Lob des Ochsen

[126] Du edles Thier, von dessen Fleisch wir essen,

Auf dessen Haut wir geh'n,

Du, den die Dichter, ach, so ganz vergessen!

Dich soll mein Lied erhöh'n.


Man kann Orest und Pylades nicht trennen,

Wenn man von Einem spricht,[126]

Den Esel pflegt man hundertmal zu nennen,

Und dein gedenkt man nicht.


Das träge Thier bekömmt die fettsten Pfründen,

Dich spannt man an den Pflug;

Du bist, um unter uns dein Glück zu finden,

Nicht unbrauchbar genug.


Arbeitsamkeit ist immer zu bedauern,

Damit bringts keiner hoch,

Wärst du nicht stark, man spannte mit den Bauern

Dich niemals an ein Joch.


Du bist sowohl gesotten als gebraten

Bei Jedermann beliebt,

Du bist das Magazin: das ganzen Staaten

Zur Hälfte Nahrung gibt.


Was für ein Thier hat sich im Nahrungsstande,

Wie du, signalisirt?

Und dennoch hat man dich in keinem Lande

Dafür nobilitirt.


Du gibst mit deinem Fett bei schlechtem Futter

Der halben Erde Licht;

Ein Domherrnbauch, gefüllt mit eitel Butter,

Stinkt nur und leuchtet nicht.


Der Esel ward berühmt, weil er vor Zeiten

Sein Ohr dem Midas lieh:[127]

Du leihst dein Horn so vielen großen Leuten,

Und davon spricht man nie.


So viel durch dich auch grosse Männer prangen,

So schön dein Horn sie ziert,

So werden doch daraus zum Läusefangen

Nur Kämme fabricirt.


Doch besser denkt von deiner Hörner Stärke

Der Dialektiker;

Die höchste Kraft zum Ueberzeugungswerke

Nimmt er von ihnen her.


Dein Doppelhorn hat eine übergrosse

Gewalt in seiner Hand,

Es stößt dem Gegenpart bei jedem Stosse

Ein Loch in den Verstand.


Ja, Freund, so lang die Welt Juristen, Pfaffen

Und Theologen hat,

Beschützest du allein mit diesen Waffen

Religion und Staat.


D'rum haben auch die guten Götter immer

Dein Doppelhorn geschätzt,

Und es verklärt mit hellem Silberschimmer

In unsern Mond versetzt.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 126-128.
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