Todes- und Lebens-Brand

Mein Gemüht sey froh

Vnd vergiß der Schmertzen,

Daß die Lebens-Loh

Dir verlischt im Hertzen,

Und dein Augen-Liecht

Nun für Schwachheit bricht.


Dieser Erden Stand

Wird nicht lang mehr wehren,

Denn der letzte Brand

Alles wird verzehren,

Selbst der Sonnen Pracht

Wird seyn finstre Nacht.


Kräncket sich dein Muth,

Daß du dich beflecket,

Vnd deß Höchsten Glut

Wider dich erwecket,

Die mit Ach und Pein

Brennet Höllen-ein;
[208]

Zwar dich hat ohn Ruh

Sünde mit genommen,

Ihrer Brunst bist du

Offt zu nah gekommen,

Welcher Wunden blind

Vnd unheilbar sind.


Aber tröste dich,

Dir ist Raht geworden,

Christus lässet sich

Wegen dein ermorden,

Vnd sein theures Blut

Lescht der Höllen Glut.


Das wir würden frey

Unsrer Missethaten,

Lässt er sich aus Treu

Mehr als grausam braten,

Ein unschuldig Lamm

Hoch am Creutzes-Stamm.


Hiedurch nimmt uns Gott

Wieder auff zu Gnaden,

Daß der Höllen Rott'

Vns nun nicht kan schaden,

Vnd der Tod dazu

Vns ist süsse Ruh.


Schluckt das kalte Grab

Dein' erstarrten Glieder

Eine Weil' hinab,

Ey die Zeit kömpt wieder,

Da auch diß Gebein

Liecht und Glantz wird seyn.


Denn wirst du erst voll

Heiligr Andacht brennen,

Vnd dein Auge soll

Gott im Grund erkennen,

Gott der im Gemüht

Stets von Liebe glüt.

Quelle:
Simon Dach: Gedichte, Band 4, Halle a.d.S. 1938, S. 176-177,208-209.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Jean Paul

Titan

Titan

Bereits 1792 beginnt Jean Paul die Arbeit an dem von ihm selbst als seinen »Kardinalroman« gesehenen »Titan« bis dieser schließlich 1800-1803 in vier Bänden erscheint und in strenger Anordnung den Werdegang des jungen Helden Albano de Cesara erzählt. Dabei prangert Jean Paul die Zuchtlosigkeit seiner Zeit an, wendet sich gegen Idealismus, Ästhetizismus und Pietismus gleichermaßen und fordert mit seinen Helden die Ausbildung »vielkräftiger«, statt »einkräftiger« Individuen.

546 Seiten, 18.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon