Traum-Exegese

[178] Mir träumte, daß ich Adam wär,

Adam im Paradiese,

Ich grübelte so für mich her

Auf einer bunten Wiese.
[178]

Da unter einem Apfelbaum,

Sah meine Frau ich liegen;

Sie schlief, und über ihrem Traum

Thät sich die Schlange wiegen.


Die sprach, mit Schrecken hört ichs: Iß!

Ist doch vom Apfelbaume!

Drauf: Wenn michs lüstet, ei gewiß!

Sprach meine Frau im Traume.


Die Schlange, lauernd: Aber Er,

Er hat es euch verboten ...

Und meine Frau: Verboten? Wer?

Mach, hol mir einen roten!


Die Schlange wand sich schnell hinauf,

Warf einen roten runter.

Da that mein Lieb die Augen auf,

Biß in den Apfel munter.


Um Gott! rief ich, nun ist es aus,

Wir werden ausgewiesen!

Und sah auch schon im schnellsten Braus

Herab den Engel schießen.


Er stand in großer Gloria

Wie ein Kürisserposten

Vor meiner Frau; wie die ihn sah,

Lacht sie: Du, willst du kosten?
[179]

Nein, sprach der Engel Gabriel,

Ich bin nicht da zum Essen;

Oh liebe Frau, du leichte Seel!

Hast du denn ganz vergessen?..


Und wieder lachend meine Frau:

Mein guter Gottesbote,

Nur keine Angst! Ich weiß genau

Die göttlichen Verbote.


»Und dennoch?! Ach, was soll ich ihm

Von soviel Trotze sagen,

Um den die tausend Seraphim

Die goldnen Flügel schlagen?!«


›Sag unserm strengeguten Herrn,

Ich thät ihn herzlich lieben

Und wär im Paradiese gern,

Von Herzen gern geblieben.


Doch dürfte nichts verboten sein.

Das wär ein grausam Spielen,

Sollt ewig ich tagaus tagein

Nach Gottes Aepfeln schielen.


Hab lieber drum gegessen schnell

Und warte des Gerichtes.‹

Abflog der Engel Gabriel

Mißmutigen Gesichtes.
[180]

Kaum, daß ich: Aber Frau! gebarmt,

Kam er in sanftem Schweben

Zurück, hat flügelnd sie umarmt,

Ihr einen Kuß gegeben.


Und hoch vom Himmel sang es hell,

Gar lieblich anzuhören,

Zu Flöte, Geig und Violoncell

In heitren Engelschören:


Weil du so gut das Paradies

Und Gottes Herz verstanden,

Geschahs, daß er dich küssen ließ

Durch seinen Abgesandten.


Ich aber ward mit manchem Hieb

Getrieben vor die Pforte,

Darüber flammenzügig schrieb

Herr Gabriel die Worte:


Wer immer möcht und nimmer wagt,

Schnell herzhaft zu genießen,

Sei feierlich davon gejagt

Aus Gottes Paradiesen.


Quelle:
Otto Julius Bierbaum: Irrgarten der Liebe. Berlin/Leipzig 1901, S. 178-181.
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