Dritte Geschichte

[600] Calandrino, Bruno und Buffalmacco suchen im Flußbett des Mugnone nach dem Wunderstein Heliotrop, und Calandrino glaubt ihn gefunden zu haben. Mit Steinen beladen kehrt er nach Hause zurück. Die Frau schilt ihn aus. Erzürnt prügelt er sie und erzählt seinen Gefährten, was diese besser wissen als er.


Als Panfilos Geschichte, über welche die Damen so viel gelacht hatten, daß sie wohl noch lachen, beendet war, befahl die Königin der Elisa fortzufahren. Diese begann lachenden Mundes:

Ich weiß nicht, anmutige Mädchen, ob es mir gelingen wird, euch mit meiner kleinen Erzählung, die nicht weniger wahr als spaßhaft ist, so sehr zum Lachen zu bringen, wie es Panfilo mit seiner getan hat; doch will ich mir wenigstens alle Mühe geben.

In unserer Stadt, die immer an wechselnden Sitten und sonderbaren Käuzen reich gewesen ist, lebte vor noch nicht langer Zeit ein Maler namens Calandrino, ein einfältiger Mensch von[600] wunderlichen Sitten, welcher zumeist mit zwei andern Malern umging, von denen der eine Bruno und der andere Buffalmacco hieß, sehr spaßhafte Leute, im übrigen aber aufgeweckt und verständig. Diese verkehrten mit Calandrino vor allem deshalb, weil sein Benehmen und seine Einfalt ihnen oft großen Spaß bereiteten.

Zur gleichen Zeit lebte in Florenz ein junger Mann, dem alles gelang, was er unternahm, dabei lustigen und einnehmenden Wesens war und Maso del Saggio hieß. Dieser hatte etwas von der Einfalt Calandrinos läuten hören und nahm sich nun vor, seinen Scherz mit ihm zu treiben, indem er ihm irgendeinen Streich spielen oder ihm einen Bären aufbinden wollte. Eines Tages nun fand er ihn durch Zufall in der Kirche San Giovanni, und da er ihn aufmerksam vor den Gemälden und Schnitzwerken des Tabernakels, welcher erst kurz vorher über dem Altar dieser Kirche aufgestellt worden war, sitzen und sie betrachten sah, glaubte er, daß Zeit und Ort seinem Unternehmen günstig seien. Nachdem er seinen Begleiter unterrichtet hatte, was er tun wollte, näherten sie sich beide der Stelle, wo Calandrino sich allein befand, und indem sie taten, als bemerkten sie ihn nicht, begannen sie von der Wunderkraft vieler Steine zu sprechen, wobei Maso so eindringlich davon erzählte, als wäre er ein berühmter und großer Steinkundiger gewesen.

Calandrino spitzte bei diesem Gespräch die Ohren, und da er hörte, daß es keine Heimlichkeit war, stand er nach einiger Zeit auf und trat zu ihnen heran. Dies war dem Maso ganz nach Wunsch, und da er nun in seinen Erzählungen fortfuhr, fragte ihn Calandrino bald, wo denn diese so wunderkräftigen Steine eigentlich gefunden würden. Nun erwiderte ihm Maso, die Mehrzahl würde in Plapperstadt, einer Gegend des Baskenlandes, gefunden, in einem Landstrich, der Wohlbekomm's genannt würde, ebenda, wo man auch die Weintrauben mit Bratwürsten anbände und eine Gans für einen Dreier bekäme und ein Gänschen obendrauf. Dort wäre ein Berg aus geriebenem Parmesankäse, auf dem Menschen ständen, die nichts anderes machten als Makkaroni und Eierklöße, die sie in Kapaunenbrühe kochten und dann den Berg hinunterkollern ließen, und[601] wer unten die meisten auffinge, der hätte die meisten. Und nicht weit davon liefe auch ein Bach, ganz von Vernacciawein, vom besten, den man trinken könnte und in dem kein Tropfen Wasser wäre. »Ho, ho!« sprach Calandrino, »das ist ja ein herrliches Land; aber sag mir, was fängt man mit all den Kapaunen an, welche diese Menschen kochen?« »Die essen die Basken alle auf«, sprach Maso. »Bist du jemals dort gewesen?« sprach Calandrino nun. »Du fragst mich, ob ich da gewesen bin?« entgegnete Maso. »Einmal so gut wie tausendmal.« Nun sprach Calandrino: »Und wie viele Meilen sind es bis dahin?« »Mehr als tausend, die ganze Nacht durchsausend«, antwortete Maso. »Nun, so muß es ja weiter sein als die Abruzzen«, entgegnete Calandrino. »Ei, freilich«, versetzte Maso, »ein bißchen weiter ist es schon.«

Da der einfältige Calandrino sah, daß Maso all dies mit ernstem Gesicht und ohne zu lachen berichtete, schenkte er ihm den Glauben, den man nur der sichersten Wahrheit schenken kann. Er hielt alles für zuverlässig und sprach: »Das ist für mich zu weit. Aber wahrhaftig, wenn es näher wäre, ich sage dir, ich ginge einmal mit dir hin, nur um zu sehen, wie die Makkaroni herunterkollern, und mir eine Schüssel voll davon zu holen, woran ich genug hätte. Aber sage mir, du mögest gesegnet sein, findet man denn in unserer Gegend hier keinen von diesen Wundersteinen?« »Ei freilich«, entgegnete Maso, »zwei Steinarten von gar großer Kraft werden hier gefunden. Die ersten sind die Grauwacken von Settignano und Montisci, durch deren Zauberkraft, wenn man sie in Mühlsteine verwandelt hat, das Mehl gemacht wird. Darum sagt man denn auch in jenen Ländern dort drüben: ›Von Gott kommen die Gnaden und von Montisci die Mühlsteine.‹ Aber von diesen Grauwacken gibt es eine solche Menge, daß sie bei uns so wenig geschätzt werden wie dort die Smaragde, von welchen größere Berge vorhanden sind als der Morello und die um Mitternacht so glänzen, daß dich Gott behüte. Und du mußt wissen: wer die fertigen Mühlsteine in Ringe fassen ließe, ehe man das Loch hindurchmacht, und sie so dem Großsultan brächte, der könnte von ihm erlangen, was er begehrte. Die andere Art ist ein Stein, den wir Steinkundigen Heliotrop nennen, ein Stein von gewaltiger[602] Kraft; denn wisse: wer immer ihn trägt, wird, solange er ihn bei sich hat, von niemand dort gesehen, wo er nicht ist.« Nun sagte Calandrino: »Das sind wohl große Zauberkräfte; aber wo wird dieser zweite Stein gefunden?« Maso erwiderte: »Man pflegt sie im Mugnone zu finden.« »Und von welcher Größe ist dieser Stein«, fragte Calandrino, »und welche Farbe hat er?« »Die Größen sind verschieden«, antwortete Maso, »einer ist größer, der andere ist kleiner, aber von Farbe sind sie alle miteinander schwarz.«

Calandrino merkte sich das alles aufs beste, tat dann, als hätte er etwas anderes zu tun, schied von Maso und nahm sich fest vor, nach diesem Stein zu suchen. Doch beschloß er, dies nicht ohne Vorwissen des Bruno und des Buffalmacco, die er besonders liebte, zu tun. Er machte sich also auf die Suche nach den beiden, um ohne Aufschub und vor jedem andern nach jenem Steine auszugehen, und brachte den Rest des Morgens damit zu, ihnen nachzujagen. Zuletzt, als die Mittagsstunde schon längst vorüber war, erinnerte er sich, daß jene im Kloster der Nonnen von Faenza arbeiteten, und wie groß auch die Hitze war, ließ er dennoch jedes andere Geschäft im Stich, eilte schier im Trabe zu ihnen, rief sie herbei und sprach: »Kameraden, wollt ihr mir glauben, so können wir die reichsten Leute von Florenz werden; ich habe nämlich von einem glaubwürdigen Manne soeben gehört, daß sich im Mugnonetal ein Stein findet, welcher den, der ihn an sich trägt, für jedermann unsichtbar macht. Mir scheint daher, daß wir ohne Aufschub und bevor noch jemand anders dahin kommt, eilen müssen, den Stein zu suchen. Gewiß werden wir ihn finden, denn ich kenne ihn. Haben wir ihn aber einmal gefunden, was haben wir dann weiter nötig, als ihn in die Tasche zu stecken und zu den Tischen der Wechsler hinzugehen, die, wie ihr wißt, immer mit Groschen und Guldenstücken beladen sind, und uns soviel davon zu nehmen, wie wir nur immer wollen? Kein Mensch sieht uns dabei, und so können wir in kurzer Zeit reich werden, ohne daß wir nötig hätten, den ganzen Tag nach Art der Schnecken die Wände zu beschmieren.«

Als Bruno und Buffalmacco ihn so reden hörten, fingen sie bei sich zu lachen an und sahen einander an, stellten sich dann[603] aber sehr verwundert und priesen Calandrinos Vorhaben. Buffalmacco fragte ihn jedoch, wie denn dieser Wunderstein hieße. Dem Calandrino, der aus ziemlich grobem Teig geknetet, war der Name bereits entfallen; deshalb versetzte er: »Was kümmert uns der Name, wenn wir nur seine Kraft kennen. Mich dünkt, wir gehen ihn ohne allen Aufschubsuchen.« »Wohlan«, sprach Bruno, »wie aber sieht er aus?« »Es gibt ihn in vielerlei Gestalten«, sagte Calandrino, »aber alle sind fast schwarz. Darum denke ich, wir sammeln alle schwarzen Steine, die wir finden, so lange, bis wir auf diesen treffen. Laßt uns denn keine Zeit verlieren, sondern uns fort auf die Suche machen.«

»Warte noch«, sagte Bruno. Dann fügte er, zu Buffalmacco gewandt, hinzu: »Calandrino scheint mir ganz recht zu haben; doch meine ich, daß die jetzige Stunde wenig dazu geeignet ist, denn die Sonne steht hoch und scheint gerade in das Mugnonetal hinein und trocknet die Steine alle ab, so daß selbst die weiß erscheinen, welche am Morgen, ehe die Sonne sie getrocknet, schwarz aussehen. Außerdem sind heute auch aus verschiedenen Gründen viele Menschen in dem Tal; denn heute ist Werktag, und wenn die uns sehen, könnten sie leicht erraten, was wir dort machten, und es uns nachtun. Der Wunderstein könnte ihnen in die Hände fallen, und wir hätten das Gewisse für das Ungewisse verloren. Drum dünkt mich, wenn auch ihr der Meinung seid, daß dies ein Geschäft für die Morgenstunde sei, wo man die schwarzen Steine besser von den weißen unterscheidet, und dazu für einen Festtag, da dann niemand dort ist, der uns sehen kann.« Buffalmacco lobte den Vorschlag des Bruno, Calandrino stimmte zu, und sie verabredeten daher, am nächsten Sonntagmorgen alle drei zusammen nach diesem Wunderstein zu suchen. Vor allem aber beschwor sie Calandrino, ja keinem Menschen in der Welt etwas zu sagen, da ihm die Sache als ein Geheimnis anvertraut worden sei. Danach erzählte er ihnen noch, was er von dem Schlaraffenland Wohlbekomm's gehört habe, und bekräftigte seine Erzählung mit mehreren Eiden.

Als Calandrino fort war, verabredeten die beiden, was sie nun in dieser Sache zu tun hätten. Calandrino erwartete unterdes mit Sehnsucht den Sonntagmorgen. Der Morgen kam, und er stand bei der ersten Morgenröte auf und rief seine Gefährten[604] herbei. Alle drei gingen sie zum San-Gallo-Tor hinaus, stiegen in die Schlucht hinab und gingen nun, nach dem Wunderstein suchend, immer tiefer hinunter. Calandrino, als der Ungeduldigste, ging voran, sprang behende bald hierhin, bald dorthin, warf sich, sobald er irgendeinen schwarzen Stein erblickte, über ihn, raffte ihn auf und steckte ihn in seine Brusttasche. Seine Genossen folgten ihm und hoben bald den einen, bald den andern Stein auf. Calandrino jedoch war noch nicht weit gekommen, als er schon die Brust voll Steine hatte, weshalb er seine Rockschöße aufhob, einen weiten Sack daraus machte und, nachdem er die Zipfel auf allen Seiten am Gurte befestigt hatte, auch diesen bald so vollfüllte, daß er nach kurzer Zeit aus seinem Mantel noch eine weitere Tasche bilden mußte und diese gleichfalls mit Steinen füllte.

Als Buffalmacco und Bruno den Calandrino so beladen sahen und die Essensstunde herangekommen war, begann Bruno, nach der unter ihnen getroffenen Verabredung, zu Buffalmacco: »Aber wo ist denn Calandrino?« Buffalmacco, der ihn dicht vor sich sah, wandte sich um, blickte hier und dort umher und antwortete: »Ich weiß gar nicht. Er war doch eben erst noch ganz dicht vor uns.« Bruno erwiderte: »Freilich war er das, doch bin ich fast gewiß, daß er jetzt zu Hause beim Essen sitzt, und uns läßt er hier wie die Idioten im Mugnone schwarze Steine suchen.« »Wahrhaftig, er hat es recht gemacht«, sprach Buffalmacco, »daß er uns zum besten gehabt und im Stich gelassen hat. Warum waren wir solche Narren, ihm zu glauben! Traun, wer außer uns wäre auch so einfältig gewesen, daran zu glauben, daß sich im Mugnonetal ein so kostbarer Wunderstein fände?«

Als Calandrino diese Reden hörte, war er überzeugt, daß der gewünschte Stein ihm in die Hände gefallen wäre und infolge seiner Wirkung jene ihn nicht sähen. Dieses Glückfalls wegen über alle Maßen erfreut, beschloß er, ohne ihnen eine Silbe zu antworten, rasch nach Hause umzukehren, und schlich sich mit heimwärtsgewendeten Schritten fort. Als Buffalmacco dies sah, sprach er zu Bruno: »Was sollen wir tun? Warum gehen wir nicht auch heim?« »Laß uns gehen«, antwortete Bruno. »Aber ich schwöre bei Gott, daß mir Calandrino keinen[605] solchen Streich wieder spielen soll; und hätte ich ihn jetzt so nahe, wie ich ihn diesen ganzen Morgen gehabt habe, ich wollte ihm eins mit diesem Kiesel auf die Hacken versetzen, daß er wohl einen Monat lang an diesen Spaß denken sollte.« Und dies sagen und ausholen und den Kiesel dem Calandrino auf die Hacken schleudern, war eins. Calandrino fühlte den Schmerz, hob das Bein hoch und fing zu prusten an: doch bezwang er sich und ging schweigend weiter. Indes nahm auch Buffalmacco einen der Steine, die er gesammelt hatte, in die Hand und sprach zu Bruno: »Sieh, was für ein herrlicher Kiesel! Ich wollte, er führe dem Calandrino in die Seite.« Und damit ließ er ihn fliegen und traf jenen tüchtig an die Hüfte. Und kurz, bald mit der einen, bald mit der andern Stichelrede fuhren sie fort, ihn den Mugnone hinauf bis zum San-Gallo-Tor zu steinigen. Hier warfen sie die Steine, die sie gesammelt hatten, auf die Erde und sprachen einen Augenblick lang mit den Zollwächtern, welche, vorher von ihnen unterrichtet, so taten, als sähen sie den Calandrino nicht, und ihn unter dem herzhaftesten Lachen der Welt vorübergehen ließen.

Dieser setzte ohne anzuhalten seinen Weg nach seinem Hause fort, welches nahe beim Canto alla Macina lag. Und so sehr unterstützte das Glück freundlich diesen Spaß, daß, während Calandrino über den Fluß und dann durch die Stadt ging, niemand ihn anredete. In der Tat begegneten ihm nur wenige, da fast jedermann bei Tische war.

So langte denn Calandrino schwer beladen in seinem Hause an. Zufällig stand seine Frau, die Monna Tessa hieß und eine schöne und wackere Frau war, oben an der Treppe. Da sie ihn kommen sah, begann sie, über sein langes Ausbleiben etwas erzürnt, ihn auszuschelten: »Nun, mein Schatz, führt dich der Teufel endlich heim? Alle Welt hat schon gegessen, wenn du zur Mahlzeit nach Hause kommst!« Als Calandrino das hörte und bemerkte, daß er gesehen wurde, fing er wütend vor Zorn und Verdruß an: »Weh mir, schlechtes Weib, mußt du gerade hier sein? Du hast mich ruiniert. Aber so wahr Gott lebt, du sollst es mir büßen!«

Hierauf sprang er in den Vorsaal, schüttete die große Menge Steine aus, welche er herbeigeschleppt hatte, stürzte dann[606] wütend auf die Frau los, ergriff sie bei den Haaren, warf sie nieder und gab ihr, soviel er Arme und Füße rühren konnte, Stöße und Tritte über den ganzen Körper, ohne ihr ein Haar auf dem Kopf und ein Knöchlein übrigzulassen, das er ihr nicht mürbe gemacht hätte. Und wie sehr sie ihn auch mit gefalteten Händen um Erbarmen anflehte, es nützte sie nichts.

Nachdem Buffalmacco und Bruno mit den Torwächtern noch eine Weile gelacht hatten, folgten sie langsamen Schrittes und etwas von ferne dem Calandrino und hörten nun, als sie an die Schwelle seiner Tür gelangten, die heftigen Prügel, die er seiner Frau verabreichte. Sie taten, als kämen sie eben erst an, und riefen ihm zu. Schweißtriefend, blutrot und atemlos trat Calandrino ans Fenster und bat sie, zu ihm heraufzukommen.

Die beiden stellten sich etwas ärgerlich, gingen hinauf, fanden den Saal voller Steine und in einer Ecke desselben die Frau mit zerrauftem Haar, braun und blau geschlagen, wund und geschwollen im Gesicht und heftig weinend; auf der andern Seite aber saß Calandrino mit gelöstem Gürtel, stöhnend und wie ein todmüder Mensch. Als sie dies eine Zeitlang mit angesehen hatten, sprachen sie: »Was bedeutet das, Calandrino? Willst du mauern, daß wir hier so viele Steine sehen?« Und fügten hinzu: »Und was fehlt Monna Tessa? Es scheint, du hast sie geschlagen. Was sind das für Geschichten?«

Calandrino, erschöpft von der Last der Steine und von der Wut, mit der er seine Frau geschlagen hatte, und von dem Verdruß über das Glück, das er verloren zu haben glaubte, brachte nicht Atem genug für eine zusammenhängende Erwiderung auf. Als er so zu reden zögerte, begann Buffalmacco von neuem: »Calandrino, wenn du andere Ursachen zum Zorn hattest, so hättest du uns nicht zum Narren haben brauchen, wie du getan hast. Denn nachdem du uns hinaufgeführt hattest, um mit dir nach dem köstlichen Stein zu suchen, hast du uns, ohne ›Gott befohlen‹ oder ›Geht zum Henker‹ zu sagen, wie ein paar Maulaffen draußen in der Schlucht stehen lassen und bist nach Hause gegangen, was wir dir sehr übelnehmen. Aber wahrhaftig, es ist das letzte Mal, daß du uns solche Streiche spieltest.«

Bei diesen Worten tat sich Calandrino Gewalt an und antwortete:[607] »Kameraden, seid nicht böse, die Sache steht anders, als ihr denkt. Ich Unglücklicher hatte diesen Stein wirklich gefunden. Und wollt ihr sehen, ob ich euch die Wahrheit sage? Als ihr euch einander fragtet, war ich nicht zehn Ellen weit von euch entfernt, und da ich sah, daß ihr eures Weges ginget, ohne mich zu sehen, kehrte ich in die Stadt zurück und bin immer dicht vor euch hergegangen.« Und nun erzählte er ihnen vom Anfang bis zum Ende, was sie getan und gesagt, zeigte ihnen seinen Rücken und seine Fersen, wie sie dieselben mit ihren Kieseln zugerichtet hatten, und fuhr dann fort: »Und ich sage euch, als ich mit all diesen Steinen auf der Brust, die ihr hier seht, durch das Tor ging, wurde mir kein Wort gesagt, und ihr wißt doch, wie unangenehm und plagend sonst diese Torhüter sind und wie sie alles sehen wollen. Außerdem habe ich auf der Straße Gevattern und Freunde genug angetroffen, die mich sonst immer anreden und zum Trinken einladen. Doch keiner war unter ihnen, der mir auch nur ein einziges, ja nur ein halbes Wort sagte, denn sie sahen mich natürlich nicht. Da komme ich denn hier im Hause an. Der Teufel von einem verdammten Weib tritt mir in den Weg und sieht mich. Wie ihr aber wißt, rauben die Weiber jedem Dinge die Kraft, und so bin ich, der ich mich den glücklichsten Menschen von Florenz nennen konnte, durch sie zum unglücklichsten geworden, und darum habe ich sie zerbleut, solange ich die Hände habe rühren können, und noch weiß ich nicht, warum ich mich beherrsche und ihr nicht die Adern aufschneide; denn verdammt sei die Stunde, wo ich sie zuerst sah und wo sie mir ins Haus kam.«

Und von neuem von Zorn ergriffen, wollte er aufstehen, um sie abermals zu prügeln. Während nun Buffalmacco und Bruno dies alles mit anhörten, stellten sie sich höchst erstaunt, und indem sie oft bestätigten, was Calandrino sagte, hatten sie so große Lust zu lachen, daß sie fast herausplatzten. Als sie ihn aber wütend aufspringen sahen, um seine Frau von neuem zu schlagen, traten sie ihm entgegen, hielten ihn zurück und versicherten ihm, daran habe die Frau durchaus keine Schuld, sondern er allein, da er wisse, daß die Frauen allen Dingen die Kraft raubten und ihr doch nicht gesagt habe, daß sie sich hüten möge, ihm an diesem Tage zu begegnen. Diese Voraussicht[608] aber habe ihm Gott geraubt, entweder weil ihm dies Glück nicht zuteil werden sollte, oder weil er die Absicht gehabt habe, seine Gefährten zu täuschen, welchen er es hätte mitteilen sollen, als er gewahr ward, daß er den Stein gefunden hatte. Und als sie nach vielem Hin-und Widerreden die weinende Frau nicht ohne große Mühe wieder mit ihm ausgesöhnt hatten, schieden sie, indem sie ihn trübsinnig in seinem Hause voller Steine zurückließen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 600-609.
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