[294] Der Monat Junius beblühmte Feld und Auen,
Als ich, die Wunder-Pracht der Bluhmen zu beschauen,
Im Garten gieng. Mein ält'ster Sohn lief mit;
Sein reger Fuß hüpft' immer hin und her,
Mit fröhlichem, fast nimmer stillem Schritt.
Als er nun ungefehr
Ein güld'nes Käferchen auf einer Rose fand;
Ergriff er es mit seiner kleinen Hand,
Und kam darauf, in vollen Sprüngen,
Mir den gefund'nen Schatz zu bringen.
Ich lobte seinen Fund, und nahm ihn lächelnd hin,
Betrachtete, mit fast erschrock'nem Sinn,
Die Schönheit, Farben und Figur,
Mit welcher ihn die bildende Natur
Begabt und ausgeziert.
Durch's Auge ward mein Hertz gerührt,
Als ich, mit höchster Lust, erblickte,
Wie ihm Smaragd und Gold den glatten Rücken schmückte;
Und ich bewunderte sein wandelbares Grün,
Das bald wie Gold, bald wie Rubin,
Und bald aufs neu Smaragden, schien,
Nachdem der Fürst des Lichts auf seine Theilchen strahlte,
Und die verschied'ne Fläche malte.
Als ich mich lange nun an seinem Glantz ergetzet,
Und diese Schönheit hoch geschätzet;
Verspüret' ich, wie die veränderliche Pracht
Mich allgemach auf die Gedancken bracht':
Was sind die Farben doch? Nichts, als ein blosses Nichts.
Denn, wenn der Schein des all-erfreu'nden Lichts[295]
Sich von uns trennet, schwinden,
Vergehn und sterben sie; man kann nicht einst die Spur
Von ihrer Pracht, von ihrem Wesen, finden.
Dieß heisst mich weiter gehn, und auch: Was ist die Welt?
Was ist das Irdische? Was ist die Creatur?
Was sind wir selber? fragen;
Worauf mir Gottes Wort, Witz und Erfahrung sagen:
Farben sind es, was ihr sehet,
Höret, riechet, schmeckt und fühlt.
Ohne Gott, den Brunn des Lichts,
Sind wir, und ist alles, nichts.
Alles schwindet und vergehet,
Was auch noch so herrlich spielt.
Da Capo.
Da ich dem Knaben nun das Würmchen wieder reichte;
Entflog es ihm, und alle Freude mit.
Kein Kummer war, der seinem gleichte;
Es wanckte sein verwirrter Tritt;
Er fieng erbärmlich an zu weinen;
Die kleine Hand rieb die bethränten Augen;
Er änderte Geberden und Gestalt,
Und konnt' ihn nichts zu trösten taugen.
Worüber ich denn hertzlich lachte;
Doch änderte sich dieß mein Lachen bald,
Als ich auch unser Werck und kindisch Thun bedachte.
Ein Wurm ergetzt ein Kind, ein gelber Koth die Alten;
Man will ihn mit Gewalt erhalten und behalten.
Das Kind hat kurtze Lust, der Alte kleine Freude;
So bald nur Wurm und Gold dahin sind, weinen beyde.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Irdisches Vergnügen in Gott
|
Buchempfehlung
Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.
106 Seiten, 6.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.
390 Seiten, 19.80 Euro