Zweite Geschichte

[594] Der Pfarrer von Varlungo schläft bei Frau Belcolore und läßt ihr zum Pfand seinen Mantel zurück. Dann borgt er einen Mörser von ihr, schickt diesen zurück und fordert seinen verpfändeten Mantel wieder, den die gute Frau mit spitzigen Worten zurückgibt.


Männer und Frauen lobten einmütig Wolfharts Betrug an der habsüchtigen Mailänderin, als die Königin, zu Panfilo gewendet, ihm lächelnd fortzufahren gebot, worauf er anfing:

Schöne Damen, mir fällt eine Geschichte zum Erzählen ein, die sich gegen jene richtet, die uns fortwährend verletzen, ohne[594] von uns verletzt werden zu können, gegen die Priester nämlich, welche gleichsam gegen alle unsere Frauen auf den Kreuzzug ausgehen und die es dünkt, als hätten sie Ablaß und Sündenvergebung für alle ihre Schuld erworben, wenn sie eine von ihnen unterkriegen können, nicht anders, als hätten sie den Sultan selbst gefesselt von Alexandrien nach Avignon geschleppt. Dies alles können ihnen die armen Laien nicht vergelten, wenngleich sie ihren Zorn an deren Müttern, Schwestern, Freundinnen und Töchtern mit nicht geringerem Eifer rächen, als jene sich auf ihre Frauen stürzen. Deshalb denke ich euch von einer bäurischen Liebschaft zu erzählen, die um ihres Ausgangs willen mehr zum Lachen als wortreich und lang ist. Zugleich könnt ihr daraus die nützliche Lehre ziehen, wie auch den Priestern nicht alles aufs Wort zu glauben sei.

Ich sage euch also, daß zu Varlungo, einem Flecken nicht weit von hier, wie jeder weiß oder doch gehört hat, einst ein rüstiger und im Weiberdienst vielvermögender Priester lebte, der zwar nicht gut lesen konnte, doch mit vielen guten und heiligen Worten sonntags am Fuß der Ulme seine Gemeinde erbaute und besonders fleißig die Frauen besuchte, wenn ihre Männer irgendwohin gegangen waren, wobei er ihnen eifriger als irgendein anderer Priester, der vorher an diesem Platze gewesen war, Festkuchen und geweihtes Wasser, bisweilen auch ein Endchen geweihter Kerze bis ins Haus brachte und ihnen seinen Segen gab.

Diesem geistlichen Herrn nun gefiel unter seinen Bauernweibern, welche ihm der Reihe nach gefallen hatten, besonders eine, die Monna Belcolore hieß. Sie war die Frau eines Landmanns, der sich Bentivegna del Mazzo nennen ließ, und in der Tat eine muntere, frische, braungebrannte und kernige Bäuerin, die zum Mehlmahlen besser taugte als irgendeine andere. Außerdem aber war sie es auch, die im Dorf die Zimbeln am besten schlug und am besten zu singen verstand: »Das Wasser läuft ins Zwiebelfeld«, und die beim Tanz die Ridda und den Ballonchio mit ihrem schönen und feinen Schnupftuch in der Hand besser anzuführen wußte als irgendeine Nachbarin. Um aller dieser Dinge willen verliebte sich denn unser geistlicher Herr so heftig in sie, daß er fast rasend wurde und den ganzen Tag[595] über nichts zu tun wußte, als umherzustreichen und Maulaffen feilzubieten, bloß um sie sehen zu können. Und wenn er sie am Sonntagmorgen in der Kirche wußte, so quälte er sich beim Singen seines Kyrie und Sanktus so sehr, sich als großer Meister im Gesang zu zeigen, daß man einen schreienden Esel zu hören glaubte, während er, wenn er sie nicht sah, leicht genug darüber hinwegging. Bei alledem wußte er es jedoch so einzurichten, daß weder Bentivegna del Mazzo noch irgendeiner seiner Nachbarn etwas davon gewahr wurde.

Um nun aber das Zutrauen der Monna Belcolore mehr und mehr zu gewinnen, beschenkte er sie von Zeit zu Zeit und schickte ihr bald einen Bund frischen Knoblauchs, den er am schönsten in der ganzen Gegend in seinem von ihm eigenhändig bestellten Garten zog, bald einen Korb voll grüner Bohnen und bisweilen eine Mandel voll frischer Maizwiebeln oder Schalotten, und wenn er seine Zeit abpassen konnte, blickte er sie erst ein wenig von der Seite an und machte ihr dann verliebte Vorwürfe. Sie jedoch ging immer, indem sie tat, als verstünde sie ihn nicht, scheu und fremd vorüber, weshalb denn der geistliche Herr auf keine Weise mit ihr zurechtkommen konnte.

Nun geschah es aber eines Tages, als der liebesieche Pfaffe in der brennenden Mittagshitze untätig im Felde umherstrich, daß er dem Bentivegna del Mazzo begegnete, der einen Esel voller Sachen vor sich hertrieb. Diesen redete er an und fragte, wohin er ginge. »Gottstreu«, entgegnete Bentivegna, »bei meiner Seele, Herr, ich gehe nach der Stadt um einer bestimmten Angelegenheit willen und bringe diese Dinge hier dem Herrn Bonaccorri da Ginestreto, daß er mir aus einer Geschichte helfe, um die ich von dem Herrn Perikulator von Gerichtswegen im Parentorio zu erscheinen geladen bin.« Froh erwiderte der Priester hierauf: »Du tust recht, mein Sohn; geh nur mit meinem Segen auf den Weg und kehre bald heim, und wenn dir der Lapuccio oder Naldino begegnet, so vergiß nicht, ihnen zu sagen, sie möchten mir bald die Riemen zu meinen Dreschflegeln bringen.« Bentivegna antwortete, das solle geschehen.

Während nun der Bauer so nach Florenz zu wanderte, fiel dem Priester ein, jetzt sei es Zeit, zur Belcolore zu gehen und sein Glück bei ihr zu versuchen. Schnell nahm er nun den Weg[596] unter die Beine und ging, ohne anzuhalten, bis zu ihrem Hause. Hier trat er ein und sprach: »Gott segne uns – ist niemand daheim?« Die Belcolore, die auf den Boden gegangen war, hörte ihn und antwortete: »O Herr, seid willkommen. Was wandert Ihr denn aber so müßig in der Hitze umher?« »So wahr mir Gott helfe«, antwortete der Priester, »ich kam, um ein Weilchen bei dir zu bleiben, da ich deinen Mann nach der Stadt unterwegs fand.« Nun stieg die Belcolore herab, setzte sich nieder und fing an, den Kohlsamen auszulesen, den ihr Mann kurz vorher gedroschen hatte. Der Pfaffe aber begann das Gespräch: »Nun wohl, Belcolore, willst du mich denn immer auf diese Art vor Liebe verschmachten lassen?« Belcolore fing an zu lachen und sprach: »Was tu ich Euch denn?« »Nichts tust du mir«, sagte der Priester, »aber du läßt mich auch nicht tun, was ich dir gern tun möchte und was der Himmel geboten hat.« »Geht, geht«, sprach Belcolore, »tun denn die geistlichen Herrn auch dergleichen?« »Besser als andere Menschen tun wir es«, versetzte der Priester; »und warum auch nicht? Ich sage dir, wir leisten weit bessere Arbeit als andere, und weißt du auch, warum? Weil wir mit aufgestautem Wasser mahlen. Aber wahrhaftig, dein Schaden soll's nicht sein, wenn du reinen Mund hältst und mich machen läßt.« Nun sprach die Belcolore: »Und inwiefern soll's mein Schaden nicht sein? Seid ihr nicht allesamt knauseriger als der Gottseibeiuns?« »Ich wüßte nicht«, sprach der Pfarrer hierauf. »Fordere nur. Willst du ein Paar neue Schuhe oder ein Stirnband oder ein schönes Stück feines Tuch oder was willst du sonst?« Nun erwiderte die Belcolore: »Schon gut, Herr, dergleichen Dinge habe ich auch. Aber wenn Ihr mich doch so lieb habt, warum erweist Ihr mir dann nicht einen Dienst, wofür ich täte, was Ihr wollt?« »Sprich nur«, sagte der Priester, »sag, was du verlangst, und gern will ich es tun.«

Darauf sagte die Belcolore: »Am Sonnabend muß ich nach Florenz gehen und die Wolle, die ich gesponnen habe, abgeben und meine Spindel ausbessern lassen; und wenn Ihr mir nun fünf Lire borgt, da ich weiß, daß Ihr sie habt, so kann ich meinen schwarzblauen Rock beim Pfandleiher wieder einlösen und meinen ledernen Festtagsgurt mit der Schnalle dazu, den ich meinem Mann in die Ehe gebracht habe. Denn wie Ihr seht,[597] kann ich fürwahr nicht mehr in die Kirche gehen noch sonst irgendwohin, wenn ich ihn nicht habe. Ich will dann auch immer tun, was Ihr haben wollt.« »So wahr mir Gott eine gute Zeit beschere«, antwortete der Pfaffe, »ich habe nicht so viel Geld bei mir. Aber verlaß dich darauf, ehe der Samstag kommt, will ich machen, daß du die fünf Lire haben sollst, und das gern.« »Ja«, sprach die Belcolore, »im Versprechen seid ihr alle groß, aber hinterher haltet ihr keinem Menschen euer Wort. Denkt Ihr's mir zu machen wie der Biliuzza, die Ihr mit leeren Worten heimschicktet? Gottstreu nicht, denn die ist ohnehin eine Hure geworden. Habt Ihr keine fünf Lire bei Euch, so geht und holt sie.« »Ach«, sprach der Priester, »schick mich nicht jetzt bis nach Hause; denn du siehst, ich halte das Glück eben jetzt fest, und kein Mensch ist da. Kehre ich dann zurück, kommt uns vielleicht jemand, der uns hindert, in die Quere, und ich weiß dann nicht, wann's mir wieder so gut glückt wie eben jetzt.« »Schon recht«, entgegnete sie, »wollt Ihr gehen, so geht; wollt Ihr nicht, so haltet aus.«

Der Pfarrer, der sie nicht geneigt sah, ihm ohne das »salvum me fac« seinen Willen zu tun, sagte nun, da er es doch gern »sine custodia« tun wollte: »Sieh, du glaubst mir also nicht, daß ich sie dir bringe? Damit du mir traust, will ich dir diesen meinen blauen Mantel zum Pfande lassen.« Da blickte die Belcolore hoch auf und sprach: »Nun, den Mantel – was ist denn der wohl wert?« »Wie«, sprach der Priester, »was der wert ist? Du mußt wissen, daß er von niederländischem Tuch ist, ins mittelländische übergeht, und daß ihn mancher unter uns für oberländisches hält. Noch sind's nicht vierzehn Tage her, daß er mich beim Trödler Lotto gute sieben Lire kostete, und ich habe ihn noch um fünf Soldi zu wohlfeil gekauft, wie mir Buglietto sagte, der, wie du weißt, sich auf solche farbigen Tuche versteht.« »Wahrhaftig?« rief die Belcolore. »Nun, bei Gott, das hätt ich nimmermehr geglaubt. Doch erst gebt ihn einmal her.«

Der Herr Pfarrer, welcher die Armbrust gespannt hatte, zog sich den Mantel ab und gab ihn ihr. Sie aber legte ihn weg und sagte dann: »Nun, Herr, laßt uns in den Speicher gehen; denn dahin kommt kein Mensch.« Und so taten sie. Hier erfreute[598] sich denn der Pfaffe geraume Zeit an ihr mit den süßesten Schmätzchen der Welt und machte sie zur Verwandtin des Himmels. Dann ging er ohne Mantel weg, als habe er bei einer Hochzeit offiziert, und kehrte zu seiner Kirche heim.

Hier rechnete er nun nach, daß, wie viele Lichterchen er auch im ganzen Jahr an Opfern sammelte, diese doch nicht die Hälfte von fünf Liren wert waren. Nun erkannte er, daß er falsch gehandelt hatte, und es reute ihn so sehr, seinen Mantel zurückgelassen zu haben, daß er über Mittel nachdachte, ihn ohne Auslagen wiederzuerlangen. Und weil er von Natur ziemlich boshaft war, entdeckte er leicht genug, was er zu tun hatte, um ihn wiederzuerhalten, und es gelang ihm in der Tat.

Am folgenden Tag nämlich, einem Festtag, schickte er einen kleinen Knaben aus der Nachbarschaft zu Monna Belcolores Haus und ließ sie bitten, sie möchte doch so gut sein, ihm ihren Steinmörser zu leihen, denn diesen Morgen äßen Binguccio dal Poggio und Nuto Buglietto bei ihm, und er wünsche ihnen eine Brühe zu machen. Die Belcolore schickte ihm den Mörser. Als es nun um die Essenszeit war, paßte der Priester es ab, daß Bentivegna del Mazzo und seine Frau zusammen aßen, rief seinen Chorknaben und sagte zu ihm: »Nimm den Mörser, trag ihn zu Frau Belcolore zurück und sprich: der Herr Pfarrer sagt Euch großen Dank, und Ihr möget ihm doch seinen Mantel wiederschicken, den der Knabe Euch als Pfand zurückgelassen habe.« Der Chorknabe ging mit dem Mörser nach dem Haus der Belcolore und fand sie mit Bentivegna am Tisch beim Mittagessen sitzen. Hier setzte er den Mörser nieder und richtete die Bestellung aus. Als die Bäuerin sich den Mantel abfordern hörte, wollte sie antworten; aber Bentivegna sprach mit zorniger Miene: »Also nimmst du ein Pfand von unserm Herrn Pfarrer an? Beim Leib Christi, ich schwöre dir, daß ich Lust habe, dir eine tüchtige Maulschelle zu versetzen. Daß dich der Henker! Mach, gib ihm den Mantel zurück und nimm dich in acht, daß du ihm nicht versagst, was immer er fordere, und begehre er selbst unseren Esel, geschweige denn etwas anderes.«

Brummend stand die Belcolore nun auf, ging zum Bettschrank hin, zog den Mantel hervor und gab ihn dem Chorknaben, indem sie sagte: »Sprich in meinem Namen so zu dem[599] geistlichen Herrn: die Belcolore gelobt zu Gott, daß Ihr nie wieder eine Brühe in ihrem Mörser stoßen sollt, weil Ihr ihr mit dieser so wenig Ehre gemacht habt.« Dann ging der Knabe mit dem Mantel fort und richtete die Botschaft aus. Lächelnd sagte der Priester zu ihm: »Sag ihr, wenn du sie siehst: wenn sie mir den Mörser nicht mehr borgen will, wollte ich ihr auch den Stößel nicht mehr leihen; eins mag für's andre gehen.«

Bentivegna aber glaubte, die Frau ließe ihm das sagen, weil er sie gescholten hatte, und kümmerte sich nicht weiter darum. Aber Belcolore blieb mit dem Pfarrer auf sehr gespanntem Fuß und maulte mit ihm bis zur Weinlese. Doch als ihr der Pfarrer gedroht hatte, sie geradewegs dem größeren Luzifer in den Rachen zu schicken, söhnte sie sich aus lauter Furcht zwischen Most und heißen Kastanien mit ihm wieder aus, und sie trieben öfter noch ihr lustiges Leben. Statt der fünf Lire aber ließ der Pfarrer ihre Zimbel mit neuem Pergament überziehen und ein Glöcklein daran hängen, und damit war sie zufrieden.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 594-600.
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