Godwi an Römer

[113] Werden wir uns wiederkennen, Römer, da der Wechsel die Dinge nun ergriff und in der Werkstätte des Lebens wir, andere Bilder, dastehen? Werden wir unsre Herzen herausfinden aus diesen Falten augenblicklicher Stimmungen? und wann werden wir ewig unveränderlich, nackt und vollkommen die schönste Vollendung unsrer Eigentümlichkeit sein? wo kein äußeres Zeichen mehr unsre Ordnung bestimmt, sondern wir selbst ein einziges, unteilbares Zeichen für unser höchstes Dasein sind.

Ich fand dich wieder in deinem zweiten Briefe, in dem dich[113] das Leben so bunt vermummt hatte. Ich kann dich auch so und vielleicht so noch mehr lieben, obschon du die Narben vieler Abenteuer der äußern und innern romantischern Zeit deiner Jugend trägst, und mir kein Einzelner mehr erscheinst.

Wie ist dir? du Armer! Soll ich den aufrichten, der mich nicht aufrichten konnte?

Dein Urteil war in deinem ersten Briefe weiter als dein Leben, und dein Geist richtete an der Wiege deiner Handlungen über die Sünden deiner Männlichkeit. – Ich erkühne mich nicht, über diese Zufälle auszusprechen, denn ich achte nicht die Gefahr, nein! nur die Süßigkeit des Lebens.

Man soll mich nie eines Eingriffs zeihen in das stille feierliche Weben der Liebe durch die Natur, womit sie uns dicht nebeneinander in die bunten Farbenmelodieen des Lebens verschlingt.

Nie habe ich den lächelnden Ernst und die kindische Feier dieses heiligen Gewerkes mehr empfunden als jetzt. Auch mich hat die Liebe mit unendlich zarten Armen umfangen, und an das warme lebendige Herz der Natur sanft herangezogen. Ich stehe nicht mehr allein, trotzig und kühn die Welt zu beschauen, und ihren tausendfachen Schritt, und das Begehren und Hingeben ihrer glühenden Pulsschläge. Ich bin im Leben, o Freund, und wo? In seinen unschuldigsten Blicken, in den freundlichsten Grübchen seiner Wangen, in der teilbarsten Fülle seiner Lockenflut, und in seinen zartesten Träumen.

Alle meine Pläne, alle meine Hoffnungen sind freiwillig losgetrennt von mir, ich sah sie ruhig, mit wehmütigem Entzücken leise über mir hinwegschweben, wie mächtige, leichte Luftbälle, als habe sie die in uns so traurig gefangene Allgemeinheit des Lebens als ein Bild ihrer schönen verlornen Freiheit erschaffen, das sich ungetreu von dem Künstler losreißt, um sein Urbild zu suchen, als habe die sehnende Einsamkeit meiner Seele einen herrlichen Boten ihres Verlangens in den unentdeckten Himmel gesandt. Aber Freund! es ist nur ein freudiges herzerhebendes Schauspiel geworden für meine Liebe und mich; da ich mit ihr den fliehenden Kugeln nachsah, drückte sie mich sanft in die Arme, und mein Herz ward größer, je kleiner die entwichenen aufwärtsschwebten. Sie waren schon unkenntliche Punkte über mir, und die Welt unermeßlich groß unter mir[114] geworden, als die Liebe zu mir sagte. »O hebe dein Haupt, Jüngling, sieh, wie weit sind die Sterne und wie leuchtend, deine Pläne sind noch viel näher, und wir sehen sie nicht mehr.«

Alles ist mir entschwunden, dem ich sonst ein Spiel war. Die Welt ist von mir gesprungen, wie eine Form, die nun ein reines Bild gebar, ach! ich werde es nun nicht mehr beklagen, da ich nun so lieblich begrenzt bin. Das Leben ist hier oben so mild widerstrebend, und ich fühle, daß ich am Busen der Natur in einer elastischen Ruhe des Genießens liege. Mein ganzes verflossenes Leben liegt in ungestalten, farbenlosen Massen hinter mir. Das alles sollte ein ungeheurer Tempel werden, und sank vor dem Himmelsbogen erbebend in den Willen eines Kindes zusammen. Ich stehe an meinem vorigen Leben wie an einem Hügel unordentlich gesammelter Steine, die eher zur Ruine wurden als zum Gebäude, und bin zufrieden, wenn nur eine wilde einsame Blume an ihm aufblüht. Vor mir wird alles so deutlich, so groß im kleinsten, und ein ewiger Spiegel. Kein Geist tritt auf, den das Wort nicht reichlich, geschmeidig und durchsichtig bekleidet, kein Vorsatz schreitet ruhmsüchtig mit eitlem Klange vor der bescheidenen Tat her, ich finde mich in allem, und der Liebe.

Ach wie braucht es doch so wenig, um zu vergessen, so wenig, unser Dasein wenige Schritte vorher selbst zu übersehen. Gleichen die Menschen nicht Kindern, die jedes Spielzeug mit Begierde umfassen, sich mit ihrem ganzen Verstande darüber hinwerfen und heftig weinen, wenn es ihnen genommen wird? Doch schnell erholen sie sich, und das neue, das man ihnen hingiebt, ist das wahre, nun haben sie's endlich gefunden, was sie wünschten. So wechseln sie immer, und endlich löst sich das ganze Spiel von ihnen. Wir wissen nicht, was der liebe Bruder nun vornimmt, wir kennen den Ort nicht, an den er geführt wird, und was er nun erhalten wird, um die äußre Natur von sich zurückzudrängen, damit er nicht in sie zerrinnt. Wir werfen das Spielzeug aus den Händen, und knieen um das Kleid herum, das er trug, als er bei uns war, »wohin bist du? daß dies schöne Kleid nicht der Mühe wert war«, und kühle Erde umfaßt den engen Schrein, der seine Hülle versteckt. Wir glauben, um den Toten zu weinen, aber wir weinen um den[115] Tod, wir empfinden den Schmerz, weil unsre Seele aufwärtsblickt, der Linie nach, die unser Freund nach dem Ziele unsrer Bestimmung gezogen hat, und weil das Leben uns gewaltsam zurückzieht. – Aber nimmer lernen sie, zu fühlen, daß selbst der Tod nur eine solche Trauer des Kindes über das genommene Spiel ist. – Wir sterben auch im Leben, nur sind die Übergänge sichtbarer, oder ganz unsichtbar, und immer gebärt uns die Liebe wieder. Ich fühle, daß ich in einer andern Welt bin, und ein Kind; wenige werden ja mehr als Kinder in der Liebe, und Kinder in der Kunst; es sind die, welche für die Zurückgebliebenen schon Meister in beiden scheinen.

Sieh, Römer! ich habe alles vergessen, und wenn ich dich auch einmal vergesse, so weine nicht, denke, daß dann noch ein Leben zwischen uns liegt. Willst du mich aber übereilen, so will ich dir dasselbe tun; wohl uns, wenn wir gleiche Schritte gehen, und ewig jeder neben dem Freunde.

Fern liegt mir die vergangene Zeit, nur was mir damals in Dunkelheit gehüllt bang vor den Augen schwankte, was mit der wundersüßen fremden milden Sprache der Sehnsucht in tiefen Stunden neben mir erklang, was mit unendlicher Gewalt mich in schwindelnde augenblickliche Höhe warf, steht itzt hell, verständlich und mit gleicher Stärke neben mir. Es waren damals kühne Minuten meiner Zukunft, die sich in meine Gegenwart wagten, und itzt wie bekannte Freunde neben mir stehen.

Ich denke nie zurück, auch wenn ich etwas von dorther sehe, so ist es Nordschein, oder Blitz, der die Jugend erleuchtet, und wahrlich, ich kann solche Erinnerungen wehmütig anblicken, die wie verspätete Worte verstorbener Sprachen um mich wandeln, und nur in den tiefern Narben meiner Wunden eine Heimat finden.

Nur dann sind wir glücklich, wenn wir nicht wissen, wie wir es sind, wenn wir geboren sind und Kinder. Wenn wir jeden Mechanismus eines Lebens ergründen wollen, so sind wir zum Tode reif, und kennen wir ihn, so sind wir vorüber; denn dann ist das Leben mit uns selbst zusammengeflossen, und ist nicht mehr, und jedes heftige unwillkürliche Begehren in uns ist Sehnsucht nach dem Tode, wie jede willkürliche Begierde die Meditation des Selbstmordes ist.[116]

Vollkommenes Gleichgewicht der Natur in uns und außer uns, soviel Streben als Erlangen, soviel Geben als Umfangen ist die Minute des Entzückens der Liebe, und die tätigste, wo nicht vollendetste des Daseins. Wer je einen solchen Moment in sich fühlt, der winde ihn sanft und rasch, mit Begeisterung, aus dem Gewirre seiner Wünsche; denn dies ist sein Glück, seine Bestimmung und all sein Talent.

So ist es mir geworden!

Die Dämmerung lag zwischen dem Streben und der Vollendung, der glühende Tag, im Feuer des Lichtes zu seiner eignen Gestalt geschmiedet, verglimmte in die dunkle Nacht, in der unendlichen Zahl seiner Brüder unsichtbar untergehend. Ich saß am Turme zu den Füßen Otiliens. Ihre Hand lag dicht neben der meinigen, und ich schien mit dem Rande des Gewandes, das sie bedeckte, zu spielen, es war ein solches Spiel des Lebens. Eusebio stand hinter ihr, und legte ihr die Haare in Flechten. Ich empfand eine Kühnheit in mir, die schnell in eine große Ruhe zerfloß, als habe mein erhöhtes Dasein meine Kühnheit wieder eingeholt. – Meine Sehnsucht war durch die ihrige umarmt, und meine Hand lag in der ihrigen. – So war ich aufgelöst in der Natur, die mich umgab, und in der ich nun alles umgab.

Leise, wie ein Lied des Danks, zündete sich Eusebios Stimme am Monde an, der seinen Blick über den Bergen öffnete, ich sah ihr Auge nicht glänzen, denn sie blickte zu mir herab, ich fühlte den Puls in ihrer Hand, und die sanft schimmernde Nacht wandelte um uns her. – Eusebio sang:


Sieh, dort kömmt der sanfte Freund gegangen,

Leise, um die Menschen nicht zu wecken;

Kleine Wölkchen küssen ihm die Wangen,

Und die schwarze Nacht muß sich verstecken.

Nur allein

Wer mit Pein

Liebt, den kühlet sein lieblicher Schein.


Freundlich küsset er die stillen Tränen

Von der Liebe schwermutsvollen Blicken,

Stillt im Busen alles bange Sehnen,[117]

Alles Leiden weiß er zu erquicken.

Liebe eint,

Wenn erscheint

Ohnvermutet die Freundin dem Freund.


Auch mich kleinen Knaben siehst du gerne,

Kömmst mit deinen Strahlen recht geschwinde,

Mir zu leuchten aus der blauen Ferne,

Wenn ich Tiliens seidne Locken winde.

Zuzusehn,

Bis wir gehn,

Wenn die kühleren Nachtwinde wehn.


Als Eusebio die Worte sang:


Liebe eint,

Wenn erscheint

Ohnvermutet die Freundin dem Freund, –


fühlte ich, daß sich unsre Hände dichter verschlangen, und daß mein Dasein in dieser Minute alle Wichtigkeiten meines Lebens aufwog.

O Römer! es wohnt soviel Freude um uns und schmachtet unerkannt, aber wir gehen stolz vorüber, und unser ungebärdiges Wesen macht die zarte Tochter des Himmels so menschenscheu. In dem einklingenden Akkorde unsres äußern und innern Lebens kömmt sie uns zu umarmen. Wenige Auserwählte nur erreichen das Rückkehren einer selbstgeschaffenen schönen Welt der Kunst in sich, in die liebende lebende Natur, und alle Klagenden konnten die Oktave höher nicht erreichen, und sind zu stolz, aus den paar errungenen Tönen in das Echo des reinen Grundtons zurückzukehren.

Itzt sehe ich, daß mir der Stoff des Glückes fehlte, der stille einfache Friede, in dem sich alle Sehnsucht beantwortet, wie die Welle im Teich. Alles dieses hat mir die Liebe gegeben. Es ist mir ein reines kunstloses Weib begegnet, und sie hat alle Hindernisse in mir gehoben, die sie nicht kannte, und sie hat alle Krankheiten einer Welt in mir geheilt, die sie nicht kannte. Ist der Tod nicht eine Genesung, und Liebe nicht der Tod? Es gibt eine allgemein treffende Antwort, eine milde wahre Auflösung[118] aller Rätsel der Kunst, in der reinen Natur, und die Natur hat sie in die Liebe des reinsten Weibes gelegt. – Wenn mich Tilie liebt, so habe ich keinen Wunsch, kein Begehren, keine Geschichte mehr, ich bin aus dem Leben in die Natur getreten, und, guter Römer! knie dann neben mein Andenken hin, stille deine Tränen, und sprich die wahren, heiligen Worte: Er ruht sanft, ihm ist es besser als uns, wir müssen alle diesen Weg, wohl uns! wohl dir!

Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 2, München [1963–1968], S. 113-119.
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