Der Sack und die Mäuse

[370] Ein dicker Sack voll Weizen stand

auf einem Speicher an der Wand. –

Da kam das schlaue Volk der Mäuse

und pfiff ihn an in dieser Weise:


Der Sack und die Mäuse

»O du da in der Ecke,

großmächtigster der Säcke!

Du bist ja der Gescheitste,

der Dickste und der Breitste!

Respekt und Reverenz

vor Eurer Exzellenz!«


Mit innigem Behagen hört

der Sack, daß man ihn so verehrt.
[370]

Ein Mäuslein hat ihm unterdessen

ganz unbemerkt ein Loch gefressen.


Der Sack und die Mäuse

Es rinnt das Korn in leisem Lauf.

Die Mäuse knuspern's emsig auf.


Der Sack und die Mäuse

[371] Schon wird er faltig, krumm und matt.

Die Mäuse werden fett und glatt.
[372]

Der Sack und die Mäuse

Zuletzt, man kennt ihn kaum noch mehr,

ist er kaputt und hohl und leer.
[373]

Der Sack und die Mäuse

Jetzt ziehn sie ihn von seinem Thron;

Ein jedes Mäuslein spricht ihm Hohn;


Der Sack und die Mäuse

und jedes, wie es geht, so spricht's:

»Empfehle mich, Herr Habenichts!«
[374]

Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 370-375.
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