Ephemeris

[280] Ich seh' die kleinen Eulchen schweben,

Die man Ephemeris sonst heisst;

Die einen eintz'gen Tag nur leben.

Bey dem Geschöpfe denckt mein Geist:


Wie flüchtig ist doch eure Zeit!

Bey ihr scheint unsre fast ein Theil der Ewigkeit:

Was Stunden bey uns sind, sind euch ja kaum Secunden:

Was unsre Jahre sind, sind eure Viertel-Stunden.


Da aber dieses Thier, indem es munter flieget,

Dem Ansehn nach, vergnügt ist und sich freut;

So hat es, ungeacht't der kurtzen Lebens-Zeit,

Sich länger auf der Welt, als mancher Mensch, vergnüget.


Quelle:
Barthold Heinrich Brockes: Auszug der vornehmsten Gedichte aus dem Irdischen Vergnügen in Gott. Stuttgart 1965, S. 280-281.
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