Auf die Einweihung des neuen Tempels der Loge zur wahren Eintracht

[234] den 7ten Februar 1783.


Wie bau'st du mir, frug einst von ihren Zinnen

Die Unerreichlichste im Range der Göttinnen,

Die Wahrheit, einen Mann, der ihr

Der Baukunst Meister schien, wie bau'st du mir

Ein meiner würdig Haus, wo ich zuweilen

Mich niederlassen kann, um ungeseh'n

Dem Maulwurfsaug' der Sterblichen,

Im Kreise meiner Freunde zu verweilen? –

Der weise Architekt schwieg eine Weile, – dann

Begann er so: »Des höchsten Berges Spitze,

Die keines Menschen Aug' erreichen kann,

Wähl' ich, o Göttin, dir zu deinem Sitze.

Hier in den höchsten Regionen

Der Erdenluft, wo ich des Erdballs Zonen,

Weit ausgebreitet unter mir,

Mit einem Blicke übersehe,

Dem Quell des Lichts, der Sonn', und dir,

Erhab'ne Göttin, in der Nähe,

In einer Ferne, die kein Menschenlaut

Erreicht, in einer Höh', wovor dem Blicke graut,

Da, Göttin, will ich mit Vertrauen

Auf meine Kunst dir einen Tempel bauen.[234]

Da sollst du einen Platz, von Säulen bloß

Umschlossen, einfach, aber groß –

So wie du selbst – zum Aufenthalte haben.

In diese Säulen will ich dann

Der ält'sten Weisheit Ueberbleibsel graben,

In Bildern, die nur der entziffern kann,

Dem du's vergönnst. Den Tempel selber müssen

Nicht Dach noch Seitenwand umschliessen:

Nein! himmelan und seitwärts sei

In die Unendlichkeit dem Blick die Aussicht frei!

Kein Sterblicher erklimmt, um da uns auszuspähen,

Die steile Felsenwand; nur eine schmale Bahn

Führt die Berufenen zum Heiligthum hinan.

Und da, wo nur allein des Tempels Höhen

Zugangbar sind, bau' ich ein festes Thor

Dem Haufen der Profanen vor.

Hier soll es nie Unwürdigen gelingen,

In dieses Heiligthum sich einzudringen.

Doch weil kein Schloß hienieden unzersprengbar ist,

Und weil ich leider sehen mußte,

Wie schlau schon oft die Hand der List

Die stärksten Riegel wegzuschieben wußte,

O Göttin, so erlaube mir,

Daß ich an deines Tempels Schwelle

Zwei unbestechliche, bewährte Wächter stelle.

Die Weisheit und die Stärke stell' ich hier

Zu Wächtern auf. Die eine soll mit scharfem Blicke

Das Innerste des Suchenden durchspäh'n,

Ihn wägen, und ob er auch deiner werth ist, seh'n,

Und ist er's nicht, so weist die and're ihn zurücke.

Ja, wär' er eines Fürsten Sohn,

Und fänd' er sich an seinem Prüfungstage[235]

Nur um ein Gran zu leicht auf deiner Wage,

So muß er fort von deinem Thron!

Und daß wir stets getreu der weisen Strenge bleiben,

Will ich mit Flammenschrift an deine Pforten schreiben:

Hinweg, Unwürdige: O daß doch alle, die

Du deine Freunde nennst, mit Flammenzügen

Im Herzen diesen Spruch tief eingegeben trügen!

So sprach der Architekt. – Und sieh!

Die Göttin lächelte mit innigem Vergnügen

Ihm Beifall zu. – Da ging er und begann

Des Tempels Bau nach seinem weisen Plan; –

Und als er fertig war, ließ sich die Göttin nieder,

Versammelte die ihr getreuen Brüder

In ihrem Heiligthum, und hieß sie dann

Den neuen Bau, zum ewigen Gedeihen,

Der Wahrheit und der Eintracht weihen.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 234-236.
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