Achtzehnter Auftritt

[113] Nacht. Zimmer Fausts. Er kömmt blaß, wild und starr mit einem Buch unter dem Arme herein, legt es auf den Tisch, und zeigt gen Himmel.


Der dort oben hat die Zügel der Weltregierung aus den Händen gelassen, und sie dem Teufel übergeben; bei diesem muß man Hülfe suchen, bei jenem nicht. Er mag nicht helfen. Ich habe gebetet, ich habe aus der Tiefe meines Herzens laut um Erbarmen geschrien; der niedrigste Sterbliche hätte sich erbarmt, der dort oben nicht. Auf jedes Gebet ist ein neuer Jammer, auf jedes Angstgeschrei ein neuer Dolchstoß gefolgt. Nun kann ich nicht mehr beten. – Im Himmel ist keine Rettung für mich, ich will sie in der Hölle suchen! Es müssen mächtige Geister seyn, die darin herrschen; denn sie treiben ihr Werk fürchterlich auf der Erde. – Zu euch wende ich mich, ihr der Gottheit feindlichen Mächte, um Rettung zu finden, Rettung aus diesem namenlosen Grauen! Ich komme nicht von selber; der Ewige hat mich gesandt, ausgestoßen aus seinem Reich; aufgewiegelt durch so vielen Jammer, als die menschliche Natur nicht zu ertragen vermag. – Helft mir, ihr gefallenen Geister, vernichtet[113] die Hölle, die in mir wütet, durch eine andre Hölle! – Naht sich dem Tische, auf welchem das Buch liegt. Was will ich beginnen? – wohin mich stürzen? – Nirgends hin! In einen tiefern Abgrund kann ich nicht fallen, als worin ich schon liege. Rochus, Paulina, Mariane, meine Kinder, alles fordert mich mit Jammergeschrei, oder mit Hohngelächter auf, Hülfe, Erbarmen, Rettung zu suchen, wo ich sie zu finden vermag. Der Ewige selber will es; ich folge seinem schrecklichen Rufe. Tritt an den Tisch und schlägt das Buch auf. Hier, hier ist der Scheideweg zwischen Himmel und Hölle, zwischen Zeit und Ewigkeit! – Ewigkeit? Nein, der Tausch ist jüdisch, auch in der Hölle jüdisch! So will ich's nicht! Eine Lebenszeit voll Hölle auf der Erde will ich gegen eine unter den Teufeln vertauschen. Anders nicht! – Glühende Rachsucht, glühende Liebe steht mir bei! – Liest in dem Buche. Hephata Gehenna! Ihr Pforten des Abgrunds öffnet euch! Steigt hervor ihr Mächte der Hölle; ein Sterblicher ruft euch! Hephata Gehenna!« Ein heftiges Sausen durchschallt die Luft. Ich zittre nicht, ich habe es angefangen, ich will es enden! Liest weiter. »Ihr Fürsten der Finsterniß, bei eurer Herrschaft in der Luft, unter den Himmeln beschwör' ich euch, erscheint mir! helft mir! Hephata Gehenna! Hephata Gehenna!« [114] Das Sausen wird stärker, und mitten unter demselben erscheint Satan mit einer Krone.

FAUST. Wer bist Du?

SATAN. Ich bin Satan, oberster Fürst der Hölle, siegreicher Beherrscher der Erde.

FAUST. Willst Du mir dienen?

SATAN. Ich will es, wofern Du es begehrst.

FAUST. Kannst Du des Herzens glühende Rachsucht stillen?

SATAN. Ich kann es.

FAUST. Vermagst Du der Liebe Sturmgefühl zu befriedigen, und das Mädchen meiner Seele mir in die Arme zu liefern?

SATAN. Das vermag ich.

FAUST. Kannst Du in ein empörtes Herz der Ruhe Balsam gießen, und brennende Seelenwunden heilen?

SATAN. Ein Fürst der Hölle vermag mehr als dies.

FAUST. Hast Du des Reichthums Fülle in Deiner Macht, und kannst Du den Durst nach Golde stillen?

SATAN. Ich kenne alle verborgenen Schätze der Erde, und vermag mehr zu geben, als je ein Sterblicher bedurfte.[115]

FAUST. Hast Du die Kraft, mich über Länder und Meere zu führen, und mir der Welt Herrlichkeit zu zeigen?

SATAN. Ich schwinge mich in Augenblicken rings um den Erdball, und nehme jeden mit mir, der meines Schutzes genießt.

FAUST. Vermagst Du Gesundheit zu verleihen?

SATAN. Alle Heilkräuter der Erde kenn' ich, und kann dem Sterblichen Gesundheit und Lebenskraft bis zu dem Augenbicke seines Todes geben.

FAUST. Willst Du mit allen diesen Kräften mir dienen?

SATAN. Ich bin bereit dazu.

FAUST. Was verlangst Du zum Lohne?

SATAN. Sei der Meinige!

FAUST. Auf wie lange?

SATAN. Auf ewig.

FAUST. Du forderst gräßlich. Ich will so lange der Deine seyn, als Du mir auf Erden gedient hast.

SATAN reicht ihm ein Papier. Unterschreibe! Drückt eine von seinen Krallen in Fausts Hand.

FAUST. Ach! warum verwundest Du mich?

SATAN. Du mußt mit Blut unterschreiben.

FAUST. Ich unterschreibe, aber nicht auf[116] ewig. Ich will nur auf so viel Erdenjahre der Deine seyn, als Du mir hier dienst. Genügt Dir dies?

SATAN. Ja! Unterschreibe nur! Faust unterschreibt, giebt es Satan.

FAUST für sich. O Ewiger, Du bist furchtbar! Du hast mich so weit gebracht, daß ich selbst vor dem Teufel nicht mehr zittre. Zu Satan. Leiste mir nun den ersten Dienst, und führe meinen Todfeind, den ich mehr als die Hölle hasse, führe den scheuslichen Rochus aus den Armen des Schlafs, gebunden an Händen und Füßen, hieher!

SATAN. Ich bring' ihn Dir. Verschwindet.

FAUST. Erwacht in mir, ihr tobenden Gefühle der Wuth! Lodre empor, flammende Rachsucht, durchdringe mein innerstes Wesen! Er hat meinen Sohn an Leib und Seele schändlich getödtet, er hat meine Tochter der Schmach und Schande Preis gegeben, er hat mich zum Bettler gemacht, hat meine Liebe zerstört, hat mein Herz unmenschlich zerfleischt, und mich mit Hohngelächter aus meinem Himmel gestoßen; komm nun Stunde der Vergeltung, Stunde der Rache! Sucht einen Dolch. Ich will deinen süßen Becher bis auf den letzten Tropfen leeren! Satan erscheint mit Rochus, der im Nachtkleide, und an Händen und Füßen gebunden ist, wirst ihn in einen Sessel, und tritt hinter ihn. Bist Du da[117] mit meinem Gast? Wohl! ich will einen Seelenschmaus halten.

ROCHUS. Wo bin ich? – Was ist mir geschehen? – He! Robert! Jakob! – Wo bin ich denn?

FAUST. In den Händen dessen, dem Du einen Himmel gestohlen, und eine Hölle zubereitet hast; in Fausts Händen!

ROCHUS. Moritz, Paulina! helft mir!

FAUST. Für Dich ist keine Hülfe mehr; Du bist in der Gewalt Deines Todfeindes, der eher dem Teufel hülfe, als Dir!

ROCHUS. Weh mir! Hülfe, Hülfe! Will aufspringen, Faust stößt ihn in den Sessel zurück.

FAUST zu Satan. Feßle ihn! lähme seine Zunge, daß er nur winseln kann. Satan rührt ihn von hinten an.

ROCHUS. Wie geschieht mir! Erbarmen, Erbarmen!

FAUST. Hast Du Dich meiner erbarmt, hast Du Barmherzigkeit gehabt mit meinen schuldlosen Kindern? hast Du meiner Liebe geschont? Abschaum der Hölle, hast Du nicht jede Grausamkeit bis zu ihrer letzten Tiefe an mir erschöpft?

ROCHUS. Ich will alles wieder ausgleichen, ich will Paulinens Hand, und ihr Vermögen –[118]

FAUST. Schweig Verworfener! Zu spät ist Deine Reue. Vernimm die Dinge die da kommen sollen, und bebe! Paulina geht mit mir zum Altar, und bringt mir alle Schätze zurück, die Du mir gestohlen hast. Moritz, dein Geliebter, dein Verbündeter, empfängt einen Trank, der ihn wahnsinnig macht, und vollbringt sein Leben an der Kette unter den Rasenden; Du aber stirbst hier in Verzweiflung und unter wütenden Schmerzen von meinen Händen.

ROCHUS. Barmherziger Gott! errette mich nur noch einmal, ich will mein ganzes Leben –

FAUST. Sieh, dieser Dolch soll in Deinem Busen wühlen, jedes Angstgeschrei soll mit einem neuen Stoß, jedes Zucken mit einem neuen gräßlichen Schmerz belohnt werden. Und wenn Du dann in Verzweiflung Deine Seele ausgehaucht hast, so soll Dein Leichnam mit diesem Dolch in der Hand auf sein Lager zurückgebracht werden, damit jedermann glaube, Du habest Dich aus Gewissensangst ermordet, und Dein Leib unter dem Rabensteine verwese! So rächt sich Faust!

ROCHUS. O ihr ewigen Mächte des Himmels, rettet, rettet mich! Faust, gedenke an Deine Todesstunde, habe Erbarmen, Erbarmen!

FAUST. Bereite Dich nun zum Tode! Nein,[119] bereite Dich nicht! In Deinem Meere von Sünden, mit Deiner unendlichen Schuldrechnung von Schandthaten sollst Du hinunterfahren.

ROCHUS. Ich will einen Beichtvater, ich will beichten.

FAUST. Du sollst ihn haben. Tritt hervor Satan! Satan stellt sich vor Rochus hin. Sieh, hier ist er, hier ist der oberste Fürst der Hölle. Er wird Deine Seele zur ewigen Vergeltung in Empfang nehmen. Rochus stößt Töne des Entsetzens aus. Empfange nun Deinen Lohn! Giebt ihm einige Dolchstöße in die Brust. So! So!

ROCHUS. Weh! weh! Krümmt sich, und winselt immer leiser.

FAUST. Ich weide mich an Deiner Qual. Mehrere Stiche.

ROCHUS. Ach, ach! – Ewig – ewig! Er stirbt.

FAUST. Er ist dahin; meine Rache ist befriedigt. Befriedige nun auch meine Liebe, und hole mir Paulina!

SATAN. Das vermag ich nicht.

FAUST. Warum nicht?

SATAN. Sie ist meiner Herrschaft nicht unterworfen, wie dieser Todte hier es war, der sich[120] mir schon durch seine Thaten geweiht hatte. Suche sie selber, und sie wird die Deinige werden.

FAUST. Wohlan, so will ich schlafen. Führe diesen hier weg, und gieb ihm den Dolch in die Hand. Reicht Satan den Dolch. Mir aber gieb Ruhe; ich will schlafen.

SATAN. Nimm dies, und iß. Giebt ihm etwas, berührt Rochus, und sinkt mit ihm hinunter.

FAUST. Ich habe einen süßen Becher getrunken, aber mein Herz pocht laut, und mein Blut wallt, wie ein empörtes Meer. Laß sehn, Satan, was Du vermagst. Ißt. Schlaf mußt Du geben können; das ist ein guter Bissen, und ich möchte ihn oft fordern. Ja, Du kannst es, ich fühl' es! Gähnt, setzt sich hin, und schläft ein. Scheusliche Gespenster kommen hervor, und tanzen um ihn herum.

Ende des dritten Acts.
[121]

Quelle:
Benkowitz, Karl Friedrich: Die Jubelfeier der Hölle, oder Faust der jüngere. Berlin 1801, S. 113-122.
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