Beitrag zu den Leichengedichten auf den Tod Marien Theresiens

[179] Du liebe Zeit!

Was Kopf hat, brütet,

Und kreißt und schüttet

Heraus, und schreit

In Vers und Prosa

Laut und sub Rosa

Gar manches Ach

Der Fürstin nach,

Die das Hofiren

Und Parentiren

Nicht brauchet. Fragt

Die sel'ge Theure,

Was die euch sagt:

»So viel Geleyre

Ist nicht Natur:

Ein Thränchen nur

Zur Dankesgab'

An meinem Grab,

Bei leisem Stöhnen

Geweint, ist mehr,

Als so ein Meer

Gedruckter Thränen.«

Bleibt immer stumm!

Der Fürstin Ruhm

Wird ohne Preisen

An euch sich weisen.


Wenn ihr in Ruhe

Eu'r Tischchen deckt,

Mit keinem Schuhe

Im Schlame steckt;[180]

Wenn euern Waisen

Nicht Hungersnoth,

Und euern Reisen

Kein Räuber droht;

Wenn um sein Brod

Der Fleiß nicht bettelt,

Und euer Geld

Kein Mönch verzettelt

Aus eu'rer Welt;

Wenn Ehr' und Gunst

Den Künstler lohnet;

Und nicht mehr Kunst

Bei Armuth wohnet:

Wenn rein die Luft,

Kein Leichenduft

Aus nahen Grüften

Euch zu vergiften,

Die Lunge hebt;

Wenn ihr gesünder

Und länger lebt;

Wenn eu're Kinder

Kein Schuster lehrt,

Und kein's von Riemen

Gebläut, mit Striemen

Nach Hause kehrt;

Wenn in den Schulen

Nicht Worte mehr

Im Schlaf sie lullen:

Kein Schulfuchs mehr,

Im Lehrsaal poltert,

Und Jungen da

Mit Barbara

Celarent foltert;

Wenn eu're Knaben

Erst Bärte haben,

Die Mägdelein[181]

Erst klüger sein,

Und denken müssen,

Eh' ihr sie könnt,

Von euch getrennt,

In's Kloster schliessen;

Wenn euern Kindern

Nicht Waisennoth

Und Habsucht droht,

Und Filze nicht

Ihr Erbe plündern;

Wenn vor Gericht

Die Unschuld nicht

Auf Foltern heulet,

Und dann dem Tod

Auf dem Schaffot

Entgegen eilet;

Indeß, geheilet,

Der Bösewicht

Von stärkern Sehnen

Der Folter lacht,

Und neuer Thränen

Sich schuldig macht.


Wenn sie euch Sprossen

Und Enkel gab,

Die auf ihr Grab

Ihr Thränchen gossen;

Wenn diese Zweige

Euch manche Reiche

Verbrüderten,

Die, euch zu schirmen,

Wenn Feinde stürmen,

Als Mauern, steh'n;

Und wenn sie den,

Den Sohn sie hieß –

Ihr bestes Erbe –

Euch hinterließ,[182]

Damit kein Sprößchen,

Das sie gesät

Für euch gesät,

Im Keime sterbe:

Wenn er die Sprößchen,

In Bäumen zieht,

An deren Blüth'

Und Früchten sich

Einst dankbarlich

Noch eu're Knaben

Und Enkel laben;

Sprießt all' die Fülle

Des Guten euch

In Josephs Reich,

So nehmt's in Stille,

Genießt es frei,

Und seht dabei,

Mit Dank im Blicke,

Auf die zurücke,

Die dieses Feld

Mit reichem Saamen

Für euch bestellt,

Und dies erhält

Theresiens Namen

Viel länger als

Das Deklamiren

Und Parentiren

Aus vollem Hals,

Und all' die Blättchen

Der Herren Poetchen,

Die heut man liest:

Und dann vergißt.

Ein schlecht Gedicht

Vermehrt die Summe

Von ihrem Ruhme

Wahrhaftig nicht;[183]

Ihr büßt den euern

Dabei nur ein:

D'rum stellt das Leyern

Bei Zeiten ein,

Und laßt es lieber

Dem Dichter über;

Der wird von ihr

Die Nachwelt lehren.

Wollt ihr sie ehren,

So denket ihr:

Das könnt ihr alle.

In diesem Falle

Ist Dank euch Pflicht –

Das Leyern nicht!

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 179-184.
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