Venus Anadyomene

[35] Das ist die alte Stimme wieder,

aus langen Träumen jung erwacht.

Sie sang die allerersten Lieder,[35]

trunken und schüchtern. Sie singt und lacht:


Über dem grünen Roggenmeere

wiegte die Glut zwei Pfauenaugen.

Blühend roch die brütende Leere.

Tief im grünen Roggenmeere

lag ein Knabe mit blauen Augen.


Das war, als du noch Fehle hattest,

noch alte Furcht und fremde Scham,

als du noch keine Seele hattest,

die nur aus Deinem Blut dir kam.


Aber du sahst die Falter leuchten,

mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;

träumte dir von zwei dunkelfeuchten

Augen, und die sahst du leuchten

unter bunten, flatternden Schleifen.


Das war die Zeit des Schaums der Säfte,

die Ähren stäubten gelben Seim;

vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte

erregten schwellend einen Keim.


Ahntest unterm andern Kleide

andre nackte Glieder klopfen.

Deine Hände flackerten beide.

In die einsam heiße Haide[36]

quoll ein erster Samentropfen.


Das tat die Sehnsucht dieser Erde,

die opfernd um die Sonne schweift.

Sie sprach das allererste Werde.

Auf! Die Sprache der Mannheit reift.


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Habe Dank, du dunkle Geisterstimme!

Ja, du hilfst mir meine Not begreifen.

Auf! ich fühl's, wie trüb ich glimme;

laß uns nach Erleuchtung schweifen!


Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung

hab ich mich hierher gewunden,

um in eisiger Verkeuschung

starr zum Gleichmut zu gesunden.


O! noch Einmal war mir aufgegangen

zweier Augen lockende Hoffnungsmacht:[37]

eines Sommerglückes Prangen

mitten in der Winternacht.


Als mein Herz am allerinnigsten bebte

– Wundertäterin, hoffst du noch?

schloß ich's ein in dies verspinnewebte

kahle Vorstadtkellerloch.


Wie's mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister,

schnarcht die Mitwelt meiner Zelle:

mein schwerhöriger Schustermeister,

und sein närrischer Altgeselle.


Wochendurch hat dieser ledige

Fleischfeind christlich mich zerrauft,

Schmachtriemsweisheit mir gepredigt;

Tolstoi hab ich ihn getauft.


Nacht für Nacht versucht von Träumen

dehn'ich mich auf meinem harten Lager,

immer zuchtloser mich bäumend,

immer gieriger, immer magrer.


Wie mich hungert! Wie die roten

Freudenfenster drüben blinken:

Blut, von dem die scheinbar toten

Geister meines Innern trinken.
[38]

Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade,

die wir trunken einst geirrt,

daß mir endlich, endlich doch die Gnade

glutgeläuterter Erkenntnis wird!


Steig empor, du übersehr verschönte

Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde!

Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte,

ferne Göttin meiner ersten Begierde,

Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 35-39.
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