Neunzehntes Kapitel.

[255] Ich sah mich nun allmählich in einige Verlegenheit gebracht, wie ich die Waren, die ich gestohlen und geraubt, m barem Gelde machen sollte? Namentlich wollte sich keine Gelegenheit finden, um mich der Seidenstücke zu entledigen; für irgend einen lumpigen Preis wollte ich sie nicht verkaufen, wie das so mancher arme und beklagenswerte Dieb wohl tun muß, der, nachdem er erst sein Leben gewagt, um irgend einen Gegenstand von Wert zu erbeuten, hinterher gezwungen ist, ihn für ein Nichts loszuschlagen, wenn er überhaupt etwas von ihm haben will. Ich aber wollte möglichst viel aus meinen gestohlenen Waren machen – nur wußte ich nicht, wie ich das anzufangen hatte.

Schließlich kam ich auf den Gedanken, doch meine ehemalige Pflegerin einmal wieder aufzusuchen und den alten Verkehr mit ihr neu aufzunehmen. Ich hatte ihr, solange ich dazu imstande war, pünktlich die fünf Pfund geschickt, die die Frau bekam, bei der mein Junge in Pflege war. In den letzten Jahren war mir die Zahlung jedoch nicht mehr möglich gewesen, und ich hatte meiner Pflegerin brieflich mitgeteilt, aus welchen Gründen die Zahlungen aufhören mußten; daß mein Gatte gestorben[256] sei, daß ich infolgedessen in meinen Verhältnissen sehr zurückgegangen sei, und mein Geld kaum für mich selbst reiche; doch bitte ich sie, dafür Sorge zu tragen, daß der Knabe nicht unter dem Unglück seiner Mutter zu leiden habe.

So machte ich ihr denn jetzt einen Besuch und fand sie, nach wie vor, in ihrem alten Berufe tätig – nur hatte die Kundschaft stark nachgelassen, und es zeigte sich, daß es auch ihr nicht mehr so gut ging, wie früher. Sie hatte Unglück gehabt: ein Herr, dessen Tochter man entführt, hatte sie der Beihilfe angeklagt, und nur mit Mühe war sie dem Galgen entgangen. Die Gerichtskosten, die sie zahlen mußte, waren sehr hoch gewesen, so daß sie, um sie begleichen zu können, Möbel verkaufen mußte, und nun schon allein aus diesem Grunde nicht mehr ein so großes Haus für ihre Praxis zu halten vermochte; aber auch diese Praxis selbst, der Ruf derselben, hatte gelitten – immerhin hielt sie sich über Wasser, wie man zu sagen pflegt, und hatte, da sie ja eine regsame kluge Frau war, sofort, als es mit dem alten Geschäfte nicht mehr so recht gehen wollte, ein neues dazu errichtet: sie war nämlich Pfandleiherin geworden, und das brachte ihr auf jeden Fall so viel ein, daß sie sorgenlos leben konnte.

Sie empfing mich sehr höflich und freundlich, bedeutete mich in ihrer alten verbindlichen Weise, daß ich ihr, wenn es mir auch jetzt nicht mehr so ginge wie früher, darum nicht weniger wert und lieb sei; meinem Knaben ginge es gut, sie habe dafür stets Sorge getragen, trotzdem ich nicht mehr zahlen gekonnt; aber die Frau, die ihn in Pflege habe, sei eine gute Person und lebe in verhältnismäßig günstigen Verhältnissen, so daß ich mir denn wegen meines Kindes nicht die geringste Sorge zu machen brauche und ruhig den Augenblick abwarten könne, in dem es mir möglich sein würde, seine Pflege und Erziehung in eigene Hände zu nehmen.

Darauf erzählte ich ihr denn, wie es mir gegangen, und wie mir so gut wie nichts an Geld[257] geblieben sei; doch habe ich einige Sachen von Geldeswert, und ich fragte sie, ob sie keinen Rat wisse, wie ich dieselben in wirkliche Münze verwandeln könne? Sie fragte mich, was ich denn habe. Da zog ich das goldene Halsband heraus und sagte, es sei ein Geschenk meines Gatten. Dann zeigte ich ihr den Ballen Seide, den ich von Irland mit herübergebracht haben wollte, und den kleinen Diamantring. Die Stücke Silbergeschirr und die Löffel hatte ich schon selbst vorher verkaufen können. Die Kindbettausstattung, von der ich ihr zum Schluß sprach, wollte sie mir sofort selbst abkaufen; sie glaubte wohl, es sei meine eigene. Und die übrigen Sachen, meinte sie, könne sie in ihrem neuen Beruf als Pfandleiherin für mich verkaufen; sie werde tun, als seien sie ihr verpfändet, aber dann nicht eingelöst worden. Sie schickte denn auch gleich nach geeigneten Zwischenhändlern, die die Sachen sofort und ohne viel Nachfrage nahmen und obendrein ganz gute Preise zahlten.

Nun kam ich auf den Gedanken, diese erfahrene Frau könne mir doch sehr wohl zu einer Beschäftigung verhelfen, denn ich hätte mein Leben sehr gern durch ehrliche Arbeit gefristet, wäre sie nur zu erlangen gewesen. Doch ehrlicher Erwerb lag außerhalb des Gedankenkreises dieser Frau; wäre ich jünger gewesen, so hätte sie mir vielleicht dazu verhelfen können, daß ich mir mit Männern wieder Geld verdiente, doch derlei war jetzt ziemlich ausgeschlossen, da ich die Fünfzig überschritten, wie ich ihr selbst sagte. Sie lud mich zum Schlusse ein, doch zu ihr zu ziehen und bei ihr, in ihrem Hause, zu wohnen, bis ich irgend eine Beschäftigung fände; es solle mich das sehr wenig kosten. Ich nahm das Anerbieten auf der Stelle mit Freuden an; und da ich ja jetzt ein wenig besser leben konnte, sprach ich davon, ob man denn nicht meinen kleinen Sohn aus meiner letzten Ehe zu dem anderen in Pflege geben könne. Auch das ermöglichte mir alsbald meine alte Pflegerin, und zwar unter der leichten Bedingung, jährlich fünf Pfund dafür zu zahlen. Es war das[258] eine solche Erleichterung für mich, daß ich ordentlich aufatmete und eine ganze Weile von dem elenden Gewerbe ließ, das ich neuerdings er griffen. Wie gern hätte ich nicht ehrlich gearbeitet! Aber für jemanden, der, wie ich, keinen Bekanntenkreis hatte, war es ungeheuer schwer, sogleich eine lohnende Beschäftigung zu finden.

Immerhin verschaffte ich mir im Laufe der Zeit Nähereien für Damenbettenbezüge, Unterröcke und dergleichen mehr, eine angenehme Arbeit für mich, die mir Freude machte, und von der ich sehr wohl leben konnte, denn ich war eine fleißige Frau.

Aber leider ließ mein Teufel von Versucher nicht von mir ab; immer wieder und täglich stärker mußte ich spüren, wie die Verlockung zunahm, doch wieder einmal »spazieren zu gehen«, das heißt, durch Diebstahl und Raub Geld und Geldeswert an mich zu bringen.

Und richtig, eines Abends gehorche ich diesem Versucher wieder, ging aus und unternahm einen langen Streifzug durch die Stadt, ohne jedoch eine günstige Gelegenheit zu finden. Das aber ärgerte mich dann so, daß ich am folgenden Abend wieder ausging.

Und diesmal fand sich eine Gelegenheit.

Ich kam an einer Alestube vorüber, und da die Türe offen stand, konnte ich einen Blick in das Innere des Raumes werfen. Da sah ich denn auf einem Tische einen silbernen Trinkkrug stehen, wie er in diesen Bierhäusern den Gästen vorgesetzt wird. Wahrscheinlich hatte dort kurz vorher eine Gesellschaft gezecht, und der leichtsinnige Kellnerjunge hatte vergessen, das Gefäß wegzunehmen. Ich trat in den Raum, setzte mich an den betreffenden Tisch und stellte gleichzeitig mit einer harmlosen Bewegung den silbernen Trinkkrug neben mich auf meine Bank, ins Dunkel der Ecke. Dann klopfte ich dem Kellnerjungen. Der kam auch sofort gelaufen, und ich bestellte ihm einen Becher Warmbier, denn es war ein recht kalter, unfreundlicher Tag. Der Kellnerjunge eilte hinweg, und ich hörte, wie[259] er in den Keller hinabstieg, um das verlangte Getränk zu holen.

Gleich darauf kam ein zweiter Kellnerjunge und fragte mich: »Haben Sie schon etwas bestellt?«

Ich setzte ein gleichgültiges Gesicht auf und meinte: »Ja, einen Becher Warmbier; der andere holt schon!«

Während ich noch so dasaß, fragte die Stimme einer Frau aus dem Dunkel des Zimmerhintergrundes, wohl vom Schenktisch her: »Sind die vom Fünften alle weg?«

Der »Fünfte« war offenbar der Tisch, an dem ich saß, und der Kellnerjunge rief zurück: »Ja, sind weg!«

»Wer hat denn den Krug weggenommen?« fragte die Stimme der Frau wieder.

»Ich,« sagte der Kellnerbursch darauf, »hier ist er!« und hielt dabei einen zweiten Krug in die Hohe, den er wohl irrtümlicherweise von einem anderen Tische weggenommen haben mußte.

Auf diese Weise vermißte keiner in der ganzen Bierstube meinen Krug; und alle mochten glauben, er sei längst wieder an den Schenktisch zurückgekommen. Darüber war ich natürlich sehr froh.

Inzwischen war mein Warmbier gekommen, ich trank es langsam aus, zahlte dann und ging, nicht ohne vorher dem Kellnerburschen zugerufen zu haben, er solle auf sein Silbergeschirr aufpassen, wobei ich auf den kleinen silbernen Becher wies, in dem er mir mein Getränk gebracht. Der Junge sagte eilfertig: »Jawohl, Madam, Ihr Diener!« Und fort war ich – mit dem andern Becher.

Als ich nach Hause zu meiner Pflegerin kam, dachte ich bei mir, es sei jetzt vielleicht an der Zeit und eine günstige Gelegenheit, sie einmal auszuforschen, ob sie mir wohl, wenn ich bei meinen Diebereien in Gefahr geraten sollte, Schutz und Beistand verleihen werde. Als ich eine Weile mit mir zu Rate gegangen war, ging ich zu ihr auf ihr Zimmer, und da ich sie freundlich gestimmt fand, rückte ich denn auch sofort mit der Sprache heraus[260] und sagte ihr, ich habe ihr ein Geheimnis anzuvertrauen, dessen Verrat die schlimmsten Folgen für mich haben könne, und fragte, ob sie so viel Zuneigung für mich habe, daß sie es unter allen Umständen für sich behalten werde. Sie antwortete mir, sie habe schon ein Geheimnis von mir treu gehütet, weshalb ich denn zweifele, daß sie es mit einem anderen nicht ebenso machen werde? Darauf erzählte ich ihr denn, daß ich in den Besitz eines Wertgegenstandes gekommen sei, der mir nicht gehöre; und zwar eigentlich ohne alle Absicht meinerseits; und ich setzte ihr die ganze Geschichte mit dem silbernen Kruge auseinander.

»Du hast ihn also mitgebracht?« war ihr erstes Wort.

»Gewiß habe ich das,« antwortete ich, stand auf, holte ihn und zeigte ihn ihr. »Aber was soll ich nun mit ihm tun?« meinte ich dabei. »Ich muß ihn doch zurücktragen?«

»Zurücktragen?« rief sie. »Hast du Luft, nach Newgate zu wandern?«

»Aber,« sagte ich, »die Leute können doch nicht so niederträchtig sein und mich anzeigen, wenn ich ihnen den Becher freiwillig wiederbringe?«

»Du kennst diese Sorte Menschen nicht, Kind,« entgegnete sie. »Man wird dich nicht nur nach Newgate bringen, sondern dich sogar noch obendrein hängen, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, daß du so ehrlich gewesen, den Krug wiederzubringen; oder aber, im besten Falle, werden sie von dir Ersatz für alle Krüge fordern, die ihnen je abhanden gekommen.«

»Was soll ich denn aber nur anfangen,« fragte ich.

»Nun,« erwiderte sie, »da du nun einmal die Schlaue gespielt und ihn mitgenommen hast, mußt du ihn jetzt eben behalten, da gibt's keine andere Lösung. Überdies, Kind, brauchst du Silber nicht weit eher als sie? Ich mochte und ich wünsche es dir, du konntest jede Woche solch einen Becher bringen!«[261]

Diese Worte gaben mir einen neuen Begriff von meiner Pflegerin. Freilich hatte ich schon bemerkt, daß sie, seit sie Pfandverleiherin geworden war, eine Sorte von Leuten um sich hatte, die nicht zu den verhältnismäßig Ehrlichen gehörten, die ich früher bei ihr getroffen.

Und als ich nun in der Folge die Augen offen hielt und genau aufpaßte, da merkte ich es noch viel deutlicher als vorher, was es mit ihren Geschäften auf sich hatte; denn hin und wieder brachte man ihr Degengriffe, Löffel, Gabeln, Krüge und Silberwaren, nicht zum Versetzen, sondern geradezu zum Verkaufen. Und sie kaufte sie, ohne danach zu fragen, wo sie hergekommen, und machte, wie ich aus ihren Reden entnahm, gute Geschäfte dabei.

Ich erfuhr auch, daß sie das gekaufte Silbergeschirr vor dem Wiederverkauf stets einschmelzen ließ, damit man es nicht wieder erkennen könne. Und als sie eines Morgens zu dem Manne ging, der das Einschmelzen für sie besorgte, da sagte sie, wenn es mir recht sei, wolle sie auch meinen Krug mitnehmen, damit er von niemanden gesehen werde. Ich sagte mit Freuden zu. Sie wog ihn und erstattete mir den ganzen Silberwert zurück; ich bemerkte aber, daß sie es bei ihren anderen Kunden nicht ganz ebenso ehrlich machte.

Einige Zeit danach, als ich einmal sehr traurig bei meiner Arbeit saß, fragte sie mich, was mir fehle.

Ich sagte, mein Herz sei so schwer, ich habe wenig Arbeit und bald nichts mehr zum Leben; und ich wisse nicht, was ich beginnen solle.

Sie lachte und sagte, ich solle doch wieder ausgehen und mein Glück versuchen; es könne doch sein, daß ich so von ungefähr noch einen Krug ergattere.

»Ach Mutter,« entgegnete ich, »zu diesem Geschäfte habe ich doch zu wenig Geschicklichkeit – und wenn man mich faßt? dann bin ich verloren!«

»Na,« sagte sie, »ich könnte dir ja zu einer Lehrerin verhelfen, die dich so geschickt macht, wie sie selbst ist.«[262]

Ich bebte ordentlich, als sie mir diesen Vorschlag machte, denn bis jetzt hatte ich bei dieser Gesellschaft, die zu meiner Pflegerin kam, weder Bekannte noch Verbündete.

Sie besiegte jedoch mein ganzes Rechtlichkeitsgefühl, so wie sie mir meine Angst ausredete: und in kurzer Zeit wurde ich durch die Hilfe dieser Lehrerin im Diebeshandwerk, die ich jetzt bekam, eine solch verwegene und geschickte Diebin, wie es nur je eine gegeben hat.

Diese Lehrerin und Kameradin, zu der mir meine Pflegerin verholfen hatte, arbeitete auf drei Gebieten: Sie war Ladendiebin, stahl den Leuten ihre Börsen aus der Tasche und nahm den Damen goldene Uhren ab. Dies letztere tat sie dabei so geschickt, daß wohl überhaupt keine Frau je wieder zu ihrer Vollkommenheit in dieser Kunst gelangt sein dürfte. Das erste und letzte Gebiet ihrer Tätigkeit war auch mir sehr genehm, und ich war ihr einige Zeit unentgeltlich in ihrer Praxis behilflich, sie nahm mich auf ihre Züge mit, so ungefähr wie eine Hebamme ihre Gehilfin mit sich nimmt.

Schließlich ließ sie mich dann selbständig arbeiten. Sie hatte mir alle Handgriffe ihrer Kunst gezeigt, und ich hatte mehrere Male eine Uhr von ihrem eigenen Kleide loshaken müssen, was mir mit großer Geschicklichkeit und zu ihrer vollen Zufriedenheit gelungen war; worauf sie meinte, daß ich jetzt soweit sei, um sozusagen mein Meisterstück zu machen.

Als wir eines Tages durch die Straßen Londons geschlendert, schließlich in eine Kirche gegangen waren und dort den Gottesdienst beigewohnt hatten, zeigte sie mir denn auch ein Opfer: es war eine junge Dame mit einem Kinde an der Hand, die beiden kamen mit uns aus der Kirche; und die junge Dame trug eine geradezu prächtige Uhr. Ich sollte die Sache machen, meine Lehrerin mir nur helfen. Sie machte sich in dem Gedränge an die Seite der Dame und ließ sich, als die Dame gerade die letzten Stufen der Kirche hinunterschritt, fallen,[263] wobei sie so heftig an die Dame anstieß, daß diese sehr erschrak, ebenfalls stolperte und beide laut aufschrieen. Ich hatte indessen, in demselben Augenblick, schon die Uhr ergriffen, so daß die Bewegung, mit der die Dame sich wieder aufrichtete, die Uhr von selbst herausziehen mußte, ohne daß die Besitzerin es merkte. Als ich die Uhr hatte, machte ich mich sofort davon und überließ es meiner Lehrerin, sich langsam von ihrem scheinbaren Schreck zu erholen – und der Dame auch.

Wie ich hinterher hörte, wurde die Uhr gleich vermißt. Und »O, diese Schurken!« hatte meine Lehrmeisterin ausgerufen, »das sind gewiß dieselben gewesen, die mich hingestoßen haben, sicher, sicher! Wenn Sie die Uhr doch nur in demselben Augenblick schon vermißt hätten, meine Dame, in dem sie Ihnen genommen wurde, dann hätten wir die Diebe, die schändlichen, gewiß noch gepackt!« Auf diese Weise drehte meine Lehrmeisterin den ganzen Vorfall so geschickt, daß auf sie selbst auch nicht die Spur eines Verdachtes fiel.

Ich kam lange vor ihr zu Hause an. Die Uhr war sehr schön, schwer und mit vielen Verzierungen geschmückt. Meine Pflegerin gab uns zwanzig Pfund dafür, von denen ich die Hälfte bekam.

Durch diesen Streich hatte ich also Meisterrang im Diebeshandwerk erworben; und es zeigte sich zugleich, daß ich gegen alle Gewissensbedenken von nun an in einem Grade gefeit war, den ich vorher für unmöglich gehalten. Auf eine solche Höhe der Verderbtheit hatte mich der Teufel geführt, nachdem er mich einmal die Bahn derselben gewiesen und gelehrt, wie man durch Laster aus seiner Armut herauskommen könne. Und selbst das konnte mich jetzt nicht mehr vor ihm retten, daß ich gar nicht mehr arm war; denn abgesehen davon, daß ich mir ein kleines Vermögen zusammengestohlen hatte, verdiente ich auch allgemach immer mehr durch meine Näharbeiten; so daß ich mich denn sehr wohl davon hätte ehrlich ernähren können; aber Ehrlichkeit hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich.[264]

Ja, wenn ich diese Arbeiten früher bekommen hätte, gleich nach dem Tode meines Gatten, damals, als ich zuerst in meine traurige Lage geriet, dann wäre ich wohl niemals so tief gesunken, niemals auf das schlimme Gewerbe verfallen, das ich jetzt betrieb, niemals unter diese verrottete Bande geraten, in der ich nun lebte.

So aber hatte mich mein verbrecherisches Treiben schon ganz und gar verhärtet, es war mir alles gleich, und ich wurde nur noch von Tag zu Tag verwegener; zumal mir bisher jeder Streich geglückt und ich niemals gefaßt worden war. Und auch jetzt, da ich mit meiner Lehrerin und Gefährtin zusammenarbeitete, wurde ich noch nicht gefaßt. Und wir wurden beide nicht nur kühner und immer kühner, sondern auch reicher und immer reicher. Ich erinnere mich beispielsweise, daß wir einmal nicht weniger als einundzwanzig Uhren in unserem Besitz hatten; und wir wußten, wir würden noch mehr bekommen, und waren froh und stolz darüber.

Freilich erinnere ich mich auch, daß ich hin und wieder doch noch andere Stimmungen hatte; so eines Tages, als ich einmal ein wenig nachdenklicher war, denn gewöhnlich: da sagte ich mir, welch ein hübsches Vermögen ich nun besaß, allein zweihundert Pfund in Gold ungefähr – und ich weiß noch, ein gütiger Geist, wenn es einen solchen in dieser schlimmen Welt gibt, kam in jener Stunde über mich und gab mir so recht deutlich den Gedanken ein, daß ich, nachdem mich Armut und Elend zu meinem schlimmen Beruf getrieben, ihn nunmehr ja sehr gut, nachdem Armut und Elend wieder aus meinem Leben geschwunden, darangeben könne; und ich stellte mir vor, wie sorgenlos ich mir meinen Lebensunterhalt durch meiner Hände Arbeit zu verdienen vermochte, und dann noch immer, für alle Fälle der Not, mein kleines Kapital auf der Bank liegen habe: »Und noch eines bedenke,« sagte ich zu mir selbst, »immer wirst du sicher nicht frei ausgehen – und wenn sie dich einmal fassen, dann bist du verloren!«[265]

Dieser Augenblick war zweifellos der ruhigste, glücklichste in meinem ganzen damaligen Leben. Und hätte ich auf das gehorcht, was er mir eingab, auf die gesegnete Stimme gehört, die da zu mir sprach, woher sie auch immer kommen mochte, so würde ich zweifellos den Weg zurück gefunden haben zu einem freundlichen Leben. Aber mein Schicksal wollte es anders: mein finsterer Dämon hatte mich schon zu fest gepackt, um wieder von mir lassen zu können. Und wie die Armut mich vordem in das Reich des Verbrechens eingeführt, so hielt mich jetzt die Begehrlichkeit darin fest – bis es kein Zurück mehr gab. Gegen alle die Gründe, die mein Verstand anführte, um mich zu bewegen, von der Verbrecherlaufbahn zu lassen, trat diese Begehrlichkeit auf und raunte mir zu: Nur vorwärts! Du hast bis jetzt so viel Glück gehabt, du wirst es schon auch noch weiterhin haben! Nur vorwärts, bis der Pfunde vierhundert oder fünfhundert beisammen sind! Dann kannst du ja immer noch ein Ende machen und wieder ehrlich und in Ruhe leben! So hielt mich der Teufel wie durch einen bösen Zauber in dem Labyrinthe festgebannt, in dem ich saß, stieß mich noch immer tiefer hinein, bis eine solche Wirrnis in mir war, daß ich mich überhaupt nicht mehr herauszufinden vermochte.

Immerhin machten die ernsten Gedanken, die mir zuweilen kamen, doch einigen Eindruck auf mich, und hatten wenigstens den Erfolg, daß ich mit mehr Vorsicht und Überlegung zu Werke ging, als meine Lehrerin.

Und richtig, diese Lehrerin und noch eine andere ihrer Schülerinnen wurden denn auch schon bald vom Unglück ereilt!

Sie waren einmal ausgezogen, um sich an den Laden eines Leinwandhändlers in Cheapside zu machen; aber gerade, als sie einen Packen Ware erbeutet hatten, wurden sie von einem habichtsäugigen Kerl von Angestellten erwischt und samt zwei schönen großen Stücken Leinwand festgehalten.

Die Folge war, daß sie nach Newgate wandern[266] mußten; und dort hatten sie das Pech, an etliche frühere Sünden erinnert zu werden; Anklage auf Anklage wurde gegen sie erhoben, und da man sie in allen Fällen überführen konnte, verurteilte man sie zum Tode. Sie schützten nun beide Schwangerschaft vor, um wenigstens noch einen Aufschub zu erlangen, den sie dann auch erhielten, da man ihnen die Schwangerschaft glaubte; ich wußte aber, daß zum mindesten meine einstige Lehrerin nicht mehr schwanger war als ich selbst.

Ich besuchte sie in der ersten Zeit sehr häufig und tröstete sie, und erwartete im Geheimen, nun auch bald daran zu kommen. Der Ort erfüllte mich übrigens derartig mit Entsetzen – war es doch der Ort meiner unglückseligen Geburt und der Schauplatz des Elends meiner Mutter – daß meine Anwesenheit dort mir geradezu unerträglich wurde und ich meine Besuche bald einstellte.

Und ach! hätte ich mir der beiden Unglück nur zu Herzen genommen, so wäre ich im Glücke geblieben, denn ich war noch frei, und noch nichts war gegen mich vorgebracht worden; doch es sollte nicht sein, und das Maß meiner Sünden war noch nicht voll.

Meine Kameradin, die im Ruf stand, eine alte Missetäterin zu sein, wurde hingerichtet; ihre junge Schülerin wurde aber noch einmal geschont, erhielt nur einen Verweis und mußte einige Zeit hungernd im Gefängnis zubringen, bis sie endlich wieder frei kam.

Das schreckliche Ende meiner Kameradin erschreckte mich bis ins tiefste Herz; und eine ganze Zeit wagte ich keinen Diebstahl oder sonst eine Gaunerei mehr. Da rief es eines Abends in der Nachbarschaft Feuer! Meine Pflegerin schaute flugs zum Fenster hinaus, um zu sehen, wo es denn brenne; als ich in ihr Zimmer trat, rief sie mir zu, es sei da und da, das Haus der und der Dame stehe ganz in Feuer – und so war es auch. Dann trat sie auf mich zu, gab mir mit dem Ellbogen einen Stoß gegen meinen und sagte: »Du, da bietet sich[267] eine schöne Gelegenheit! Das Feuer ist so nahe bei uns, daß du hingehen kannst, ehe die Straße ganz voller Leute steht und durch die Menge versperrt ist. Geh, lauf! Geh in das Haus hinein, und sage der Dame oder wen du sonst siehst, du kämst, um zu helfen, Frau Soundso habe dich geschickt, das ist nämlich eine Bekannte von der, bei der's brennt, ich weiß, sie wohnt in unserer Straße.«

Kaum hatte ich ihre Worte vernommen, da war ich auch schon fort; und als ich vor das Haus kam, fand ich dort alles in der größten Verwirrung. Ich lief auf eine der Mägde zu und rief: »Aber Kind, wie ist denn das bei Euch passiert? Wo ist die Hausherrin? Ist sie wenigstens in Sicherheit? Und wo sind die Kinder? Ich komme von Frau Soundso, die mich zur Hilfe geschickt hat.« Sofort eilte das Mädchen davon und rief ihrer Herrin, so laut sie nur schreien konnte, zu: »Madam, Madam,« rief sie, »da ist eine Dame, die Frau Soundso zum Helfen geschickt hat,« worauf die Hausherrin, die vollständig den Kopf verloren hatte, auf mich losstürzte, mit einem Packen unter dem Arme und zwei Kindern an der Hand. »Madam,« sagte ich, »ich will die Kinder zu Frau Soundso bringen, sie wird die armen Lämmer bewahren,« und damit hatte ich das eine Kind auch schon bei der Hand, wahrend sie mir das andere auf den Arm setzte und dabei jammerte: »Ja, bringen Sie sie um Gotteswillen in Sicherheit, und ich lasse Frau Soundso für ihre Güte auch vielmals danken. Ach Gott! ach Gott!« »Soll ich sonst noch etwas retten, Madam,« fragte ich, »sie wird alles wohl in gute Acht nehmen.« »Ja, meine Liebe,« entgegnete sie, »nehmen Sie diesen Packen mit dem Silbergeschirr und bringen Sie ihn auch zu Frau Soundso. Sie ist eine gute Frau, meine Freundin, o Gott, wir sind vollständig ruiniert und zu Grunde gerichtet! o Gott! o Gott!« Und ganz außer sich lief sie wieder weg, und die Magd lief ihr nach, und ich mit den beiden Kindern und dem Packen lief auch – nur nach einer anderen Richtung.[268]

Schon nach wenigen Schritten trat eine Frauensperson auf mich zu und sprach mich an: »Ach, Fräulein,« meinte sie in ängstlichem Tone, »Sie werden das Kind fallen lassen; kommen Sie, ich will Ihnen helfen! Mein Gott! ist das ein Jammer auf der Welt!« Und gleich faßt sie das Bündel an, um es für mich zu tragen.

»Wenn Sie mir helfen wollen,« entgegnete ich, »so fassen Sie lieber das Kind bei der Hand und führen Sie es bis an das Ende der Straße; ich gehe mit und will Sie dann gern für Ihre Mühe entschädigen.«

Sie konnte mir dies nicht abschlagen, nachdem Sie mir selbst ihre Dienste angeboten. Ich hatte aber gleich erkannt, daß das Geschöpf demselben Gewerbe nachging wie ich und nichts anderes wollte, als das Bündel an sich bringen; jetzt aber mußte sie wohl oder übel mit mir gehen, bis an die Tür des Hauses, in dem ich die Kinder abgeben sollte. Als wir dort angekommen waren, flüsterte ich ihr ins Ohr: »So, nun geh lieber! Ich weiß, was für ein Gewerbe du treibst, du wirst noch genug zu tun finden!«

Sie verstand mich sofort und ging davon. Ich aber pochte gegen die Tür; und da die Leute im Hause von dem Feuerlärm schon erwacht waren, ließ man mich gleich ein, und ich fragte: »Ist Madam wach? Sagen Sie ihr, daß ihre arme Freundin sie darum bittet, doch die beiden Kinder für heute zu beherbergen; die arme Frau ist zu Grunde gerichtet, das ganze Haus steht in Flammen.« Man nahm die Kinder natürlich bereitwilligst auf, bedauerte die betroffene Familie, und ich machte mich mit meinem Packen bald wieder davon. Eine der Mägde fragte mich noch, ob ich ihn nicht auch dalassen wolle. »Nein, Kind«, entgegnete ich aber, »den muß ich irgendwo anders hinbringen, der gehört ihnen nicht.«

Ich war nun eine ziemlich große Strecke von dem Gedränge und dem Feuerlärm entfernt und kam mit meinem Packen Silbergeschirr, der außerordentlich[269] groß war, heim zu meiner alten Pflegerin; diese sagte, sie werde sich den Packen nicht ansehen, ich möge nur gehen und nach Weiterem Ausschau halten; bei der Dame, die in dem Hause wohnte, das dem Feuerherd zunächst läge, solle ich unter demselben Vorwand, zu helfen, Eintritt suchen.

Ich gab mir auch alle Mühe, dahin zu gelangen, doch war das Gedränge der Feuerwehren und der Volksmenge inzwischen so groß geworden, daß ich das Haus nicht erreichen konnte.

Ich kehrte also wieder um, ging nach Hause und nahm den Packen mit hinauf auf mein Zimmer, wo wir ihn sofort untersuchten.

Mit Schrecken erzähle ich, welch einen Schatz ich da erbeutet hatte:

Außer dem Haushaltungssilber, das sehr beträchtlich war, fand sich eine schwere goldene Kette, ein altmodisches Ding zwar, dessen Schloß zerbrochen und das sicher lange nicht mehr getragen war; das Gold war aber deshalb nicht weniger wert. Dann fand ich ein kleines Kästchen mit Ringen, darunter den Trauring der Dame. Ferner eine goldene Uhr, sowie eine Börse mit ungefähr vierunzwanzig Pfund Inhalt. Und außerdem noch mehrere andere Sachen von Wert, zerbrochenem Schmuck, Goldteile und dergleichen.

Ja, das war weiß Gott die größte Beute, die ich je gemacht; wie ich schon erwähnte, erschrak ich selbst ordentlich vor ihrer Größe. Und obgleich mein Herz ja gegen alle Gewissensbisse gefeit war, jetzt, beim Anblick dieses Schatzes, faßte es mich doch in tiefster Seele, und es ward mir unheimlich und kläglich zugleich zu Mute, als ich an die arme Frau dachte, die ohnedies schon soviel verloren und die gewiß in diesem Augenblicke noch der tröstlichen Meinung war, daß wenigstens ihr Silberzeug, ihre Wertgegenstände und ihr Bargeld gerettet sei. O, wie sie entsetzt sein würde, wenn es herauskam, daß man sie so unerhört betrogen hatte ... daß die Person, die ihre Kinder und den Packen geholt, gar nicht von der Freundin gesandt worden war, wie[270] die Person behauptet ... o, wie sie entsetzt sein würde und an allem in der Welt verzweifeln! Ich muß gestehen, daß mich die Unmenschlichkeit meiner Handlungsweise mit Abscheu vor mir selbst erfüllte. In mir wurde etwas weich. Tränen traten mir in die Augen. Trotzdem konnte ich mich aber nicht dazu entschließen, auch nur etwas von meiner Beute der Frau wieder zuzustellen; und mein Gewissen beruhigte sich denn auch bald und schwand in dem Maße, in dem meine Freude über die Beute zunahm.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 255-271.
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