Der Schuhknecht

[365] Vor allen Dirnen so flink und so glatt

Lacht mir die lachende Lore.

Vor allen prunkenden Plätzen der Stadt

Prunkt mir der Winkel am Thore.[365]

Des Hofes Dame, wie schmuck sie sich macht,

Mit nichten gleicht sie der Lore.

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Ihr Vater hockt in dem Stübchen und flicht

Aus Eggen warme Pantoffeln.

Die Mutter, gibt es Kastanien nicht,

Verkauft am Markte Kartoffeln.

So brav erzogen, so eben und sacht,

Ward nie ein Mädchen als Lore.

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Kömmt sie getrippelt das Gäßchen herab,

Dann wird mirs blind vor den Augen;

Doch schallt im Haus ihr behendes klipp klapp,

Nicht Stich noch Naht will mir taugen.

Der Meister schmunzelt – doch hab er Verdacht,

Ich sei erpicht auf die Lore!

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Vor allen Tagen der Woche behagt

Der Tag behaglicher Ruhe.

Da wird ein Sprung in das freie gewagt,

Da rasten Stiefel und Schuhe.

Mit Bursch und Mädchen in stattlicher Pracht

Gehts flink zu Dorf mit der Lore.

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Auch schleppt der ehrbare Meister mich wohl

Am Festtag mit in die Predigt,

Und fegt mich wacker beim dampfenden Kohl,

Hab ich des Zwangs mich entledigt.

Doch halt er immer die geistliche Wacht,

Ich Weltkind schleiche zur Lore![366]

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Tritt Weihnacht wieder einmal ins Land,

Dann strozt von Geld mir die Ficke,

Das mir zum Rocke die Mutter gesandt,

Und Ihr ins Händchen ichs drücke.

Ja höb ich Schätze vom Satan bewacht,

Die Schätze flögen zur Lore!

Bei Tag ist Sie mein Gedank und bei Nacht

Und wohnt im Winkel am Thore.


Mein Stündlein kömmt daß ich fort in die Welt

Nach Handwerksordnungen wandre,

Und drauf als redlicher Mann für mein Geld

Herr Meister werde wie andre.

Dann wird getraut in der neuesten Tracht,

Dann wird Frau Meisterin Lore,

Dann gehts juchheissa bei Tag und bei Nacht,

Nicht mehr im Winkel am Thore!

Quelle:
Heinrich Christian Boie. Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert von Karl Weinhold, Halle 1868, S. 365-367.
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