[528] Die gute Schwester Anna spricht
Zu Bruder Karl: »Ach, nasche nicht!«
Doch der will immer weiter lecken,
Da kommt die Mutter mit dem Stecken.
[528]
Er läuft bis vor das Hexenhaus,
Da baumelt eine Wurst heraus.
Schwipp! fängt ihn mit der Angel schlau
Die alte, böse Hexenfrau.
[529]
Dem Karl ist sonderbar zumute,
Die Hexe schwingt die Zauberrute
Und macht durch ihre Hexerein
[530] Aus Karl ein kleines Quiekeschwein.
Schon fängt der Hexe böser Mann
Das Messer scharf zu schleifen an.
[531] Da findet das treue Schwesterlein
Die Wunderblume mit lichtem Schein.
Und eben als die Bösen trachten,
Das Quiekeschwein sich abzuschlachten,
[532]
Da tritt herein das Ännchen. – Das Schwein quiekt und rennt;
Die Hexe fällt ins Messer, der böse Mann verbrennt.
Und Bruder Karl verliert auch bald
Die traurig-schweinerne Gestalt:
[533]
Da ist er froh
Und spricht: »Nie mach' ich's wieder so!«
Buchempfehlung
Stifters späte Erzählung ist stark autobiografisch geprägt. Anhand der Geschichte des jungen Malers Roderer, der in seiner fanatischen Arbeitswut sich vom Leben abwendet und erst durch die Liebe zu Susanna zu einem befriedigenden Dasein findet, parodiert Stifter seinen eigenen Umgang mit dem problematischen Verhältnis von Kunst und bürgerlicher Existenz. Ein heiterer, gelassener Text eines altersweisen Erzählers.
52 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.
444 Seiten, 19.80 Euro