Venus Bestia

[222] Ich und mein Freund, wir saßen einmal

in einem menschenheißen Weinlokal;

zwei Tisch weit neben uns saßen

ein Herr und eine Dame, offenbar

– den Ringen nach – ein jüngeres Ehepaar,

deren Blicke sich manchmal vergaßen.

Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,

wir schwiegen unser bestes Schweigen.


Der Gatte nahm jetzt die Speisekarte,

den kleinen Finger gespreizt – dran saß

ein Nagel, langgefeilt und leichenblaß,

der spitz wie eine Kralle starrte;

der Zeigefinger war stumpf beschnitten.

Die Frau saß weich zurückgesunken;

aus ihren Augenhöhlenschatten glühten

wie zwei Kohlenfunken

Blicke hinüber auf seine Finger,

dunkle, glimmende Blicke hin.

Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,

der Zoologische Garten in Sinn;

ja – die Tigerin!

So lag sie neulich hinter dem Gitter,

die ferne Gier im schwarzen Blick,

im weichen Fell ein gelb Gezitter,[222]

und wartete brütend auf das braune Stück

Fleisch, das draußen der Wärter brachte,

das tote Fleisch – es roch so matt,

nicht warm nach Blut – sie lag so satt;

jetzt kam er, ihr purpurnes Auge lachte,

es war doch Fleisch! hoch griff sie zu,

die triefenden Kiefer kniff sie zu,

nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,

die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,

sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,

flackernd leckte der Schweif die Flanken,

im Blick ein Grün von hohlem Hasse –

wie dieser Tigerin zuckender Rachenschlund

war mir das Auge der Frau da, und

da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!


Jetzt hob der Gatte das Genick;

Dem saß der gelbe Wolf im Blick.

Zittrig über sein hartglatt Kinn

strich sein Krallennagel hin,

ein goldnes Münzenarmband hing

ihm ums Handgelenk und machte kling;

seine breitroten Lippen glühten

durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,

die Backen schmeckten ein Gericht,

dann senkte sich wieder sein Gesicht.

Ich sah eine lautlos stürzende Meute,

mit kochenden Zungen, durch bleiche Nacht,

steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,

die witternden Nüstern steil ins Weite,

in keuchender Jagd,

und jeder aus der schäumenden Masse

würde, den heißen Hunger zu kühlen,[223]

blind, auch im Eignen Fleisch und Geschlechte wühlen –

da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!


Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,

sie trafen sich mit ihren Augen;

die schienen sich ineinander zu saugen,

fast durstig und fast überdrüssig,

ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar

gestern das große schwarze Schneckenpaar

in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,

das Moderlaub im feuchten Park;

ich sah die beiden schwarzen Schleime

in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark

des roten Pilzes schmausen und saugen

wie in einem Honigseime –

und sah dort drüben den Gattenblick.

Ich mußte, ich schob den Stuhl zurück:

Komm! stieß ich mit dem Freunde an.

Er wunderte sich: Warum denn, Mann?

Komm, sagt'ich; bitte, thu mir die Liebe! –

Wir zahlten. Wir traten auf die Straße,

ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,

und immerfort hört'ich: Rasse, Rasse, Rasse ...

Quelle:
Richard Dehmel: Aber die Liebe. München 1893, S. 222-224.
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