Am ersten Sonntag nach der heiligen drey Könige


Der verlohrne Jesus

[81] In voriger Singweise.


1.

Offt ich, O Jesu, dich verliehr:

Ach meine Schuld jagt dich von mir.

Alsdann so such ich dich mit Schmerzen,

Da meine Bosheit beisset mich.

Laß, Jesu, laß bald finden dich:

Ach lange machet bang dem Herzen.


2.

Bey den Gefärten, bey der Welt

Sich deine Gottheit nicht enthält,

Ach da, da werd ich dich nit finden.

Such ich dich dann bey Fleisch und Blut,

Bey den Gefreundten: ach da ruht

Mein Jesus nicht, da wohnen Sünden.


3.

Dort in den Tempel will ich gehn

Und dich in deinem Worte sehn.

Wollst, Jesu, dich mir nicht verstecken,

Imfall mein Glaube greifft nach dir.

Zwar bist du heimlich schon bey mir:

Du wollest nur dich mir entdecken.


4.

Du sihest heimlich dort auf mich,

Ob ich auch ämsig suche dich:

Du willst dich endlich lassen sehen.

Schick deinen Geist, daß er mich führ:

Alsdann so komm ich bald zu dir.

Laß mich nach dir nit irregehen.


5.

Zwar bist doch selber du der Weg:

Ach laß mich gehn auf diesem Steg,

Durch dich allein kan ich dich finden.

So führe du dann mich fortan

Zu dir, auf dir, der Lebensbahn.

Laß mich im Herzen dich empfinden.


6.

O Jesu, der gewissest' Ort,

Da man dich findet, ist dein Wort:

Da will ich mich nach dir ümsehen,

Da will ich suchen spat und früh

Und sparen weder Fleiß noch Müh.

Es wird doch nicht ümsonst abgehen.
[81]

7.

Offt find ich dich und seh dich nicht:

Mein Geist ist blind, hat kein Gesicht,

Weil daß die Seel nur fleischlich sihet.

Ach reiss mir diese Augen aus:

Sie machen mich zur Fledermaus,

Die vor dem Liecht ins Finstre fliehet.


Quelle:
A. Fischer / W. Tümpel: Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts, Band 5, Hildesheim 1964, S. 81-82.
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