[528] Die gute Schwester Anna spricht
Zu Bruder Karl: »Ach, nasche nicht!«
Doch der will immer weiter lecken,
Da kommt die Mutter mit dem Stecken.
[528]
Er läuft bis vor das Hexenhaus,
Da baumelt eine Wurst heraus.
Schwipp! fängt ihn mit der Angel schlau
Die alte, böse Hexenfrau.
[529]
Dem Karl ist sonderbar zumute,
Die Hexe schwingt die Zauberrute
Und macht durch ihre Hexerein
[530] Aus Karl ein kleines Quiekeschwein.
Schon fängt der Hexe böser Mann
Das Messer scharf zu schleifen an.
[531] Da findet das treue Schwesterlein
Die Wunderblume mit lichtem Schein.
Und eben als die Bösen trachten,
Das Quiekeschwein sich abzuschlachten,
[532]
Da tritt herein das Ännchen. – Das Schwein quiekt und rennt;
Die Hexe fällt ins Messer, der böse Mann verbrennt.
Und Bruder Karl verliert auch bald
Die traurig-schweinerne Gestalt:
[533]
Da ist er froh
Und spricht: »Nie mach' ich's wieder so!«
Buchempfehlung
1843 gelingt Fanny Lewald mit einem der ersten Frauenromane in deutscher Sprache der literarische Durchbruch. Die autobiografisch inspirierte Titelfigur Jenny Meier entscheidet sich im Spannungsfeld zwischen Liebe und religiöser Orthodoxie zunächst gegen die Liebe, um später tragisch eines besseren belehrt zu werden.
220 Seiten, 11.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.
424 Seiten, 19.80 Euro