Vierte Geschichte

[763] Herr Gentile da Carisendi rettet, von Modena kommend, eine Dame, die er liebte und die man als tot beigesetzt hatte, aus der Gruft. Ins Leben zurückgerufen, genest sie eines Sohnes, und Herr Gentile gibt sie und ihr Kind dem Niccoluccio Caccianimico, ihrem Gemahl, wieder zurück.


Wunderbar erschien es allen, wie jemand mit seinem eigenen Blut auf diese Art freigebig sein konnte, und alle behaupteten, Nathan habe fürwahr die Großmut des Königs von Spanien und die des Abtes von Clugny noch übertroffen. Doch nachdem darüber zur Genüge geredet worden war, gab der König dadurch, daß er Lauretta anblickte, zu erkennen, daß er ihre Erzählung zu hören wünsche, weshalb diese sofort begann:[763]

Ihr jungen Damen, gar edle und schöne Dinge sind es, die uns bis jetzt erzählt wurden, und mir scheint kaum, daß uns, denen noch zu reden obliegt, etwas übriggelassen sei, worin wir in unseren Erzählungen uns ergehen könnten – so sehr waren sie alle von der Hoheit der edlen Gesinnung erfüllt, die in jenen Geschichten sich aussprach –, wenn wir uns jetzt nicht den Dingen der Liebe zuwenden wollen, die für jede Aufgabe so reichlichen Redestoff liefern. Deshalb ge fällt es mir, euch deswegen wie auch darum, weil unsere Jugend uns vorzugsweise dahin leiten muß, von der Großmut eines Liebenden zu erzählen. Diese aber wird euch, alles wohl erwogen, vielleicht nicht geringer scheinen als eine von den schon erzählten großmütigen Handlungen, wenn anders wahr ist, daß man Schätze hingibt, Feindschaften vergißt, das eigene Leben, ja die Ehre und den guten Ruf tausend Gefahren aussetzt, um nur den geliebten Gegenstand besitzen zu können.

Es lebte also in Bologna, einer sehr ansehnlichen Stadt der Lombardei, ein junger Ritter, gleich ausgezeichnet durch Tugend und Adel des Blutes, der Herr Gentile Carisendi genannt ward. Dieser war in eine edle Dame namens Madonna Catalina, die Gemahlin eines gewissen Niccoluccio Caccianimico, verliebt. Weil es aber mit der Liebe der Dame zu ihm übel stand, so ging er, als man ihn zum Podesta nach Modena berief, fast hoffnungslos dorthin.

In dieser Zeit nun, während Niccoluccio gerade nicht in Bologna weilte, begab sich seine Frau, die guter Hoffnung war, auf eine ihrer Besitzungen, etwa drei Meilen vor der Stadt. Und hier geschah es, daß sie plötzlich von einer schweren Ohnmacht überfallen wurde, die von solcher Gewalt war, daß jedes Zeichen des Lebens in ihr verlöschte und sie deshalb auch von einem Arzte für tot erklärt wurde. Weil ihre nächsten Verwandten von ihr vernommen zu haben behaupteten, sie sei noch nicht so lange schwanger, daß das Kindlein zur Reife gediehen sein könne, so setzte man sie, so wie sie war, in einem Grabgewölbe der nahen Kirche unter vielen Tränen bei.

All dies wurde sofort dem Herrn Gentile von einem seiner Freunde gemeldet, und so karg sie auch gegen ihn mit ihrer Gunst gewesen war, so schmerzte ihr Tod ihn doch sehr. Endlich[764] sprach er zu sich selbst: »Siehe, nun bist du gestorben, Madonna Catalina. Solange du lebtest, konnte ich nie einen einzigen Blick von dir erlangen. Darum will ich dir jetzt, wo du dich nicht mehr verteidigen kannst, tot wie du bist, fürwahr noch einige Küsse rauben.«

Nach diesen Worten gab er, da es schon Nacht war, den nötigen Befehl, daß seine Abreise verschwiegen bleibe, stieg dann mit einem seiner Diener zu Pferd und gelangte ohne Aufenthalt dahin, wo seine Dame beigesetzt war. Hier ließ er das Grabmal öffnen, stieg vorsichtig hinab, legte sich der Toten zur Seite, näherte sein Gesicht dem der Dame und küßte es mehrere Male unter vielen Tränen. Wie wir aber wissen, vermag das Begehren der Menschen, und zumal das der Liebenden, bei keinem Ziele still zu stehen, es verlangt immer nach mehr. Und so sprach auch Gentile, als er schon beschlossen hatte, hier nicht länger zu verweilen: »Warum sollte ich, da ich doch hier bin, ihr nicht ein wenig die Brust berühren? Ich soll sie ja nie mehr anrühren und habe sie nie angerührt.« Besiegt von dieser Begierde, legte er seine Hand auf ihren Busen, und indem er sie eine Zeitlang dort hielt, dünkte es ihn, als fühle er das Herz darin ganz leise schlagen. Nachdem er jede Furcht von sich gescheucht hatte, untersuchte er dies mit größerer Aufmerksamkeit und fand, sie sei gewiß nicht tot, wie schwach und gering auch der Lebenshauch in ihr sein mochte. So hob er sie denn, so leise er nur konnte, mit dem Beistand des Dieners aus der Gruft, nahm sie vor sich auf sein Pferd und brachte sie solcherart heimlich in sein Haus nach Bologna.

Hier befand sich seine Mutter, eine würdige und verständige Dame, die, nachdem sie von ihrem Sohn alles ausführlich gehört hatte, von Mitgefühl bewegt, still mit starkem Feuer und einem passenden Bade das fliehende Leben in sie zurückrief. Als sie wieder zu sich kam, stieß sie erst einen tiefen Seufzer aus und rief dann: »O Gott, wo bin ich?« Die wackere Dame antwortete ihr hierauf: »Fasse Mut, du bist an einem guten Orte.«

Als sie nun völlig zu sich gekommen war, blickte sie umher, und da sie nicht erkannte, wo sie war, wohl aber Herrn[765] Gentile vor sich sah, bat sie voller Erstaunen seine Mutter, ihr zu sagen, auf welche Weise sie hierher gekommen sei. Nun erzählte Herr Gentile ihr alles der Reihe nach. Schmerzlich betrübt hierüber, sagte sie ihm den besten Dank, den sie nur wußte, und beschwor ihn sodann bei der Liebe, die er sonst zu ihr gehegt habe, und bei seiner Ritterlichkeit, daß ihr in seinem Hause nichts widerführe, was die Ehre ihres Gatten oder ihre eigene Ehre beeinträchtigen könnte, und daß er sie, sobald der Tag erschienen sei, in ihr eigenes Haus zurückkehren lassen möchte.

»Madonna«, antwortete hierauf Herr Gentile, »da Gott um der Liebe willen, die ich bis zu diesem Augenblick für Euch fühlte, mir die Gnade erwiesen hat, Euch mir aus dem Tode dem Leben wiederzugeben, so beabsichtige ich doch, was auch in vergangener Zeit mein Wunsch gewesen sein mag, weder jetzt noch in der Zukunft, weder hier noch anderwärts Euch anders zu behandeln als eine teure Schwester. Doch die Wohltat, die ich Euch in dieser Nacht erzeigen konnte, verdient einen bescheidenen Lohn, und darum bitte ich, daß Ihr mir eine Gunst nicht abschlagt, um die ich Euch bitten will.«

Wohlwollend entgegnete die Dame hierauf, sie sei dazu bereit, wofern sie es vermöchte und wofern diese Gunst sich mit ihrer Ehrbarkeit vertrüge. »Madonna«, sagte Herr Gentile, »alle Eure Verwandten und die Leute von Bologna glauben Euch tot und halten für gewiß, daß Ihr es seid. Niemand erwartet Euch darum mehr in Eurem Hause, und darum fordere ich als eine Gunst von Euch, daß es Euch gefalle, hier bei meiner Mutter so lange zu weilen, bis ich von Modena heimkehre, was bald geschehen wird. Der Grund, warum ich dies von Euch fordere, ist der, daß ich beabsichtige, in Gegenwart der angesehensten Bürger dieser Stadt Eurem Gemahl mit Euch ein wertvolles und festliches Geschenk zu machen.«

Die Dame, die sich dem Ritter so verpflichtet sah und die Bitte als ehrbar erkannte, entschloß sich, wie sehr sie auch verlangte, mit ihrer lebenden Erscheinung ihre Verwandten zu erfreuen, zu tun, was Herr Gentile begehrte, und so gab sie ihm denn ihr Wort darauf. Doch kaum hatte sie ihre Antwort zu Ende gebracht, da fühlte sie, daß die Zeit ihrer Entbindung herangekommen war, worauf sie denn, zärtlich von Herrn[766] Gentiles Mutter unterstützt, nicht lange nachher ein schönes Söhnlein zur Welt brachte. Dies verdoppelte natürlich Herrn Gentiles und ihre eigene Freude. Er ordnete nun an, daß alles, was eine Wöchnerin brauchte, zur Hand sei und daß sie so bedient würde, als wäre sie seine eigene Frau, und begab sich dann heimlich wieder nach Modena.

Als seine Amtszeit hier abgelaufen war und er nach Bologna zurückkehren sollte, ordnete er für den Morgen, an dem er eintreffen wollte, in seinem Hause ein großes und herrliches Festmahl an, zu dem viele und angesehene Männer Bolognas, darunter auch Herr Niccoluccio Caccianimico, geladen wurden. Heimgekehrt und abgestiegen, begab er sich zu diesen, nachdem er zuvor auch die Dame schöner und gesünder als je wiedergefunden und ihren kleinen Sohn wohlauf gesehen hatte, und führte nun mit unaussprechlicher Freude seine Gäste zu Tisch, wo er sie mit vielen Speisen prächtig bewirten ließ.

Als die Tafel schon fast zu Ende war, begann er, nachdem er der Dame vorher mitgeteilt, was er zu tun gedenke, und mit ihr verabredet hatte, wie sie sich dabei benehmen solle, also zu reden: »Ihr Herren, ich erinnere mich, einmal gehört zu haben, daß es in Persien einen meiner Meinung nach löblichen Brauch gibt, welcher darin besteht, daß jemand, der seinen Freund aufs höchste ehren will, ihn in sein Haus lädt und ihm hier das zeigt, was ihm das Teuerste ist, es sei nun Frau, Geliebte, Tochter oder was immer, wobei er beteuert, so wie er ihm dies zeige, möchte er ihm, wenn er's könnte, noch lieber sein eigenes Herz zeigen. Diesen Brauch gedenke ich meinerseits in Bologna zu beobachten. Ihr habt durch eure Gunst mein Mahl geehrt, und ich will euch auf persische Art wieder ehren, indem ich euch das Teuerste zeige, was ich auf der Welt habe oder jemals haben kann. Bevor ich dies jedoch tue, bitte ich euch, mir zu sagen, was ihr über einen Zweifel denkt, den ich euch vortragen will. Es ist jemand, der in seinem Hause einen guten und gar treuen Diener besitzt, welcher schwer erkrankt. Jener Mann nun, ohne das Ende des treuen Dieners abzuwarten, läßt ihn mitten auf die Straße hinaustragen und bekümmert sich nicht weiter um ihn. Ein Fremder kommt dazu, und von Mitleid mit dem Kranken ergriffen, nimmt er ihn mit sich nach Hause[767] und verhilft ihm durch große Sorgfalt und ohne Kosten zu scheuen wieder zu seiner vorigen Gesundheit. Nun möchte ich von euch wissen, ob sein Herr sich wohl nach Recht und Billigkeit über den zweiten Mann beklagen oder beschweren könnte, wenn dieser den Diener bei sich behielte und seine Dienste benutzte und ihn, dazu aufgefordert, nicht wieder herausgeben wollte.«

Die edlen Männer sprachen über diesen Fall mancherlei unter sich, und indem sie alle einer Meinung waren, trugen sie dem Niccoluccio, der ein guter und kunstfertiger Redner war, die Antwort auf. Dieser erklärte, nachdem er zuvor den Brauch der Perser gelobt hatte, er sei gleich allen andern der Meinung, daß der frühere Herr kein Recht mehr auf den Diener habe, weil er ihn bei einem solchen Unfall nicht nur verlassen, sondern geradezu weggeworfen habe. Durch die Wohltaten, die der zweite Mann ihm erwiesen, scheine er ihm mit Recht dessen Eigentum geworden zu sein, weshalb denn dieser auch, wenn er ihn behalte, dem ersten keinerlei Kränkung, Gewalt oder Unrecht antue. Alle übrigen, die bei der Tafel zugegen waren – und es waren treffliche Männer darunter –, sagten einstimmig, auch sie hielten das, was Niccoluccio geantwortet habe, für recht.

Zufrieden mit der Antwort und damit, daß gerade Niccoluccio sie gegeben hatte, versicherte der Ritter, auch er sei dieser Meinung, und fuhr dann fort: »Doch jetzt ist es Zeit, daß ich euch meinem Versprechen gemäß ehre.« Nun rief er zwei seiner Diener herbei, schickte zu der Dame, die er köstlich hatte kleiden und schmücken lassen, und ließ sie bitten, daß es ihr gefallen möge, zu kommen und diese edlen Herren mit ihrer Gegenwart zu erfreuen. Ihr schönes Söhnchen im Arm und von zwei Dienern begleitet, erschien sie im Saale und nahm, wie es dem Ritter gefiel, zur Seite eines würdigen Mannes ihren Sitz ein, während er sprach: »Ihr Herren, dies ist, was ich für teurer halte und immer zu halten gedenke als irgend etwas anderes. Seht nun, ob euch dünkt, daß ich recht habe.«

Die edlen Herren ehrten und priesen sie sehr und versicherten dem Ritter, eine solche Dame müsse er allerdings wert halten. Als sie aber anfingen, sie genauer zu betrachten, war mancher[768] unter ihnen, der wohl gesagt hätte, sie wäre dieselbe, die sie wirklich war, hätten sie sie nicht alle für tot gehalten. Vor allen andern aber schaute Niccoluccio sie an. Brennend vor Begierde zu erfahren, wer sie sei, und unfähig, sich länger zurückzuhalten, fragte er sie, als der Ritter sich etwas entfernt hatte, ob sie aus Bologna stamme oder eine Fremde sei. Als die Dame ihren Gatten so fragen hörte, enthielt sie sich nur mit Mühe der Antwort; dennoch schwieg sie, um die getroffene Abrede einzuhalten. Ein anderer der Gäste fragte sie hierauf, ob dies Knäblein das ihre sei, und ein dritter, ob sie Gentiles Frau oder auf andere Art mit ihm verwandt sei. Allen diesen gab sie jedoch keine Antwort.

Als daher Herr Gentile dazukam, sagte einer der Gäste zu ihm: »Herr, wohl ein schönes Frauenbild ist es, das Ihr da besitzt, aber es scheint stumm zu sein. Ist dem so?« »Ihr Herren«, antwortete Gentile, »daß sie bis jetzt nicht gesprochen hat, ist kein geringer Beweis ihrer Tugend.« »So sagt uns denn«, fuhr der andere fort, »wer ist sie.« »Gern will ich es tun«, antwortete der Ritter, »wenn ihr mir nur versprecht, daß, was immer ich auch sagen möge, niemand sich von der Stelle rühren wird, bis ich meine Erzählung beendet habe.« Als ihm dies jeder versprochen hatte und die Tische schon weggeräumt waren, begann Herr Gentile, an der Seite der Dame sitzend, folgendermaßen:

»Diese Dame, ihr Herren, ist jener gute und treue Diener, über den ich euch eben vorhin die Frage vorlegte. Von den Ihrigen wenig wert gehalten und wie ein geringes und unnütz gewordenes Ding auf die Straße geworfen, wurde sie von mir aufgenommen und durch meine Sorge und Hilfe dem Tode aus den Händen gerissen, und Gott, der auf meine gute Absicht blickte, ließ sie aus einem abschreckenden Leichnam wieder so schön erstehen, wie ihr sie hier sehet. Doch damit ihr klarer erkennt, wie dies alles zugegangen ist, will ich es euch in aller Kürze deutlich machen.« Und nun erzählte er, bei seiner Liebe für sie beginnend, zum großen Erstaunen seiner Zuhörer alles ausführlich, was bis dahin geschehen war. Dann fügte er hinzu: »Um dieser Gründe willen ist denn, wofern ihr nicht etwa eure Meinung seit kurzem geändert habt, und sonderlich Niccoluccio[769] nicht, diese Dame mit Recht mein eigen, und niemand kann sie mit gerechtem Anspruch von mir zurückfordern.«

Hierauf antwortete niemand, vielmehr erwarteten alle aufmerksam, was er weiter sagen würde. Niccoluccio aber und andere, die anwesend waren, sowie auch die Dame, weinten vor Rührung. Doch nun erhob sich Herr Gentile, nahm den kleinen Knaben in seinen Arm und die Dame bei der Hand, und indem er mit ihnen zu Niccoluccio hintrat, sprach er: »Stehe auf, Gevatter, deine Frau, welche deine und ihre Verwandten wegwarfen, gebe ich dir nicht wieder, sondern schenken will ich dir diese Dame, meine Gevatterin, mit ihrem kleinen Sohne, welcher, wie ich gewiß bin, von dir erzeugt ward, den ich über die Taufe hielt und Gentile nannte. Und ich bitte dich, laß sie dir darum nicht minder wert sein, weil sie nahezu drei Monate in meinem Hause geweilt hat; denn ich schwöre dir bei dem Gott, der mir vielleicht einst die Liebe zu ihr einflößte, damit diese meine Liebe, wie es geschehen ist, die Ursache ihrer Rettung werde, daß sie niemals, weder bei ihrem Vater noch bei ihrer Mutter, noch auch bei dir ehrbarer lebte, als sie es bei meiner Mutter in meinem Hause getan hat.« Nach diesen Worten wandte er sich zu der Dame und sagte: »Madonna, jetzt löse ich Euch von jedem Versprechen, das Ihr mir gegeben habt, und überlasse Euch frei dem Niccoluccio.« Damit übergab er die Dame und das Kind den Armen Niccoluccios und kehrte zu seinem Sitze zurück.

Voller Verlangen empfing Niccoluccio Gattin und Sohn, um so glücklicher, je ferner er von jeder Hoffnung gewesen war, und er dankte dem Ritter, so sehr er nur wußte und konnte. Auch die andern, die alle vor Mitgefühl weinten, lobten ihn sehr, und jeder, der dies hörte, pries ihn. Die Dame aber wurde mit unsagbarer Freude in ihrem Hause empfangen und lange Zeit hindurch wie eine Auferstandene von ganz Bologna mit Bewunderung betrachtet. Herr Gentile aber lebte immer als Freund Niccoluccios und der beiderseitigen Verwandten des Paares.


Was, ihr geneigten Mädchen, werdet ihr nun hierüber sagen? Haltet ihr dafür, daß ein König, der Zepter und Krone verschenkt,[770] oder ein Abt, der ohne Kosten einen Übeltäter mit dem Papst aussöhnt, oder ein Greis, der seinen Hals dem Messer des Feindes darbietet, an Großmut mit Herrn Gentile zu vergleichen seien, der, jung, feurig und in dem Glauben, ein gutes Recht auf das zu haben, was die Unachtsamkeit anderer weggeworfen und was er zu seinem Glück aufgehoben hatte, dennoch nicht nur ehrbarerweise seine Glut mäßigte, sondern freiwillig zurückgab, was er seit Jahren mit allen seinen Wünschen erstrebt und zu rauben gesucht hatte, als es in seinen Besitz gelangt war? Fürwahr, keine von den schon erzählten großmütigen Handlungen scheint mir dieser vergleichbar!

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 763-771.
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