Mein Dank an Stoll

[158] Dies Leben, das uns geist- und weltliche Chikane

Oft zu verleiden sich so sehr bemüht,

Und das uns Armen doch zu schnell entflieht,

Das man, getäuscht von einem süssen Wahne,

Bald tropfenweis vom Nagel schlürft,

Und bald als eine Bürde von sich wirft,[158]

Dies Leben, das du blos der Menschheit lebest,

Und jedem, der mit fleh'ndem Blick

Dir an sein Bette winkt, mit einem Stück

Des Deinen zu verlängern strebest,

Dies süße Leben, das auch mir

Noch werth ist, dank' ich, Theurer, dir!

Dir und den Edlen,1 deren Freundeshand

Mich dem gewissen, nahen Tod entwand.

Und schätzt' ich diese sonst zweideut'ge Gabe

Des Lebens gleich vordem nicht sehr,

So freut es mich anjetzt um so viel mehr,

Da ich von dir als ein Geschenk es habe.

Du, Theurer, hast die Achtung mich gelehrt,

Die ich von nun an für mein Leben hege:

Denn ach, du fandest es so vieler Pflege,

So vieler Müh', so vieler Sorge werth! –


Wenn also meine Denk- und Schreibmaschine

Im Gang noch bleibt, und ich damit bald der Vernunft

Zum Herold, bald der Frömmlerzunft

Zum Aerger und Spektakel diene,

Wenn mein Aeneas noch mit seiner Schafkopfsmiene,

Mit der er über Narr'n und Schurken lacht,

So manchen Prediger auf seiner Bühne,

Und manches Zwerchfell noch ertönen macht,

Und wenn am Ende Rom, durch so viel Lob gerühret,[159]

Mich etwa gar kanonisiret,

So ist's dein Werk! Denn ohne dich

Wär' ich, o Theurer, sicherlich

Trotz dem Verbot, aus Oestreich emigriret,

Und hätte dort in jener Welt

Virgilen schon bereits erzählt,

Daß, so wie Rom sich metamorphosirte,

Ich auch das Bild von seiner Hand,

Das längst kein Mensch mehr ähnlich fand,

Nun in ein and'res travestirte,

Und ich daher im Grunde nichts gethan,

Als was der gute, brave Mann

An meiner Stelle selbst – ich wette –

Gewiß nicht unterlassen hätte.

Du aber führtest mich zurück in diese Welt

In der es mir, trotz all' den Plagen,

Die unsere Geduld parforcejagen,

Noch immer ziemlich wohl gefällt.

Du bist, o Theurer, all' den Kranken,

Die ihres Daseyns Dau'r, wie ich, dir danken,

Nicht bloß der Arzt, der Arzenei verschreibt,

Und ungerührt bei ihren Leiden bleibt,

Du bist zugleich ihr Freund, und theilest,

Mit ihnen redlich jeden Schmerz,

Und wenn du sie von ihren Plagen heilest,

So heilest du zugleich – dein Herz.

Schön ist's und groß, so vieler Menschen Leben

Zu retten, doch noch schöner, wenn daneben

Der Arzt zugleich, als seines Kranken Freund,

Auch seine Mitleids Thräne weint! –

Und kommt zu Schmerzen, die im Körper wühlen,

Erst noch ein Seelenleid hinzu,

O wer versteht dann so, wie du,

Der kranken Seele selbst den Puls zu fühlen!

D'rum nimm, o edler, theurer Mann!

Hier meinen Dank für deine Sorgfalt an;[160]

Und wenn ich von der Nachwelt je gelesen

Zu werden mir gewünscht, so sey's, ob diesem Blatt,

Worauf ich kund den Zeitgenossen that,

Daß Stoll mein Retter und mein Freund gewesen.

Fußnoten

1 Hr. Hunczovsky, Professor der Wundarzneikunst an der K.K. Militärakademie, Hr. Karl von Mertens, der Arzneigelehrsamkeit Doktor, und Hr. Jakob Reinlein, Professor der praktischen Arzneiwissenschaft für Wundärzte, denen sich der Verfasser gedrungen fühlt, für ihren edelmüthigen Beistand, hiemit öffentlich zu danken.


Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 158-161.
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