für alle Pantagruelskindlein in den Abteien der Touraine sammelte und ans Licht zog. Berlin [o.J.], S. 290-297.
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