II. Naturgeist.

[13] Ein ernster Wandrer schreitet durch Wiesenflur und Hain;

Die Gräserhalme flüstern, die Wipfel rauschen drein.

Im Blumenbette rollet der schnelle Waldesbach,

Es eilt mit leisem Murmeln die Welle Wellen nach.


Und sinnend hebt der Wandrer den Blick zum Laubesgrün;

Und senkt ihn zu den Blumen die still am Ufer blühn.

Und als er still, in Träumen versunken, weilte dort,

Schwillt ihm die Brust voll Wehmuth, wird sein Gedanke Wort.


»Wer giebt dem Irren, Blinden, die Fackel in die Hand?

Er kann den Pfad nicht finden in sein gelobtes Land!

Ob ihn der Wald begrüsste, das grüne Blätterzelt,

Ihm scheint in eine Wüsste verwandelt rings die Welt.«


»Natur, Du Wesenmutter, nimm in Dein Tempelhaus,

Nimm mich in Deine Arme, verstosse mich nicht draus!

Nimm mich an Deinen Busen, Du Lebenspriesterin,

An Deinen Altar sink' ich, Dich heiss anbetend, hin!«[13]


»Aus Dir entsprosst das Leben durch ewgen Wechseldrang,

Dein Tagewerk ist Schaffen, doch Räthsel ist Dein Gang.

O wie nach Dir die Sehnsucht so glühend mich erfüllt!

Mir zeige, Weltengottheit, Dein Walten unverhüllt!«


»Ein Liebender, ach, bin ich, nur unruh-, zweifelvoll;

Ich muss die Gottheit kennen, der ich vertrauen soll;

Mir gnügt nicht, dass mein Auge der Schöpfung Wunder sieht,

Ich will die Kraft erforschen durch die das Wunder geschieht!«


»Du, die mir solch Verlangen nach Wahrheit eingeflösst,

O hast Du keinen Bannspruch, der Deine Siegel löst?

O hast Du keine Ruthe, die Deine Schätze trifft,

Und keinen Schlüssel, lösend die Zauberbilderschrift?«


»O soll ich nicht vergehen, so stille diesen Trieb!

Du Hand, die tief in Steine viel bunte Züge schrieb,

Du Hand, die Felsenwände mit grünen Moosen schmückt,

Nimm weg die Schleierhülle, die mir Dein Bild entrückt!«


»Du bist das Buch der Weisheit, allschaffende Natur!

Das Buch auch der Erkenntniss, ach, unenträthselt nur.

Du bist das Buch des Lebens, drin Himmelsfülle weht,

O selig, wer Dich deutet, beglückt wer Dich versteht!«


»Wie kreuzen sich verschieden die Linien der Hand,

Daraus die Zukunft schauet der sinnende Verstand!

Auf Stirnen steht zu lesen gar Manches offenbar,

Aus Augensternen leuchtet der Seele Denken klar.«[14]


»Und Zauberstimmen tönen in Hainen um uns her,

Wer aber kann sie deuten, und Antwort geben? Wer? –

Manch Wunderbild umgaukelt im Traum uns jeder Art;

Der Traum ist eine Sprache, so noch nicht offenbart.«


»Es kommt der Tag gezogen, ihm folgt die stille Nacht,

Und führt am Himmelsbogen herauf der Sterne Pracht;

Die Monden und die Sonnen sie wandeln ihre Bahn,

Wie, seit die Welt begonnen, sie heilig still gethan!«


»Warum vom Ost zum Westen, und nicht vom West zum Ost?

Warum Gluth am Aequator und an den Polen Frost?

Wer kann die Geister binden und ihre hohe Kraft?

Wer kennt von allen Dingen Ursprung und Eigenschaft?«


»Ich will die Räthsel lösen vom Mond- und Sternengang,

Ich will, der kühnste Forscher, gehorchen meinem Drang!

Ich will das All durchdringen, das so viel Lust verheisst,

Und will mit Geistern ringen, ein kühner, freier Geist!« –


»Doch wo die Formel finden, und Zauberspruch und Schwur,

Den starken Leu zu binden, die Urkraft der Natur?

Wo liegt der Hort vergraben, in welchem Weisheitschacht,

Der mich mit hohen Gaben zum Geisterkönig macht?«


»Fand in Retort' und Tiegeln ich das was ich gesucht?

Reift unter Hermes Siegeln mir der Erkenntniss Frucht?

Ums Aug' die dunkeln Binden sehn' ich mich nach dem Licht!

Geist der Natur, wo finden Dein Strahlenangesicht?« –[15]


Ein ernster Wandrer schreitet durch Wiesenflur und Hain.

Die Gräserhalme flüstern, die Wipfel rauschen drein.

Im Blumenbette rollet der schnelle Waldesbach,

Der Wandrer, in Gedanken, sieht ernst den Wellen nach.[16]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 13-17.
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