Fünfte Geschichte

[346] Lisabettas Geliebter wird von ihren Brüdern ermordet. Er erscheint ihr im Traum und zeigt ihr, wo er verscharrt ist. Darauf gräbt sie seinen Kopf heimlich aus, tut ihn in einen Basilikumtopf und benetzt ihn täglich stundenlang mit ihren Tränen. Endlich nehmen ihn die Brüder ihr fort, und sie stirbt bald darauf vor Gram.


Als der König Elisas eben beendete Geschichte ein wenig gelobt hatte, erging das Geheiß, weiterzuerzählen, an Filomena, welche – noch voller Mitleid für den armen Gerbino und seine Dame – nach einem wehmütigen Seufzer also begann:

Geliebte Mädchen, meine Geschichte betrifft zwar keine Personen so hohen Ranges wie die, von welchen Elisa erzählt hat, wohl aber dürfte sie vielleicht nicht weniger rührend sein. Messina, dessen eben gedacht wurde, brachte sie mir in Erinnerung, weil die Begebenheit sich dort zugetragen hat.

In Messina lebten nämlich drei Brüder, junge Kaufleute, die bei dem Tode ihres Vaters, der aus San Gimignano stammte, in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gekommen waren.[346] Diese hatten eine Schwester, namens Lisabetta, die sie, obwohl sie jung, hübsch und wohlerzogen war, aus irgendeinem Grunde noch nicht verheiratet hatten. Außerdem hielten sie in einem ihrer Kaufläden als Diener einen jungen Pisaner namens Lorenzo, der alle ihre Geschäfte in Händen hatte und besorgte und überdies von einnehmender Gestalt und gefälligen Sitten war. Als nun Lisabetta diesen mehrmals betrachtet hatte, begann sie sich übermäßig in ihn zu verlieben. Sobald Lorenzo das zu wiederholten Malen gewahr geworden war, gab er seine übrigen Liebschaften auf und wendete ihr ebenfalls seine Neigung zu. So geschah es denn, daß bei gleichmäßigem beiderseitigem Wohlgefallen sie binnen kurzem sicher zu werden anfingen und miteinander taten, wonach sie beide am meisten verlangten.

Während sie nun auf diese Weise ihr Einverständnis fortführten und sich einander viel Lust und Zeitvertreib gewährten, wußten sie die Sache doch nicht so geheim zu betreiben, daß nicht der älteste Bruder eines Nachts Lisabetta, als sie sich in das Schlafzimmer des Lorenzo schlich, von ihr selber unbemerkt, gesehen hätte. So weh es ihm auch tat, diese Entdeckung gemacht zu haben, so faßte er doch als der verständige junge Mann, der er war, den geziemenderen Entschluß und sagte vorläufig kein Wort, sondern erwartete unter verschiedenen Gedanken, die sich in seiner Seele durchkreuzten, den Morgen. Als aber der Tag angebrochen war, erzählte er seinen Brüdern, was er in der vergangenen Nacht über Lisabetta und Lorenzo erfahren hatte. Nach langer Überlegung beschlossen sie gemeinschaftlich, damit weder ihnen noch ihrer Schwester Schande daraus erwüchse, die Sache so lange mit Stillschweigen zu übergehen und sich in allem zu stellen, als ob sie nichts gesehen oder sonst entdeckt hätten, bis sich eine gelegenere Zeit fände, diesen Schimpf, bevor er ärger würde, ohne Nachteil und Gefahr sich aus der Welt zu schaffen. Sie blieben diesem Entschluß treu und plauderten und scherzten mit Lorenzo nach alter Weise. Und so führten sie ihn einmal unter dem Vorwand, eine Lustreise aufs Land zu unternehmen, mit sich fort. Als sie aber an einen ganz einsamen und abgelegenen Ort gekommen waren, nahmen sie die Gelegenheit wahr und brachten Lorenzo, der[347] sich dessen nicht versah, tödliche Schläge bei. Dann verscharrten sie seinen Körper so, daß niemand etwas von der Sache gewahr ward.

Nach Messina zurückgekehrt, verbreiteten sie alsdann, sie hätten den Lorenzo in ihren Geschäften irgendwohin geschickt, und dieses Vorgehen wurde von niemand bezweifelt, da sie ihn häufig umherreisen ließen. Als aber Lorenzo gar nicht wiederkam und Lisabetta, die seine lange Abwesenheit mit Schmerzen empfand, sich oft und angelegentlich nach ihm erkundigte, geschah es, daß einer ihrer Brüder eines Tages, als sie besonders dringend nach ihm fragte, ihr erwiderte: »Was soll das bedeuten? Was hast du mit Lorenzo zu schaffen, daß du soviel nach ihm fragst? Wirst du noch einmal fragen, so werden wir dir antworten, wie du es verdient hast.« Das Mädchen wurde über diese Reden traurig und betrübt. Es war ihr bange, und sie wußte nicht, wovor. Sie erkundigte sich auch nicht weiter nach ihm. Wenn es aber Nacht war, rief sie ihn häufig voller Wehmut, bat ihn, er möge doch kommen, und klagte zuweilen unter vielen Tränen über sein langes Entferntbleiben.

So blieb sie, ohne einen frohen Augenblick zu haben, eine Weile in fortwährender Erwartung. Eines Nachts aber, als sie Lorenzos Ausbleiben besonders lange beweint hatte und endlich über ihren Klagen eingeschlafen war, erschien ihr Lorenzo im Traum, bleich und ganz verstört, mit schmutzigen und zerfetzten Kleidern, und es war ihr, als ob er zu ihr sagte: »Ach, Lisabetta, du rufst mich unaufhörlich, du betrübst dich über mein langes Ausbleiben und klagst mich mit deinen Tränen auf das härteste an. Wisse aber, daß ich nicht mehr zurückzukehren vermag; denn an dem Tag, an dem du mich zum letztenmal gesehen, ermordeten mich deine Brüder.« Dann bezeichnete er ihr noch die Stelle, wo jene ihn verscharrt hätten, wiederholte ihr, daß sie ihn nicht mehr rufen oder erwarten solle, und verschwand. Das Mädchen erwachte und weinte bitterlich über das Traumgesicht, dem es vollen Glauben beimaß.

Am andern Morgen hatte sie zwar nicht den Mut, ihren Brüdern etwas zu sagen, beschloß aber, an den bezeichneten Ort zu gehen, um sich zu überzeugen, ob ihr Traum Wahrheit sei. Sobald sie also Erlaubnis erhalten hatte, ging sie in Begleitung[348] eines Mädchens, das früher bei den Geschwistern gedient hatte und von allen Geheimnissen Lisabettas wußte, um angeblich zu ihrem Vergnügen einen Spaziergang vor die Stadt zu machen. An jener Stelle angekommen, grub sie nach, wo sie, nachdem sie das welke Laub, das dort den Boden bedeckte, weggeräumt hatte, die Erde am lockersten fand. Auch hatte sie noch nicht lange gegraben, als sie auf den völlig erhaltenen und unbeschädigten Körper ihres unglücklichen Geliebten stieß und dadurch nur allzu deutlich die Wahrheit ihres Traumgesichts erkannte. Unaussprechlich betrübt über diese Entdeckung, fühlte sie doch wohl, daß sie ihren Tränen hier nicht freien Lauf lassen durfte, und hätte, wenn es möglich gewesen wäre, gern den ganzen Körper mit sich genommen, um ihn würdig zu begraben. Da sie aber einsah, daß dergleichen unmöglich war, trennte sie, so gut sie konnte, den Kopf mit einem Messer vom Rumpfe und gab ihn, nachdem sie den Rest des Körpers wieder mit Erde bedeckt hatte, in ein Handtuch gehüllt der Dienerin zu tragen.

Ohne von jemand gesehen zu sein, kehrte sie in ihre Wohnung zurück. Hier schloß sie sich mit dem Kopf in ihre Stube ein und weinte, über ihn hingeneigt, so lange Zeit bitterlich, daß ihre Tränen, während sie ihn mit Küssen bedeckte, ihn völlig reinwuschen. Dann legte sie ihn, mit einem sauberen Tuch umwunden, in einen schönen Blumentopf, in dem man Majoran und Basilikum zieht, schüttete Erde darüber, pflanzte einige schöne Stauden salernitanisches Basilikum hinein und begoß sie nicht anders als mit Rosen- und Orangenwasser oder ihren Tränen. Dabei pflegte sie sich immer zu dem Blumentopf zu setzen und das Gefäß, das ihren Lorenzo verborgen hielt, mit inniger Sehnsucht zu betrachten. Hatte sie ihn lange so angeschaut, dann trat sie wieder heran und weinte, über ihn gebeugt, bis sie das ganze Basilikum begossen hatte. Sowohl durch die lange und ununterbrochene Pflege als auch durch die Fruchtbarkeit, welche der verwesende Kopf dem Erdreich mitteilte, wurde die Pflanze wunderschön und duftete köstlich.

Da Lisabetta immer in dieser Weise fortfuhr, wurde sie öfters von den Nachbarn dabei beobachtet. Diese aber sagten[349] zu ihren Brüdern, die sich darüber verwunderten, daß ihre Schönheit dahinwelkte und ihre Augen wie erloschen aussahen: »Wir haben bemerkt, daß sie sich täglich so und so benimmt.« Als die Brüder das hörten und selbst wahrnahmen, schalten sie sie deswegen einige Male und ließen ihr endlich, als das nichts helfen wollte, den Blumentopf heimlich wegnehmen. Als sie ihn vermißte, verlangte sie viele Male auf das dringendste nach ihm. Wie sie ihn aber doch nicht wiederbekam, wurde sie unter Tränen und Klagen krank und begehrte auch in der Krankheit nichts als ihren Blumentopf. Die Brüder wunderten sich über dieses Verlangen und verfielen deshalb darauf, zu untersuchen, was darin sei. Sie schütteten also die Erde aus und fanden das Tuch und in diesem den Kopf, der noch nicht so völlig verwest war, daß sie ihn an dem krausen Haarwuchs nicht für den des Lorenzo erkannt hätten. Darüber sehr erstaunt, fürchteten sie, ihre Tat könnte ruchbar werden. Ohne jemand etwas davon zu sagen, verließen sie, nachdem sie den Kopf vergraben und ihre Geschäfte geordnet hatten, vorsichtig die Stadt Messina, um nach Neapel zu ziehen. Das Mädchen aber hörte nicht auf, zu weinen und nach dem Blumentopf zu verlangen, und starb in solcher Weise unter Tränen.

Das war das Ende dieser traurigen Liebe. Mit der Zeit aber wurde die Begebenheit vielen bekannt, und es dichtete einer das Lied darauf, das heute noch gesungen wird:


Wer war der arge Bösewicht,

Der meinen Blumentopf genommen?

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 346-350.
Lizenz:
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