Erstens

Frühe Talente

[78] Wennschon der Mensch, eh er was wird,

Zuweilen strauchelt oder irrt,

Wennschon die Heiligen vor allen

Mitunter in Versuchung fallen –

So gilt doch dies Gesetz auf Erden:

Wer mal so ist, muß auch so werden! –

Auch unser Toni zeigte früh

Zum Heilgen mancherlei Genie. –

Man rechnet meistens zu den Lasten

Das kirchliche Gebot der Fasten;

Man fastet, weil man meint, man muß.

Für Toni aber war's Genuß! –

Bouillon und Fleisch und Leberkloß,

Das war ihm alles tutmämschos.

Dagegen jene milden Sachen,

Die wir aus Mehl und Zucker machen,

Wozu man auch wohl Milch und Zimt

Und gute, sanfte Butter nimmt – –

Ich will mal sagen: Mandeltorten,

Dampfnudeln, Krapfen aller Sorten,

Auch Waffel-, Honig-, Pfannekuchen –

Dies pflegt' er eifrig aufzusuchen.

Den Freitag war er gern allein,

Um sich besonders zu kastein.

Der Tag war ihm besonders heilig. –

Früh stund er auf und schlich sich eilig

Zur Scheune auf die kühle Tenne,

Denn Piccola, die kluge Henne,

Legt' hier, versteckt in frisches Heu,

Behutsam schon ihr Morgenei.


Frühe Talente

[78] Er trank es aus. – Hier sehen wir,

Daß selbst das unvernünft'ge Tier

Mit sonst gedankenlosen Werken

Den Frommen fördern muß und stärken.


Ein Gärtner wohnt ganz nahebei,

Der, im Besitz der Fischerei,

Doch immer nur auf Fleisch bedacht,

Sich aus dem Freitag wenig macht

Und als ein pflichtvergessner Greis

Den christlichen Familienkreis

An diesem Tag beharrlich flieht,

In dunkle Ketzerkneipen zieht

Und da, als wär's am Kirchweihfest,

Sich Wurst und Braten geben läßt. –


Oh pfui! – – Doch sieh! Der Toni kam,

Sobald der Fischer Abschied nahm.

Im traulich stillen Gartenraume

Pflückt er die Kirsche und die Pflaume,

Geht dann hinab am Murmelbach

Und sieht des Fischers Angeln nach,

So daß er manchen Fisch sodann

Der guten Mutter bringen kann. –


Gesegnet sind die Frommen! Ihnen

Muß jedes Ding zum Besten dienen![79]

Doch nicht allein die Fastenzeit

Fand ihn stets willig und bereit.

Nein! Auch die vielen Feiertage

Trug er geduldig ohne Klage:

So wie die braven, guten Alten

Pflegt' er die Kirchweih streng zu halten.


In alle Kirchen, nah und fern,

Ging er zur Beichte oft und gern

Und gab der Beichte Zettel willig

An andre Knaben – aber billig.


Wenn Messe war, stets war er da;

Wo Julchen kniete, stand er nah;

Denn dieses Mädchen, ob es gleich

Schon älter war und etwas bleich,

Zog doch durch andachtsvollen Sinn

Den frommen Knaben zu sich hin.


Ihr guten Mädchen! Ach, wie schön

Ist dieses Beispiel anzusehn! –


Zuweilen auch, bei kühler Zeit,

Trieb ihn der Geist zur Einsamkeit,


Frühe Talente

So daß er morgens auf dem Pfühle,

Entfernt vom Schul- und Weltgewühle,

Bis in den hellen Wintertag,

Ein stiller Klausner, sinnend lag. –

Kurzum! Man sah an diesem Knaben

Schon früh die Keime jener Gaben,

Die er in gnadenvoller Zeit

Gepflegt zum Ruhm der Christenheit.
[80]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 78-81.
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Der heilige Antonius von Padua.
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