Vierte Geschichte

[232] Don Felice lehrt den Bruder Puccio, wie er durch eine Bußübung selig werden kann. Bruder Puccio nimmt sie auf sich, und Don Felice vertreibt sich inzwischen mit dessen Frau die Zeit.


Als Filomena am Ende ihrer Geschichte angelangt war und schwieg, lobte Dioneo den Verstand der Dame nachdrücklich und mit schönen Worten, nicht minder aber auch das Schlußgebet der Filomena, worauf die Königin sich lächelnd an Panfilo wandte und sprach: »Wohlan denn, Panfilo, fahre fort, uns durch ein lustiges Späßchen zu ergötzen.« Panfilo erwiderte sogleich, er sei gern bereit, und begann also:[232]

Madonna, es gibt viele Leute, die, während sie selbst sich bemühen, das Paradies zu erlangen, andern dazu verhelfen, ohne daß sie's gewahr werden. Daß es einer unserer Nachbarinnen vor nicht gar zu langer Zeit so ergangen ist, werdet ihr gleich vernehmen können.

Wie man mir erzählt hat, wohnte nicht weit von San Pancrazio ein guter, wohlhabender Mann namens Puccio di Rinieri, der, als er sich später ganz den geistlichen Dingen ergab, der Bruderschaft des heiligen Franziskus beitrat und Bruder Puccio genannt wurde. Sein Hauswesen beschränkte sich auf seine Frau und eine Magd, und da er deshalb nicht gezwungen war, ein Geschäft zu treiben, hielt er sich viel in der Kirche auf. Er war ein unwissender Mensch von grobem Teige, und so betete er denn seine Paternoster ab, ging in die Predigten, hörte Messen und blieb gewiß nie zu Hause, wenn die Laienbrüder Laudes zu singen hatten. Außerdem fastete er und geißelte sich, denn man wollte wissen, daß er zu den Geißelbrüdern gehöre. Seine Frau, die Donna Isabetta hieß und erst achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt, dabei munter, hübsch und rot wie ein Wachsapfel war, mußte wegen der Frömmelei und vielleicht auch wegen des Alters ihres Mannes gar sehr oft länger Diät halten, als sie es gewünscht hätte. Und wenn sie schlafen oder sich mit ihm ergötzen wollte, erzählte er ihr das Leiden Christi, die Predigten des Bruders Anastasius, die Reue der Magdalena oder ähnliche Geschichten.

Um diese Zeit kam ein Mönch namens Don Felice, der in San Pancrazio Ordensgeistlicher war, ein ziemlich junger und wohlgestalteter Mann von großem Scharfsinn und tiefen Kenntnissen, aus Paris zurück und wurde bald mit Bruder Puccio genauer bekannt. Weil diesem nun der Mönch alle seine Zweifel auf das beste zu lösen wußte und sich außerdem, als er Puccios Gesinnung kennengelernt hatte, äußerst gottesfürchtig zeigte, begann Bruder Puccio, ihn zuweilen mit nach Hause zu nehmen und ihm, wenn sich's traf, mitunter ein Mittagbrot oder Abendessen vorzusetzen. Auch war Puccios Frau ihm zuliebe gegen den Mönch freundlich und tat ihm gern eine Ehre an. Als dieser nun längere Zeit in Bruder Puccios Haus aus-und einging und das frische, runde Aussehen der Frau beobachtete, erriet er[233] wohl, was für ein Ding es war, an dem sie am meisten Mangel litt, und um Bruder Puccio die Mühe abzunehmen, beschloß er, ihr beizuspringen, so gut er's vermöchte. Er wußte sie einige Male gar pfiffig anzusehen und brachte es endlich dahin, daß er in ihrem Herzen das gleiche Verlangen entfachte. Wie er dies gewahr wurde, sagte er ihr bei der ersten Gelegenheit sein Begehren.

So sehr er sie aber auch zur Ausführung aufgelegt fand, so schwer war es doch, Mittel und Wege dazu zu finden, denn sie traute sich nirgendwo anders in der Welt als in ihrem Hause mit dem Mönch zusammenzukommen. In ihrem Hause ging es aber wieder nicht, weil Bruder Puccio niemals verreiste, worüber denn der Mönch sich sehr betrübte. Nach langer Zeit ersann er aber doch ein Mittel, um sich, ohne Verdacht zu erregen, im eigenen Hause der Frau und sogar in Bruder Puccios Anwesenheit mit ihr zu ergötzen. Als nämlich Bruder Puccio ihn eines Tages besuchte, sprach er folgendermaßen zu ihm: »Ich habe schon oft wahrgenommen, Bruder Puccio, daß dein ganzes Verlangen dahin gerichtet ist, selig zu werden. Mir kommt es aber so vor, als ob du, um zu diesem Ziele zu gelangen, einen weiten Weg gehst, während es doch einen ganz kurzen gibt, den der Papst und seine obersten Prälaten recht wohl kennen und benutzen. Sie wollen freilich nicht, daß man ihn den Leuten weise; denn dann wäre der geistliche Stand, der doch größtenteils von Almosen lebt, auf der Stelle zugrunde gerichtet und die Laien wendeten ihm weder Geschenke noch sonst etwas zu. Weil du aber mein Freund bist und mir viel Ehre erwiesen hast, so lehrte ich dich wohl jenen Weg, wenn ich nur wüßte, daß du ihn dann befolgtest und keinem Menschen auf der Welt etwas davon sagtest.«

Bruder Puccio, der nach dieser Sache höchst begierig geworden war, begann ihn mit großem Nachdruck zu bitten, daß er sie ihn lehren möchte. Dann schwor er, daß er niemals jemand mehr davon entdecken würde, als was jener ihm selbst zuvor erlaubte, und versicherte, wenn er irgend dazu imstande sei, wolle er gewiß diesen Weg einschlagen.

»Nun«, sagte der Mönch, »wenn du mir das versprichst, so will ich dich's lehren. Du mußt wissen, daß nach den heiligen[234] Kirchenvätern jeder, der selig werden will, folgende Buße tun muß. Aber verstehe mich recht: ich sage nicht, daß du nach der Buße nicht ebensowohl wie jetzt ein Sünder sein wirst, sondern es wird geschehen, daß die Sünden, die du bis zur Zeit der Buße schon begangen hast, alle abgewaschen und dir wegen dieser vergeben werden. Die Sünden aber, die du nachher begehst, werden dir nicht zur Verdammnis angerechnet, sondern mit dem Weihwasser abgewaschen werden, wie das jetzt bei den läßlichen Sünden der Fall ist. Vor allen Dingen also mußt du mit der größten Gewissenhaftigkeit deine Sünden beichten, und damit nimmt diese Buße ihren Anfang. Dann mußt du streng zu fasten und große Enthaltsamkeit zu üben beginnen, und das vierzig Tage lang, und in dieser Zeit darfst du nicht einmal deine eigene Frau, geschweige denn ein fremdes Weib anrühren. Außerdem mußt du dir in deinem Hause einen Ort suchen, wo du nachts den Himmel sehen kannst. Da mußt du dann um die Zeit des Abendgebetes hingehen und dort ein großes Brett bereithalten, welches so eingerichtet sein muß, daß du aufrechtstehend dich mit dem Rücken daran anlehnen kannst. Dann stellst du dich mit den Füßen auf den Boden, streckst die Arme wie ein Gekreuzigter aus, wobei du dich, wenn du das willst, an ein paar Pflöckchen festhalten kannst, und verharrst in dieser Stellung bis zur Frühmesse. Verständest du Latein, so müßtest du inzwischen eine Anzahl Gebete hersagen, die ich dir auch gerne gäbe. Da du dies aber nicht kannst, so mußt du dreihundert Paternoster und dreihundert Avemaria zu Ehren der Dreieinigkeit hersagen, dabei den Himmel ansehen und immer im Sinne haben, daß Gott Himmel und Erde geschaffen hat, und dich erinnern, was Christus in derselben Stellung wie du am Kreuze gelitten hat. Sobald es dann zur Frühmesse läutet, kannst du dich, wenn du Lust hast, angezogen, wie du bist, aufs Bett werfen und ein wenig schlafen. Vor Tische aber mußt du noch in die Kirche gehen und wenigstens drei Messen hören, fünfzig Vaterunser und ebenso viele Avemaria sagen. Dann kannst du deine Geschäfte, wenn dergleichen vorkommen, mit gehöriger Ehrbarkeit verrichten und zu Mittag essen; zur Vesper aber mußt du wieder in der Kirche sein und gewisse Gebete, die ich dir aufschreiben werde, hersagen, denn ohne die[235] geht es nun einmal nicht. Mit der Nacht kehrst du wieder an deinen Platz zurück. Tust du dies alles, wie ich's denn schon getan habe, und tust du es mit gehöriger Andacht, so hoffe ich, daß du wunderbare Dinge von der ewigen Seligkeit verspüren wirst, noch bevor du ans Ende dieser Buße gelangst.« Bruder Puccio sagte darauf: »Nun, das ist gar so schwer nicht und dauert auch gar nicht so lange. Das muß sich recht gut tun lassen, und so will ich denn in Gottes Namen nächsten Sonntag anfangen.«

Darauf verließ er den Mönch, ging nach Hause und sagte, wie jener ihm erlaubt hatte, der Frau sein ganzes Vorhaben. Diese erriet aus dem unbeweglichen Stillstehen bis zum Morgen auf das beste, was der Mönch eigentlich beabsichtigte. Sie erwiderte deshalb, dieser Weg scheine ihr besonders gut zu sein, auch sei sie hiermit sowie mit allem andern, was er zum Heil seiner Seele täte, völlig zufrieden und wolle, damit Gott ihm seine Buße gedeihen lasse, zur Gesellschaft mitfasten, die anderen Übungen aber nicht mitmachen. Wie sie sich nun hierüber geeinigt hatten und der Sonntag herangekommen war, fing Bruder Puccio seine Buße an. Der Herr Pater aber besuchte die Frau zu Stunden, wo man ihn nicht sehen konnte, und aß meist mit ihr zu Abend von den guten Speisen und Getränken, die er jedesmal mitbrachte. Dann ging er mit ihr zu Bett und stand erst um die Zeit der Frühmesse auf, wenn Bruder Puccio sich schlafen legte.

Nun war der Platz, den Bruder Puccio zu seinen Bußübungen erwählt hatte, neben der Kammer, in welcher die Frau schlief, und von dieser durch nichts als eine dünne Wand getrennt. Als daher der Pater einmal mit der Frau und sie mit ihm gar zu unbändig schäkerte, kam es dem Bruder Puccio so vor, als hörte er die Dielen kräftig krachen, weshalb er nach dem ersten Hundert seiner Paternoster innehielt und, ohne sich zu bewegen, Isabetta fragte, was sie denn treibe. Die Frau, die sehr zu Späßen aufgelegt war und just den Gaul des heiligen Benedikt oder Giovanni Gualberti ritt, antwortete: »Mann, ich sage Euch, ich rühre mich aus Leibeskräften.« Bruder Puccio erwiderte darauf: »Wie rührst du dich denn? Wozu soll denn das Rühren dienen?« Die Frau erwiderte lachend und vergnügt,[236] denn sie war ein wackeres Weib und mochte auch eben Grund zum Lachen haben: »Nun, wißt Ihr denn nicht, was das bedeuten soll? Hab ich doch tausendmal von Euch gehört: Wer fastet und wen Hunger plagt, rührt sich im Bett die ganze Nacht.« Bruder Puccio glaubte nun, das Fasten sei schuld, daß seine Frau nicht schlafe und sich im Bett herumwälze und sagte daher ganz treuherzig: »Frau, ich hab dir's gleich gesagt, du solltest nicht fasten; aber weil du's nun einmal so gewollt hast, denke nicht weiter dran und sieh zu, daß du schläfst.« Darauf sagte die Frau: »Kümmert Euch doch darum nicht. Ich weiß allein, wie ich mich zu benehmen habe. Tut Ihr nur Eure Schuldigkeit, ich werde mich schon anstrengen und mein Möglichstes tun.« So war Bruder Puccio still und nahm seine Paternoster wieder in Angriff. Die Frau aber und der Herr Pater ließen sich von dieser Nacht an in einem andern Teil des Hauses ein Bett richten und schliefen darin, solange Bruder Puccios Bußzeit dauerte, mit großem gegenseitigem Ergötzen bis zum Morgen, wo dann der Mönch nach Hause ging, die Frau sich aber in ihr Bett legte, um dort Bruder Puccio, wenn er von der Buße käme, zu erwarten.

Während dieser nun auf solche Weise seine Bußübungen, die Frau aber und der Mönch ihr Vergnügen fortsetzten, sagte sie wohl oft im Scherze zu dem letzteren: »Du läßt Bruder Puccio Buße tun, und wir sind's, die dadurch ins Paradies gekommen sind.« Übrigens gab ihr der Mönch alle Ursache, zufrieden zu sein, so daß sie sich an sein Futter gewöhnte. Und weil ihr Mann sie so lange hatte fasten lassen, fand sie, auch als dessen Buße zu Ende ging, Mittel und Wege, sich anderwärts mit dem Mönche satt zu essen und sich lange Zeit bei aller gehörigen Vorsicht mit ihm zu ergötzen.

So geschah es denn, damit Ende und Anfang der Geschichte übereinstimmen, daß Bruder Puccio, während er durch seine Buße das Paradies zu erlangen suchte, zwei andere hineinbrachte: den Mönch, der ihm den nächsten Weg dahin gezeigt hatte, und die Frau, die großen Mangel an dem gelitten, womit der Herr Pater sie nun aus christlicher Liebe reichlich versorgte.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 232-237.
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