Zweite Geschichte

[529] Peronella versteckt, als ihr Gatte plötzlich nach Hause kommt, ihren Geliebten in einem Weinfaß. Der Mann sagt ihr, er habe das Faß verkauft, sie antwortet aber, daß sie den Handel schon mit einem andern abgeschlossen habe, der eben hineingekrochen sei, um seine Festigkeit zu prüfen. Nun kommt dieser heraus, läßt das Faß noch vom Gatten ausschaben und dann in sein Haus tragen.


Mit vielem Lachen wurde Emilias Geschichte vernommen und vor allem der Spruch der Tessa als wirksam und fromm gelobt. Am Ende dieser Erzählung aber hieß der König den Filostrato fortfahren, und dieser begann:

So zahlreich, ihr lieben Damen, sind die Streiche, welche die Männer, besonders aber die Ehemänner, euch spielen, daß ihr, wenn es einmal einer Frau gelingt, ihren Mann anzuführen, euch billigerweise nicht nur erfreuen solltet, daß dies geschehen oder euch von irgendwem erzählt worden ist; ihr solltet es vielmehr darauf anlegen, dergleichen aller Welt zu erzählen, damit[529] die Männer erfahren, daß, wenn sie schlau sind, die Weiber ihnen an Pfiffigkeit nicht nachstehen. Solche Erkenntnis aber kann euch nur zum Vorteil gereichen, denn wer sich der Pfiffigkeit des andern bewußt ist, wird es sich zweimal überlegen, ehe er es unternimmt, diesen zu betrügen. Kein Zweifel, wenn die Männer erfahren sollten, was heute hier über diesen Gegenstand erzählt wird, legte dies ihrem Hang, euch anzuführen, einen wirksamen Zügel an, weil sie sich sagen müßten, daß, wenn ihr nur wolltet, ihr sie ebensogut hinters Licht führen könntet. Aus diesem Grund gedenke ich euch zu berichten, was für einen Streich ein junges Weibchen, obwohl von niederem Stande, fast in einem Augenblick zu ihrer Rettung ihrem Manne zu spielen wußte.

Vor gar nicht langer Zeit hatte in Neapel ein armer Mann ein hübsches und munteres Mädchen, namens Peronella, zur Frau genommen, und mit dem wenigen, das er durch sein Handwerk als Maurer, sie aber durch Spinnen verdiente, lebten sie kümmerlich genug von der Hand in den Mund. Nun geschah es, daß eines Tages ein junger Kavalier Peronella sah; und da sie ihm wohlgefiel, verliebte er sich in sie und umwarb sie so lange, bis er mit ihr vertraut ward. Um nun aber öfter beieinander sein zu können, trafen sie die Abrede, daß Giannello Strignario – denn so hieß Peronellas Geliebter – sich am Morgen in der Nachbarschaft aufhalten solle, um zu beobachten, ob ihr Ehemann, der in der Frühe auf Arbeit oder Arbeitsuche ging, wirklich das Haus verlasse. Geschehe dies, so solle Giannello, da ihre Straße, die Avorio hieß, sehr einsam und abgelegen sei, geradewegs zu ihr ins Haus kommen. Und so fügte es sich denn auch oft.

Eines Morgens aber trug es sich zu, als der gute Mann ausgegangen und Giannello gekommen war und sich mit Peronella ergötzte, daß plötzlich jener, der den ganzen Tag über nicht heimzukehren pflegte, vor der Zeit nach Hause kam und die Tür von innen verschlossen fand. Er klopfte, und als er eine Weile geklopft hatte, sagte er bei sich selbst: »Nun, Gott, dir sei noch immerdar Preis und Dank! Armut freilich hast du mir beschieden, dafür hast du mich aber mit diesem ehrbaren jungen Weibe gesegnet. Hat sie doch, als ich kaum vom Hause[530] weg war, gleich die Tür verriegelt, damit niemand, der ihr zu schaffen machte, hereinkommen könne.«

Als Peronella ihren Mann gleich an der Art des Klopfens erkannte, rief sie: »Weh mir, mein Giannello, ich bin des Todes! Da ist mein Mann, den der Kuckuck holen möge, schon wiedergekommen. Gott weiß, was das zu bedeuten hat, da er doch um diese Stunde noch nie nach Hause kam. Hat er dich gar gesehen, als du ins Haus kamst? Aber mag es sein, wie es will, verbirg dich hier in dem Faß; dann kann ich ihm aufmachen gehen, und wir werden ja hören, was seine Heimkehr so früh am Morgen zu bedeuten hat.«

Giannello schlüpfte flink in das Faß; Peronella aber ging nach der Tür, öffnete ihrem Mann und sagte mit zorniger Miene: »Nun, was ist denn das für eine neue Art, daß du heute so früh heimkommst? Das sieht ja geradeso aus, als wolltest du heute müßig gehen, da du dein Handwerkszeug mitbringst. Wenn du es aber so treibst, wovon sollen wir dann leben, wo sollen wir Brot herkriegen? Meinst du etwa, ich würde mir's gefallen lassen, daß du mir den Rock vom Leibe versetzest und mein bißchen Wäsche aufs Pfandhaus trägst? Tag und Nacht tue ich nichts als spinnen, daß mir das Fleisch sich ganz von den Nägeln löst, nur um soviel Öl zu verdienen, wie wir in unserer Lampe brennen. Mann, Mann, alle Nachbarinnen können sich nicht darüber beruhigen, wie sauer ich mir's werden lasse, und machen sich lustig über mich. Und du kommst am frühen Morgen armeschlenkernd nach Hause, wo du bei der Arbeit sein solltest!« Als sie so gesprochen hatte, fing sie zu weinen an und fuhr dann fort:

»Ach, ich Unglücklichste, ach, ich Ärmste, zu meinem Elend bin ich geboren! Wäre ich lieber gar nicht auf die Welt gekommen. Solch einen wackeren Burschen hätte ich haben können und wollte nicht, nur um diesen Menschen zu heiraten, der gar nicht begreift, was er an mir hat. Ja, andere Weiber, die machen sich eine gute Zeit mit ihren Liebhabern. Da ist nicht eine, die ihrer nicht zwei, drei hätte, und ihren Männern reden sie ein, wenn der Mond scheint, es sei die Sonne. Aber ich Ärmste, weil ich so gut bin und nichts wissen will von solchen Geschichten, habe ich nichts davon als Unglück und Verdruß.[531] Wahrhaftig, ich weiß nicht, warum ich mir nicht auch so einen Liebsten nehmen soll wie die andern. Damit du es nur weißt, Mann, es fänden sich genug Liebhaber, wenn ich nur wollte. Ich weiß genug, und vornehme Bewerber dazu, die mich liebhaben und mir nachgehen, die mir schon Geld in Menge haben bieten lassen oder Kleider oder Schmucksachen, mein Herz hat es nimmer zugegeben, denn ich bin keines Weibes Kind dafür, und nun kehrst du mir nach Hause zurück, indes du an der Arbeit sein solltest.«

»Aber Frau, um Himmels willen, ereifere dich darüber nicht so sehr«, sagte der Mann. »Glaube mir doch, daß ich recht gut weiß, was ich an dir habe, und du hast mir's eben nur noch deutlicher gemacht. Wahr ist's, daß ich vorhin auf Arbeit ausging. Du wußtest aber ebensowenig wie ich, daß heute St. Galeonsfest ist. Arbeit gibt es da nicht, und darum kehre ich zu dieser Stunde zurück. Aber trotzdem habe ich vorgesorgt, daß wir Brot für länger als einen Monat haben werden. Ich habe nämlich diesem Manne, den du hier bei mir siehst, das Faß, das du kennst und das uns schon lange im Wege steht, verkauft, und er gibt mir fünf Liliendukaten dafür.«

Darauf entgegnete Peronella: »Nun ärgere ich mich erst recht. Du bist ein Mann, du kommst unter die Leute und solltest dich auf geschäftliche Dinge verstehen, und nun verkaufst du das Faß für fünf Liliendukaten, während ich armes Weib, das fast nimmer vor die Haustür kommt, für das Faß, das uns doch nur zur Last ist, sieben Dukaten lösen konnte. Eben, als du nach Hause kamst, war ich um den Preis mit einem Menschen, der jetzt hineingekrochen ist, um zu sehen, ob es fest ist, handelseins geworden.«

Als der Mann dies hörte, war er mehr als zufrieden und sagte zu dem, welcher mit ihm gekommen war: »Guter Freund, geht mit Gott! Du hörst, daß meine Frau das Faß für sieben Dukaten verkauft hat, wo du nur fünfe geben wolltest.« »Meinethalben«, sagte der Biedermann und ging seiner Wege. Peronella aber sagte zu ihrem Mann: »Nun du einmal da bist, gehe selbst hin und mache die Sache mit dem Menschen richtig.«

Giannello, der die ganze Zeit über die Ohren gespitzt hatte, um zu erfahren, wie die Sache abliefe und was er wohl zu tun[532] hätte, sprang bei Peronellas Worten rasch aus dem Fasse und sagte, als wüßte er nichts von der Heimkehr des Gatten: »Nun, gute Frau, wo seid Ihr?« Der Mann, der eben hereinkam, sagte: »Hier bin ich, was begehrst du?« »Wer seid denn Ihr?« sagte Giannello. »Ich suche die Frau, mit der ich den Handel wegen des Fasses schloß.« Darauf sagte jener: »Macht es nur mit mir richtig; ich bin ihr Mann.« »Fest ist das Faß schon«, antwortete Giannello, »doch Ihr müßt wohl Hefe darin gehabt haben. Es ist ja inwendig mit etwas so Zähem überzogen, daß ich es mit den Nägeln nicht abkratzen kann. Ich kann es aber nur brauchen, wenn es rein ist.« »Nun«, sagte Peronella, »darum braucht der Handel nicht rückgängig gemacht zu werden. Mein Mann wird das Faß schon gehörig säubern.« »Warum auch nicht?« entgegnete ihr Mann, legte sein Werkzeug aus der Hand und zog die Jacke aus. Darauf ließ er sich ein Licht anzünden, kroch in das Faß und machte sich ans Schaben. Peronella aber beugte sich übers Faß, steckte, als wollte sie nach seiner Arbeit sehen, Kopf, Arm und Schulter durch das Spundloch, das eben weit genug dazu war, und sagte dabei: »Kratze hier und hier und auch dort drüben«, und »Sieh, hier hast du noch ein bißchen übriggelassen.«

Während sie aber so stand, ihrem Gatten zusprach und ihn anwies, verfiel Giannello, der an diesem Morgen, als der Ehemann heimkehrte, noch nicht vollkommen sein Verlangen befriedigt hatte und wohl einsah, daß er für diesmal nicht so konnte, wie er seine Sache abtun wollte, auf den Einfall, sein Ziel so zu erreichen, wie es eben ging. So trat er dicht hinter sie und befriedigte seine Jugendlust in derselben Art, wie in den weiten Steppen die zügellosen und brünstigen Rosse über die Stuten Parthiens herzufallen pflegen, und vollendete sie fast im selben Augenblick, da das Faß ausgeschabt. Dann machte er sich zurück, Peronella zog den Kopf aus dem Faß, und ihr Mann schlüpfte heraus. Nun sprach die Frau zu Giannello: »Nimm das Licht, guter Freund, und leuchte hinein, ob dir's rein genug ist.« Giannello sah hinein und sagte, es sei gut und er sei schon zufrieden. Dann bezahlte er die sieben Liliendukaten und ließ sich das Faß nach seinem Hause tragen.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 529-533.
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