Die vier Lebensalter

[181] Es lag ein Kind unter einem Baum

Und sah hinauf in den grünen Raum

Und lächelte dazu.

Sprach ich: Hör, du,

Was tust du so?

Sprach es: Ei, Mann, ich bin so froh,

Weil da die Vöglein singen,

Von Zweig zu Zweige springen.

Ist das nicht lustig? Ach, könnt ich hinein

In die grüne Welt; doch ich bin noch zu klein.

Meine Arme umfassen den Stamm noch nicht;

Sonst wollte ich bald oben sein

Bei den Vögeln im grünen Licht.


Es stand ein Jüngling unter einem Baum,

Auf seiner Lippe der erste Flaum,

In seinen Augen die erste Liebe.

Er schnitt ein Herz in die Rinde ein,

Das sollte Denkmal und Rahmen sein,

Darein er ihren Namen schriebe.

Und lächelte dazu.

Sprach ich: Hör, du,

Was tust du so?[181]

Sprach er: Mich macht die Liebe froh.

Das wachsende Leben soll umschließen

Den Namen, der mein Herz umschließt.

Des Lebens Säfte sollen ihn durchfließen,

Der wie ein Glücksschwall mich durchfließt.

Dies soll ein Sinnbild meiner Liebe sein:

Stark wie der Baum ist sie und also rein

Wie seine Säfte, die in tausend Blüten

In jedem Jahre neu sich offenbaren;

Von jungen Jahren bis zu alten Jahren

Will ich als Heiligtum sie selig hüten.


Es lag ein Mann unter einem Baum,

Verschränkte die Arme wie im Traum

Unter dem Haupte und sah hinan,

Wo viele Vögel sangen;

Ruhig, ohne Verlangen sah in das Grüne der Mann

Und lächelte dazu.

Sprach ich: Hör, du,

Was tust du so?

Sprach er: Ich bin der Ruhe froh,

Und daß ich mich von einem Schmerz ermannte,

Den ich zuletzt doch als ein Glück erkannte.

Ich war zu lang

Im Überschwang,

Vertaumelte mein Leben

In eines Traumes Schweben

Und wurde so des Lebens bar,

Unfest, unklar,

Bis mir der Schmerz beschiedn war,

Der mich zur Erde mächtig stieß[182]

Und mich den Sinn der Erde,

Das ewige Sei und Werde

Dankbar erkennen ließ.

Ich weiß es nun:

Bewegtes Ruhn

Ist Glück und das Leben kein Traum.

Und will ichs vergessen,

Von Wünschen besessen,

Betracht ich den stehenden, wachsenden Baum.


Es lehnte ein Greis an einem Baum,

Der leuchtete im Blütenschaum

Wie ein köstlich Geschmeide;

Geschlossen die Augen beide,

Sah nichts der Greis

Von dem holden Gegleiß

Und lächelte doch dazu.

Sprach ich: Hör, du,

Was tust du so?

Sprach er: Ich bin der Dunkelheit froh,

Die mich umgibt.

Die blühende Helle hab ich einst geliebt,

Nun täte sie mir weh,

Da mir ein Licht ward innerlich;

Das ist so milde:

Ob ich im Dunkeln steh,

Sonne nicht, Blüten nicht seh,

Seh ich doch mich

Klarer als je

Und immer auf Gottes Gefilde.

Es ist eine Nacht, wo die Wurzeln sind,[183]

Eine Nacht, von Keimen umgeben,

Da wird zum tiefer sehenden Kind

Der blinde Greis, denn das Leben ist blind

Und der Tod ist das sehende Leben.

Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Gesammelte Werke. Band 1: Gedichte, München 1921, S. 181-184.
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