Einundzwanzigstes Kapitel.

[288] Es kam des Jahres lustigste Zeit: der Bartholomäusmarkt begann. Ich war früher nie hingegangen, da ich der Meinung war, es sei dort nicht allzuviel zu holen. In diesem Jahre ging ich jedoch hin.

Nachdem ich mich eine Weile herumgetrieben hatte, geriet ich in eine Würfelbude, in der sich alsbald ein äußerst reich gekleideter älterer Herr an mich heranmachte, wie das in diesen Buden so üblich und gar nicht weiter auffallend ist. Er plauderte mit mir und war in allem mein erklärter Kavalier. Nach einer Weile meinte er, er wolle jetzt einmal für mich setzen; und er setzte auch, so lange, bis er glücklich einen schönen Federmuff gewann, den er mir schenkte. Dann plauderte er weiter mit mir und war so liebenswürdig und benahm sich dabei so respektvoll, wie es nur ein richtiger Gentlemen kann.[289]

Schließlich verließen wir die Würfelbube und machten eine kleine Promenade durch den Klostergarten, wobei er anscheinend ganz zweck- und absichtslos von tausend unbedeutenden Dingen mir redete. Nachdem unser Rundgang beendet war, erklärte er mir unumwunden, daß er von meiner Gesellschaft ganz entzückt sei, und fragte mich, ob ich jetzt wohl eine Spazierfahrt in einer Kutsche mit ihm wagen wollte? Ich könne überzeugt sein, daß ich es mit einem Ehrenmann zu tun habe, der mir nichts Unpassendes zumuten würde! Ich tat zuerst so, als lehnte ich das Anerbieten ab, nahm es dann aber, nachdem ich ihn erst noch ein wenig bitten lassen, natürlich doch an.

Ich konnte mir anfangs gar nicht denken, was dieser Herr eigentlich beabsichtigte. Aber ich fand bald heraus, daß er schon ein bischen viel getrunken hatte und nun in angenehmer Gesellschaft noch weiter trinken wollte.

Wir fuhren hinaus, in einen Park, wo wir erst wieder ein wenig spazieren gingen, uns dann aber an einen Tisch niedersetzten. Hier bestellte der Herr abermals reichlich Wein, trank schnell und stark, und drängte mich, ebenfalls zu trinken. Ich aber trank wohlweislich nicht.

Bis jetzt hatte der Herr sein Wort gehalten und mir keine unpassenden Anmutungen gemacht. Dann aber bestiegen wir unsere Kutsche wieder und ließen uns zurückfahren, durch die abendlichen – es war mittlerweile zehn Uhr geworden – Straßen Londons; bis wir schließlich vor einem Hause hielten in dem der Herr bekannt zu sein schien, denn man öffnete ihm gleich und führte ihn auch gleich eine Treppe hinauf, in ein Zimmer, in dem ein Bett stand. Dort sträubte ich mich denn selbstverständlich zuerst wieder, tat so, als woll te ich um keinen Preis hineingehen, aber nach ein paar Worten ließ ich mich dann doch bewegen, wie Sie sich denken können, denn ich war durchaus willens, das Abenteuer bis zum Ende durchzuführen, in der Hoffnung nämlich, daß sich zum Schluß noch mancherlei dabei erbeuten[290] ließe; was das Bett aber anging, nun, aus dem machte ich mir wirklich nicht viel.

In dem Zimmer nun begann der Herr sich etwas freier zu benehmen, als er versprochen, und nach und nach ließ ich alles geschehen, so daß er, kurz gesagt, alles tat, was ihm gefiel. Mehr brauche ich hier nicht zu sagen. Die ganze Zeit über trank er reichlich, und um ein Uhr des Morgens stiegen wir wieder in den Wagen.

In der frischen Luft und bei dem Rütteln der Kutsche verwirrten die Getränke meinem Herrn den Kopf nur noch mehr, wie das ja immer zu sein pflegt. Er wurde sehr aufgeregt und versuchte, das, was er vorhin getrieben, in der Kutsche wieder von neuem zu beginnen; da ich mein Spiel jedoch für sicher hielt, widerstand ich ihm und brachte ihn zur Ruhe – und schon nach fünf Minuten fiel er in tiefen Schlaf.

Ich nahm nun sofort die Gelegenheit wahr und durchsuchte ihn aufs genauste. Ich erbeutete eine goldene Uhr, eine seidene Börse mit viel Gold darin, seine schöne Perrücke, seine Handschuhe mit silbernen Franzen, seinen Degen und seine schöne Schnupftabaksdose. Dann öffnete ich sachte die Tür der Kutsche, stand auf, um während des Fahrens hinauszuspringen. Die Kutsche hielt jedoch gerade, um eine andere Kutsche vorbei zu lassen. So konnte ich die meine in aller Gemütsruhe verlassen und ließ meinen Herrn samt der Kutsche Herr und Kutsche sein.

Dies Abenteuer hatte ich weder erwartet, noch im Geringsten beabsichtigt, obwohl der vergnügliche Teil des Lebens soweit noch nicht hinter mir lag, als daß ich vergessen hätte, wie ich mich zu benehmen habe, wenn ein Narr in seiner Begehrlichkeit so blind war, daß er eine alte Frau nicht von einer jungen unterscheiden konnte. Nun sah ich allerdings gut zehn Jahre jünger aus, als ich wirklich war; immerhin war ich kein Weibsbild von siebzehn Jahren, und das ließ sich doch wahrhaftig leicht genug erkennen.[291]

Es gibt nichts Lächerlicheres, als einen Mann, dem der Wein und seine eigene Lasterhaftigkeit zu Kopfe gestiegen sind; er ist von zwei Teufeln zugleich besessen, und seine Vernunft kann ihn ebenso wenig beherrschen, als eine Mühle ohne Wasser mahlen kann. Das Laster tritt alles Gute, das in ihm liegen mag, zu Boden, ja all seine Sinne werden von seinem wütenden Begehren verblendet, und so begeht er die größten Torheiten: er trinkt immer weiter, selbst wenn er schon betrunken ist, greift irgendwo eine Frau auf, ohne sich zu fragen, was oder wer sie ist, ob sie gesund oder krank, rein oder unrein, ob sie häßlich oder schön, jung oder alt ist. Solch ein Mensch ist schlimmer als ein Wahnsinniger; von seinen lasterhaften Begierden verführt, weiß er nicht mehr, was er tut, als dieser arme, elend Betrunkene wußte, da er einschlief und ich ihm seine Uhr und Börse aus der Tasche ziehen konnte.

Das sind so die Menschen, von denen schon Salomon sagt: sie gehen wie ein Ochs zum Schlächter, bis das Messer ihre Leber durchbohrt. Nebenbei eine wunderbare Beschreibung jenes schlimmen Übels, das sich die Männer gerade dann zu holen pflegen, wenn sie im Trunke sich mit allerlei Weibspersonen einlassen: das wie eine giftige und tötliche Ansteckung das ganze Blut durchdringt, und dessen Quelle oder Mittelpunkt ebenfalls in der Leber sitzt, von wo aus, durch den schnellen Kreislauf des Blutes getrieben, die schreckliche und ekelhafte Seuche sofort den ganzen Körper durchsetzt und des Menschen Eingeweide wie von einem Schwert durchwühlt werden.

Mein Herr hatte nun von mir nichts zu befürchten, vielmehr war ich anfangs in großer Angst, ob mir nicht von ihm Gefahr drohe. Doch war er wohl eigentlich nur zu bemitleiden, denn er schien im Grunde ein guter Kerl zu sein; ein Mann von Benehmen war er sicherlich, und eine stattliche, angenehme Erscheinung dazu. Sein Unglück war es nur, daß er schon am Abend vorher zu viel[292] getrunken hatte und gar nicht zu Bett gekommen war, wie er mir erzählte. Sein vom Weine erhitztes Blut ließ dann am zweiten Tage die Vernunft überhaupt nicht mehr bei ihm aufkommen.

Ich suchte nur Eines bei ihm: Geld – oder was er an Geldeswert bei sich hatte. Außerdem aber, wenn es zu machen gewesen wäre, hätte ich ihn gern wohlbehalten nach Hause und zu seiner Familie zurückgebracht, denn es war zehn gegen eins zu wetten, daß er ein ehrbares und tugendhaftes Weib und unschuldige Kinder hatte, die sich zu Hause ängstlich um ihn sorgten und froh gewesen wären, wenn sie über seine Sicherheit hätten wachen dürfen, bis er wieder zu Verstande gekommen. Mit welcher Scham und welchem Bedauern würde er dann auf seine Tat zurücksehen! wieviel Vorwürfe würde er sich darüber machen, daß er sich mit einer Dirne eingelassen, einer Dirne, die er in der schändlichsten aller Lasterhöhlen, zwischen dem Schmutz und dem Auskehricht der Stadt aufgelesen! Wie würde er vor Furcht zittern, sich mit jener Krankheit behaftet zu haben, wie würde er beben bei dem Gedanken, daß ein Pfeil seine Leber durchbohre, wie mußte er sich hassen, jedesmal, da er auf die rohe, gemeine Tollheit dieser Ausschweifung zurückschaute! Welcher Abscheu mußte ihn, wenn er noch das geringste Gefühl für Ehre hatte, bei dem Gedanken er füllen, daß er vielleicht die Krankheit, die er, wenigstens seines Erachtens nach, ja wohl sehr gut bekommen haben konnte, auf sein tugendhaftes Weib übertragen und damit Gift und Untergang in das innerste Lebensblut seiner Nachkommen bringen würde!

Wenn diese Männer wüßten, mit welcher Verachtung selbst die Frauen, mit denen sie in solchen Fällen zu tun gehabt, sie betrachten – es würde manchen von ihnen zurückhalten. Wie ich schon von mir aus angedeutet habe, liegt solchen Frauen nichts am Genusse, und keine Neigung nähert sie einem solchen Manne; das Weib ist völlig unbeteiligt, und man denkt an keinen andern Genuß als an den, welchen das Geld gewähren wird, in dem Augenblick,[293] da man es seinem Opfer aus der Tasche zieht. Während der Mann in den wüsten Wonnen seiner sündhaften Genußsucht schwelgt, suchen des Weibes Hände wühlend in seinen Tasthen, und er ist in den Augenblicken seiner Tollheit ebenso wenig fähig, den Raub zu bemerken, als er vorher geahnt, daß das Weib es auf Raub abgesehen.

Ich kannte eine Frau, die so geschickt war, daß sie einem Burschen, der allerdings auch keine bessere Behandlung verdiente, seine Börse mit zwanzig Guineen aus der Tasche zog, während er sich gerade in anderer Weise mit ihr beschäftigte, und dem sie eine andere Börse mit falschen Münzen wieder zusteckte. Als er fertig war, sagte er zu ihr: »Hast Du mittlerweile auch nicht meine Taschen ausgeräumt?« Sie scherzte mit ihm und sagte: »Ich glaube, Du hast nicht allzuviel zum Ausräumen!« Darauf steckte er die Hand in seine Tasche, fühlte, daß die Börse noch darinnen war, gab sich zufrieden, während sie mit seinem Gelde abzog. Sie machte einen einträglichen Erwerb aus diesem Handgriff und trug stets eine Börse mit falschen Münzen bei sich, um bei solchen Gelegenheiten bereit zu sein; und ich bin überzeugt, sie brauchte sie oft mit Erfolg.

Ich kam mit meiner Beute glücklich zu meiner Pflegerin zurück, und als ich ihr die Geschichte erzählte, wurde sie von derselben so gerührt, daß sie kaum fähig war, ihre Tränen zurückzuhalten; so ergriff sie der Gedanke, daß die Männer sich fast jedesmal, wenn ihnen ein Glas Wein zu Kopf gestiegen ist, der Gefahr aussetzen, zu Grunde gerichtet zu werden. Mein Raub jedoch und meine Erzählung, wie trefflich ich ihn ausgeplündert, gefielen ihr außerordentlich.

»Gewiß, mein Kind,« sagte sie, »eine solche Behandlung wird ihn eher bessern, als alle Predigten die er je zu hören bekommen kann.«

Am nächsten Tage bemerkte ich, daß sie sich bei mir wiederholt nach meinem älteren Herrn erkundigte. Die Beschreibung, die ich ihr von ihm machte, sein Anzug, seine Person, sein Gesicht, all[294] dies erinnerte sie an einen Herrn, von dessen Charakter und Lebenswandel sie schon gehört hatte. Sie dachte eine Weile nach, und als ich ihr weitere Einzelheiten mitteilte, sagte sie: »Aber natürlich, ich wette hundert Pfund, daß er es ist!«

»Es sollte mir sehr leid tun,« entgegnete ich, »denn ich möchte ihn auf keinen Fall bloßstellen. Er hat schon Schlimmes genug durch mich erfahren, und ich möchte nicht der Grund sein, daß ihm noch mehr widerfahre.«

»Nein, nein,« sagte sie, »ich will ihm auch gar nichts Übles mehr zufügen, laß mich nur meine Neugierde ein wenig befriedigen; wenn er es gewesen ist, so wette ich, daß ich's herausbringen werde.«

Diese Worte beunruhigten mich ein wenig, und ich antwortete mit erschrecktem Gesicht, daß er mich dann ja auch ausfindig machen könne, was mein Verderben sein würde!

Sie antwortete lebhaft: »Warum glaubst du nur, ich würde dich diesmal verraten? Nein, nein, mein Kind, nicht um alles in der Welt! ich habe in schlimmern Sachen, als diese ist, Stillschweigen beobachtet, du kannst mir auch jetzt vertrauen.«

Darauf sagte ich nichts mehr.

Sie spann nun einen Plan aus, denn sie war nun einmal fest entschlossen, den Herrn ausfindig zu machen. Sie begab sich zu einer ihrer Freundinnen, die mit der Familie, an die sie dachte, bekannt war, und erzählte ihr, sie habe mit dem Hausherrn, der nebenbei gesagt, nichts weniger als ein Baron und aus sehr guter Familie war, eine sonderbare Angelegenheit zu verhandeln und wisse nicht, wie sie sich ihm nähern solle, da sie niemanden habe, der sie bei ihm einführen könne. Ihre Freundin erklärte sich gleich bereit, dies zu tun, und begab sich auch alsbald in das Haus dieses Herrn.

Am nächsten Tage kam sie zu meiner Pflegerin und sagte ihr, daß sich der Herr Baron zu Hause befinde, er habe jedoch einen Unfall gehabt, so daß er nicht zu sprechen sei.

»Was für einen Unfall!« fragte meine alte[295] Pflegerin schnell, als sei sie sehr überrascht über diese Nachricht.

»Nun,« antwortete die Freundin, »er ist in Hampstead gewesen, um einen bekannten Herrn zu besuchen; und auf dem Rückwege wurde er überfallen und ausgeraubt. Da er, wie man annimmt, ein wenig getrunken hatte, richteten ihn die Schurken außerdem noch übel zu, so daß er jetzt sehr krank darniederliegt.«

»Ausgeraubt?« rief meine Pflegerin, »was hat man ihm denn abgenommen?«

»Je nun,« entgegnete die Freundin, »sie stahlen seine goldene Uhr, seine goldene Schnupftabaksdose, seine beste Perrücke und alles Geld, das er in der Tasche hatte; und das war gewiß nicht wenig, denn der Herr Baron geht niemals ohne eine mit Guineen wohlgefüllte Börse aus.«

»Bah,« entgegnete meine alte Pflegerin und lachte, »ich möchte wetten, er hat sich betrunken und ein Weibsbild aufgegabelt, das seine Taschen ausgeräumt hat; dann ist er nach Hause gegangen und hat seiner Frau erzählt, er wäre ausgeräubert worden. Das ist ein alter Witz, und die armen Frauen müssen jeden Tag solche Lügen anhören.«

»Aber nicht doch,« entgegnete die Freundin, »ich sehe, daß Sie den Herrn gar nicht kennen; er ist ein ehrenhafter Mann; es gibt vielleicht in der ganzen Stadt nicht wieder solch einen nüchternen, biederen Baron. Er hat einen Abscheu vor solchen Dingen, wie Sie da andeuten, und niemand kann ihm dergleichen nachsagen.«

»Nun wohl,« sagte meine Pflegerin, »das geht mich ja auch schließlich nichts an. Wenn es aber doch der Fall wäre, so würde ich es schon bald herausfinden. Eure biederen Barone sind manchmal nicht bester, als die anderen; sie nehmen sich nur besser aus oder, wenn's gestattet ist, sind die besseren Heuchler.«

»Nein, nein,« sagte die Freundin, »er ist wirklich ein Ehrenmann und ist sicherlich ausgeraubt worden.«[296]

»Das ist ja möglich,« entgegnete meine Pflegerin, »jedenfalls geht's mich nichts an, wie ich schon einmal gesagt habe. Ich will bloß mit ihm sprechen, und zwar über etwas ganz anderes.«

»Mag die Angelegenheit sein, wie immer sie will, Sie können ihn jetzt nicht sehen,« gab die Freundin hierauf zurück, »denn er ist sehr krank und schwer verletzt.«

»Verletzt?« fragte meine Pflegerin, »dann ist er aber gewiß in schlimme Hände geraten.« Und sie fragte nur: »Wo ist er denn verletzt?«

»Am Kopf,« entgegnete die Freundin, »an einer Hand und im Gesicht; sie haben ihm barbarisch mitgespielt.«

»Armer Herr,« jammerte nun meine Pflegerin, »dann muß ich wohl warten, bis er wieder hergestellt ist. Ich hoffe nur, es wird nicht lange dauern.«

Darauf kam sie zu mir zurück und erzählte mir die Geschichte. »Ich habe Deinen feinen Herrn gefunden,« sagte sie, »wirklich ein nobler Mann, aber er ist ja in einem traurigen Zustande; was in Teufels Namen hast du ihm denn getan? Du hast ihn ja beinahe umgebracht!«

Ich blickte sie höchst bestürzt an. »Umgebracht?« fragte ich, »dann hast du dich aber sicher doch in der Person geirrt, ich habe meinem Herrn nichts getan. Er war betrunken und schlief fest, als ich ihn verließ.«

»Davon weiß ich nichts,« sagte sie, »jedenfalls ist er jetzt in einem traurigen Zustande.« Und dann erzählte sie mir alles, was ihre Freundin ihr gesagt hatte.

»Nun denn,« entgegnete ich, »so muß er erst später in schlechte Hände geraten sein, wenn er es wirklich ist; als ich ihn verließ, war ihm noch nichts geschehen.«

Ungefähr zehn Tage später begab sich meine Pflegerin wieder zu ihrer Freundin, damit diese sie bei dem Herrn Baron einführe. Sie hatte sich mittlerweile auch schon an anderen Stellen nach ihm[297] erkundigt und gehört, daß er das Bett verlassen habe. Sie erhielt denn auch die Erlaubnis, mit ihm sprechen zu dürfen.

Als sie bei ihm in seinem Arbeitszimmer war, erzählte sie ihre Geschichte viel besser, als ich fähig bin, sie wiederzugeben, denn sie war, wie man ja auch oft gesehen, eine wahre Meisterin ihrer Zunge. Sie sagte ihm, sie komme – obwohl sie ihm fremd sei – einzig und allein in der Absicht, ihm einen Dienst zu erweisen. Er werde bald selbst sehen, daß sie keinen anderen Zweck verfolge, und da sie sich ihm nur in freundlicher Absicht genähert, bitte sie ihn, er möge ihr versprechen, falls er auf den Vorschlag, den sie machen würde, nicht eingehen könne, es doch nicht übelzunehmen, daß sie sich um Angelegenheiten kümmere, die sie im Grunde nichts angingen. Sie versicherte ihm, das, was sie ihm mitzuteilen habe, sei ein Geheimnis, das nur ihn beträfe, und es solle der ganzen Welt ein Geheimnis bleiben, solange er es nicht selbst offenbare; und wenn er ihre Dienste auch nicht annehmen wolle, so werde das doch auf ihre Haltung ihm gegenüber keinen Einfluß haben, so daß er handeln könne, wie es ihm beliebe.

Er sah zuerst ganz scheu und verdutzt aus, denn er mochte wohl wirklich ein etwas schlechtes Gewissen haben und sagte nur, er wisse nicht, daß er nötig habe, irgend etwas auf seine Person Bezügliches geheim zu halten. Er habe nie jemand Übles getan, und es läge ihm nichts daran, was man von ihm sage; er sei nie ungerecht gegen jemanden gewesen und wisse nicht, inwiefern ihm jemand einen Dienst leisten könne. Er könne es jedoch niemanden übel nehmen, daß er ihm einen Gefallen tun wolle und er überlasse es ihr, weiter in der Sache zu reden oder nicht.

Gegen Schluß seiner Rede tat er dabei so vollständig gleichgültig, daß sich meine Alte fast schon fürchtete, den Kernpunkt ihrer Angelegenheit zu berühren. Nach einigen Umschreibungen jedoch sagte sie ihm gerade heraus, ein sonderbarer und unerklärlicher[298] Umstand habe sie mit dem unglücklichen Abenteuer, das er neulich zu bestehen gehabt, bekannt gemacht und zwar so, daß niemand auf der Welt, nur er und sie, davon Kenntnis hätten, nicht einmal die Person, die damals bei ihm gewesen, wisse davon.

Er sah zuerst recht böse und ungehalten aus. »Was für ein Abenteuer?« fragte er.

»Nun, Herr,« entgegnete sie, »ich meine den Überfall, den Sie auf dem Rückwege vom Bartholomäusmarkt – Hampstead, wollte ich sagen, erlitten haben. Wundern Sie sich nicht, daß ich jeden Schritt kenne, den Sie an dem Tage gemacht haben; ich weiß auch, daß man Sie zum Schluß schlafend in einer Kutsche gelassen hat. Ich sage noch einmal, wundern Sie sich darüber nicht und erschrecken Sie auch nicht, denn ich komme durchaus nicht, um irgend etwas zu erpressen, und versichere Ihnen noch einmal, daß die Frau, mit der Sie zusammen gewesen, nicht weiß, wer Sie sind und es nie wissen wird – trotzdem kann ich Ihnen aber vielleicht einen Dienst erweisen, denn ich bin nicht bloß gekommen, um Sie wissen zu lassen, daß ich von all diesen Dingen unterrichtet bin, oder gar nun etwas dafür zu verlangen, daß ich sie verborgen halte. Seien Sie überzeugt, was Sie auch immer zu sagen und zu tun vorhaben, Ihr Geheimnis wird bei mir so wohl geborgen sein, als läge ich im Grabe.«

Er war sehr erstaunt über ihre Rede und sagte ernsthaft zu ihr: »Madam, ich kenne Sie nicht und deshalb ... und deshalb ist es doppelt schlimm, daß Sie Kenntnis von der schlechtesten Handlung meines Lebens haben. Die Erinnerung daran erfüllt mich mit der tiefsten Beschämung, und mein einziger Trost war mein Glaube, sie sei nur Gott und meinem Gewissen bekannt.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Baron,« entgegnete meine alte Pflegerin darauf, »glauben Sie nur nicht, daß mein Mitwissen Ihr Ünglück irgendwie vergrößert; ich bin überzeugt, Sie wurden selbst von diesem Abenteuer überrascht, und jedenfalls wandte[299] die Frau auch allerlei Kunstgriffe an, um Sie zu dem zu verleiten, was sie mit ihr getan haben – nicht wahr? Sie werden jedoch nie Ursache haben, zu beklagen, daß ich von der ganzen Angelegenheit erfuhr; auch kann Ihr eigener Mund nicht verschwiegener sein, als ich gewesen bin und immer sein werde.«

»Gut« sagte er, »doch muß ich auch der Frau einige Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wer sie auch sein mag, ich versichere Ihnen, sie verführte mich zu nichts, sie wies mich eher zurück. Meine eigene Unvernunft und der Rausch brachten mich in die Geschichte hinein, und die Frau mit mir. Das muß ich zu ihrer Ehre sagen! Und was das angeht, daß sie mich bestohlen hat, – ja ich konnte ja eigentlich von ihr, in Anbetracht meines Zustandes, nichts anderes erwarten. Übrigens weiß ich bis zu dieser Stunde noch nicht, ob sie mich nun beraubt hat oder der Kutscher. Wenn sie es gewesen ist, so verzeihe ich ihr, eigentlich müßte es allen Herren, die wie ich nicht immer Herr ihrer selbst sind, so ergehen. Mehr jedoch als mein Verlust bekümmern mich einige andere Dinge.«

Meine Pflegerin kam nun auf den Kern der Sache zu sprechen, und auch er öffnete freimütig sein Herz.

Sie sagte: »Es freut mich sehr, mein Herr, daß Sie der Person, mit der Sie zusammen waren, soviel Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich kann Ihnen nunmehr nämlich gestehen, daß es eine anständige Frau ist und durchaus keine der stadtbekannten Dirnen. Und trotzdem Sie mit ihr so verfahren sind, wie Sie es nun einmal getan, so ist es deshalb noch lange nicht ihr Beruf, glauben Sie das ja nicht! Sie setzten sich allerdings einer Gefahr aus, das ist wahr, und wenn Sie sich jetzt wirklich in dieser Hinsicht Sorgen machten, Herr Baron, so kann ich Sie völlig beruhigen, denn ich versichere Ihnen: seit dem Tode ihres Gatten, der vor fast acht Jahren gestorben ist, hat kein Mann die Frau wieder berührt.«[300]

Die Dinge, die meine alte Pflegerin da angedeutet hatte, schienen nun allerdings sein Kummer gewesen zu sein und ihm viele Sorgen gemacht zu haben. Denn als meine Pflegerin ihm gesagt, daß mich seit acht Jahren kein Mann mehr berührt habe, schien er sehr erfreut zu sein und sagte dann auch sofort: »Um die Wahrheit zu gestehen, wenn Sie mich darüber beruhigen können, so will ich meinen Verlust gerne verschmerzen. Die Versuchung war groß, und die Frau war vielleicht arm und hatte es nötig.«

»Wenn sie nicht arm wäre,« Herr Baron, entgegnete meine alte Pflegerin, »so würde sie Ihnen gewiß nicht nachgegeben haben. Und da die Armut sie angetrieben, Sie nach Ihrem Gefallen handeln zu lassen, so zwang Armut sie auch, sich zum Schluß selbst zu bezahlen, als Sie es nicht mehr tun konnten. Hätte Sie es nicht getan, so würde gewiß der nächste Kutscher oder Straßendieb es besorgt haben, und zwar gewiß noch mehr zu Ihrem Schaden.«

»Gut,« sagte er. »Möge es ihr gut bekommen. Ich sage noch einmal: Alle Herren, die sich in solche Geschichten einlassen, sollten auch so behandelt werden, dann würden sie vorsichtiger sein. Ich mache mir jedenfalls in dieser Sache keinen andern Kummer mehr, als den, auf welchen Sie oben anspielten.«

Nun erzählte er mit großer Freimütigkeit, was zwischen uns vorgefallen war, und was sich für eine Frau zu schreiben nicht schickt. Zum Schluß fragte er sie, ob sie ihm nicht eine Gelegenheit verschaffen könnte, mit mir selbst zu sprechen.

Meine Pflegerin lehnte jedoch ab und versicherte ihm nur immer wieder, daß er von mir nichts zu fürchten habe und daß er bei mir so sicher gehe, wie bei seiner eigenen Frau. Mich zu sehen, könne ja für ihn gar keinen Zweck haben. Sie wolle jedoch mit mir sprechen und ihn dann meine Antwort wissen lassen. Zu gleicher Zeit aber bemühte sie sich, ihn von der Zwecklosigkeit dieses Wunsches zu überzeugen, und daß ich ihm von keinem Nutzen mehr sein könne. Sie hoffte ihm dadurch das Verlangen[301] auszureden, seine Beziehungen zu mir wieder aufzunehmen, denn es wäre dann ja vielleicht doch mein Leben seinen Händen überantwortet worden.

Er antwortete jedoch, er wolle mich unter allen Umständen sehen und mir lieber vorher jede nur mögliche Sicherheit geben, mich nicht in Ungelegenheiten zu bringen.

Sie betonte dagegen, das könne nur dazu dienen, das Geheimnis zu gefährden, und bat, nicht weiter in sie zu dringen, so daß er endlich von seinem Wunsche abstand.

Sie sprachen dann noch von den Gegenständen, die er bei seiner nächtlichen Fahrt eingebüßt hatte. Ganz besonderes Verlangen schien er nach seiner goldenen Uhr zu empfinden und sagte, wenn sie ihm dieselbe wieder verschaffen könne, wolle er gern bezahlen, was sie wert sei. Sie antwortete ihm, sie würde sich bemühen, ihm wieder zu diesem Wertstücke zu verhelfen und es ihm überlassen, einen Preis für dasselbe festzusetzen.

Und sie brachte ihm auch wirklich am nächsten Tage die Uhr zurück, und er zahlte ihr 30 Guineen aus, mehr, als sie mir je eingebracht hätte, obgleich sie anscheinend noch mehr wert war. Dann sagte er etwas von seiner Perücke, die ihn 60 Guineen gekostet haben sollte und von seiner Schnupftabaksdose; und in wenigen Tagen brachte sie ihm auch diese Gegenstände und erhielt dafür noch 30 Guineen. Am folgenden Tage schickte ich ihm seinen Degen und seinen Stock umsonst zurück, doch wollte ich ihn durchaus nicht sehen, damit er es nur ja nicht ausnutzen konnte, daß er wußte, wer ich war.

Als meine alte Pflegerin zuletzt mit ihm zusammen war, begann er ein langes Gespräch mit ihr, um zu erfahren, wie sie zur Kenntnis der ganzen Angelegenheit gekommen sei. Sie erfand nun eine lange Geschichte. Sie habe es von jemandem gehört, dem ich alles erzählt hätte, und mit dessen Hilfe ich die erbeuteten Gegenstände veräußern wollte. Diese Vertraute habe ihr dieselben gebracht, da sie eine Pfandversetzerin sei. Sie habe[302] jedoch zufällig von dem Unfall, der dem Herrn Baron zugestoßen sei, gehört, sofort den Zusammenhang erraten und darauf bei sich beschlossen, die Gegenstände ihrem Besitzer wieder zuzustellen, wie sie es getan. Dann wiederholte sie noch verschiedentlich, daß ihr Mund nie etwas verraten werde; obgleich sie die betreffende Frau sehr gut kenne, habe sie derselben nichts von seiner Person erzählt. Dies war zwar nicht wahr, doch schadete es ihm nichts, denn ich hütete mich wohl, auch nur das Geringste davon rundzusprechen.

Trotz alledem überlegte ich später noch öfter, ob ich ihn nicht wiedersehen könnte, und es tat mir sehr leid, daß ich es zuerst verweigert hatte. Ich war überzeugt, daß er mir eigentlich nur von Vorteil hätte sein können und mich vielleicht ein wenig unterstützt haben würde. Und obgleich ein solches Leben schlecht genug war, war es doch bei weitem nicht so gefährlich, wie das Dasein, das ich jetzt führte. Doch schwanden diese Gedanken bald wieder hin, und ich sah ihn zunächst nicht wieder. Meine Pflegerin kam dagegen noch öfter mit ihm zusammen, und er war sehr freundlich gegen sie. Er machte ihr fast jedesmal irgend ein kleines Geschenk. Einmal traf sie ihn sehr fröhlich an. Er hatte etwas getrunken, der Wein war ihm zu Kopfe gestiegen und er bestürmte sie wieder, ihn die Frau, die ihn an jenem Abend so bezaubert habe, noch einmal sehen zu lassen. Meine Pflegerin, die bei sich von Anfang an für ein Wiedersehen gewesen war, antwortete ihm, wenn er es so dringend wünsche, sei sie fast versucht, ihm nachzugeben, und sie wolle ihren Einfluß geltend machen, um mich zu einer Zusammenkunft mit ihm zu bewegen. Wenn er sich gegen Abend in ihr Haus bemühen wolle, werde sie inzwischen versucht haben, ob sich ein Wiedersehen herbeiführen ließe; worauf er noch des Öftern wiederholte, alles Vergangene solle vergessen sein.

Sie begab sich darauf gleich zu mir und erzählte mir das ganze Gespräch wieder. Es wurde ihr nicht schwer, meine Zustimmung in diesem Falle[303] zu erlangen, da ich meine frühere Ablehnung ja schon oft bedauert hatte, und ich bereitete mich vor, ihn zu empfangen. Ich zog mich so vorteilhaft wie nur möglich an, das können Sie mir glauben, und und gebrauchte sogar zum ersten Male ein wenig Schminke. Ich sage, zum ersten Male, denn ich hatte mich vorher nie dazu verstanden, mich zu schminken, da ich eitel genug war, zu glauben, ich hätte es nicht nötig. Er kam zur bezeichneten Stunde und – wie meine Pflegerin auch schon bemerkt hatte – man sah sofort, daß er etwas getrunken hatte, obgleich er durchaus nicht gerade betrunken war. Er schien nur lustig zu sein, und war dabei außerordentlich erfreut, mich zu sehen, und ließ sich in ein langes Gespräch über die alte Angelegenheit mit mir ein. Ich bat ihn des öfteren um Verzeihung und behauptete, als ich ihn zuerst gesehen, hätte ich keine derartige Absicht gehabt, und ich sei nur mit ihm ausgefahren, weil ich ihn für einen liebenswürdigen und vornehmen Herren gehalten und weil er mir doch wiederholt versprochen hätte, mir keine ungehörigen Zumutungen zu machen.

Er schob alle Schuld auf den Wein, den er getrunken hatte; er habe kaum gewußt, was er tue, sonst hätte er sich nie dergleichen Freiheiten mit mir herausgenommen. Er beteuerte, er habe, seit er mit seiner Frau verheiratet sei, nie ein anderes Weib berührt und sei dies eine Mal wirklich von seiner Leidenschaft überrascht worden. Und nun sagte er mir viel Liebenswürdiges, wie angenehm ich ihm sei, und sprach solange fort, bis ich fand, daß er sich in die Stimmung hineingeredet hatte, alles wieder zu tun, was er damals getan. Ich schnitt ihm jedoch das Wort ab und wiederholte ihm, ich hätte nicht gelitten, daß mich nach dem Tode meines Gatten, der vor acht Jahren gestorben sei, ein Mann berühre. Er antwortete schnell, das glaube er, Madam habe ihm das auch schon gesagt, und gerade dieser Umstand habe den Wunsch in ihm erregt, mich wiederzusehen, und da er schon einmal mit mir vom Wege der Tugend gewichen und keine üblen Folgen[304] gespürt habe, könne er es ja jetzt in Sicherheit noch einmal wagen: und so begann er denn kurzer Hand von neuem zu tun, was ich erwartete und was sich nicht erzählen läßt.

Meine alte Pflegerin hatte es aber ebenfalls vorausgesehen und ihn deshalb in ein Zimmer geführt, in dem zwar kein Bett stand, das jedoch in ein Schlafkämmerchen führte; und in dieses zogen wir uns für den Rest des Abends zurück. Er ging bald zu Bett, ich verließ ihn, als er eingeschlafen war, kam jedoch vor Tagesanbruch entkleidet wieder zu ihm und lag die ganze übrige Zeit bei ihm.

Man sieht, wenn man einmal ein Verbrechen begangen, so hat man zugleich ein Mittel geschaffen, es zum zweiten Male zu begehen; und jede Besinnung schwindet, wenn die Versuchung sich wieder einstellt. Hätte ich nicht darein gewilligt, ihn wiederzusehen, so wäre sein verworfenes Begehren verschwunden und hätte ihn wahrscheinlich auch zu niemand anderem getrieben, wie es gewiß vorher auch nicht geschehen war.

Als er weg ging, sagte ich, ich hoffe, er glaube nicht, diesmal wieder bestohlen worden zu sein. Er antwortete, darüber sei er wirklich völlig beruhigt, faßte in die Tasche und gab mir fünf Guineen – das erste Geld, das ich seit langer Zeit auf diese Weise verdiente.

Er machte mir noch mehrere ähnliche Besuche, doch ließ er es nicht dazu kommen, mich regelrecht zu unterhalten, was mir das Liebste gewesen wäre. Einmal fragte er mich allerdings, wovon ich lebe, und ich antwortete ihm schnell, ich habe nie mit anderen Männern getan, wie mit ihm; ich mache Näharbeiten, und verdiene gerade meinen Lebensunterhalt, doch habe ich oft hart genug zu schaffen.

Dann schien er darüber nachzudenken, daß er der erste Mann gewesen, der mich auf diesen Weg gebracht, und versicherte mir immer wieder, er habe es durchaus nicht beabsichtigt; es gehe ihm auch sehr nahe, die Ursache meiner und seiner Übeltaten zu sein. Auch überließ er sich allerlei richtigen[305] Betrachtungen über die Sünde im Allgemeinen und die seinige im Besonderen: daß der Wein die Begierde entflammt, der Teufel ihn an den richtigen Ort geführt und eine Verführung für ihn ausfindig gemacht habe; und auch die Moral machte er immer selbst darauf.

Wenn ihm solche Gedanken kamen, ging er gewöhnlich weg und kam oft einen Monat lang oder noch länger nicht wieder; dann jedoch schwanden die ernsthaften Betrachtungen wieder, begehrliche Vorstellungen stellten sich von neuem ein, und er kam, zu neuem bösen Tun aufgelegt, wieder zurück. So lebten wir eine zeitlang; er unterhielt mich zwar nicht, doch wendete er mir stets allerlei schöne Dinge zu, die für meinen Lebensunterhalt genügten, so daß ich nicht gezwungen war, zu arbeiten und was noch besser war, auch meinem alten Diebsberufe nicht nachzugehen brauchte.

Doch hatte auch dies ein Ende; denn nach einem Jahr fand ich, daß er nicht mehr so oft wie sonst kam; und zum Schluß stellte er seine Besuche ganz ein, ohne vorher eine Abneigung gezeigt oder sich auch nur verabschiedet zu haben. Und so endete wieder ein Abschnitt meines Lebens, ohne mir viel eingebracht zu haben, abgesehen von neuem Grund zu späterer Reue.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 288-306.
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