Zur Einleitung

[490] des deutschen Musenalmanachs 1833


Was mir im Busen schwoll, mir unbewußt,

Ich konnt es nicht verhindern, ward Gesang;

Zum Liede ward mir jede süße Lust,

Zum Liede jeder Schmerz, mit dem ich rang;

Das Lied erhob aus zornerkrankter Brust

Sich sturmbeflügelt in der Zeiten Drang;

Ich hörte nur die eigne Stimme rauschen

Und sorgte nicht, man könne mich belauschen.
[490]

Doch ihr, die ich bewundert wie die Sterne

Des Himmels über mir, so hoch und klar,

Die nur entblößten Hauptes aus der Ferne

Zu grüßen, mir ein Traum des Dünkels war,

Ihr meine hohen Meister, lauschtet gerne

Dem schlichten Laut, aufblickend nahm ich wahr,

So wie des Liedes Wogen ausgebrandet,

Daß lächelnd ihr im Kreise mich umstandet.


Und eurem hohen Chor war's mir beschieden,

Errötend faß ich's nicht, mich anzureihn;

Wohl herrlich ist es, von den Homeriden –

Ein Größrer sprach's – der letzte noch zu sein;

Ihr schmücktet mit der Binde mich hienieden,

Ich werde nicht das Priestertum entweihn;

Der Ernst, die Liebe wohnen mir im Busen,

Und also schreit ich zum Altar der Musen.


Ihr habet auf die Stufen dieser Halle

Als Wächter mich und Herold hingestellt;

Zum Feste des Gesanges lad ich alle,

Die einer Sprache Mutterlaut gesellt;

Herein, herein! das deutsche Lied erschalle

Volltönig, kräftig in die ernste Welt;

Herein! du Meister mit der Lorbeer-Krone;

Du Jünger, der noch ringt nach gleichem Lohne.


Herein! du Jünger; zaudre nicht zu neigen

Dein lock'ges Haupt vor deinen Meistern hier;

Dir ziemt vor ihnen Ehrfurcht wohl zu zeigen,

Du ringst hinan zu ihrem Lichtrevier;

Und wehte nicht aus ihres Lorbeers Zweigen

Des Gottes Schöpferatem erst zu dir?

Bin so wie du, obschon in grauen Haaren,

Ein Jünger nur; vertraue meinen Jahren.


Herein! du Dichterfürst in deinem Ruhme,

Und laß die Mächte deiner Lieder walten;

Beschirme diese du im Heiligtume,

Dir ziemt die Jugend ehrenvoll zu halten;[491]

Wer weiß, ob nicht die erst erschloßne Blume

Zur schönern Frucht sich werde noch entfalten?

Du hast, wie sie, im niedern Wald verborgen

Gerungen und gestrebt an deinem Morgen.


Wer will, sei mit im Uns; die Kunst ist frei,

Es singe, wem ein Gott Gesang gegeben;

Die Sonne weckt die Blumen auf im Mai,

Und reift im Herbst das flüß'ge Gold der Reben;

Ob später Herbst, ob Frühling in uns sei,

Es steigt der Saft, es reget sich das Leben,

Und so wir rauschend in die Saiten greifen,

Die Blumen wachen auf, die Früchte reifen.


Doch seht am Himmel welch ein trüber Flor

Gewitterdrohend in des Tages Schwüle!

Die Welt ist ernst geworden, sie verlor

In Sturmesdrang die Lust am Saitenspiele;

Wer, Freunde, lauschte jetzt noch unserm Chor?

Wer ist, der in der Dichtung sich gefiele?

Laßt friedsam uns und fromm im Liedergarten

Des uns vertrauten heil'gen Funkens warten.


Quelle:
Adalbert von Chamisso: Sämtliche Werke. Band 1, München [1975], S. 490-492.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand)
Gedichte Und Versgeschichten
Peter Schlemihls wundersame Geschichte und ausgewählte Gedichte.
Chamissos Werke: Erster Teil: Gedichte
Gedichte: Ausgabe letzter Hand
Hundert Gedichte

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon