Dritte Geschichte

[95] Drei Jünglinge bringen ihr Hab und Gut durch und verarmen. Ein Neffe von ihnen kehrt, an allem verzagend, nach Hause zurück und trifft unterwegs mit einem Abte zusammen, der sich als Tochter des Königs von England entpuppt. Sie heiratet ihn und macht seine Oheime durch Ersatz des Verlorenen wieder wohlhabend.


Die Schicksale des Rinaldo von Asti waren von den Mädchen mit Verwunderung angehört worden. Sie lobten seine Frömmigkeit und dankten Gott und dem heiligen Julianus, daß sie ihm in seiner größten Not beigestanden hatten. Doch hielten sie deshalb die Witwe, wenngleich sie sich darüber nur verstohlen äußerten, keineswegs für töricht, daß sie das Glück, welches ihr Gott ins Haus gesandt, so gut zu benutzen gewußt hatte.

Während noch mit leisem Lachen über die angenehme Nacht gesprochen wurde, die ihr zuteil geworden war, fing Pampinea, die als nächste Nachbarin des Filostrato mutmaßte, daß die Reihe nun an ihr sei, darüber nachzudenken an, was sie erzählen sollte, und sagte alsdann nach dem Geheiß der Königin unbefangen und fröhlich:

Je mehr man über die wechselnden Launen des Glücks redet, desto mehr bleibt dem Aufmerksamen darüber zu sagen. Daß es sich so verhält, wird niemanden verwundern können, der klug genug ist, zu erwägen, wie alle Dinge, die wir törichterweise unser nennen, in den Händen Fortunas liegen und von ihr nach einem verborgenen Ratschlusse unaufhörlich und ohne daß wir das treibende Gesetz zu erkennen wüßten, von einem auf den andern übertragen werden. Ob sich dies nun gleich allerorts und tagtäglich offenbart und auch durch einige der vorigen Geschichten belegt worden ist, werde ich doch, weil nach dem Gefallen der Königin über diesen Gegenstand gesprochen werden soll, eine Geschichte hinzufügen, die vielleicht nicht ohne Nutzen für die Zuhörer ist und, wie ich hoffe, ihren Beifall finden wird.

Es war in unserer Stadt vorzeiten ein Edelmann, der Herr Tedaldo hieß und, wie einige vorgaben, zu der Familie der Lamberti, nach der Behauptung anderer aber zu den Agolanti[96] gehörte. Doch ich lasse es dahingestellt, zu welcher der beiden Familien er zählte, und sage nur, daß er zu seiner Zeit einer der reichsten Edelleute war und drei Söhne hatte, von denen der erste Lamberto, der zweite Tedaldo und der dritte Agolante hieß. Wiewohl der älteste noch nicht sein achtzehntes Lebensjahr erreicht hatte, waren sie schon zu hübschen und ritterlichen Jünglingen herangewachsen, als der reiche Herr Tedaldo starb und ihnen als seinen rechtmäßigen Erben seine gesamte liegende und fahrende Habe hinterließ. Als diese sich an barem Gelde und an Liegenschaften so reich sahen, begannen sie, nur von ihrer eigenen Lust geleitet, ihr Geld ohne Maß und Schranken zu vertun, hielten sich eine zahlreiche Dienerschaft und auserlesene Pferde, Hunde und Falken, gaben fortwährend öffentliche Bankette, hielten Waffenspiele ab und taten mit einem Wort nicht, was sich für Edelleute geziemt, sondern was zu tun ihnen in ihren jugendlichen Sinn kam.

Dieses Leben hatten sie noch nicht lange geführt, als der ihnen von ihrem Vater hinterlassene Schatz sich zu vermindern anfing und sie genötigt waren, ihre Besitzungen teilweise zu verkaufen und zu verpfänden, um den begonnenen Aufwand, zu dem die reinen Einkünfte nicht mehr genügten, fortführen zu können. So büßten sie heute die eine und morgen die andere ein und wurden es kaum eher gewahr, als bis ihnen fast nichts mehr übriggeblieben war. Da öffnete die Armut ihre Augen, welche der Reichtum verschlossen hatte. Lamberto rief eines Tages die beiden andern zu sich, erinnerte sie, welch ein ehrenvolles Leben ihr Vater und nachher sie selbst geführt hätten, wie ausgedehnt ihr Reichtum gewesen sei. Dann schilderte er ihnen die Armut, in die sie sich durch ihren ungezügelten Aufwand gestürzt, und ermahnte sie, so nachdrücklich er konnte, bevor ihre Dürftigkeit noch offenkundiger würde, gemeinschaftlich mit ihm das wenige, das ihnen geblieben war, zu verkaufen und in die Fremde zu gehen.

Und so taten sie denn auch wirklich. Sie verließen, ohne von jemand Abschied zu nehmen, Florenz in aller Stille und ruhten nicht eher, bis sie in England waren. Hier mieteten sie sich in London ein kleines Häuschen und fingen, bei größter Sparsamkeit in ihren Ausgaben, auf argen Wucher Geld auszuleihen[97] an, wobei ihnen das Glück so günstig war, daß sie in wenigen Jahren sich ein großes Vermögen erwarben. Darauf reiste bald der eine, bald der andere von ihnen nach Florenz zurück. Sie brachten ihre ehemaligen Besitzungen zum größten Teil wieder an sich, kauften noch viele andere dazu und verheirateten sich in ihrer Heimat. Da sie aber immer noch fortfuhren, in England zu wuchern, schickten sie einen ihrer Neffen, Alessandro mit Namen, dorthin, um ihre Geschäfte zu besorgen.

Sie selbst blieben in Florenz und begannen, des Zustandes uneingedenk, in welchen ihr übertriebener Aufwand sie früher gestürzt, und obgleich sie jetzt für Frauen und Kinder mit zu sorgen hatten, verschwenderischer denn je zu leben, so daß alle Kaufleute die größte Meinung von ihnen hegten und ihnen jede beliebige Summe anvertraut hätten. Einige Jahre lang half ihnen das Geld, welches Alessandro ihnen schickte, solchen Aufwand zu bestreiten; denn dieser borgte seit einiger Zeit vielen Edelleuten auf ihre Schlösser und sonstigen Einkünfte und machte dabei die vorteilhaftesten Geschäfte.

Während jedoch die drei Brüder auf solche Weise verschwendeten und, wenn es ihnen an Geld fehlte, in der festen Hoffnung auf die Sendungen aus England welches aufnahmen, geschah, was kein Mensch vermutet hatte. In England brach ein Krieg zwischen dem König und einem seiner Söhne aus, der die ganze Insel in zwei Parteien teilte, indem die eine es mit dem Vater, die andere es mit dem Sohne hielt. Durch diesen Krieg wurden denn auch dem Alessandro alle Schlösser der Barone, die ihm verpfändet waren, entrissen, und keine der andern Einkünfte gewährte ihm bessere Sicherheit. Da man jedoch von einem Tag zum andern auf den Frieden zwischen Vater und Sohn hoffte, demzufolge dem Alessandro alles, sowohl Zinsen als Kapital, hätte wiedererstattet werden müssen, verließ dieser die Insel nicht, und die drei Brüder, die in Florenz wohnten und ihren Aufwand in keiner Weise beschränkten, borgten täglich mehr Geld zusammen. Als indes im Verlauf mehrerer Jahre die gehegten Hoffnungen sich nicht erfüllten, verloren jene drei Brüder nicht nur ihren Kredit, sie wurden auch auf Verlangen ihrer Gläubiger, die bezahlt sein wollten, gefangengesetzt und mußten, da ihre Besitzungen nicht ausreichten,[98] um die Schulden zu decken, wegen des Restes im Gefängnis bleiben. Ihre Frauen aber und ihre kleinen Kinder suchten teils auf den Dörfern, teils hie und da in gar dürftigen Umständen ihr Unterkommen, ohne für die Zukunft etwas anderes als Not und Elend erwarten zu können.

Alessandro hatte inzwischen in England mehrere Jahre lang vergebens auf den Frieden gewartet. Als er aber noch immer keine Aussicht dazu sah und sein längeres Verweilen ihm nicht minder lebensgefährlich als unnütz zu sein schien, entschloß er sich, nach Italien zurückzukehren, und machte sich ganz allein auf den Weg.

Da traf es sich nun, daß zugleich mit ihm ein Abt in weißem Ordensgewand von Brüssel abreiste, dem viele Mönche Gesellschaft leisteten und zahlreiche Dienerschaft mit Saumrossen voranzog. Hinter dem Abt folgten zwei Edelleute aus altem, dem König verwandten Geschlecht, die Alessandro von früher her kannte. Als er sich daher zu ihnen gesellte, nahmen sie ihn willig auf. Im Weiterreiten fragte er sie mit geziemender Bescheidenheit, wer die Mönche wären, die mit so vieler Dienerschaft vorausritten, und wohin sie reisten. »Der vorderste«, erwiderte einer der beiden Edelleute, »ist ein junger Vetter von uns, der kürzlich zum Abt einer der größten Abteien Englands gewählt worden ist. Weil er aber jünger ist, als die Gesetze für dieses Amt vorschreiben, gehen wir jetzt mit ihm nach Rom, um den Heiligen Vater zu bitten, daß er ihm wegen seines ungenügenden Alters Dispens erteile und ihn dann in seiner Würde bestätige; doch davon darf noch nicht geredet werden.« Unterwegs ritt der junge Abt bald vor, bald hinter seiner Dienerschaft, wie wir das täglich sehen, wenn große Herren über Land reisen, und so bemerkte er denn auch einmal den Alessandro, der zufällig in seine Nähe gekommen war.

Alessandro war ein junger Mann von schönem Wuchs und einnehmenden Gesichtszügen und so wohlgesittet und unterhaltend, als man es nur sein kann. In der Tat gefiel er dem Abt im ersten Augenblick auf eine so erstaunliche Weise, wie ihm nie zuvor etwas anderes gefallen hatte. Er rief ihn zu sich, fing freundlich mit ihm zu reden an und fragte ihn, wer er sei, woher er komme und wohin er gehe. Alessandro gab ihm auf[99] seine Fragen volle Auskunft, eröffnete ihm unverhohlen seine ganze Lage und erbot sich, so gering auch seine Kräfte seien, zu jedem Dienste. Als der Abt diese verständige und wohlgesetzte Antwort hörte, als er Alessandros feine Bildung im einzelnen genauer beobachtete und bei sich selbst erwog, daß jener, ungeachtet seines niedrigen Geschäfts, dennoch ein Edelmann sei, wurde sein Wohlgefallen an ihm immer lebhafter. Voll Mitleid mit seinen Unglücksfällen ermunterte er ihn zutraulich und hieß ihn gute Hoffnung hegen; denn wenn er nur ein wackerer Mann sei, werde Gott ihn wieder an dieselbe Stelle, von welcher er ihn verstoßen habe, ja vielleicht an eine noch höhere setzen. Übrigens bat er ihn, da seine Reise nach Toskana gerichtet sei und auch er ein gleiches Ziel habe, ihm unterwegs Gesellschaft zu leisten. Alessandro dankte für so freundlichen Zuspruch und erklärte sich zu allem bereit, was jener ihm beföhle.

Von neuen Empfindungen bewegt, die der Anblick Alessandros in ihm geweckt hatte, setzte der Abt seine Reise fort, und nach einigen Tagen langte die Gesellschaft in einem Dorfe an, das mit Wirtshäusern gar spärlich versehen war. Da jedoch der Abt eben hier einkehren wollte, veranlaßte ihn Alessandro, im Hause eines Wirts abzusteigen, mit dem er von früherer Zeit her befreundet war, und sorgte dafür, daß ihm ein Zimmer gerichtet wurde, das unter allen im Hause noch am mindesten unbequem gelegen war. Alessandro war ohnehin eine Art Haushofmeister des Abtes geworden, und in dieser Eigenschaft brachte er das übrige Gefolge, so gut er konnte, in den benachbarten Häusern unter, wo er ebenfalls wohlbekannt war.

Als nun der Abt zu Abend gespeist hatte und es schon so spät in der Nacht geworden war, daß alle Leute sich schlafen gelegt hatten, fragte Alessandro den Wirt, wo er selber schlafen könne. »Das weiß ich wirklich nicht«, antwortete der Wirt. »Du siehst, alles ist besetzt, und kannst dich überzeugen, daß meine Angehörigen auf den Bänken schlafen. In der Stube des Abts wären freilich noch einige Kornladen; da könnte ich dich hinführen, ein paar Betten darauflegen, und wenn dir's recht wäre, würdest du die Nacht, so gut es gehen will, darauf schlafen.«[100] Alessandro entgegnete: »Wie soll ich jetzt noch in des Abtes Stube gehen, die überdies so klein ist, daß keiner seiner Mönche darin hat schlafen können? Hätte ich's gewußt, ehe die Vorhänge zugezogen wurden, so hätte ich auf dem Kornkasten ein paar Mönche schlafen lassen und wäre selbst dahin gegangen, wo die jetzt sind.« Darauf sagte der Wirt: »Es ist doch nun einmal so, und du findest dort, wenn du willst, das beste Lager von der Welt. Der Abt schläft, und die Vorhänge sind zugezogen. Ich bringe dir in aller Stille ein Kissen, und du schläfst da.« Als Alessandro sah, daß die Sache sich einrichten ließ, ohne dem Abt beschwerlich zu fallen, willigte er ein und legte sich so leise wie möglich zurecht.

Der Abt aber schlief noch nicht, sondern hing seinem neuerregten Verlangen leidenschaftlich nach und hatte alles gehört, was Alessandro und der Wirt miteinander gesprochen und wo jener sich niedergelegt hatte. In seinem Innern hocherfreut, sagte er zu sich selber: »Gott hat mir Gelegenheit zur Erfüllung mei ner Wünsche gegeben. Wenn ich sie vorübergehen lasse, wird für lange Zeit eine ähnliche nicht so leicht wiederkommen.« Entschlossen also, sie zu nutzen, rief er, sobald alles im Hause still zu sein schien, den Alessandro mit leiser Stimme und forderte ihn auf, sich zu ihm ins Bett zu legen. Alessandro widerstrebte anfangs, dann aber entkleidete er sich und legte sich nieder. Sogleich legte der Abt ihm die Hand auf die Brust und begann ihn nicht anders zu betasten, als es lüsterne Mädchen bei ihren Liebhabern tun. Alessandro war darüber nicht wenig erstaunt und dachte, den Abt treibe vielleicht eine schändliche Liebe, ihn also zu betasten. Dieser erriet indes, entweder aus Alessandros Benehmen oder aus innerer Ahnung, diesen Verdacht, zog rasch das Hemd aus, das er noch anhatte, ergriff die Hand des jungen Mannes, legte sie auf seine Brust und sagte: »Alessandro, verbanne deinen törichten Wahn und erkenne hier, was ich bisher verbarg.« Alessandros Hand hatte inzwischen auf der Brust des Abtes zwei runde, feste und zarte Hügel entdeckt, die sich nicht anders anfühlten, als seien sie von Elfenbein, und kaum hatte er diese gefunden und sogleich erkannt, daß er neben einem Mädchen lag, so hatte er es auch, ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, in den Arm[101] genommen und wollte es schon zu küssen anfangen, als es ihn mit folgenden Worten unterbrach:

»Ehe du mir näherkommst, höre erst, was ich dir sagen will. Ich bin, wie du dich überzeugt haben wirst, ein Mädchen und kein Mann. Als Jungfrau habe ich meine Heimat verlassen und habe zum Papst reisen wollen, damit er mich vermähle. Zu deinem Glück oder vielmehr zu meinem Unstern bin ich vor einigen Tagen, als ich dich zum ersten Male sah, in solcher Liebe zu dir entbrannt, daß vielleicht nie ein Weib einen Mann heftiger geliebt hat. Deshalb habe ich beschlossen, lieber dich als irgendeinen andern zum Manne zu nehmen. Willst du mich aber nicht zur Frau, so verlasse mich augenblicklich und kehre wieder zu deiner Schlafstelle zurück.«

Obwohl Alessandro sie nicht kannte, so schloß er doch mit Rücksicht auf die Gesellschaft, in der sie reiste, sie müsse vermögend und von gutem Stande sein, und daß sie schön war, sah er selbst. So antwortete er denn, ohne sich eben lange zu besinnen, wenn es ihr lieb sei, so sei es ihm höchst erwünscht. Nun setzte sie sich im Bett auf, gab ihm einen Ring in die Hand und befahl ihm, sich vor einem Bilde, das dort hing und auf welchem unser Heiland abgebildet war, ihr zu verloben. Dann umarmten sie sich und ergötzten sich während des übrigen Teils der Nacht aneinander, zu großer beiderseitiger Lust. Als der Tag anbrach und beide sich über ihr künftiges Betragen verabredet hatten, stand Alessandro auf und verließ die Stube, so wie er hereingekommen war, ohne daß jemand erfuhr, wo er in dieser Nacht geschlafen hatte. Dann machte der Abt sich hochvergnügt mit seiner Gesellschaft wieder auf den Weg, und nach einer Anzahl Tagereisen kamen sie endlich in Rom an.

Kaum hatten sie sich hier einige Tage ausgeruht, so wartete der Abt mit den beiden Edelleuten und mit Alessandro dem Papste auf und fing nach der geziemenden Begrüßung also zu reden an: »Heiliger Vater, Euch muß es besser als jedem andern bekannt sein, daß, wer rechtlich und ehrbar leben will, nach Kräften jeden Anlaß vermeiden muß, der ihn anders zu handeln verleiten könnte. Da ich nun gesonnen bin, solcherart zu leben, bin ich, um jener Regel vollkommen zu genügen, in der Tracht, in der ich vor Euch stehe, vom Hofe meines Vaters,[102] des Königs von England, geflohen und habe einen großen Teil seiner Schätze mit mir genommen. Dieser wollte mich nämlich, so jung ich bin, an den König von Schottland, einen steinalten Herrn, verheiraten. Ich aber habe mich hierher auf den Weg gemacht, damit Eure Heiligkeit mich vermählen möge. Auch hat mich nicht sowohl das Alter des Königs von Schottland zur Flucht bewogen, als die Furcht, ich könnte infolge meiner jugendlichen Schwäche mich nach meiner Heirat wider die göttlichen Gesetze und wider die Ehre des königlichen Blutes versündigen. Während ich nun in solcher Absicht hierher reiste, hat mir Gott, der allein vollkommen weiß, was einem jeden not tut, nach seiner Barmherzigkeit den vor die Augen geführt, der, wie ich glaube, nach seinem Willen mein Gemahl sein soll, und das ist dieser junge Mann« – dabei zeigte sie auf Alessandro –, »den Ihr hier an meiner Seite seht und dessen edle Sitten und wackeres Benehmen jeder noch so hochgeborenen Dame würdig sind, wenn auch vielleicht der Adel seines Blutes dem königlichen nachstehen muß. Ihn also habe ich mir auserlesen, ihn will ich zum Gemahl, und nie werde ich einen andern nehmen, was auch mein Vater oder die Welt dazu sagen mögen. Dadurch wäre eigentlich der Hauptgrund meiner Reise erledigt gewesen. Dennoch habe ich sie vollenden wollen, teils um die heiligen und ehrwürdigen Stätten zu besuchen, von denen diese Stadt so voll ist, und um Eure Heiligkeit selbst zu sehen, teils aber auch, um die zwischen Alessandro und mir bisher allein im Angesichte Gottes geschlossene Ehe Euch und infolgedessen den übrigen Menschen zu offenbaren. So bitte ich Euch denn flehentlich, was Gott und mir gefallen hat, Euch ebenfalls genehm sein lassen zu wollen und uns Euren Segen zu erteilen, auf daß wir mit ihm als einem sicheren Unterpfand der Billigung dessen, den Ihr auf Erden vertretet, zu Gottes und zu Eurer Ehre leben und endlich dereinst sterben können.«

Alessandro erstaunte, als er vernahm, seine Gattin sei die Tochter des Königs von England, und innige, aber heimliche Freude erfüllte sein Herz. Mehr aber noch erstaunten die beiden Edelleute, und sie wurden darüber so unwillig, daß sie, wenn sie vor einem anderen als dem Papste gestanden hätten, sich gegen den jungen Mann und vielleicht auch gegen die[103] Dame tätlich vergangen hätten. Auf der andern Seite erstaunte auch der Papst über die Tracht der Dame und über ihren Entschluß. Da er jedoch einsah, daß das Geschehene nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, beschloß er, ihrer Bitte zu willfahren. Vor allen Dingen beruhigte er die beiden Edelleute, deren Unwillen er bemerkt hatte, und stellte ihr gutes Vernehmen mit der Dame und mit Alessandro wieder her. Dann ordnete er an, was ferner geschehen solle.

Als hierauf der von ihm festgesetzte Tag herangekommen war, berief er in Gegenwart sämtlicher Kardinäle und anderer Vornehmer, die auf seine besondere Einladung zu einem glänzenden Feste erschienen waren, die Dame, welche in königlichem Schmucke so reizend und anmutig erschien, daß sie von allen verdientes Lob erwarb, und den Alessandro, der, ebenfalls königlich geschmückt, nicht für einen jungen Mann, der auf Wucherzinsen geliehen, sondern für einen königlichen Prinzen gehalten werden konnte, wie ihm denn in der Tat von den beiden Edelleuten viel Ehre erwiesen wurde. Hier ließ der Papst das Eheverlöbnis von neuem feierlich begehen, und nachdem die Hochzeit festlich und prachtvoll gefeiert worden war, verabschiedete er das Paar mit seinem Segen.

Auf Wunsch Alessandros und mit Zustimmung der Dame sollte die Rückreise über Florenz führen, wohin das Gerücht schon Kunde von diesen Begebenheiten gebracht hatte. Von den Einwohnern mit den höchsten Ehren aufgenommen, ließ die Dame, nachdem sie alle Gläubiger befriedigt hatte, die drei Brüder befreien und setzte sie und ihre Frauen in die ehemaligen Besitzungen wieder ein. Um dessentwillen von allen wohlgelitten, verließen Alessandro und seine Gemahlin Florenz, von wo sie den Agolante mitnahmen. In Paris angelangt, wurden sie vom König ehrenvoll empfangen. Von dort aus reisten die beiden Edelleute nach England und vermochten so viel über den König, daß er der Tochter seine Liebe wieder zuwendete und sie und seinen Schwiegersohn mit großen Freuden bei sich empfing. Den letzteren machte er bald darauf in besonders ehrenvoller Weise zum Ritter und gab ihm die Grafschaft Cornwall. Dieser aber besaß so großes Geschick und gab sich so viel Mühe, daß es ihm gelang, Vater und Sohn wieder zu[104] versöhnen. Daraus erwuchs der Insel ein großer Vorteil, und Alessandro gewann die Liebe und den Dank des ganzen Volkes. Agolante aber rettete alles vollständig, was die Brüder in England zu fordern hatten, und kehrte überreich nach Florenz zurück, nachdem Graf Alessandro ihn zuvor zum Ritter gemacht hatte. Der Graf führte dann mit seiner Gattin ein rühmliches Leben, und wie einige sagen, hat er teils durch eigene List und Tapferkeit, teils mit Hilfe seines Schwiegervaters Schottland erobert und wurde als dessen König gekrönt.

Quelle:
Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron. München 1964, S. 95-105.
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