Ermahnungen und Winke

[84] O wie lieblich, o wie schicklich,

Sozusagen herzerquicklich,

Ist es doch für eine Gegend,

Wenn zwei Leute, die vermögend,

Außerdem mit sich zufrieden,

Aber von Geschlecht verschieden,

Wenn nun diese, sag ich, ihre

Dazu nötigen Papiere

So wie auch die Haushaltsachen

Endlich mal in Ordnung machen

Und in Ehren und beizeiten

Hin zum Standesamte schreiten,

Wie es denen, welche lieben,

Vom Gesetze vorgeschrieben,

Dann ruft jeder freudiglich:

»Gott sei Dank, sie haben sich!«

Daß es hierzu aber endlich

Kommen muß, ist selbstverständlich. –

Oder liebt man Pfänderspiele?

So was läßt den Weisen kühle.

Oder schätzt man Tanz und Reigen?

Von Symbolen laßt uns schweigen.

Oder will man unter Rosen

Innig miteinander kosen? –

Dies hat freilich seinen Reiz;

Aber elterlicherseits

Stößt man leicht auf so gewisse

Unbequeme Hindernisse,

Und man hat, um sie zu heben,

Als verlobt sich kundzugeben. –

Das ist allerdings was Schönes;

Dennoch mangelt dies und jenes.

Traulich im Familienkreise

Sitzt man da und flüstert leise,

Drückt die Daumen, küßt und plaudert,

Zehne schlägt's, indes man zaudert,

Mutter strickt und Vater gähnt,

Und, eh man was Böses wähnt,

Heißt es: »Gute Nacht, bis morgen!« –[84]

Tief im Paletot verborgen,

Durch die schwarzen, nassen Gassen,

Die fast jeder Mensch verlassen,

Strebt man unmutsvoll nach Hause

In die alte, kalte Klause,

Wühlt ins Bett sich tief und tiefer,

Schnatteratt! so macht der Kiefer,

Und so etwa gegen eine

Kriegt man endlich warme Beine.

Kurz, Verstand sowie Empfindung

Dringt auf ehliche Verbindung. –

Dann wird's aber auch gemütlich.

Täglich, stündlich und minütlich

Darf man nun vereint zu zween

Arm in Arm spazierengehn!

Ja, was irgend schön und lieblich,

Segensreich und landesüblich

Und ein gutes Herz ergetzt,

Prüft, erfährt und hat man jetzt.


Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 84-85.
Lizenz:

Buchempfehlung

Neukirch, Benjamin

Gedichte und Satiren

Gedichte und Satiren

»Es giebet viel Leute/ welche die deutsche poesie so hoch erheben/ als ob sie nach allen stücken vollkommen wäre; Hingegen hat es auch andere/ welche sie gantz erniedrigen/ und nichts geschmacktes daran finden/ als die reimen. Beyde sind von ihren vorurtheilen sehr eingenommen. Denn wie sich die ersten um nichts bekümmern/ als was auff ihrem eignen miste gewachsen: Also verachten die andern alles/ was nicht seinen ursprung aus Franckreich hat. Summa: es gehet ihnen/ wie den kleidernarren/ deren etliche alles alte/die andern alles neue für zierlich halten; ungeachtet sie selbst nicht wissen/ was in einem oder dem andern gutes stecket.« B.N.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon