XXXII. Fassnacht.

[130] Zu Faustus spricht Mephisto: »Du bist der Alte nicht mehr!

Ich fülle Dir den Becher, Du trinkst ihn nimmer leer.

Die Lustfrucht, Dir geboten, so lockend und so reich,

Erfreut Dich nicht, und Todten im Grabe bist Du gleich.«


»Wer sich der Freuden absagt, was braucht der meine Macht?

Du gleichest dem Begrabnen im tiefen Bergesschacht.

Du bist ein wacher Träumer, und träumst nicht einmal recht;

Du willst der Geister Herr sein, und bist der Zweifel Knecht!«


»Hast Du nicht alles, alles, was Deinen Sinn erfreut?

Hast Ehre, Ruhm und Namen, und hast Unsterblichkeit!

Du bist ein mächt'ger Herrscher, vor dem die Freude kniet,

Der mit Ascetenblicken auf dieses Lustbild sieht.«


»Was grübelst Du noch einsam, wie Du zuvor gethan,

Eh' Du den Weg gefunden, vertrauend uns zu nahn?

Hast Du den Weg erkoren, folg' ihm, wohin er führt,

Ist keiner doch verloren, der sich nicht selbst verliert!«[130]


»Die Freunde hör' ich sagen, Du wollest büssen nun;

Dich reuen Deine Sünden, Dich reu' Dein Mannesthun!

Du wollest Dich bekehren, zu Deiner Seelen Nutz,

Dir eine Glazze scheeren, und anthun die Kapuzz?«


Hohn ist ein giftger Stachel, Hohn ist ein Schlangenzahn,

Der fällt mit Natterbissen den Stolz des Mannes an.

»Schweig, Schlange, schweig!« so tönet zum Geist sein Donnerwort;

Er stürmt, in sich zerfallen, zu neuen Freuden fort.


Die Freunde bieten Becher, zu kosten ihren Trank,

Doch vom verwöhnten Zecher wird nicht der kleinste Dank.

Wer aller Lüste Trinkhorn bis auf die Neige leert,

Den mag nicht leicht erfreuen, was Andern preisenswerth.


Und Faustus spricht: »Ihr Lieben, die wahre Fassnacht hält

Kein ächter Fassnachtschwärmer im Reich der Oberwelt!

Er steigt ins Reich der Tiefen, er giebt Besuch der Nacht;

Wohlauf, es sei auf Fässern die Fassnacht zugebracht!«


Er schlingt den Zaubermantel um die Genossen jetzt,

Da sehn sie sich nach Salzburg gedankenschnell versetzt.

Dort in des Bischofs Keller ruht mancher Labequell,

Und sprudelt aus den Fässern in alle Becher hell.


Und wie recht frohen Muthes die Zechgesellschaft sitzt,

Und mit des Weines Feuer ihr wildes Blut erhitzt,

Da steigt der Kellermeister herab – wie der erschrickt,

Als er die Schaar der Gäste, die fremde, hier erblickt![131]


Laut ruft er: »Diebe! Diebe!« dass das Gewölb' erschallt;

Da fühlt er sich gehalten von mächtiger Gewalt.

Auf einer Leiter Sprossen wird er gesetzt in Eil

Und durch die Lüfte sausend hin fliegt er, wie ein Pfeil.


In eines Waldes Mitten auf hohem Tannenbaum

Lässt Faust den Kellner sitzen, dem dünkt's ein böser Traum.

Nur dass der Traum nicht schwindet, nur dass der Träumer wach,

Und frühen Wandrern kündet er laut sein Ungemach. –


Und mit den Freunden fröhlich hält lustge Fassnacht Faust.

Oft scheint ein Lebensfroher, der wild durchs Leben braust;

Doch tobt gar mancher Zecher, und Lebensüberdruss

Beut ihm den Freudenbecher als böser Genius.


Ein Fasching ist das Leben, ein bunter Carneval,

Ein Tummelplatz der Freuden, ein Maskenzug zumal.

Bis Leid wie Lust verrauscht sind, bis jede Larve sinkt,

Und uns der Aschermittwoch des dunkeln Grabes winkt.


Glück zu der Lustfahrt, Faustus! Hei, wie Dein Schlitten fliegt,

Von Rossen nicht gezogen, von leichter Luft gewiegt!

Rasch, wie die Zeit, und glänzend wie Lust, hellleuchtend schön:

Und Silberschellen läuten mit lieblichem Getön.


Das ist ein lautes Knallen, ein rauschendbeller Klang,

Und frohe Lieder schallen im jubelnden Gesang.

Der Schlitten ist ein Drache, geziert mit güldnem Glanz,

Im Kronenhaupt sitzt Faustus, der Herrgottsaff' im Schwanz.[132]


Inmitten aber sassen die Freunde Mann an Mann,

Und lachten, sangen, tranken, so lang ein Tropfen rann.

Doch mancher neigt zum Nachbar den Mund, gedankenschwer,

Und spricht, auf Faustus blickend: »Er ist der Alte nicht mehr!« –[133]


Quelle:
Bechstein, Ludwig: Faustus. Ein Gedicht, Leipzig 1833, S. 130-134.
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